Fred Ziegellaub (ursprünglich Friedrich; * 4. März 1907Es gibt unterschiedlich Angaben über das Geburtsdatum, aber der 4. März kann aufgrund der Wiedergutmachungsakte als gültig gelten. in Worms; † 8. September 1973 in New York City) war ein deutsch-US-amerikanischer Sozialarbeiter. Er studierte von 1927 bis 1933 in Heidelberg und Frankfurt am Main Medizin, wurde aber von den Nazis am Abschluss seines Studiums gehindert. Er emigrierte zunächst nach Frankreich und später in die USA, wo er eine Ausbildung zum Sozialarbeiter abschloss. 1949 kehrte er mit seiner Familie nach Europa zurück und bildete an der Paul Baerwald School jüdische Sozialarbeiter aus. Seit den frühen 1950er Jahren war er in verschiedenen Funktion für das Joint Distribution Committee (JDC) tätig, zuletzt als dessen Deutschlanddirektor mit Sitz in Frankfurt am Main. 1962 kehrte Ziegellaub mit seiner Familie in die USA zurück und arbeitete dort für jüdische Einrichtungen und Organisationen – vorwiegend für solche, die sich um ältere Menschen kümmerten. Seine Frau Dora arbeite parallel dazu für das Leo Baeck Institut.
Herkunft Friedrich, genannt Fritz, war der Sohn der polnischstämmigen Familie Ignaz (* 7. November 1881 in Kolomea, dem damaligen polnischen Kolomyja; † 1959 in Israel) und Adele Ziegellaub (* 1. Januar 1874 in Kolomea; † 28. August 1932 in Worms). Die beiden waren seit dem 24. Mai 1904 verheiratet und hatten drei Söhne.Diese und die nachfolgenden Angaben über das familiäre Umfeld stützen sich, soweit nichts anderes angegeben wird, auf die Webseite Wormser Juden: Die Familie Ziegellaub und auf die zahlreichen Dokumente bei Ancestry. Joseph Ziegellaub (* 4. April 1905 in Worms; † 1949 in London) kam im Januar 1933 aus Berlin, wo er als Dramaturg gearbeitet hatte, nach Frankfurt und bewegte sich dort im politischen Umfeld der Roten Studentengruppe, der auch seine spätere Ehefrau Ilse Seglow und sein Bruder Fritz und angehörten. Joseph Ziegellaub und Ilse Seglow (damals noch Ilse Seligmann) gingen gemeinsam in die Emigration; ihre Ehe, aus der ein Sohn hervorging, wurde 1944 geschieden. Fritz Ziegellaub Adolf Ziegellaub (* 1. Mai 1908 in Worms; † in Israel). Der studierte Architekt hielt sich vom 17. Januar 1931 bis zum 30. Januar 1933 ebenfalls in Frankfurt auf. Ob er sich auch im politischen Umfeld seiner Brüder bewegte, ist nicht bekannt. Im Mai 1933 emigrierte er nach Frankreich und später nach Palästina. Unter dem Namen Abraham Segel arbeitete er als Architekt und wohnte in Haifa. Ignaz Ziegellaub, der wie seine Frau nie die deutsche Staatsbürgerschaft erworben hatte, war Kaufmann und übernahm nach seiner Heirat ein Möbelhaus in Worms. Ein Eintrag im Archivinformationssystem Hessen legt nahe, dass es auch eine Zweigstelle in Darmstadt gab.Archivinformationssystem Hessen: Kaufhaus Universum, Inhaber: Ignatz Ziegellaub, Zweigniederlassung. - Sitz: Darmstadt, Signatur HStAD, G 28 Darmstadt, R 684 Nach der Machtübergabe schloss er sein Geschäft – ob freiwillig oder auf Druck der Nazis, ist ungeklärt – und emigrierte wie sein Sohn Adolf über Frankreich nach Palästina.
Die Familie konnte ihren drei Söhnen den Besuch des Humanistischen Gymnasiums und anschließend ein Studium ermöglichen. Zudem erwarben alle drei die deutsche Staatsbürgerschaft, die ihnen allerdings zum 29. Dezember 1933 wieder aberkannt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich jedoch niemand von ihnen mehr in Deutschland auf.
