Während der britischen Mandatszeit in Palästina (1922–1948) entstand als Reaktion auf die zionistische Immigration, wirtschaftlichen Separatismus von Zionisten und eine als unfair empfundene Wirtschaftspolitik der Mandatsmacht England eine palästinensische Boykottbewegung: Immer wieder leisteten Palästinenser gewaltfreien Widerstand in Form von Demonstrationen, Streiks, Akten der Nichtzusammenarbeit und vor allem von Boykotten. Wichtige Impulse für die Entwicklung der Bewegung gingen aus von mehreren Zeitungen, Muslimisch-Christlichen Verbänden, dem Jugendverband der Gesellschaft der muslimischen jungen Männer sowie später der Partei Istiqlal. Als Vorbild dienten vielfach die Widerstandsstrategien Mahatma Gandhis, in späteren Jahren möglicherweise auch der Judenboykott der Nationalsozialisten. Gegen Ende der Mandatszeit weitete sich die palästinensische Boykottbewegung zum überregionalen Boykott Israels durch die Arabische Liga aus.

Hintergrund

Im Zuge des Ersten Weltkriegs ging das Osmanische Reich, zu dem unter anderem Palästina und umliegende Regionen gehört hatten, unter. England sicherte sich das Völkerbundsmandat für Palästina, das offiziell die Palästinenser in die staatliche Unabhängigkeit führen und sie „bis zu dem Zeitpunkt leiten [sollte], wo sie imstande sein werden, sich selbst zu leiten“,Völkerbundssatzung (Zu finden in: Gesetz über den Friedensschluß zwischen Deutschland und den alliierten und assoziierten Mächten vom 16. Juli 1919 mit angehängtem Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919. In: Reichsgesetzblatt, Nr. 140 vom 12. August 1919, S. 689 ff., Digitalisat. Völkerbundssatzung S. 716ff., Artikel 22 S. 739 f. Digitalisat.) de facto aber eine Kolonialherrschaft in modernem Gewand war.Fabian Klose: Dekolonisation und Revolution. In: Europäische Geschichte Online (EGO). Mainz, 9. Mai 2014.Peter Sluglett: An Improvement on Colonialism? The „A“ Mandates and Their Legacy in the Middle East. In: International Affairs. Band 90, Nr. 2, 2014. S. 413–427, hier 418.

Bereits während der späten Osmanischen Zeit und dann verstärkt während der Mandatszeit führten die Idee des Zionismus und diverse Phänomene der Judenverfolgung wie insbesondere die Judenverfolgung im Deutschen Reich dazu, dass viele europäische Juden nach Palästina immigrierten.

mini|Titelseite einer Ausgabe der Zeitung Falastin. Die Karikatur zeigt verschiedene von Palästinensern kritisierte britische Maßnahmen, mit denen palästinensische Rechte und Ressourcen an die Zionisten umverteilt worden sein sollen; oben links zum Beispiel die im Text beschriebene Rutenberg-Konzession.

Mehrere Faktoren trugen dazu bei, dass im selben Zeitraum die angestammte Landbevölkerung Palästinas verarmte. Einer unter diesen Faktoren war die zionistische Immigration sowie die Tatsache, dass die Briten die Palästinenser überbesteuerten, die zionistische Industrie dagegen auf verschiedene Weisen subventionierten.Vergleiche den Bericht der Peel-Kommission: Zu einem prominenten Beispiel für diese Subventionierung vergleiche Bedeutsam im Hinblick auf die späteren Boykotte war darunter zum Beispiel die britische Entscheidung, mit diversen „Konzessionen“ mehrere Teilregionen und das Nutzungsrecht an mehreren Rohstoffen Palästinas den Zionisten zu übereignen; allem voran mit der „Rutenberg-Konzession“, mit der einem zionistischen Unternehmer das Monopol zur Stromerzeugung sowie effektiv das alleinige Nutzungsrecht an den Flüssen Jordan, Jarmuk und Yarkon zugesprochen wurden.Zum Boykott des Rutenberg-Projekts siehe beispielhaft Letztlich bedeutete dies eine weitreichende Kontrolle über Infrastruktur und Ressourcen. Der Vorsitzende der Nahostabteilung des britischen Kolonialbüros sprach von einer „Kontrolle des gesamten wirtschaftlichen Lebens Palästinas“.Zitiert bei : „a grip over the whole economic life of Palestine“.

