mini|Gustave Caillebotte: Raboteurs de parquet (Parkettschleifer), 1875. Musée d’Orsay, Paris Die Zweite Impressionisten-Ausstellung (von insgesamt acht Ausstellungen) fand vom 30. März bis 30. April 1876 in den Räumen des Kunsthändlers Paul Durand-Ruel in der Rue Le Peletier 11 in Paris statt. Die Ausstellung versammelte Werke von insgesamt 19 Künstlern, darunter Claude Monet, Edgar Degas, Pierre-Auguste Renoir und Berthe Morisot. Im Vergleich zur ersten Impressionisten-Ausstellung von 1874 zeigte sich eine größere stilistische Vielfalt, während die öffentliche und kritische Reaktion weiterhin überwiegend ablehnend war. Die Ausstellung war ein bedeutender Schritt zur Etablierung des Impressionismus als eigenständige künstlerische Bewegung.
Geschichte Paul Durand-Ruel vermietete die Galerie für 3000 Francs an die Künstler (Die eine Hälfte wurde im Voraus bezahlt, die andere Hälfte durch den späteren Verkauf der Werke wieder eingespielt). Die Verkaufsausstellung war eine gemeinsame Initiative mehrerer Maler, die sich außerhalb des offiziellen Salon-Systems präsentieren wollten. Es handelte sich aber bei den Teilnehmern nicht um eine einheitliche, stilistisch homogene Künstlergruppe. Zwar teilten viele von ihnen ähnliche Interessen, wie die Hinwendung zum modernen Leben, die Darstellung von Licht und Atmosphäre oder das Malen im Freien (Pleinairmalerei), doch unterschieden sich ihre künstlerischen Ansätze und Ausdrucksformen deutlich.
Auktion von 1875 Am 24. März 1875 organisierten Claude Monet, Alfred Sisley, Pierre-Auguste Renoir und Berthe Morisot eine gemeinsame Auktion mit 73 Werken im Hôtel Drouot. Die Auktion wurde von Paul Durand-Ruel unterstützt und durch ein Vorwort von Philippe Burty im Katalog begleitet. Trotz medialer Aufmerksamkeit und kontroverser Reaktionen im Feuilleton blieb der finanzielle Erfolg aus. Die Einnahmen beliefen sich laut Théodore Duret auf lediglich 10.349 Francs. Die durchschnittlichen Verkaufspreise pro Werk waren niedrig: Monet erhielt 233 Francs, Morisot 176 Francs, Sisley 124 Francs und Renoir 112 Francs. Mehrere Künstler mussten ihre eigenen Werke zurückkaufen. Die Versteigerung wurde durch Störungen von Gegnern der Bewegung begleitet. Es kam zu Tumulten, einem Polizeieinsatz und tätlichen Auseinandersetzungen.
Planung der zweiten Ausstellung Die für 1875 geplante Folgeveranstaltung verzögerte sich. Erst am 5. Februar 1876 richteten Renoir, Henri Rouart und Edgar Degas eine Einladung an Gustave Caillebotte und weitere Künstler, sich an einer neuen Ausstellung zu beteiligen. Die Teilnahmegebühr betrug 120 Francs. Ziel war es, erneut eine unabhängige Präsentation außerhalb des offiziellen Salon de Paris zu organisieren. Paul Durand-Ruel stellte erneut seine Galerieräume (drei Säle) zur Verfügung.
Teilnehmer Insgesamt nahmen 19 Künstler an der Ausstellung teil. Neben den bereits in der ersten Ausstellung vertretenen Künstlern, zu denen unter anderem Edgar Degas, Claude Monet, Berthe Morisot, Camille Pissarro, Renoir, Sisley, Rouart und andere zählten, waren auch neue Künstler dabei, darunter Gustave Caillebotte, der Radierer Marcellin Desboutin, Jacques François, Alphonse Legros, Jean-Baptiste Millet (Bruder von Jean-François Millet) und Charles Tillot. Gustave Caillebotte entwickelte sich in der Folgezeit zu einer zentralen Figur innerhalb des impressionistischen Kreises.
