Der Prozess und die Hinrichtung Marie-Antoinettes war ein vom 14. bis zum 16. Oktober 1793 vor einem Revolutionstribunal durchgeführter Prozess gegen die im Zug der Französischen Revolution gestürzte französische Königin Marie-Antoinette von Österreich-Lothringen und ihre anschließende Exekution durch die Guillotine.
Am 21. September 1792 war durch die Proklamation der Abschaffung der Monarchie die Erste Französische Republik entstanden. Der Gemahl Marie-Antoinettes, König Ludwig XVI., wurde am 21. Januar 1793 hingerichtet. Als ein dreiviertel Jahr später der Prozess gegen die ehemalige Königin stattfand, wurde sie von den Anwälten Claude François Chauveau-Lagarde und Guillaume Alexandre Tronson du Coudray verteidigt. Die Anklagepunkte gegen sie waren u. a. Hochverrat am französischen Staat, Verschwendungssucht und Unzucht mit ihrem Sohn Louis-Charles. Sie wurde am 16. Oktober 1793 schuldig gesprochen und am gleichen Tag auf der Place de la Révolution (der heutigen Place de la Concorde, Paris) vor einer großen Menschenmenge enthauptet.
Vorgeschichte mini|links|hochkant|Marie-Antoinette im Temple, vermutlich von A. Kucharski gemalt (Schloss Le Champ-de-Bataille) Beim Ausbruch der Französischen Revolution wurde am 14. Juli 1789 das Staatsgefängnis, die Bastille, von einer erregten Menschenmenge gestürmt und am 5./6. Oktober 1789 die Königsfamilie gezwungen, von Schloss Versailles nach Paris in den Tuilerien-Palast umzuziehen. Hier bezog die Königin allein im Erdgeschoss Quartier und wandte sich entschlossener als der phlegmatische König gegen die Ideen der Revolution, weshalb sie als verhasste Ausländerin eine besondere Zielscheibe der Verfechter der neuen Strömung wurde. Mit Hilfe eines vertrauten schwedischen Adligen, Hans Axel von Fersen, versuchte die Königsfamilie am 20. Juni 1791 aus Paris zu entkommen. Diese Flucht nach Varennes missglückte jedoch; die Königsfamilie wurde nach Paris zurückgebracht. Nach dem Tuileriensturm vom 10. August 1792 mussten Ludwig XVI. und seine Angehörigen in den Temple, eine ehemalige Festung, übersiedeln, wo sie streng überwacht unter verschärften Haftbedingungen hinter verriegelten Eisentüren lebten. Der revolutionäre Nationalkonvent schaffte am 21. September 1792 das Königtum ab. Einige Monate später wurde der Prozess gegen den König eröffnet, der am 21. Januar 1793 hingerichtet wurde. Pläne zur Flucht Marie-Antoinettes aus dem Temple verliefen im Sand. Anfang Juli 1793 wurde der infolge der Ereignisse vorzeitig gealterten ehemaligen Königin ihr achtjähriger Sohn und Thronfolger, Louis-Charles, weggenommen und dem Schuster Antoine Simon zur Erziehung übergeben. In der Nacht auf den 2. August 1793 wurde ihr mitgeteilt, dass sie vor ein Revolutionstribunal gestellt werde. Sie nahm von ihrer Tochter, Marie Thérèse Charlotte, und ihrer Schwägerin, Madame Élisabeth, Abschied und fuhr in einer Kutsche zu einem anderen Gefängnis, der Conciergerie.Friedrich Weissensteiner: Die Töchter Maria Theresias, 1996, S. 266–276.
