mini|Porträt von Léon Saunier, Wirkungszeitraum 1836–1877 als Buchhändler und Verleger Léon Saunier (vollständiger Name: Jean Charles Erneste Léon Saunier; * 25. April 1814 in Berlin; † 26. Juli 1877 in Stettin) war ein deutscher Buchhändler und Verleger.
1836 kaufte Saunier eine eigene Buchhandlung in Stettin und gründete 1849 und 1856 Zweiggeschäfte in Elbing und Danzig. 1844 nahm er die Verlagstätigkeit auf. Sein Verlag entwickelte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zum größten Verlag in Pommern.
Léon Sauniers Buchhandlung beförderte in den 1840er-Jahren die Kultur in Stettin und hatte darüber hinaus Einfluss auf das wirtschaftliche und geistige Leben der Region Pommern.
Saunier war ab 1845 Stadtverordneter und ab 1863 Stadtverordnetenvorsteher in Stettin. Darüber hinaus vertrat er die Stadt im Kommunallandtag von Alt-, Vor- und Hinterpommern sowie im Provinziallandtag der Provinz Pommern und gehörte später auch dem Provinzialausschuss an. In seiner Tätigkeit als Stadtverordneter erwarb er sich besondere Verdienste um die Stadterweiterung Stettins.
Leben
Familie Saunier wurde am 25. April 1814 in Berlin geboren. Er entstammte einer alten Hugenottenfamilie, die nach Aufhebung des Edikts von Nantes im Jahr 1685 nach Brandenburg eingewandert war.
Seine Mutter, Marie Madeleine Natalie Reclam (1774–1817), war die Tochter des französisch-reformierten Predigers Pierre Chrétien Frédéric Reclam. Sie starb, als Saunier drei Jahre alt war. In der Folge übernahm die Erziehung sein Onkel, der Prediger Guillaume Reclam. Sauniers Vater, Jean Jacques Louis Saunier (1773–1849), war am Französischen Gymnasium in Berlin tätig, erhielt später den Professorentitel und wirkte dort von 1815 bis zu seinem Tod zudem als Pfarrer der französisch-reformierten Klosterkirche.
Saunier hatte drei ältere Geschwister. Zwei 1811 geborene Schwestern starben schon im Säuglings- beziehungsweise Kleinkindalter. Da auch sein Bruder, der Theologe Jean Charles Henry Saunier (1801–1825), in jungen Jahren verstarb, blieb Saunier das einzige überlebende Kind seiner Familie.
Im Jahr 1837 heiratete Saunier Louise Pauline Auguste Clementine Angely (1815–1895), die Tochter des Lustspieldichters Louis Angely. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, die Töchter Luise Henriette (1838–1874) und Nathalie (1843–1927), verheiratete Brausewetter, sowie der Sohn Paul Julius (1839–1886). Gertrud Sievert-Brausewetter, Artur Brausewetter, Richard Brausewetter und Max Brausewetter waren seine Enkel.
Studium und Ausbildung In Stettin besuchte Saunier die Friedrich-Wilhelms-Schule. Anschließend studierte er in Göttingen Philosophie und absolvierte Praktika in der Buchhandlungslehre in Italien, in Paris und London.
Nach seinem Studium erhielt Saunier seine fachmännische Ausbildung in der Buchhandlung von Stuhr in Berlin. Später ging er zu Verwandten nach Aarau in der Schweiz und arbeitete dort als Gehilfe bei dem Buchhändler Heinrich Remigius Sauerländer, der eine Sortiments- und Verlagsbuchhandlung betrieb. Von dort aus hielt er sich öfters in Paris auf. Diese Auslandsaufenthalte dienten einerseits seiner fachlichen Ausbildung und andererseits auch der Vervollkommnung seiner französischen Sprachkenntnisse.
Im Sommer 1836 kehrte Saunier nach Berlin zurück und war als Gehilfe in der Buchhandlung Oehmigke tätig. Gleichzeitig traf er Vorbereitungen, eine eigene Buchhandlung zu erwerben oder neu zu gründen. Aus seinem Tagebuch geht hervor, dass ihm der Erwerb eines bestehenden Geschäfts „das liebste“ gewesen sei, da er die Schwierigkeiten bei der Gründung eines neuen Verlagsgeschäftes, seine fehlende Erfahrung und die nicht ausreichenden Kapitalien bedacht habe.
