mini|Lichas bringt Hercules das Gewand des Nessus (Hans Sebald Beham, 1542–1548)
Hercules Oetaeus (deutsch Hercules auf dem Oeta) ist die mit 1996 Versen längste überlieferte antike Tragödie eines unbekannten Verfassers. Hercules Oetaeus wurde zwar zusammen mit den Tragödien Senecas in der Handschrift E (Codex Laurentianus, plut. 37.13, saec. XI ex)Christine Walde: Der pseudo-senecanische Hercules Oetaeus – eine Einladung zur Lektüre. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Feste und Spiele in der Antike (= Paradeigmata. Band 74). Rombach Wissenschaft, Baden-Baden 2023, ISBN 978-3-96821-972-1, S. 125–143, hier S. 125. überliefert, aber nach heute überwiegender Meinung nicht von ihm verfasst.Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur. Von Andronicus bis Boethius mit Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die Neuzeit. 2, verbesserte und erweiterte Auflage, Band 2, K. G. Saur, München 1994, ISBN 3-598-11198-3, S. 929 f. Einen entgegengesetzten Standpunkt vertritt Eckard Lefèvre: Das Weltbild des Hercules Oetaeus. In: Eckard Lefèvre: Studien zur Originalität der römischen Tragödie (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 324). Walter de Gruyter, Berlin/München/Boston 2015, ISBN 978-3-11-034227-7, S. 557–576, hier S. 558–559.
Übersicht Personen – Personae Dramatis Hercules, Sohn von Jupiter und Alcmena Iole, Tochter von Eurytus, König von Oechalia Nutrix (Amme) Deianira, Tochter von Oeneus, König von Ätolien, und Frau von Hercules Hyllus, Sohn von Hercules und Deianira Alcmena, Tochter von Electryon, König von Mykene Philoctetes, Prinz von Thessalien, Freund von Hercules Lichas (stumm), Diener des Hercules, Bote der Deianira Chor der ätolischen Frauen, der Deianira treu ergeben Chor der Frauen von Oechalia, die zusammen mit Iole gefangen sind
Ausgangspunkt mini|Landschaft am Oeta (Iti-Gebirge)
Hercules war einst mit seiner Braut Deianira auf einer Reise durch Griechenland, als sie den über die Ufer getretenen Fluss Evenus nicht ohne Hilfe überqueren konnten. Hercules vertraute sie daher dem Zentauren Nessus an, der den Fluss kannte. Nessus jedoch versuchte, sie zu entführen, woraufhin Herkules ihn mit seinen vergifteten Pfeilen erschoss. Der sterbende Nessus riet der jungen Braut, etwas von seinem vergifteten Blut aufzubewahren, um es als Liebeselixier zu verwenden, falls Herkules sie jemals verlassen sollte. Viele Jahre später, nach Vollendung seiner Aufgaben, verliebte sich Hercules in die junge Iole, die Prinzessin der Stadt Oechalia. Als ihr Vater Eurytus sie ihm verweigerte, plünderte Hercules die Stadt, tötete ihren Vater und Bruder und schickte Iole in sein Haus in Trachin am Oeta, wo Deianira wartete.
Handlung Die Handlung besteht nach Christine Walde aus vier Großteilen:Christine Walde: Der pseudo-senecanische Hercules Oetaeus – eine Einladung zur Lektüre. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Feste und Spiele in der Antike (= Paradeigmata. Band 74). Rombach Wissenschaft, Baden-Baden 2023, ISBN 978-3-96821-972-1, S. 125–143, hier S. 128–130. Anders John G. Fitch, der von fünf Akten ausgeht: John G. Fitch: Seneca, Tragedies. Band 2: Oedipus. Agamemnon. Thyestes. Hercules on Oeta. Octavia (Loeb Classical Library). Harvard University Press, Cambridge (MA) 2004, S. 332 f.