Haft in der Conciergerie Marie-Antoinette verbrachte ihre letzten zweieinhalb Lebensmonate streng überwacht in einer karg möblierten, finsteren Kerkerzelle der Conciergerie. Über ihren dortigen Aufenthalt ist wenig bekannt. Viele Informationen stammen aus den später niedergeschriebenen Erinnerungen der Rosalie Lamorliène, einem Küchenmädchen der Beschließerin der Conciergerie, Madame Richard. Beide Frauen bemühten sich, die Beschwernisse der Haft Marie-Antoinettes in deren feuchter Zelle zu lindern, indem sie etwa für die standesgemäße Verköstigung der prominenten Gefangenen mit exquisiten Speisen sorgten. Die Strohmatratze des eisernen Bettgestells der Zelle bezog Madame Richard mit feinstem Linnen. Auch einige Wächter zeigten Mitgefühl mit der ehemaligen Königin. Da sie über kein Ankleidepersonal verfügen durfte, kümmerte sie sich selbst um ihre tägliche Hygiene und Garderobe. Der Gefängnisinspektor Jean-Baptiste Michonis brachte ihr Nachrichten von ihren Kindern und einmal ein Paket von ihrer Schwägerin mit frischer Kleidung, darunter ein weißes Morgenkleid, schwarze Seidenstrümpfe, zwei Schultertücher und ein paar Satinschuhe. Gegen Bezahlung ließ Michonis auch Personen, welche die Königin zu sehen wünschten, zu ihr vor, darunter einen unbekannten Maler, der ein heute im Musée Carnavalet ausgestelltes Porträt von ihr schuf.Joan Haslip: Marie Antoinette, 1995, S. 419 f.; Michaela Lindinger: Marie Antoinette, 2023, S. 265.
Ein königstreuer Offizier, der Chevalier de Rougeville, entwarf inzwischen einen Plan, Marie-Antoinette mit Hilfe von Michonis aus ihrem Gefängnis herauszuschaffen. Er betrat Ende August 1793 die Zelle der Gefangenen und trug bei dieser Gelegenheit zwei Nelken im Knopfloch, weshalb sein Befreiungsplan als „Nelkenkomplott“ bekannt wurde. Ein um eine seiner Nelken gewickelter Zettel setzte die Königin über sein Vorhaben in Kenntnis. Darin kündigte er ihr auch an, dass er am Freitag wiederkäme. Da Marie-Antoinette keine Schreibstifte und Briefpapier zur Hand hatte, soll sie ihre Replik mit einer Stecknadel in ein Stück altes Papier gestochen haben: „Ich werde dauernd überwacht. Ich spreche mit niemandem. Ich vertraue mich Ihnen an. Ich werde kommen.“ Als Rougeville sie das zweite Mal aufsuchte, übergab er ihr einige Hundert Louis d’or zur Bestechung ihrer Wächter, um diese für die Befreiungsaktion zu gewinnen. Das von der Gefangenen am 2. September 1793 einem ihr wohlgesonnenen Wachmann angebotene Geld nahm dieser aber aus Bedacht auf seine eigene Sicherheit nicht an, sondern machte das Komplott publik. Während Rougeville die Flucht gelang, wurde Michonis verhaftet und Marie-Antoinette in eine andere, eine sicherere Verwahrung gewährende Zelle verlegt, in der sie nachts nicht einmal eine Kerze anzünden durfte. Außerdem wurde sie noch strenger bewacht. Der französische Schriftsteller Alexandre Dumas der Ältere verarbeitete 1845 den Stoff des Nelkenkomplotts in seinem historischen Roman Le Chevalier de Maison-Rouge.Joan Haslip: Marie Antoinette, 1995, S. 421; Michaela Lindinger: Marie Antoinette, 2023, S. 265.
Gendarmen konfiszierten nun Marie-Antoinettes goldene Uhr, die sie einst von ihrer Mutter, Kaiserin Maria Theresia, erhalten hatte.Michaela Lindinger: Marie Antoniette, 2023, S. 265. Ihr Kerkermeister sorgte indessen dafür, dass die berühmte Gefangene weiterhin ein Mindestmaß an humaner Behandlung erfuhr. So richtete er es ein, dass sie – entgegen dem Willen von Jacques-René Hébert – ordentliche Nahrung bekam; und seine Gemahlin übersandte ihr eine Wollmatratze. Da die ehemalige Königin weder Material zum Schreiben noch zum Stricken zur Verfügung hatte, lieh sie sich erstmals zum Zeitvertreib Bücher aus, vornehmlich Abenteuerromane und Schriften über Seefahrt wie die Reisen des James Cook. Sie hörte, dass ihr Vertrauter Fersen Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses mit hohen Geldbeträgen habe bestechen lassen, um ihre Freilassung zu erreichen, doch führte auch dies nicht zu ihrer Rettung.Joan Haslip: Marie Antoinette, 1995, S. 421–422.