Behördliche Maßnahmen Im selben Jahr, als Saunier im Sommer 1836 nach Berlin zurückkehrte, geriet er unter den Verdacht, Mitglied eines revolutionären Vereins in Paris zu sein und mit diesem in Korrespondenz zu stehen. Gustav von Rochow, der preußische Minister des Innern und der Polizei, hatte eine aus Paris eingegangene Notiz erhalten, aus der dieser Verdacht hervorging. Die Reisen nach Paris, die Saunier während seiner Ausbildungszeit unternommen hatte, wurden nun gegen ihn ausgelegt. Rochow beauftragte Wilhelm von Bonin, den damaligen Oberpräsidenten von Pommern, mit der Einholung von Erkundigungen über Saunier.
Trotz monatelanger Beobachtung durch die Polizei und durch mehrere Privatpersonen konnten keine belastenden Anhaltspunkte festgestellt werden, sodass die Ermittlungen eingestellt wurden. Die angelegten Akten zu diesem Vorgang gelangten später in Sauniers Besitz. Altenburg zufolge wurden ihm die Akten vermutlich später vom Oberpräsidium selbst übergeben, sobald er sich länger in Stettin aufgehalten und sich einen guten Ruf als Buchhändler und Stadtverordneter erworben hatte. Buchhändlerischer Werdegang
Erwerb der Buchhandlung Im Jahr 1836 erhielt Saunier zwei Angebote zum Erwerb einer Buchhandlung, darunter eines von der J. P. Bachem'schen Buchhandlung in Köln und eines von der F. H. Morin’schen Buchhandlung in Stettin. Schließlich erwarb er letztere von Friedrich Heinrich Morin zum Preis von 15.000 Talern. In Stettin lebte zu dieser Zeit sein Schwager Ferdinand Theremin, königlicher Oberlandesgerichtsrat und späterer Kammergerichtsrat. Altenburg zufolge wird ihn dieser „auf die günstige Kaufangelegenheit in Stettin hingewiesen haben“. Nach der Übernahme führte Saunier die Buchhandlung zunächst mit Hinzusetzung seines Namens unter dem bisherigen Firmennamen fort: F. H. Morin’sche Buchhandlung. Léon Saunier. Später gab er diesen Firmennamen auf und nahm den folgenden an: Léon Sauniersche Buchhandlung. mini|Léon Sauniers Buchhandlung Mönchenstraße 12/13 (Bild Mitte, rechts letztes Haus).Die bisherigen Geschäftsräume in der Großen Domstraße erwiesen sich bald als zu klein. Daher verlegte Saunier das Geschäft 1840 in die eigens zu diesem Zweck für 26.500 Taler erworbenen beiden Häuser des Kaufmanns C. W. Meister in der Mönchenstraße 12/13. Das Grundstück war bereits ab 1765 für mehrere Jahrzehnte Sitz einer Filiale der Nicolaischen Buchhandlung in Berlin und befand sich 1826 im Besitz des Buchhändlers F. H. Morin.
Neben politischer, schöngeistiger und fachwissenschaftlicher Literatur sowie Schulbüchern bot Saunier fortan auch ausländische Werke, ein Musikalienlager, Zeichenbücher, Atlanten, Erd-, Himmels- und Segelkarten sowie Globen an. Sauniers Buchhandlung war nach dem polnischen Historiker Bogdan Frankiewicz die erste in Stettin, in der eine bedeutende Musikabteilung stand. Deren Bedeutung zeigt sich Altenburg zufolge darin, dass es Sauniers Bemühungen Anfang der 1840er-Jahre gelang, den Klaviervirtuosen Franz Liszt zu einer Konzertreise nach Stettin zu veranlassen; die öffentliche Bekanntmachung und der Verkauf der Eintrittskarten zum Preis von zwei Talern erfolgten über Léon Sauniers Buchhandlung.
Verlagstätigkeit Eine eigene Verlagstätigkeit begann Saunier erst um 1844 mit einer zweiten Auflage des bereits 1836 von seinem Vorgänger Friedrich Heinrich Morin verlegten kleinen Werkes Die Insel Rügen. Ein Taschenbuch für Reisende. Es folgte der Stettiner Raritäten-Kasten, eine humoristisch-satirische, unregelmäßig erscheinende Zeitschrift.
Sauniers Verlag druckte literarische Werke, Reiseführer durch Pommern, Satire-Zeitschriften, statistische Berichte für die Behörden, Berufsratgeber sowie englische, italienische und spanische Schulbücher.
In den Jahren 1847 bis 1857 verlegte Saunier die vom Verein für pommersche Statistik herausgegebenen Beiträge zur Kunde Pommerns. Darüber hinaus verlegte er landeskundliche Werke wie die Pommerschen Geschichtsbilder oder Pommerania. Eine pommersche Chronik sowie einige Gesetzeswerke. Gründung von Filialen mini|Verkaufsstand der Buchhandlung auf dem Stettiner Bahnhof 1849 gründete Saunier ein Zweiggeschäft in Elbing, 1856 ein weiteres in Danzig.
