Das Glück der anderen (Originaltitel: A Prayer for the Dying) ist ein 1999 erschienener Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Stewart O’Nan. Die deutsche Übersetzung von Thomas Gunkel erschien erstmals 2001 im Rowohlt Verlag. Kurzbeschreibung In der US-Kleinstadt Friendship bricht die Diphtherie aus. Der Sezessionskriegs-Veteran Jacob Hansen, seines Zeichens Ortspolizist, Leichenbestatter und Prediger, verbreitet unwissentlich als subklinischer Krankheitsüberträger die Seuche in der eigenen Familie und der ganzen Ortschaft. Hinzu kommt ein Großbrand aus den umliegenden Wäldern. „Am Ende schlagen die apokalyptischen Wellen der Seuche und des Feuers über Friendship zusammen, und niemand wird entkommen“,Knut Wenzel: Das Glück der anderen. In: Andreas-Pazifikus Alkofer (Hrsg.): Suche Glück! – Aber jage ihm nach? Philosophische und theologische Spuren eines grundlegenden Handlungsmotivs. Academic Press, Fribourg 2004. ISBN 3-7278-1502-7. S. 104–112. Hier S. 106 (pdf). außer Hansen, der durch seinen Versuch, das Glück und die Rettung anderer Mitmenschen zu bewirken, als Beschleuniger von Elend und Tod fungiert. Inhalt Vorgeschichte Der „Du“-Erzähler Jacob Hansen ist ein Nordstaaten-Veteran, der im Sezessionskrieg diverse Gräuel miterlebt hat. Ein Tiefpunkt: tagelanges Siechtum und Tod eines aus Norwegen stammenden Kriegskameraden, den Hansen mit Pferdefleisch gefüttert hat. „Nachdem der kleine Norweger gestorben war, konntest du immer noch hören, wie er um etwas zu essen bat.“Stewart O’Nan: Das Glück der anderen. Roman (=Die Brigitte-Edition, Band 20.) Deutsch von Thomas Gunkel. Lizenzausgabe. Gruner und Jahr, Hamburg 2006. ISBN 3-570-19532-5. S. 175. Hansen behütete den Norweger auch nach dessen Tod. „Du hast nicht zugelassen, dass ihn jemand anrührt. Du hast seine Ärmel zugeknöpft, damit niemand die Stellen an seinen Armen sehen konnte, wo du nachts, wenn alle schliefen, Fleischstreifen abgeschnitten hast“, um sie zu essen.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 233. Nach dem Krieg scheint der Ex-Kannibale Hansen jedoch in einer glücklicheren Realität angekommen: Er ist in Personalunion Ordnungshüter, Prediger und Leichenbestatter in der US-Ortschaft Friendship und sieht alle seine drei Tätigkeiten als „artverwandt“ an, „als Möglichkeit, das Paradies zu preisen und Gott dafür zu danken.“O’Nan, Das Glück der anderen, S. 9. Örtlich sind zwei der drei Tätigkeiten direkt beieinander untergebracht: oben das Sheriff-Office, unten die Sargschreinerei, gleichzeitig Einbalsamierungsraum,O’Nan, Das Glück der anderen, S. 32. und nebenan wohnt und praktiziert der örtliche Arzt Doktor Guterson, „neben Hansen die wichtigste öffentliche Figur und ordnende Autorität in der Stadt“, mit der Hansen sich identifiziert: „Dein Verantwortungsgefühl hängt nicht nur von deiner Arbeit ab. Es ist deine Stadt, es sind deine Leute“, selbst wenn er von denen als verschroben angesehen sein sollte: Anders als seinesgleichen reitet er nicht, sondern fährt mit dem Fahrrad oder einer Eisenbahn-Draisine „über die rostigen Bergwerksgleise“, denn er ist seit dem Krieg nicht mehr gern mit Pferden zusammen. „Was verständlich ist, da du sie während der Belagerung essen, dich zum Schutz in ihre warmen, toten Eingeweide wühlen musstest“.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 10. Und ebenso, wie der von Hansen stückweise verspeiste Norweger mit Hansen geredet hat, redet Hansen nun mit seinen Leichen: „Mit den Toten zu reden ist eine schlechte Angewohnheit. Marta sagt, du sprichst mit ihnen mehr als mit den Lebenden“.