mini|„Lache, und die Welt lacht mit Dir“ (Vignette aus Carringtons Flagellation in France, 1898) Charles Carrington (geboren als Paul Henri Ferdinando am 11. November 1867 in Bethnal Green, London; gestorben am 15. Oktober 1921 in Ivry-sur-Seine, Île-de-France) war ein britischer Verleger von erotischer Literatur und Pornografie. Er veröffentlichte im Lauf von 30 Jahren von Paris und Belgien aus insgesamt etwa 300 Titel in englischer Sprache, häufig flagellantischen Inhalts.
Leben
Anfänge Seine Eltern waren John Isaac Ferdinando (1822–1904), ein Handelsreisender portugiesisch-jüdischer Abstammung, und Sarah Elizabeth Cox, geb. Laxton (1834–1890). Er wuchs in einer großen Familie auf und war das sechste von acht Kindern, fünf Brüder und drei Schwestern. Seine Laufbahn als Buchhändler soll er mit einem Bücherkarren auf dem Farringdon Market begonnen haben.Peter Mendes: Clandestine Erotic Fiction in English, 1800-1930. 1993, S. 32. Bethnal Green, das Viertel, in dem er geboren wurde, galt seinerzeit als von Armut und Kriminalität geprägt. Das galt aber nicht für den Wohnort der Familie, St. Peter’s Street (heute Cephas Street), wo hauptsächliche Handwerker und kleine Gewerbetreibende lebten, Ferdinando wuchs also vermutlich in geordneten Verhältnissen auf.Colette Colligan: A Publisher's Paradise. 2014, S. 69f. Im November 1883 mit eben 16 Jahren ließ er sich taufen. Zu diesem Zeitpunkt war die Familie nach Mile End Old Town im East End gezogen, damals einem Viertel mit Einwanderern, Arbeitern und einem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil. Am 17. September 1891 heiratete er in Paris Jeanne Héloïse Espargillière (1869–1902). Das Paar hatte drei Kinder: George Paul (1892–1963), Marie Josephine (* 1893) und Louis Frédérick (* 1896). Die Familie lebte zunächst in Prittlewell, einem Dorf in Essex.
Es ist nicht klar, was Ferdinando Anfang der 1890er Jahre genau tat und wo er lebte. Peter Mendes nimmt an, dass er schon zu dieser Zeit in den Handel mit pornografischer Literatur involviert war, eventuell im Auftrag anderer Buchhändler in diesem Bereich wie Edward Avery, William Lazenby und Leonard Smithers, die nach dem Post Office (Protection) Act von 1884 von Paris, Belgien und den Niederlanden aus operierten und ihre Bücher klandestin per Postversand vertrieben. Ferdinando könnte in dieser Zeit auch an der Publikation der unter dem Pseudonym „Walter“ erschienenen erotischen Autobiografie My Secret Life als Mittelsmann zwischen dem Autor und Auguste Brancart beteiligt gewesen sein.Peter Mendes: Clandestine Erotic Fiction in English, 1800-1930. 1993, S. 32. Für Ferdinando hätte sich durch solche Kontakte jedenfalls die Möglichkeit eröffnet, ein relativ breites Spektrum an literarischen, sprachlichen, wissenschaftlichen und buchhändlerischen Kenntnissen anzueignen.
Die Mittel, mit denen sich Ferdinando später als Buchhändler und Verleger in Paris etablieren konnte, stammten aber vermutlich aus einer anderen Quelle. Unter verschiedenen angenommenen Namen wie Charles Stanhope oder Charles Brandon und unter wechselnden Anschriften trat Ferdinando Anfang der 1890er als Börsenhändler auf und versandte breit gestreut Werbeschriften, in denen er formidable Gewinne versprach. Tatsächlich begnügte man sich damit, die Anlegergelder einzunehmen, ohne irgendwelche Transaktionen und Spekulationen auszuführen. Man bezeichnete solche betrügerischen Geschäfte als bucket shops, das waren Firmen, die statt das Geld der Anleger arbeiten zu lassen, es in einen Eimer (bucket) taten, aus dem man sich bediente, bis es an der Zeit war, Name und Anschrift wieder zu wechseln. An diesen Geschäften waren auch seine Brüder George Samuel und Frederick beteiligt. Als die Financial Times mehrfach die Machenschaften der Brüder Ferdinando thematisierte und George Samuel und Frederick in Dublin angeklagt und zu Gefängnis verurteilt wurden, musste Ferdinando befürchten, demnächst selbst ins Visier der Behörden zu geraten, zumal ein Großteil der eingenommenen Gelder offenbar durch seine Firma geflossen war.Colette Colligan: A Publisher's Paradise. 2014, S. 71ff.