Disponent des Elbinger Zweiggeschäfts war F. L. Levin, der 1837/38 Mitinhaber der Neumann-Hartmann’schen Verlags-, Sortiments- und Musikalienhandlung in Elbing gewesen war und von 1838 bis 1849 eine eigene Buchhandlung unter der Firma F. L. Levin führte. Disponent des Danziger Zweiggeschäfts war der Buchhändler Alexander Kauenhoven, der 1873 alleiniger Inhaber wurde. Beide Tochterfirmen gingen später in andere Hände über.
1855 schloss Saunier mit der 1843 eröffneten Berlin-Stettiner Eisenbahn einen Vertrag über die Ausübung des Buchhandels auf dem Stettiner Bahnhof ab und gliederte damit seine Sortiments- und Verlagsbuchhandlung dem Bahnhofsbuchhandel an.
1865 übergab Saunier das Geschäft seinem Sohn Paul Julius Saunier. Dieser legte den Schwerpunkt stärker auf den Bahnhofsbuchhandel als auf die Verlagstätigkeit.
Tod und Würdigung Saunier starb am 26. Juli 1877 in Stettin. Die Stadtverordneten ehrten ihn mit einem lebensgroßen Ölgemälde über dem Präsidentensitz im Sitzungssaal und der Magistrat benannte in Stettin eine Straße vor dem Berliner Tor nach ihm. Saunier wurde auf dem Friedhof der französisch-reformierten Gemeinde beigesetzt. An seinem Grab errichteten Freunde ein Denkmal.
In einem im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel veröffentlichten Nachruf der Familie hieß es:
Öffentliche Ämter Ab 1845 war Saunier über einen Zeitraum von 32 Jahren in Stettin als Stadtverordneter tätig, davon die letzten 14 Jahre seines Lebens als Stadtverordnetenvorsteher. Nach Wendt betätigte sich Saunier „unparteiisch“ für das Wohl der Stadtgemeinde und erwarb sich in seiner Funktion als Stadtverordneter „große Verdienste um die Stadterweiterung“ von Stettin. In seine Amtszeit fiel unter anderem die Schleifung der Stettiner Festungswerke, der Bau des Neuen Rathauses, die Anlage der Kanalisation und Wasserleitung sowie der Neubau des Stadtgymnasiums an der Grünen Schanze und seine Neubegründung. Bei seinem 25-jährigen Jubiläum als Stadtverordneter überreichten ihm die Bürgervertreter einen wertvollen Tafelschmuck, der aus vier großen, silbernen Schalen und zwei silbernen Brotschalen bestand.
Neben seiner Tätigkeit als Stadtverordneter gehörte Saunier dem Kommunallandtag von Alt-, Vor- und Hinterpommern, dem Provinziallandtag der Provinz Pommern sowie später auch dem Provinzialausschuss an. Darüber hinaus engagierte er sich ehrenamtlich im Presbyterium der französisch-reformierten Gemeinde sowie in mehreren Wohltätigkeitsvereinen.
Auch für den Gesamtbuchhandel engagierte sich Saunier. 1848 gründete er den Pommerschen Kreisverein. Regelmäßig besuchte er die Leipziger Buchmesse und wurde verschiedentlich auch zu Gutachten herangezogen. Für die Jahre 1848–51 wählte man ihn zum stellvertretenden Kassierer des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler.
Kulturelles Wirken Saunier belieferte wie bereits sein Vorgänger Friedrich Heinrich Morin die Salonnière und Mäzenin Sophie Auguste Tilebein regelmäßig mit Büchern und Musikalien. In ihrer Villa im damals vor den Toren Stettins gelegenen Züllchow unterhielt sie einen literarisch-musikalischen Salon nach französischem Vorbild. Um Tilebein sammelte sich ein Kreis von Künstlern und Gelehrten, darunter Maler, Musiker und Philosophen. Die Mäzenin veranstaltete Bücherzirkel und Musikabende, an denen auch Saunier teilnahm. Dabei lernte er prominente Persönlichkeiten kennen wie etwa Walther von Goethe, den Enkel von Johann Wolfgang von Goethe, den Militärarzt August Ferdinand Wasserfuhr und den Komponisten Carl Loewe, dessen Konzerte er in Stettin förderte.
In Anerkennung seiner Verdienste um die pommersche Kultur und Geschichte ernannte ihn die Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde zum Ehrenmitglied. Wie Frankiewicz hervorhebt, werden diese Verdienste insbesondere durch Sauniers Herausgabe von Quelleneditionen sowie durch seine historischen Darstellungen belegt. Darüber hinaus setzte sich Saunier für den ethischen Wert der Literatur ein und wandte sich gegen „schlechte Literatur“ und Pornographie.