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 15. Marta ist seine Frau, mit der Hansen eine äußerst harmonische Ehe führt: „Du kannst nicht streiten; das ist eine deiner Schwächen. Nach dem Krieg hast du deine Kampflust, deinen Willen verloren, dich bei Kleinigkeiten durchzusetzen. Deine Strategie ist, sie glücklich zu machen, Frieden zu bewahren“,O’Nan, Das Glück der anderen, S. 37. ebenso wie er alle anderen Menschen möglichst glücklich machen will, denn er sieht sich als frommen „Glückspilz“,O’Nan, Das Glück der anderen, S. 44. denkt, „wie wunderbar die Welt ist und was für ein Glück du hast, und du wirst Gott danken“.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 27–28. Doch ganz frei von Zweifeln an seinem Glauben und seinem Verstand ist Hansen nicht: „Der endlose Kampf zwischen Glaube und Zweifel ist zu mühsam, zu ermüdend. Du glaubst, dass er dich letztlich zugrunde richten wird, doch er ist seltsamerweise das Einzige, was dich aufrechterhält – auch wenn du manchmal das Gefühl hast, verwirrt, ja sogar ein bisschen verrückt zu sein. Jacob, der verrückte Leichenbestatter. Ein frommer Narr.“O’Nan, Das Glück der anderen, S. 82. Ausbruch und Verlauf der Epidemie Im Verlauf der Handlung des Romans wird dieser fromm-verschrobene Jacob Hansen sich in einer Art Buch Hiob wiederfinden, „nur ohne Happy End“.„the Book of Job minus the happy ending“ – Andy Duncan, Stewart O’Nan Biography. In: biography.jrank.org. Abgerufen am 30. Mai 2025. Denn am Johannistag,O’Nan, Das Glück der anderen, S. 26. dem 24. Juni 1871 oder 1872,Die letzten Truppen der Konföderierten kapitulierten am 23. Juni 1865, so dass die Äußerung am Johannistag (24. Juni; O’Nan, Das Glück der anderen, S. 26), der amerikanische Bürgerkrieg liege sechs Jahre zurück (S. 13), auf das Jahr 1871 hinzuweisen scheint. Der Tag nach dem Johannistag (also der 25. Juni) ist laut Text ein Dienstag (S. 46). Allerdings war der 25. Juni 1871 ein Sonntag, der 25. Juni 1872 dagegen ein Dienstag. Sofern die Zeitangaben in dem Roman zuverlässig sind und aufgrund der zeitlichen Nähe von Kapitulationsdatum und Johannistag ist daher eher vom Jahr 1872 als Jahr der Handlung auszugehen. hat der am Rande von Friendship lebende Imker Old Meyer hinter einem seiner BienenstöckeO’Nan, Das Glück der anderen, S. 11. einen toten Nordstaaten-Veteranen in zerschlissener UniformO’Nan, Das Glück der anderen, S. 14. gefunden. Der Tote hat „eingesunkene Augen und grün verfärbte Haut“O’Nan, Das Glück der anderen, S. 31. und nach außen gestülpte Taschen, als hätte man ihn durchsucht.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 34. Die Leiche wird von Hansen und einem der Meyer-Söhne abtransportiert. Auf dem Rückweg ins Ortszentrum liegt „eine Frau in den leuchtenden Stoppeln“ eines Felds, auf dem gerade Heu gemacht wurde.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 20. „Ihre Beine sind zerschrammt und blutig, ihre Strümpfe zerrissen.“O’Nan, Das Glück der anderen, S. 21. Die Frau heißt Lydia Flynn. Sie „hustet, ein Speichelfaden hängt ihr am Kinn.“O’Nan, Das Glück der anderen, S. 22. Lydia, ein Mitglied der Friendship benachbarten Erweckungskirche der Holy Light Colony, erklärt Hansen mit delirierenden Worten, sie habe auf dem Feld Jesus gesehen.