mini|Das Lötschental bei Blatten am 30. Mai 2025 nach dem Bergsturz. Im Anrissgebiet sind Staubwolken von Nachrutschungen sichtbar. mini|Blatten (2007), Blick von Nord­westen. Die Eis- und Gesteins­massen kamen vom Bergbach, der oben rechts zu sehen ist, und bewegten sich weit auf den gegenüber­liegenden Hang (von wo das Bild gemacht wurde). Mehrere Häuser bei der links sicht­baren Brücke über­standen vorerst das Unglück, versanken aber am folgenden Tag im sich rasch bildenden See. Der Bergsturz von Blatten ist ein am 28. Mai 2025 eingetretener Gletschersturz, bei der das Dorf Blatten im Lötschental im Schweizer Kanton Wallis durch eine Schutt- und Eislawine grossteils zerstört wurde. Das Dorf war Tage zuvor evakuiert worden. Ein 64-jähriger Schafhalter, der sich ausserhalb der Evakuierungszone aufgehalten hatte, ist beim Unglück verstorben. Dem Ereignis gingen mehrere Fels- und Bergstürze aus dem Gebiet des Bietschhorns auf den Birchgletscher, welcher schliesslich unter der zusätzlichen Belastung von mehreren Millionen Kubikmetern Schutt kollabierte, voraus. mini|Bergsturzgebiet mit Blatten, Birch­gletscher und Kleinem Nesthornmap.geo.admin.ch, abgerufen am 9. Juni 2025.

Verlauf Kleines Nesthorn mini|Die Nordwestseite des Bietsch­horns aus dem Lötschental gesehen, davor das Kleine Nesthorn, mit der Zunge des Birch­gletschers mittig und des Nestgletschers rechts, beide unter der Schneegrenze (2019) Seit etwa 2019 war der untere Teil des Birchgletschers, der sich ab etwa dem Jahr 2000 vollständig vom oberen Teil zu trennen begann, um etwa 50 Meter vorgerückt, was wahrscheinlich durch die Last von über eine lange Zeit auf den hinteren Teil der Gletscherzunge gestürztem Gesteinsschutt vom Kleinen Nesthorn verursacht worden war. Bereits nach einem grossen Eissturz vom 18. Dezember 1993 war der Gletscher unter Beobachtung gestellt worden. Zur Risikoeinschätzung hatten Wissenschaftler schon 2022 neben 88 weiteren instabilen Felsgebieten im Kanton Wallis eine Simulation eines Bergsturzes am Kleinen Nesthorn erstellt, welche eine Zerstörung des Ortes Blatten zur Hälfte voraussagte. Mit den «recht einfachen» Modellen dieser Simulation wurde ein kombinierter Bergsturz und Gletscherabbruch nicht abgedeckt.Dominik Balmer, Sebastian Broschinski: Weitere Walliser Dörfer sind gefährdet, Tages-Anzeiger, 16. Juni 2025

Ab dem 14. Mai 2025 wurden Anzeichen von Instabilität an der Flanke des Kleinen Nesthorns beobachtet. Dabei stürzten Felsbrocken auf den Birchgletscher und lösten im Tal des Birchbachs einen Murgang aus, der etwa 500 Meter oberhalb der Talsohle und des Flusses Lonza liegenblieb. Der für Umwelt zuständige Gemeinderat Reto Kalbermatten verglich das Volumen mit dem einer kleineren Lawine.

Das Kleine Nesthorn (Höhe bis zum Bergsturz ) besteht aus komplexen Abfolgen von Gneisen und Amphiboliten. Es ist dem Bietschhorn () in etwa 950 Meter Abstand nordwestlich vorgelagert und von dessen festem Granit tektonisch abgeschert.Theodor Hügi, Hugo Ledermann, Ernst Schläppi: Blatt 1268 Lötschental (Atlasblatt 82) – Erläuterungen. In: Schweizerische Geologische Kommission, Landeshydrologie und -geologie (Hrsg.): Geologischer Atlas der Schweiz 1:25 000, 1988, S. 28 (online).

Evakuierungen in Blatten Nach dem Murgang wurden am 17. Mai 2025 wegen der zunehmenden Steinschlaggefahr im Gelände oberhalb von Blatten 92 Personen evakuiert.

Am 19. Mai 2025 erhielten alle rund 300 Bewohner des Dorfes Blatten und des Ortsteils Ried die Anordnung,Evakuierte in Blatten: «Es ist eine gewisse Angst da», SRF, 19. Mai 2025 innert zweier Stunden und noch vor dem Mittag den Ort zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt wurden auch die meisten Nutztiere aus dem gefährdeten Gebiet getrieben. Medial bekannt wurde die lahmende Kuh Loni, die am 20. Mai als Letzte mit einem Helikopter ausgeflogen wurde.Nach den Kühen werden die Autos ausgeflogen. In: 20 Minuten, 29. Mai 2025. Die beiden Weiler Weissenried und Eisten waren von der Evakuierung nicht betroffen. Auslöser war die Tatsache, dass sich Felspartien am Kleinen Nesthorn in den drei Tagen zuvor um 17 Meter bewegt hatten und ein Kollaps des Gesteins nicht mehr ausgeschlossen werden konnte. Geologen befürchteten einen Abbruch innerhalb von Stunden. Schliesslich rutschte die Nordostflanke des Berges in mehreren Phasen auf den Birchgletscher hinunter.