Einige Künstler nahmen nicht teil, darunter Eugène Boudin, Giuseppe De Nittis und Paul Cézanne. Letzterer wurde 1876 vom Salon zurückgewiesen und verzichtete daher auch auf die Teilnahme an der Impressionisten-Ausstellung. Armand Guillaumin sagte aus finanziellen Gründen ab. Die Ausstellung öffnete im April 1876 und die Werke waren aufwendig gerahmt und in einer professionellen Hängung präsentiert. Die Eintrittsgebühr betrug einen Franc, was bei einigen Kritikern den Eindruck einer offiziellen, salonähnlichen Veranstaltung erweckte. Die Reaktionen der Presse fielen gemischt aus. Häufig wurde eine Verbindung zur kurz darauf erfolgenden Ausstellung von Édouard Manet in seinem Atelier (15. April bis 1. Mai 1876) gezogen. Auch Manet hatte seine Werke nicht im Salon zeigen dürfen. Die Ausstellung von 1876 war ein weiterer wichtiger Schritt der Impressionisten auf dem Weg zur Selbstbehauptung außerhalb der akademischen Kunstinstitutionen. Sie war auch ein Versuch, sich durch gemeinsames Handeln ökonomisch und künstlerisch zu etablieren. mini|Edgar Degas: Le Bureau du coton à la Nouvelle-Orléans (Die Baumwollfaktorei in New Orleans), 1873. Musée des beaux-arts de Pau Die folgende Liste enthält die Namen der Künstler, die an der Ausstellung teilnehmen (die Anzahl der ausgestellten Werke ist in Klammern angegeben):
Édouard Béliard (8) Pierre-Isidore Bureau (8) Gustave Caillebotte (8 Werke, darunter Les Raboteurs de parquet) Adolphe-Félix Cals (11) Edgar Degas (24 Werke, darunter Le Bureau de coton à La Nouvelle-Orléans) Marcellin Desboutin (13, darunter Le Chanteur des rues et Le Violoncelliste) Jacques François Alphonse Legros (12) Ludovic-Napoléon Lepic (36) Léopold Levert (9) Jean-Baptiste Millet (10 Werke, Bruder von Jean-François Millet) Claude Monet (18, darunter La Japonaise, Le Bassin d'Argenteuil und Boulevard des Capucines) Berthe Morisot (17) Léon-Auguste Ottin (14) Camille Pissarro (12) Pierre-Auguste Renoir (18) Henri Rouart (10) Alfred Sisley (8 Werke, darunter L'Inondation à Port-Marly) Charles Tillot (8)
Rezeption mini|Atelier Nadar: Albert Wolff (1825–1891), ca.1860 Im Vergleich zur ersten Ausstellung von 1874 wurde sie von einem deutlich geringeren Publikum besucht. Auch die Resonanz der Presse blieb überwiegend kritisch bis feindlich. In diesem schwierigen Umfeld erhielten die Impressionisten Unterstützung von Edmond Duranty, einem Schriftsteller und Kunstkritiker, der für die Gazette des Beaux-Arts tätig war. Im Zusammenhang mit der Ausstellung veröffentlichte Duranty eine etwa 40-seitige Broschüre mit dem Titel La nouvelle peinture : à propos du groupe d’artistes qui expose dans les galeries Durand-Ruel. Die Schrift nahm eine insgesamt wohlwollende Haltung gegenüber dem Impressionismus ein, wurde jedoch von einigen beteiligten Künstlern als zu zurückhaltend kritisiert. Besonders schädlich wirkte sich ein Artikel von Albert Wolff aus, der am 3. April 1876 in der Zeitung Le Figaro erschien. Wolff, eine damals sehr einflussreiche Persönlichkeit, verfasste einen polemischen und feindseligen Text, der bis heute als eines der radikalsten Beispiele der zeitgenössischen Ablehnung impressionistischer Kunst gilt.
Die Begriffe „Impressionist“ und „Impressionismus“ stießen in der Öffentlichkeit weiterhin auf Ablehnung. So bezeichnete Victor Fournel in der Zeitschrift Le Correspondant vom 10. April 1876 das Wort Impressionniste als einen „Barbarismus, ebenso schrecklich wie ihre Gemälde“. Noch drastischer äußerte sich der Le Courrier de France am 2. April 1876: Der Begriff Impressionnalistes sei ein „Barbarismus, der würdig sei, als Aushängeschild einer barbarischen Kunst zu dienen“. In der Presse wurde 1876 häufiger die Form „Impressionnaliste“ als die heute gebräuchliche Variante verwendet.
Die Revue politique et littéraire und Le Moniteur universel warnen ihre Leser vor den „Unnachgiebigen der Kunst“. Insbesondere Albert Wolff stellt in Le Figaro vom 3. April 1876 die Ausstellung wie folgt vor: „Die Rue Le Peletier hat Pech. Nach dem Brand der Oper ereilt das Viertel nun eine neue Katastrophe. Bei Durand-Ruel wurde gerade eine Ausstellung eröffnet, die angeblich Malerei zeigt. Der harmlose Passant, angezogen von den Fahnen, die die Fassade schmücken, tritt ein und bietet sich seinen entsetzten Augen ein grausames Schauspiel dar. Fünf oder sechs Geisteskranke, darunter eine Frau, eine Gruppe von Unglücklichen, die vom Wahnsinn des Ehrgeizes befallen sind, haben sich dort versammelt, um ihre Werke auszustellen ...“
Berthe Morisot, die einzige Frau unter den Ausstellenden, wurde besonders heftig kritisiert. Ein Kritiker bezeichnete sie als „Prostituierte“, woraufhin Camille Pissarro den Kritiker körperlich angriff. Die Situation eskalierte so weit, dass die Polizei eingreifen musste. Eugène Manet, Morisots Ehemann, erwog, den Kritiker zum Duell zu fordern, wurde jedoch von Morisot und ihren Kollegen davon abgehalten.