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 23. Hansen nimmt Lydia Flynn zusammen mit der Männerleiche mit zu Doktor Guterson, der bei dem toten Veteranen Diphtherie diagnostiziert und es für angebracht hält, die diphtherie-verdächtige Lydia Flynn bei sich zu isolieren.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 35. Wieder daheim, lehnt der dienstbeflissene Hansen die Idee seiner Frau Marta ab, der Diphtherie wegen die Ortschaft zusammen mit ihrem Baby Amelia zu verlassen. Am darauffolgenden Dienstag, dem 25. Juni, erhält Hansen die Meldung vom Geschwisterpaar Sullivan, ihre Milchkuh Clytie sei ausgerissen.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 53. Hansen mutmaßt, dass die Rasselbande der „Ramsay-Jungs“ dahinter steckt,O’Nan, Das Glück der anderen, S. 56. doch als er Clytie findet, ist die Milchkuh offenkundig erkrankt und lässt ihr aggressives Verhalten an einem Baum aus. Wer ist dafür verantwortlich? „Nicht die Ramsays. Und dir fällt die Frau im Feld ein, du denkst, dass bei der Krankheit so was wie geistige Verwirrung auftreten muss. Ist das hier auch Diphtherie?“O’Nan, Das Glück der anderen, S. 61. Hansen erschießt das Tier,O’Nan, Das Glück der anderen, S. 62. überlegt zur Wochenmitte mit Doc Guterson, ob man Friendship unter Quarantäne stellen solle,O’Nan, Das Glück der anderen, S. 63. fragt sich, ob bei seinem Amts-Kollegen Bart Cox im benachbarten Ort Shawano schon „ein paar Fälle aufgetreten sind, hoffst, dass es nicht so ist. Aber wenn es bedeutet, dass Friendship verschont bleibt? Du würdest das Glück eines anderen nicht gegen dein eigenes eintauschen, nein, aber wenn du dich wirklich entscheiden müsstest?“O’Nan, Das Glück der anderen, S. 65–66. Am darauffolgenden Freitag,O’Nan, Das Glück der anderen, S. 68. den 28. Juni, ist Lydia Flynn verstorbenO’Nan, Das Glück der anderen, S. 73. und brennt Old Meyers Räucherhaus, Hansen hilft beim Löschen und erfährt, dass jener Meyer-Sohn seit drei Tagen im Fieber läge, der mit Hansen zusammen die Leiche und Lydia Flynn transportierte.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 71. Ebenfalls erkrankt ist die Tochter von Old Meyer, der Hansen mit einer Bauernweisheit konfrontiert: „Sobald einer krank wird, erwischt es alle.“O’Nan, Das Glück der anderen, S. 72. Nachdem Doc Guterson die Meyers besucht hat, stellt er das Haus wegen des Diphtherie-Befalls unter Quarantäne,O’Nan, Das Glück der anderen, S. 85. ist aber mit einer allgemeinen Seuchen-Warnung noch zurückhaltend, weil er denkt, die Bevölkerung würde dann komplett aus Friendship verschwinden und die Krankheit ins Umland verbreiten.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 86. Es wäre besser, noch abzuwarten und Gesamt-Friendship unter eine allgemeine Quarantäne zu stellen, wenn die Seuche schlimmer würde. Ebenso wie Hansen dem Veteranen ein würdiges Begräbnis vorbereitete, tut er es jetzt auch bei Lydia Flynn. In seiner Bestatter-Werkstatt kommt Hansen mit der Leiche in eine Art fingiertes Gespräch, wobei er die Rolle beider Dialog-Partner übernimmt.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 77–78.O’Nan, Das Glück der anderen, S. 81. Damit geht er noch einen Schritt weiter als für ihn üblich: „Mit den Toten zu reden ist eine schlechte Angewohnheit“, doch dass Hansen auch an Stelle der Toten antwortet, ist neu. Und später, nach dem Tod seiner Tochter, wird er definitiv glauben, er hätte tatsächlich mit der Toten geredet: „Die Kleinen erwischt es zuerst, hat Lydia Flynn gesagt.“O’Nan, Das Glück der anderen, S. 125.
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