Teil I (V. 1–232) Das Stück beginnt nach WaldeChristine Walde: Der pseudo-senecanische Hercules Oetaeus – eine Einladung zur Lektüre. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Feste und Spiele in der Antike (= Paradeigmata. Band 74). Rombach Wissenschaft, Baden-Baden 2023, ISBN 978-3-96821-972-1, S. 125–143, hier S. 128. Ebenso: John G. Fitch: Seneca, Tragedies. Band 2: Oedipus. Agamemnon. Thyestes. Hercules on Oeta. Octavia (Loeb Classical Library). Harvard University Press, Cambridge (MA) 2004, S. 332 f. Anders Ludwig Braun, der von Trachin als Spielort ausgeht: Ludwig Braun: Die Einheit des Ortes im ›Hercules Oetaeus‹. In: Hermes. Band 125, 1997, S. 246–249. im thessalischen Oechalia nach Einnahme der Stadt mit dem an seinen Vater Iupiter gerichteten Prolog des Hercules (V. 1–98). Herkules führt seine in aller Welt bekannten labores auf und wünscht sich die Anerkennung Iupiters und die Aufnahme in den Himmel. Er habe Iunos Zorn nicht verdient und fordere einen Platz im Himmel, den er schon trug. Lichas solle den neuen Erfolg nach Trachin melden und sein Gefolge wird angewiesen, Opfer am Kap Kenaion (gr. Κέναιον) auf Euböa für Iupiter vorzubereiten.
Der Chor der Frauen von Oechalia beklagt die Zerstörung ihrer Stadt und den Zorn des Herkules. (V. 104–172) Iole trauert um ihre ermordete FamilieJohn G. Fitch: Seneca, Tragedies. Band 2: Oedipus. Agamemnon. Thyestes. Hercules on Oeta. Octavia (Loeb Classical Library). Harvard University Press, Cambridge (MA) 2018, ISBN 978-0-674-99718-9, S. 332. und ihr eigenes Los als Gefangene in Trachin (V. 173–224). Der Chor fordert Iole auf, ihr Schicksal mit Gleichmut zu tragen. (V. 225–232)
Teil II (V. 233–1030) Der Rest der Tragödie spielt in Trachin.
Deianira ist wütend vor Eifersucht über die Untreue Hercules', nachdem sie Iole gesehen hat. Sie bespricht mit ihrer Amme, wie sie reagieren soll. Sie lässt ein Gewand mit dem vermeintlichen Liebeselixier des Nessus tränken und schickt es Herkules über den Boten Lichas. (V. 233–582) Der Chor von Deianiras Begleiterinnen betrauern ihr Los und bekunden ihr in dieser Krise ihre Treue und sehen ihre Gefahr als unvermeidliche Begleiterscheinung ihres hohen Standes. (V. 583–705) Deianira erfährt von ihrem Sohn Hyllus, dass Hercules nach Anlegen des geschenkten Hemdes bei lebendigem Leibe verbrenne. Trotz inständiger Bitten der Amme und des Hyllus bringt sie sich um.Christine Walde: Der pseudo-senecanische Hercules Oetaeus – eine Einladung zur Lektüre. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Feste und Spiele in der Antike (= Paradeigmata. Band 74). Rombach Wissenschaft, Baden-Baden 2023, ISBN 978-3-96821-972-1, S. 125–143, hier S. 129. (V. 706–1030)
Teil III (V. 1031–1517) mini|Hercules auf dem Scheiterhaufen mit Philoctetes; Ivan Akimovich Akimov, 1782
Der Chor gibt wortreich zu bedenken, dass nichts von der Regel des Orpheus ausgenommen sei, dass alles und alle vergänglich seien. (V. 1031–1130) Der sterbende Hercules wird nach Hause gebracht. Alcmena und Hyllus werden zu Zeugen seines Tobens (ab V. 1399 ff.). Danach fällt er in ihrem Beisein in einen kurzen unruhigen Schlaf mit einer Traumdarstellung.(V. 1432ff.) „Hercules unternimmt im Traum eine Art Seelenreise…Der Traum, geprägt von ständigen Ortswechseln, ist auditiv und visuell organisiert. Hercules reist durch den Himmel, wo er offenbar seine Stiefmutter Iuno trifft, die ihn als Schwiegersohn, also als jemanden, der ihrer Familie angehört, bezeichnet. Im Traum erfährt er eine wundersame Versöhnung mit seiner schlimmsten Antagonistin.“Christine Walde: Die Traumdarstellungen in der griechisch-römischen Dichtung. K. G. Saur, München/Leipzig 2001, ISBN 3-598-73004-7, S. 130. (V. 1131–1442) Als er aufwacht, wird er sich enttäuscht der Illusion bewusst, gewinnt aber seine Selbstbeherrschung zurück, ist sich der Prophezeiung seines Endes bewusst und befiehlt, für sich auf dem Oeta einen Scheiterhaufen zu errichten. (V. 1290–1517)