Trotz der überwiegend negativen Kritik gab es auch unterstützende Stimmen. Alexandre Pothey verteidigte die Impressionisten in Le Gaulois und La Presse, insbesondere Edgar Degas. Louis Edmond Duranty veröffentlichte die Broschüre „La Nouvelle peinture“, in der er die neue Malweise der Impressionisten erläuterte und unterstützte. Armand Silvestre in L'Opinion nationale und Jules-Antoine Castagnary in Le Siècle äußerten sich ebenfalls positiv. Dennoch konnten diese Befürworter die allgemeine Skepsis gegenüber den Impressionisten nicht überwinden. Insgesamt spiegelte die zeitgenössische Presse die Polarisierung wider, die die Impressionisten in der französischen Kunstwelt hervorriefen. Während einige Kritiker ihre Werke als revolutionär und innovativ betrachteten, lehnten andere sie als unverständlich und provokativ ab.
Literatur mini|Die Titelseite des Katalogs der zweiten Impressionisten-Ausstellung im Jahr 1876
Ausstellungskataloge
1874: Société Anonyme Des Artistes Peintres, Sculpteurs, Graveurs, etc. Premiere Exposition 1874 1876: Catalogue de la 2e exposition de peinture 1877: Catalogue de la 3e exposition de peinture 1879: Catalogue de la 4e exposition de peinture 1880: Catalogue de la 5me exposition de peinture 1881: Catalogue de la 6me exposition de peinture 1882: Catalogue de la 7e exposition des artistes indépendants 1886: Catalogue de la 8e exposition de peinture
Deutschsprachige Literatur
Jean Selz: DuMont’s kleines Lexikon des Impressionismus. DuMont, Köln 1977, ISBN 3-7701-0860-4. Sophie Monneret: L’impressionnisme et son époque. Denoël, Paris 1978. John Rewald: Die Geschichte des Impressionismus. DuMont, Köln 1986, ISBN 3-7701-1166-4. Hans Körner: Edouard Manet, Dandy, Flaneur, Maler. Fink, München 1996, ISBN 3-7705-2931-6. Iris Schaefer, Caroline von Saint-George, Katja Lewerentz: Impressionismus, wie das Licht auf die Leinwand kam. Ausstellungskatalog Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln 2008, ISBN 978-88-6130-611-0. Norbert Wolf: Die Kunst des Salons: Malerei im 19. Jahrhundert. Prestel, München 2012, ISBN 978-3-7913-4625-0. Felix Krämer (Hrsg.): Monet und die Geburt des Impressionismus. Ausstellungskatalog Städel Museum, Prestel, München 2015, ISBN 978-3-7913-5414-9.
Französische und englischsprachige Literatur
Ruth Berson (Hrsg.): The New Painting: Impressionism 1874–1886. Documentation, 2 Bände. Band 1: Reviews, Band 2: Exhibited works. San Francisco, 1996 (eine umfassende Darstellung des Themas ist hier zu finden). Achille Segard: Mary Cassatt : un peintre des enfants et des mères, 1913 Adolphe Tabarant: Manet et ses œuvres, Paris, 1947 Adolphe Tabarant: Pissarro, Paris, 1924 Ambroise Vollard: Auguste Renoir, Paris, 1920 Ambroise Vollard: Degas, Paris, 1924 Ambroise Vollard: En écoutant Cézanne, Degas, Renoir, Paris, 1938 Ambroise Vollard: Paul Cézanne, Paris, 1914 Ambroise Vollard: Souvenirs d’un marchand de tableaux, Paris, Editions Albin-Michel, 1937 Anne Distel, Anne Dayez, Michel Hoog, Charles S. Moffett: Impressionism, a centenary exhibition. Ausstellungskatalog Metropolitan Museum of Art, New York 1974, ISBN 0-87099-097-7. Antonin Proust: Edouard Manet. Souvenirs, Paris, 1913 Arsène Alexandre: Durand-Ruel. Portrait et histoire d’un marchand, dans Pan, Berlin, novembre 1911 Berhaut Marie: Caillebotte. Sa vie et son œuvre. Catalogue raisonné des peintures et pastels, 1978 Camille Mauclair: L'impressionnisme : son histoire, son esthétique, ses maîtres, Paris, 1904 Camille Mauclair: Trois crises de l'art actuel, Paris, 1906 Carol Armstrong: Manet Manette. Yale University Press, New Haven 2002, ISBN 0-300-09658-5.