Fritz Ziegellaubs Frankfurter Jahre Fritz Ziegellaub studierte ab 1927 in Heidelberg und ab 1930 in Frankfurt Medizin. Bei Röder/Strauss ist vermerkt, dass er während seiner Studienzeit Mitglied im jüdischen Jugendverband Blau-Weiß und in der schon erwähnten Roten Studentengruppe (RSG) gewesen sei.Ziegellaub, Fred, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch Die Blau-Weiß-Mitgliedschaft lässt sich nicht verifizieren, und was die RSG-Mitgliedschaft betrifft, so ist nicht klar, ob es vor 1930 in Heidelberg bereits eine RSG-Gruppe gab.Marcel Bois dokumentiert eine kleine RSG-Gruppe in Heidelberg im Dezember 1931; über ihre frühere Existenz gibt es aber keine eindeutigen Hinweise. Siehe: Marcel Bois: Zwischen Intersozialismus und Sozialfaschismus. Kommunistische Studentenfraktionen in der Weimarer Republik. In: Wolfgang Thöner u. a. (Hrsg.): Linke Waffe Kunst. Die Kommunistische Studentenfraktion am Bauhaus. Birkhäuser, Basel 2022, ISBN 978-3-0356-2488-5, S. 18–34, vor allem S. 23.
Anders war die Situation in Frankfurt. Hier gab es eine aktive und auch zahlenmäßig große RSG, in der Ziegellaub schnell Anschluss fand und zum Freundeskreis um Gisèle Freund und den Schwestern Seligmann – Ilse (später Seglow) und Lore (später Evelyn Anderson) gehörte.Marion Keller: Rote Studentengruppe(n) Fotos von Freund zeigen ihn zusammen mit den RSG-Mitgliedern Joseph Dunner, Siegfried Höxter und Werner Klimpt. Im Juni 1932 kam es an der Goethe-Universität zum sogenannten Kampf im Lichthof, bei dem linke Studenten verhindern wollten, dass „SA- und SS-Stürme – begleitet von Mitgliedern des NSDStB – während des Vorlesungsbetriebes [..] in das Hauptgebäude“ der Universität eindrangen. Es kam zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit mehreren Verletzten. „Den Roten Studenten Ziegellaub [..] schlugen SA-Leute so brutal, dass er im Krankenhaus stationär behandelt werden musste.“
In seinem 1958 eingeleiteten Entschädigungsverfahren hat sich Ziegellaub ausführlich zu diesem Angriff auf ihn und dessen Folgen geäußert.Archivinformationssystem Hessen: Entschädigungsverfahren Friedrich Ziegellaub Eine Kopfwunde und eine schwere Gehirnerschütterung hatten neben Klinikaufenthalten zur Folge, dass es ihm nicht möglich war, sein Studium im Wintersemester 1932/33 fortzusetzen. Als er im April 1933 in der gynäkologischen Abteilung für seinen Abschluss noch notwendige praktische Erfahrungen sammeln wollte, wurde er von anderen Studenten wegen seiner politischen Überzeugungen und seines Judentums erneut bedroht und bekam mit, dass die SA begonnen hatte, Erkundigungen über ihn einzuholen. Daraufhin verließ er am 23. Mai 1933 Deutschland und begab sich über Straßburg nach Paris.
Der für Ziegellaub so folgenreiche Kampf im Lichthof hatte für einige RSG-Mitglieder ein Jahr später drastische Folgen. Der unter den Nazis zum Rektor der Goethe-Universität avancierte Ernst Krieck verfügte am 12. Juli 1933 für sieben von ihnen den sofortigen Ausschluss vom Universitätsstudium. 15 weitere Studentinnen und Studenten, die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Frankfurt eingeschrieben waren, wurden der Betätigung „in kommunistischem Sinne“ bezichtigt und dies allen deutschen Hochschulen mitgeteilt, was ebenfalls einem Studienverbot gleichkam. Einer dieser 15 war Fritz Ziegellaub.
Emigration und Neubeginn in den USA Nach Röder/Strauss war Ziegellaub illegal nach Frankreich eingereist, hatte aber eine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Damit war jedoch keine Arbeitserlaubnis verbunden, weshalb er sich mit Illegalen Gelegenheitsarbeiten – „als Krankenpfleger, Masseur und zeitweiliger Hilfsangestellter des Committees Nationale pour les refugees Allemands“ – durchschlagen musste.