Teil IV (V. 1518–1996) mini|Apotheose des Hercules; Tiepolo
Der Chor fordert Phoebus auf, überall zu verkünden, dass Hercules zu den ewigen Manen eile. Wann werde ein zweiter Hercules auf Erden nach dem Rechten schauen? Oder werde Hercules seinen Platz im Himmel einnehmen, da Tugend in den Himmel gehöre? Iupiter möge dafür sorgen, dass wieder Retter vom Schlage eines Hercules den Menschen beistehen.John G. Fitch: Seneca, Tragedies. Band 2: Oedipus. Agamemnon. Thyestes. Hercules on Oeta. Octavia (Loeb Classical Library). Harvard University Press, Cambridge (MA) 2018, ISBN 978-0-674-99718-9, S. 333. (V. 1518–1606)Vgl. John G. Fitch: Seneca, Tragedies. Band 2: Oedipus. Agamemnon. Thyestes. Hercules on Oeta. Octavia (Loeb Classical Library). Harvard University Press, Cambridge (MA) 2004, S. 475. Bei Christine Walde gehört der Chor-Gesang schon zum 4. Teil: Christine Walde: Der pseudo-senecanische Hercules Oetaeus – eine Einladung zur Lektüre. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Feste und Spiele in der Antike (= Paradeigmata. Band 74). Rombach Wissenschaft, Baden-Baden 2023, ISBN 978-3-96821-972-1, S. 125–143, hier S. 130. Der vom Oeta zurückgekehrte Philoctetes beginnt auf Aufforderung des Chors seinen Botenbericht mit dem eigenhändigen Entzünden des Scheiterhaufens durch den Helden. Im Moment des Todes öffnet Iupiter ihm den Himmel. (V. 1607–1757) Seine Mutter Alcmene trauert um ihn, was sein Sohn Hyllus kritisiert. Doch dann erscheint er ihr als Gott. (V. 1758–1982) Der Chor beendet das Stück mit einem Loblied auf den Bezwinger von Ungeheuern und Friedebringer der Welt. (V. 1983–1996)
Literarische Quellen und Vorlagen Die ersten Verse scheinen der Grundstruktur von Sophokles’ Stück Die Frauen von Trachis. zu widersprechen. Christine Walde hebt hervor, dass im Hercules Oetaeus der Prolog vom Halbgott gesprochen wird und damit dem Geschehen auf der Bühne „ein herculisches Vorzeichen“Christine Walde: Der pseudo-senecanische Hercules Oetaeus – eine Einladung zur Lektüre. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Feste und Spiele in der Antike (= Paradeigmata. Band 74). Rombach Wissenschaft, Baden-Baden 2023, ISBN 978-3-96821-972-1, S. 125–143, hier S. 133. gibt. „An diesen einleitenden Monolog des Hercules, also des namengebenden Helden, der im Verlaufe des Dramas seine Metamorphose vom Menschen zum Gott durchmachen wird, schließt das erste Chorlied an…“ Erst jetzt mündet das Stück in die Handlung der sophokleischen Trachinierinnen. Rainer Jacobi hat sprachlich das Vorbild Ovid ausführlich untersucht und eine Imitationstechnik festgestellt, die sich deutlich von den echten Seneca-Tragödien unterscheidet.Rainer Jacobi: Der Einfluß Ovids auf den Tragiker Seneca (= Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte. Band 28). Walter de Gruyter, Berlin/New York 1988, ISBN 3-11-011264-7, S. 168–201. Die Szenen, die Herkules' Selbstverbrennung und Apotheose am Schluss beschreiben, könnten auf Ovids Metamorphosen (ix. 229–272) zurückgehen.
Aufbau und schriftstellerische Techniken
Autorschaft