Blatten war vor der Naturkatastrophe nicht als Risikogebiet auf der Gefahrenkarte des Kanton Wallis ausgewiesen. Als ein solches gilt ein Gebiet, das von Naturgewalten mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von mindestens einmal in 300 Jahren getroffen werden könnte. Ein Berg- und Gletschersturz wie der vom 28. Mai 2025 gilt als ein Ereignis, das mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit auftritt.

Bergstürze vom Kleinen Nesthorn und Zunahme der Gletscherbewegung mini|Kleiner Felssturz am Kleinen Nest­horn am 19. Mai 2025 nachmittags. In der Vergrösserung erkennt man, wie der Berg zerfällt. Weitere Abbrüche ereigneten sich am 19. und 20. Mai. Dabei rutschten insgesamt 1,5 Millionen Kubikmeter Gestein von der Nordostflanke des Kleinen Nesthorns talwärts und kamen auf dem Birchgletscher zu liegen. Durch den grösseren Druck stieg die Fliessgeschwindigkeit des Gletschers bereits am 21. Mai an und betrug laut einem Bericht vom 22. Mai 0,5 bis 0,8 Meter pro Tag. Umgekehrt trugen das Abschmelzen und die Bewegung des Gletschers im unteren Teil der Nesthornflanke zur Instabilität des dortigen Steilhangs bei.Bergsturz von Blatten: Warum der Einfluss des Klimawandels schwer zu greifen ist. NZZ, 4. Juni 2025.

Der Schweizerische Erdbebendienst registrierte ab dem 19. Mai gut ein Dutzend dieser Felsabgänge, die, mit Ausnahme des Hauptereignisses vom 28. Mai, Erschütterungen mit einer indikativen Magnitude zumeist im Bereich um 1,4 und in einer Gesamtstreuung zwischen 0,3 und 1,6 auf der Richterskala erzeugten. Geologen schätzten, dass bis zu fünf Millionen Kubikmeter Gestein nachrutschen könnten.

Am 23. Mai mittags war die Schuttanhäufung auf dem Birchgletscher noch weit genug von der Gletscherstirn entfernt, sodass bis dahin keine grösseren Felsbrocken über die Abbruchkante des Gletschers ins Tal stürzten.

Die Fliessgeschwindigkeit des Gletschers vervielfachte sich bis zum 24. Mai auf 4 bis 4,5 Meter pro Tag, nachdem bis dahin schätzungsweise mehr als zwei Drittel der labilen Felspartien auf den Gletscher gestürzt waren. Am nächsten Tag erreichte dieser Schuttberg eine Höhe von 81 Metern und die Bewegung der Gletscherzunge nahm nochmals rapide zu. Sie betrug am 27. Mai zehn Meter pro Tag. Die örtlichen Behörden schätzten, dass sich etwa neun Millionen Tonnen Schutt (entsprechend etwa 3,5 Millionen m³) auf der Gletscherfläche angesammelt hatten. Der zusätzliche Druck dieses Schutts verstärkte die Bildung von Schmelzwasser, welches als Gleitschicht zwischen dem Eis und dem Untergrund zum beschleunigten Abgleiten des Gletschers in Richtung Tal beitrug. Seit dem 25. Mai brachen immer wieder kleinere Teile der Gletscherstirn ab. Am 27. Mai waren es grössere Eisabbrüche, die aber weit oberhalb des Talbodens zum Stillstand kamen. Am Morgen des 28. Mai erreichte eine Eis- und Schuttmasse erstmals die Lonza. Im weiteren Tagesverlauf überwand sie, nachdem sie das Gerinne des Birchbachs gefüllt hatte, erstmals einen Ablenkdamm, der zuvor normale Schneelawinenabgänge aus dem Birchbachtal nach Westen lenkte. Das über den Damm geströmte Eis- und Schuttgemisch kam jedoch oberhalb des bebauten Gebietes zum Stillstand und richtete lediglich Flurschäden an.

Gletscherabbruch vom 28. Mai 2025 Am 28. Mai glitt ein grosser Teil des Birchgletschers unter dem Druck des auf ihm lastenden Bergsturzmaterials auf dem vermehrt vorhandenen Schmelzwasser an der Gletschersohle ab, stürzte über die Karschwelle hinaus und in die Schlucht des Birchbachs hinunter. Die Schutt- und Eismassen verschütteten in Blatten 130 Häuser wie auch die Kirche, insgesamt etwa 90 Prozent des Dorfs.