Prozess mini|Marie-Antoinette vor dem Revolutionstribunal am 15. Oktober 1793, Zeichnung von Pierre Bouillon, 1793 Während Marie-Antoinette in der Conciergerie saß, wurde nach Beweisen für den gegen sie angestrebten Prozess gefahndet, die die Verhängung der Todesstrafe rechtfertigten. Der öffentliche Ankläger Antoine Quentin Fouquier-Tinville fand aber kein stichhaltiges Material, das vermutete hochverräterische Verbindungen der Königin zu Ländern, die dem revolutionären Frankreich feindlich gegenüberstanden, belegen konnte. Marie-Antoinettes Briefe an den österreichischen Hof mit Bekanntgabe von Feldzugsplänen der französischen Armee waren damals noch nicht bekannt. Fouquier-Tinville erhielt auch keine Unterstützung durch Robespierre, dem eine Haftstrafe Marie-Antoinettes genügte. „Der Unbestechliche“ sah die Feinde eher in gemäßigten und korrupten Revolutionären. Hébert, der Marie-Antoinette in seiner Zeitung u. a. „gekrönte Schlampe“ nannte, und Fouquier-Tinville setzten sich jedoch weiterhin hartnäckig für die Verurteilung der Königin zum Tod ein. Die Anklagepunkte gegen sie umfassten vor allem alte Vorwürfe. So sei sie mit Staatsgeldern verschwenderisch umgegangen; auch habe sie einen verhängnisvollen Einfluss auf Ludwig XVI. ausgeübt und ihn entgegen dem Volkswillen zu seiner Entscheidung für einen Fluchtversuch überredet. Ferner wurde ihre Rolle in der Halsbandaffäre thematisiert. Der junge Dauphin Louis-Charles behauptete auf Druck seines Erziehers, des Schusters Antoine Simon, gegenüber Jacques-René Hébert und einem Komitee des Magistrats, seine Mutter Marie-Antoinette und seine Tante, Madame Élisabeth, hätten ihn öfters in ihre Betten geholt und dazu gebracht, zu onanieren. Hébert hielt diese Aussage des Jungen schriftlich fest, der sie unterschreiben musste.Joan Haslip: Marie Antoinette, 1995, S. 422 ff.; Michaela Lindinger: Marie Antoinette, 2023, S. 266 f.
Die Zeit ihrer Haft in der Conciergerie hatte die knapp 38 Jahre alte Marie-Antoinette gesundheitlich angegriffen. Sie war vorzeitig gealtert und litt bereits an Menstruationsschmerzen und Blutungen. Die beiden Anwälte Claude François Chauveau-Lagarde und Guillaume Alexandre Tronson du Coudray übernahmen die Verteidigung der Angeklagten. Sie erhielten erst einen Tag vor dem Prozessbeginn von der ihr zugedachten Aufgabe Kenntnis. Als pflichtgetreue Männer baten sie, das Gerichtsverfahren erst drei Tage später durchzuführen, um genügend Zeit zum Aktenstudium zu haben. Dieser Wunsch wurde abgelehnt. Die Verteidiger nahmen sich vor, auf Gnade für die Angeklagte unter Verweis auf deren Rolle als Mutter unmündiger Kinder zu plädieren.Joan Haslip: Marie Antoinette, 1995, S. 424 f.
Der erste Tag des politisch motivierten Prozesses gegen Marie-Antoinette, dem der Anschein eines rechtmäßigen Gerichtsverfahrens verliehen wurde, war auf den 14. Oktober 1793 angesetzt. Der Prozess fand im großen Saal des Justizpalastes statt und dauerte zwei Tage mit jeweils fünfzehnstündigen Sitzungen. Zu den durchwegs männlichen Geschworenen gehörten u. a. der Bürgermeister von Arles und der Leibarzt Robespierres, zu dessen Tätigkeit auch die Identifizierung von Frauen gehörte, die sich fälschlicherweise als Schwangere ausgaben, um der Todesstrafe zu entgehen. Während der Vernehmung von über 40 Zeugen, darunter ehemalige Zofen und Pagen, die überwiegend dürftig fundierte, teils auch erfundene Anschuldigungen vorbrachten, wahrte die ehemalige Königin eine würdevolle Haltung und erntete dadurch Respekt. So konnten etwa keine Beweise für die Zeugenaussage vorgelegt werden, dass Marie-Antoinette vor mehreren Jahren ihrem Bruder, dem Kaiser, einen Schuldschein im Wert von 200 Millionen Livres ausgestellt hätte.Joan Haslip: Marie Antoinette, 1995, S. 425; Michaela Lindinger: Marie Antoinette, 2023, S. 267 ff.