mini|hochkant|Selbstbildnis (1926) Marian Antoni Ruzamski (* 2. Februar 1889 in Lipnik, Österreich-Ungarn; † 8. März 1945 im KZ Bergen-Belsen) war ein polnischer Maler, Zeichner und Kunstpädagoge. Bekannt wurde er vor allem durch die in Auschwitz entstandene Auschwitz-Mappe, eine Serie von Porträts, die heute als eines der eindrücklichsten künstlerischen Zeugnisse aus einem Konzentrationslager gilt.
Leben Ruzamski entstammte einer jüdisch-französisch-polnischen Familie. Sein Vater war der Notar Antoni Mazur († 1928) und seine Mutter war die französischstämmige Jüdin Wanda Eufrozyna Neuman (geborene Plassiard). Der Vater hatte 1891 den Familiennamen Ruzamski angenommen, was einem Anagramm zu Mazur ↔ Ruzam mit dem Anhang einer typisch polnischen Endung -ski entsprach.
Ruzamski studierte ab 1908 an der Akademie der Bildenden Künste in Krakau, zunächst bei Stanisław Dębicki und später bei Leon Wyczółkowski und Jacek Malczewski, sowie Kunstgeschichte und Jura an der Jagiellonen-Universität. Zudem errang er in einem Malwettbewerb den ersten Preis, der ihm zu einem Studienaufenthalt in Paris verhalf, wohin er im April 1914 reiste. Hier erhielt er die Erlaubnis im Louvre Bilder berühmten Meister zu kopieren. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs musste er als Bürger Österreich-Ungarns Frankreich verlassen und kehrte zu seinen Eltern nach Tarnobrzeg zurück. Dort wurde er im Mai 1915 von russischen Truppen nach Charkow verschleppt, wo er zunächst in der Gogolstraße und später außerhalb der Stadt wohnte. Hier durften sich die gefangenen Polen frei bewegen und er malte Blumenbilder und Porträts, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch er verfiel zunehmend in Depressionen und kehrte nach dem Kriegsende über Piotrogrod heim.
In seinen frühen Arbeiten verbinden sich Symbolismus, Impressionismus und Elemente der Bewegung Junges Polen. Er wechselte von der Öl- zur Pastellmalerei und Bleistiftzeichnung. Zwischen 1922 und 1928 lehrte er als Assistent an der Fakultät für Architektur die Fächer Innenarchitektur, Malerei und Zeichnen an der Technischen Hochschule in Lemberg. Er stellte seine Werke unter anderem in Polen und in der Tschechoslowakei aus. 1928 kehrte er als freischaffender Künstler Tarnobrzeg zurück und schuf vor allem Aquarelle, Landschaftsbilder, Porträts und Stillleben. Im Haus der Familie Pawlas lernte er den Schriftsteller Stanisław Piętak, den Literaten Andrzej Piwowarczyk (1919–1994) und den Maler Stefan Żechowski und weitere Personen kennen.
Seit den 1930er Jahren litt er zunehmend unter Depressionen. Am 4. April 1943 wurde Ruzamski von der Gestapo verhaftet, zunächst verhört und dann über Tarnów am 23. Mai 1943 in das Konzentrationslager nach Auschwitz deportiert, wo er als Häftling Nr. 122843 registriert wurde. Im Lager porträtierte er mehrere Mithäftlinge, darunter auch seinen Freund den Bildhauer Xawery Dunikowski. Etwa ein halbes Jahr vor dem Ende des Krieges wurde Ruzamski auf einen Todesmarsch nach Wodzisław Śląski und von dort nach Bergen-Belsen verschleppt, wo er schließlich 1945 an Unterernährung und Entkräftung starb.
Die Mappe mit seinen Skizzen, die er selbst als Auschwitz-Mappe bezeichnete, und die er seit der Ankunft in Bergen-Belsen ständig bei sich trug, konnte durch den aus Paris stammenden Polen Dr. Brabander gerettet werden, der selbst kurz nach der Befreiung des Lagers starb. Ruzamski hatte die Mappe mit den unter lebensbedrohlichen Umständen entstandenen Zeichnungen Janina Pawlas gewidmet. Dr. Brabander übergab sie seinem damals 19-jährigen Sohn Roman Brabander, der die Mappe mit nach Paris nahm. Darin fand er die handgeschriebene Adresse von Janina Pawlas in Tarnobrzeg und ließ Frau Pawlasowa die Bilder zukommen, die sie schließlich 1962 dem Museum Auschwitz-Birkenau stiftete.
Nachwirkung Im Jahr 2025 wurde auf Initiative des Auschwitz-Überlebenden Marian Turski im Zentrum für verfolgte Künste in Solingen die Ausstellung Marian Ruzamski. Kunst der Erinnerung gezeigt.Jürgen Joseph Kaumkötter, Tadeusz Zych: Marian Ruzamski 1889–1945: die Kunst der Erinnerung = Marian Ruzamski 1889-1945 : sztuka pamięci. Sie wurde von Jürgen Kaumkötter kuratiert und in Kooperation mit Tadeusz Zych, dem Direktor des Tarnowski Schloss-Museums Tarnobrzeg, realisiert. Die Ausstellung machte Ruzamskis Werk erstmals in größerem Umfang einem internationalen Publikum zugänglich. Die Mappe enthält 47 Porträts von Mithäftlingen und Lagerärzten, davon vier als Aquarelle und einen Lebenslauf. Seine präzise Aquarell- und Zeichentechnik verleiht den Porträts eine stille Würde und eindrucksvolle Unmittelbarkeit.
Zu den porträtierten gehörten unter anderem: Edward Biernacki (7. August 1909 – 15. August 1940) Xawery Dunikowski (24. November 1875 – 26. Januar 1964) mehrere Porträts Mieczysław Kościelniak (29. Januar 1912 – 5. März 1993)
Werke (Auswahl) In den Jahren 1919 bis 1922 schuf er mehrere Architektur- und Stadtansichten in Krakau. Ansicht der Marienkirche in Krakau Der Krakauer Marktplatz Der Wawel Porträts Porträt seiner Mutter Wanda 1932: Janina Pawlasowa Hania Mancewicz
Literatur Agnieszka Sieradzka: Art beyond Suffering. Artistic Expression in Auschwitz. Państwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim 2015.
Jürgen Joseph Kaumkötter, Tadeusz Zych: Marian Ruzamski 1889–1945: die Kunst der Erinnerung = Marian Ruzamski 1889-1945 : sztuka pamięci. Vorwort Marian Turski. Zentrum für verfolgte Künste, Solingen 2025.
Weblinks
Ausstellung: Marian Ruzamski. Kunst der Erinnerung (Zentrum für verfolgte Künste) Nach über 100 Jahren wird das Werk von Marian Ruzamski erstmals wieder in seiner polnischen Heimat gezeigt (mkw.nrw) Deutsch-Polnische Fachtagung zu Leben und Werk von Marian Ruzamski (antisemitismusbeauftragte.nrw)
Einzelnachweise
Kategorie:Maler (Polen) Kategorie:Hochschullehrer (Lwiw) Kategorie:Häftling im KZ Auschwitz Kategorie:Todesopfer im KZ Bergen-Belsen Kategorie:Opfer des Holocaust Kategorie:Person (Cisleithanien) Kategorie:Pole Kategorie:Geboren 1889 Kategorie:Gestorben 1945 Kategorie:Mann