Paris mini|Anzeige von Carrington im New York Herald (1903) Um 1895 ließ Ferdinando sich daher unter dem Namen Charles Carrington als Buchhändler und Verleger in Paris in der 32 rue Drouot nieder, ab 1896 dann in der 13 rue de Faubourg Montmartre. Hier begann er, erotische Literatur in englischsprachigen Ausgaben zu verlegen. Die offiziellen Stellen in Frankreich hatten wenig Interesse an der Unterdrückung offensichtlich für den Export nach Großbritannien und Amerika bestimmter Pornografie. Er publizierte Klassiker viktorianischer Pornografie wie Venus in India oder The Yellow Room, aber auch Originalausgaben wie The Memoirs of Dolly Morton oder Suburban Souls, die zu seinen erfolgreichsten Titeln zählten, daneben zahlreiche Übersetzungen aus dem Französischen, darunter diverse flagellantische Romane von Georges Grassal aka Hugues Rebell, die unter dem Pseudonym Jean de VilliotJean de Villiot war wie auch Jacques Desroix ein Verlagspseudonym Carringtons. Vgl. Colette Colligan: A Publisher's Paradise. 2014, S. 99. erschienen. Als Oscar Wilde nach seiner Verurteilung wegen Homosexualität 1895 in England verpönt und geächtet war, druckte Carrington dessen Roman Das Bildnis des Dorian Gray in Paris nach.Colette Colligan: A Publisher's Paradise. 2014, S. 67. Bevorzugtes Thema war Flagellation in allen möglichen Spielarten und Kontexten. Neben der „englischen Erziehung“ waren die orientalischen Harems und die amerikanischen Plantagen beliebte Schauplätze für die genussvoll ausgemalte Züchtigungsrituale. Neben England wurden dabei die USA zu einem wichtigen Exportziel, wobei sich St. George Best als Mittelsmann für Carrington als besonders nützlich erwies.Colette Colligan: Anti-Abolition Writes Obscenity. In: Lisa Z. Sigel: International Exposure. Perspectives on Modern European Pornography, 1800-2000. Rutgers University Press, 2005, ISBN 0-8135-3519-0, S. 83.
Neben Dutzenden flagellantischer Romane erschienen bei Carrington auch Übersetzungen von antiken Werken, zum Beispiel der Goldenen Esel des Apuleius, Übersetzungen aus dem Arabischen, mit denen er sich an den großen Erfolg der Übersetzung von Tausendundeine Nacht von Richard Francis Burton anlehnte, zum Beispiel The Book of Exposition (1896), die Übersetzung eines as-Suyūtī zugeschriebenen arabischen Werks des 15. Jahrhunderts. Nebenbei verwendete Carrington unberechtigterweise Burtons Imprint Kama Shastra Society of London and Benares, unter dem Burtons Übersetzungen von 1001 Nacht und Der parfümierte Garten erschienen waren, für ganz andere Titel, zum Beispiel eine Ausgabe von Clelands Fanny Hill.
Von Anfang an gehörten auch „wissenschaftliche“ Werke zu Carringtons Programm, also sich einen wissenschaftlichen Anschein gebende halb- oder pseudowissenschaftliche Werke, die den interessierten Leser über die einschlägigen Sitten und Gebräuche fremder Völker oder exotische bzw. bizarre Sexualpraktiken zu informieren vorgaben. Eines dieser Werke veranlasste schon 1897 die renommierte medizinische Zeitschrift The Lancet dazu, vor „Pornographie“ zu warnen, die sich „einen halbwissenschaftlichen Anschein“ gibt. Das betreffende Werk war Untrodden Fields of Anthropology (1896) eines Dr. Jacobus X., hinter dem Pseudonym steckte Louis Jacolliot, Autor zahlreicher fragwürdiger pseudowissenschaftlicher Schriften, der zum Beispiel behauptete, Menschen würde über eine sogenannte Vril-Kraft verfügen. Dieser auf den Roman The Coming Race von Edward Bulwer-Lytton zurückgehende Humbug wurde auch von der Theosophie-Gründerin Helena Petrovna Blavatsky rezipiert.A Purveyor of Garbage. In: The Lancet 6. März 1897, S. 681. Vgl. Sarah Bull: A Purveyor of Garbage? Charles Carrington and the Marketing of Sexual Science in Late-Victorian Britain. In: Victorian Review 38.1 (Frühjahr 2012), S. 55f.