Die um 15:24 Uhr aufgezeichneten seismischen Wellen aus dieser Massenbewegung waren in ihrer Stärke vergleichbar mit jenen des Bergsturzes von Bondo im Jahr 2017 und entsprachen in etwa einem Erdbeben der Stärke 3,1 auf der Richterskala., Schweizer Erdbebendienst, ETH Zürich Selbst mehrere hundert Kilometer über die Landesgrenzen hinaus waren die seismischen Signale noch gut messbar.

Das Volumen der mit dem Gletscher ins Tal gestürzten Felsmassen wurden nach dem Vorliegen erster Geodaten und ‑modelle mit sechs Millionen Kubikmeter angegeben, dazu kamen drei Millionen Kubikmeter Eis des BirchgletschersBlatten – Raphaël Mayoraz: «Les masses de débris s’empilent par endroits sur plus de 100 mètres de haut.» Le Nouvelliste, 1. Juni 2025., erste Schätzungen waren von 10 Millionen Kubikmetern Gesamtvolumen ausgegangen.

mini|Die Höhe des überfahrenen Gegenhangs (rechts) aus dem hinteren Tal gesehen Ebenfalls verschüttet wurden die talwärts liegenden Weiler Ried, Oberried und Tännmatten. Der am Gegenhang 200 Meter über dem Talgrund gelegene, nicht evakuierte Weiler Weissenried auf wurde von der Schuttmasse nur knapp verfehlt und blieb weitgehend unversehrt. Dort schoss der Murgang auf der Nordostseite vorbei am Berghang noch weiter hinauf und kam erst knapp vor der Strasse von Weissenried nach Gassun in etwa zum Stehen.Luftbild des Bergsturzgebietes vom 30. Mai 2025 Der Weiler Eisten (), der flussaufwärts von Blatten liegt, blieb unberührt; er befindet sich auf einer Landschaftsterrasse und deshalb auch über dem maximalen Wasserstand des von der Lonza hinter der Bergsturzmasse gebildeten Sees. Die Schutt- und Eismassen bedeckten den Talboden des Lötschentals auf einer Länge von etwa 2,5 Kilometern, auf einer Breite von 50 bis 200 Meter und waren bis zu mehrere Dutzend Meter mächtig, stellenweise 100 Meter. Der Schuttstrom floss flussabwärts bis in das Gemeindegebiet von Wiler hinunter, und die Front der Schuttmassen kam erst im Gebiet «Tänn», einen Kilometer oberhalb von Wiler, zum Stehen.

Ab dem Bergsturz wurde ein 64-jähriger Schafhalter, der im Gebiet «Tännmattä» seine Schafe versorgen wollte, vermisst. Diese Stelle lag 300 Meter ausserhalb der evakuierten Zone und wurde wegen des hohen Wassergehalts der Schutt- und Eislawine dennoch zugeschüttet.«Es wird Tausende Stellen geben, wo sich der Fels bewegt». Tages-Anzeiger, 4. Juni 2025, S. 12. Sein Leichnam wurde am 24. Juni aufgefunden und am 26. Juni eindeutig identifiziert. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis eröffnete nach dem Bergsturz eine Untersuchung über die Umstände, die zum Tod des Schafhalters führten. Auch sollen viele Tiere auf verschütteten Weiden umgekommen sein.

Nachfolgende Ereignisse mini|Aufgestauter See hinter den Bergsturzmassen (Aufnahme 30. Mai 2025, Blick Richtung Südosten)

Stauung der Lonza Aufgrund der Ablagerungen stauten sich die Lonza sowie der Dorfbach Gisentella und bildeten im Gebiet «Teiffu Mattä» bei Blatten einen See. Durch die entstandene Stauung wurden auch bis dahin unbeschädigte Häuser überflutet. Am 29. Mai stieg der Pegel des von der Lonza hinter der Berggsturzmasse gebildeten Sees um etwa 80 cm pro Stunde. Am 30. Mai erreichte der Inhalt des Sees mit 1 Million m³ einen vorläufigen Maximalwert und das Wasser begann, sich einen Weg durch die Ablagerungen zu bahnen; im unteren Bereich des Schuttkegels bildeten sich kleine Seen. Der verantwortliche Geologe des Kantons sprach bei diesem beobachteten langsamen Abfluss auch durch die Schutt- und Eisablagerungen hindurch von einer relativ «günstigen» Entwicklung.Angst vor Flutwelle bleibt – Wasserpegel in Schweizer Lötschental steigt weiter, in: Spiegel, 30. Mai 2024. Noch am selben Tag floss die Lonza über und durch die gesamte Länge des Schuttkegels.10 vor 10 vom 30. Mai 2025 Blatten VS: Abwarten und hoffen, in: 10 vor 10, 30. Mai 2025, Minute 3:05. Am 1. Juni stabilisierte sich der Pegelstand.

Vorsorgliche Teilevakuation in den Gemeinden Wiler, Kippel und Ferden