Die Verarmung der Palästinenser führte dazu, dass große Teile der sich immer weiter verschuldenden Landbevölkerung gezwungen waren, ihr Land an Banken, arabische Großgrundbesitzer oder die immigrierenden Zionisten zu verkaufen. Bis 1931 besaßen zwischen knapp 40 und knapp 60 Prozent aller palästinischen Araber gar kein eigenes Land mehr; insgesamt bis zu 80 Prozent der Bauern besaßen zumindest zu wenig Land, um damit ihre Familie zu ernähren. Dieser Trend beschleunigte sich in den frühen 30er Jahren zusehends.

Obwohl, wie oben skizziert, mehrere Faktoren gemeinsam und über die Jahre hinweg zur Verarmung der Palästinenser führten, betrachteten sie als ausschlaggebend für die soziale Krise die zionistischen Einwanderer und die wirtschaftliche Unterstützung derselben durch die britische Mandatsmacht. Der Sekretär des Arabischen Hohen Komitees zum Beispiel schrieb:

Diese Perspektive führte vor allem während der Mandatszeit zu einer langen Reihe an antibritischen und antizionistischen Boykotten.

Frühe Boykotte

Zionistische Boykotte und Aufrufe zu antizionistischen Gegen-Boykotten

Frühe Boykottaufrufe sind bereits während der späten Osmanischen Zeit belegt. Zionistische Immigranten verfolgten ab der zweiten modernen Einwanderungswelle von 1909 bis 1914 das Ziel des Aufbaus eines „geschlossenen jüdischen Wirtschaftskreis[laufes]“.Vergleiche Diese Politik bestand aus zwei Strategien: In zionistischen Siedlungen sollten allein Juden angestellt werden (Avoda Ivrit, „Hebräische Arbeit“) und keine von Arabern produzierte Waren konsumiert werden (Tozeret Haaretz, „Hergestellt im Land“).Speziell zur Tozeret Haaretz-Politik vergleiche auch 1923, kurz nach Beginn der Mandatszeit, wurden die verschiedenen Tozeret Haaretz-Initiativen unter dem Dach der „Abteilung für Handel und Industrie“ der Zionistischen Exekutive gebündelt und ab da von dort aus gesteuert. Während der Mandatszeit wurde diese Politik mithilfe von Boykotten, sozialem Druck und Streikposten durchgesetzt, hatte bis zum Ende der Mandatszeit Bestand und wurde durch die Wirtschaftspolitik der Mandatsmacht England zusätzlich befördert.Zu zwei konkreten Beispielen – Boykott von Sesam und Weizen – vergleiche

Gegen diese zionistische Politik polemisierte insbesondere Najib Nassar, der Herausgeber der Zeitung Al-Karmil (später gefolgt von Issa el-Issa, dem Herausgeber der Zeitung Falastin), der dazu aufrief, Juden keine Häuser zu vermieten und nicht mit ihnen zu handeln.Zu Nassar vergleiche 1911 und 1914 bemühte er sich darum, erste antizionistische Warenboykotte zu organisieren; beim zweiten Versuch mit dem Aufruf: „Wie jene [Zionisten] nicht mit Muslimen und Christen handeln, habt [auch ihr] keine Handelsbeziehungen mit anderen als euren Landsleuten!“Übersetzt nach : „Just as they do not trade with Muslims and Christians, do not have commercial dealings except with your [Arab] compatriots.“ Diese frühen Ansätze beschränkten sich während dieser ersten Phase jedoch noch auf den eng begrenzten Kreis städtischer Intellektueller.

Erste konzertierte Streiks und Boykotte nach der britischen Machtübernahme

Kurz nach der Machtübernahme der Briten in Palästina bildeten sich ab 1918 in palästinischen Städten als Widerpart zionistischer Organisationen „Muslimisch-Christliche Verbände“, die sich in den folgenden Jahren auf mehreren „Arabischen Kongressen“ zur politischen Willensbildung zusammenfanden. In der Folge konnten während der Mandatszeit Streiks und Boykotte besser zentral organisiert werden, was auch geschah.Zum Aspekt der Organisation vergleiche

Kurze koordinierte Aktionen sind bereits vor dem offiziellen Beginn der Mandatszeit nachweisbar: Palästinenser streikten, demonstrierten und protestierten beispielsweise, als 1920 veröffentlicht wurde, dass die Balfour-Deklaration (die Palästina zur „nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes“ bestimmte) Teil des britischen Mandats werden sollte; erneut, nachdem 1921 der britische Kolonialminister Winston Churchill die Forderungen des dritten Arabischen Kongresses nach palästinensischer politischer Selbstbestimmung zurückgewiesen hatte, und ähnlich wieder 1925, als Lord Balfour Palästina bereiste. Als 1920 mit Herbert Samuel ein Zionist zum ersten Hochkommissar des Mandatsgebiets ernannt wurde, kündigten zusätzlich Palästinenser massenhaft ihre Regierungsposten.