mini|Titel von Carringtons Ausgabe von Oscar Wildes The Piture of Dorian Gray (1901) Schließlich gehörten auch zeitgenössische französische Schriftsteller, vor allem aus den Kreisen der Bohèmiens und Décadents, zu den von Carrington in englischer Übersetzung publizierten Autoren, zum Beispiel Werke von Anatole France, Jules Barbey d’Aurevilly und Pierre Louÿs. Umgekehrt brachte er Werke von Oscar Wilde in französischer Übersetzung heraus. Und schließlich veröffentlichte er Werke des im Londoner Exil lebenden Hector France auf Französisch. Insgesamt machte er sich so um den literarischen Internationalismus und den kulturellen Austausch zwischen England und Frankreich verdient, auch wenn die entsprechenden Behörden seine Tätigkeit nicht als verdienstvoll betrachteten. Das französischsprachige Programm Carringtons bestand jedoch nicht nur aus Übersetzungen englischer Autoren, sondern auch französische und belgische Autoren wie Maurice Maeterlinck erschienen bei Carrington in ihrer Originalsprache, zuletzt Les Fleurs du Mal von Charles Baudelaire 1917.
Um sich einen Begriff von der verlegerischen Spannweite Carringtons zu machen, solle man sich „vorstellen, dass Hugh Hefner nicht nur den Playboy verlegt, sondern auch das American Journal of Anthropology und die Romane von John Updike“, schreibt Paul Douglas.„Perhaps one should imagine Hugh Hefner publishing not only Playboy, but the American Journal of Anthropology and the novels of John Updike.“ Paul Douglas: Charles Carrington and the Commerce of the Risque. In: International Journal of the Book Bd. 4, Nr. 2 (2007), S. 64. Zitiert nach: Colette Colligan: A Publisher's Paradise. 2014, S. 99. Dieser beschreibt Carrington weiter als einen „scharfsinnigen und erfolgreichen Verleger, Vermarkter und Verkäufer von Büchern“ und als „Vorreiter der Verleger des 20. Jahrhunderts, die sich gegen die vorherrschende Zensur jeglicher Literatur mit sexuellem Inhalt auflehnten, die als anstößig für die Allgemeinheit angesehen wurde.“Colette Colligan: A Publisher's Paradise. 2014, S. 93.
Man würde sich also eine ganz falsche Vorstellung von Carringtons verlegerischer Tätigkeit machen, wenn man ihn für einen reinen Pornographen hielte, der billig produzierten Schmutz und Schund bei Nacht und Nebel nach England verschifft. Zunächst einmal waren die von Carrington produzierten Bücher in der Regel nicht billig, sondern genügten höchsten bibliophilen Ansprüchen, waren auf Van-Gelder-Bütten gedruckt und von namhaften Künstlern illustriert. Zahlreiche Bücher waren von Martin van Maële illustriert. Weitere Illustratoren waren Paul Avril, William Adolphe Lambrecht, Léon Lebègue, Louis Malteste, Émile Mas, Alfred Plauzeau, Léon Roze, Charles Thévenin und Édouard Zier. Die Preise waren entsprechend hoch und lagen bei 1 bis 2 Guinees für englische und 20 bis 30 Franc für französische Titel.Das sind im Jahr 1903 etwa 125 bis 250 britische Pfund nach heutiger Kaufkraft. Vgl. Colette Colligan: A Publisher's Paradise. 2014, S. 104. Neben diesen bibliophilen Luxusausgaben produzierte Carrington geeignete Titel aber auch als preisgünstige Ausgaben im Duodezformat.
Verfolgung und Exil in Belgien Ab den 1880er Jahren war das Klima für Verleger erotischer Literatur in England zunehmend unfreundlich geworden. Eine moralische Panik, entstanden durch von der Presse aufgebauschte bzw. produzierte Fälle sogenannte „weißer Sklaverei“, wobei sich William T. Stead von der Pall Mall Gazette mit seiner Artikelserie The Maiden Tribute of Modern Babylon ganz besonders hervortat, führte 1885 zur Gründung der National Vigilance Association (NVA), die sich nicht nur gegen „weiße Sklaverei“ richtete, also die angeblich verbreitete sexuelle Sklaverei weißer Mädchen und der Handel mit solchen in Londoner Bordellen, sondern auch einen Zusammenhang mit der Verbreitung von Pornographie behauptete und daher die Bekämpfung von Pornographie mit auf ihre Fahnen schrieb.