Am 15. Dezember 1934 heiratete er in Paris Dora (Feodora) Schapiro (* 24. Januar 1908 in Igstaqdt – † 13. März 1981 in Oakland).Das Heiratsdatum ist dem bei Ancestry digitalisierten Einbürgerungsantrag von Fritz Ziegellaub entnommen, den dieser am 21. Mai 1935 in New York stellte. Weitere offizielle Dokumente über Dora Ziegellaub sind kaum vorhanden. Einige Anhaltspunkte liefert ein von Toni Stolper aufbewahrter Zeitungsausschnitt aus dem März 1981, in dem vom Tod von Dora S. Ziegellaub berichtet wird. Aus welcher Zeitung der Ausschnitt stammt, ist nicht vermerkt, aber mit dem im Artikel erwähnten Sterbeort Oakland ergibt sich ein Hinweis auf den California Death Index: Dora Ziegellaub. Dort sind die genauen Lebensdaten ausgewiesen. Alle nachfolgenden Angaben über Dora Ziegellaub sind dem erwähnten Zeitungsartikel entnommen, der zum Nachlass von Gustav Stolper und seiner Frau Toni gehört. (Center for Jewish History: 32 reel32/page/n1029/mode/2up?q=Dora+Schapiro Toni and Gustav Stolper Collection 1866-1990, auf archive.org); Gustav Stolper war laut dem Zeitungsartikel der erste Arbeitgeber von Dora Ziegellaub nach der Ankunft in New York. Zur Geschichte der jüdischen Familie Schapiro aus Igstadt siehe auch: Heimat- und Geschichtsverein Igstadt e. V.: Jüdische Familien in Igstadt im 20. Jahrhundert (Unterpunkt Feodora Schapiro). An Feodora Schapiro wird auch auf einer Gedenktafel des Heimat- und Geschichtsvereins in Igstadt erinnert. (Gedenktafel zur Erinnerung an die jüdischen Familien, die seit dem 16. Jahrhundert in Igstadt gelebt haben).
Woher sich Fritz Ziegellaub und Dora Schapiro kannten, ist nicht überliefert.In dem oben schon zitierten Text aus der Entschädigungsakte erwähnte Fred Ziegellaub, dass er damals in der Grüne Straße 40 gewohnt habe. Das Frankfurter Adressbuch von 1932 weist unter dieser Adresse einen „Schapiro, I. Kfm.“ aus. (Amtliches Frankfurter Adressbuch von 1932, Teil II, Einwohner und Firmen nach Straßen geordnet, S. 121 (pdf-S. 943)) Dora Schapiro war die Tochter russischer Juden. 1927 ging sie in die USA. 1933, kurz nach Hitlers Machtergreifung, kehrte sie nach Deutschland zurück, um umgehend über das Saargebiet ihre Flucht nach Frankreich vorzubereiten.Center for Jewish History: Toni and Gustav Stolper Collection 1866–1990
Dora Schapiros geglückte Flucht aus Deutschland und die Heirat in Paris führten für das junge Paar zu neuen Komplikationen. Wegen Doras illegaler Einreise nach Frankreich wurden beide 1935 ausgewiesen. Als staatenloser Student und staatenlose Hausfrau verließen sie mit in Paris ausgestellten Visa am 13. März 1935 von Le Havre aus Frankreich und landeten am 19. März in New York. Anders als in dem zuvor zitierten Zeitungsartikel ist in der Passagierliste von Ellis Island eingetragen, dass Dora Schapiro sich zuvor nur bis zum September 1931 in den USA aufgehalten hatte. Als vorläufige Adresse benannten sie einen Max Levi in New York, den Schwager von Dora Ziegellaub.
Für Fred Ziegellaub begann das Leben in den USA erneut mit Gelegenheitsarbeiten als Krankenpfleger, Masseur und Arbeiter in einer Schuhfabrik. Eine Unterstützung erhielt er zudem durch ein New Yorker jüdisches Flüchtlingskomitee, und Dora fand Arbeit als Fremdsprachensekretärin, wobei es sich vermutlich um die in dem Zeitungsartikel erwähnte Stelle bei Gustav Stolper gehandelt hat. Doras Einkommen trug dazu bei, dass ihr Mann schließlich an der New York School of Social WorkZur Geschichte dieser Einrichtung siehe den Artikel in der englischsprachigen Wikipedia: :en:Columbia School of Social Work. Sozialarbeit studieren und 1939 sein Studium mit einem Master of Social Work (MSW) abschließen konnte.
Von 1939 bis 1949 arbeitete Fred Ziegellaub in verschiedenen Funktionen als Sozialarbeiter, davon bis 1946 für jüdische Einrichtungen. Dora war bis 1949 bei Stolper beschäftigt. Am 22. Mai 1941 wurde Fred Ziegellaub eingebürgert; am 24. Mai 1945 wurde Tochter Hannah geboren, die später als Künstlerin bekannt wurde, aber auch als eine der Protagonistinnen in dem preisgekrönten Dokumentarfilm Gespräche mit verrückten Frauen. Hannah Ziegellaub starb am 29. Mai 2006 im Alter von 61 Jahren in New York City an den Folgen von Multipler Sklerose.Hannah Ziegellaub Obituary, San Francisco Chronicle, 7. Juni 2006 Über die zweite Tochter der Ziegellaubs, Miriam Mimi Ruth (* 1947), gibt es keine weiterführenden Hinweise.
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