Boykottbewegung während der Mandatszeit

Während der Mandatszeit selbst fand eine lange Reihe konzertierter und organisierter Streiks und Boykotte statt.Siehe etwa die Aufzählung einiger Boykotte bei In mehreren Fällen waren diese außerdem von gewaltsamen Auseinandersetzungen begleitet oder zogen diese nach sich. Eine umfassende Zusammenschau der Boykotte zu dieser Zeit ist bisher noch nicht erarbeitet worden. In den folgenden Abschnitten werden daher nur drei zentrale Meilensteine in der Geschichte der palästinensischen Boykottbewegung während der Mandatszeit herausgegriffen.

Boykottbeschlüsse 1922 und 1923

mini|Artikel im Sentinel, 1923: „Nicht ein Araber habe abgestimmt, wird behauptet“.

Als erster Meilenstein zu nennen sind der fünfte und sechste Arabische Kongress von 1922 und 1923. Nach der Ratifizierung des Palästinamandats Englands im Juli 1922 wurden auf diesen Kongressen ab August 1922 mehrere Maßnahmen des gewaltlosen Widerstands definiert, zu denen man greifen könne: politische Nichtzusammenarbeit im geplanten britisch-zionistisch-arabischen Legislativrat,Zu den Gründen vergleiche ein Steuerboykott – hier nicht primär als Widerstandshandlung gegen die britische Besatzungsmacht, sondern weil unterstellt wurde, dass diese palästinensische Steuergelder an Zionisten umverteile und so das zionistische Projekt noch zusätzlich fördere –, Wirtschaftsboykotte gegen Zionisten selbst und ein Boykott des „Rutenberg-Projekts“ (dazu siehe oben). Umfassend umgesetzt wurden von diesen Optionen zunächst nur die erste; landesweit wurden derart konsequent die Wahlen boykottiert, dass Hochkommissar Samuel sie für nichtig erklären und die Legislativratspläne aufgeben musste.

Davon abgesehen entfalteten die formulierten Maßnahmen bis 1928 nur geringe Wirkung, obwohl in arabischen Zeitungen weiterhin für Boykotte geworben wurde. Erst in den 1930er-Jahren, als sich die wirtschaftliche Lage der Palästinenser rapide verschlechterte, wurden Boykotte konsequenter umgesetzt.

Boykotte ab 1929

mini|Artikel im Sentinel, 1929: Berichtet wird über eine erneute Boykott-Initiative des Rutenberg-Projekts, die Aktivität von Boycott Boys und die Gründung palästinensischer Konkurrenz-Unternehmen.

Zweitens zu nennen ist eine Boykott-Welle ab 1929. Nachdem im Zuge der Ausschreitungen in Palästina 1929 mehrere Dutzend Araber von britischen Sicherheitskräften getötet worden waren, erwog die aus den Arabischen Kongressen hervorgegangene Arabische Exekutive die Ausrufung eines Nationalstreiks, konnte jedoch vom Hochkommissar davon abgehalten werden. Daraufhin rief im September der Jugendverband der Gesellschaft der muslimischen jungen Männer (YMMA) eigenmächtig einen Streik und zusätzlich einen antizionistischen Boykott aus. Der Boykott hatte starken Rückhalt bei Palästinensern; potentielle Boykottbrecher wurden von einer Zuwiderhandlung abgehalten von Jugendlichen, die sich als „boycott boys“ vor jüdischen Geschäften postiert hatten und entweder arabische Geschäfte empfahlen oder, wenn dies nicht ausreichte, Gewalt anwandten, außerdem jüdische Geschäfte vandalisierten. Zusätzlich befeuert wurde der Boykott durch Texte des YMMA-Aktivisten und Herausgeber der Jerusalemer Zeitung Mir'at al-Sharq, Akram Zuaiter, der in diesen für die Umsetzung von zivilem Widerstand à la Mahatma Gandhi warb. Von der geplanten Nachahmung von Gandhis Salzmarsch konnten die Briten Zuaiter und einige Freiwillige nur abhalten, indem sie Zuaiter als Herausgeber absetzten und nach Nablus exilierten; der Boykott selbst währte mehrere Monate, bevor ihm Briten mit der Hilfe von Zionisten durch Inhaftierung von Aktivisten ein Ende machen konnten.