mini|Rathaus Wattenscheid, Erweiterungsbau aus den 1950er Das Rathaus Wattenscheid besteht aus zwei zeitlich versetzt errichteten repräsentativen Verwaltungsgebäuden. Es war Sitz von Rat und Verwaltung der ehemals eigenständigen Stadt Wattenscheid. Der historische Teil markiert den Übergang einer kleinen Landgemeinde zu einer eigenständigen, wachsenden Industriestadt. Der zweite Bau war Ausdruck des Selbstverständnisses einer modernen Stadt im Rahmen einer Stadtumgestaltung. Eigentlich ein Erweiterungsbau, wurde das wesentlich größere Gebäude das neue Rathaus.

Geschichte der vorherigen Rathäuser von Wattenscheid Vor 1417 erhielt Wattenscheid von Graf Adolf IV. von Kleve-Mark die stadtähnlichen Rechte einer Freiheit. Damit war auch die Wahl eines Bürgermeisters und Rates verbunden. Nach diesem Datum kann man den Bau eines Rathauses vermuten. Nach 1775 entstand das dritte Rathaus an der Stelle der heutigen Oststraße 3. Nachdem die Gemeinde Wattenscheid in der Hochindustrialisierung gewachsen war, erhielt sie 1876 die Stadtrechte.

Das Rathaus von Wattenscheid mini|Altes Rathaus Wattenscheid, links der Ursprungsbau, rechts der erste Anbau. Altes Rathaus Der Wunsch und der Bedarf nach einem neuen, repräsentativeren Rathaus führten zu dem Bau des heute als Altes Rathaus genannte Gebäudes. Dieses wurde im Jahr 1883/84 im Stil der Neo-Renaissance gebaut. Es wurde am damaligen östlichen Rand der Innenstadt errichtet. Vor dem Gebäude verlief vorher der nun zugeschüttete Graben, auf dem nun die Freiheitstraße entlangführte. Die heutige Adresse ist Freiheitsstraße 14.miniDurch das Bevölkerungswachstum in Wattenscheid und die dadurch wachsenden Aufgaben wurde der Bau mehrfach innerhalb kurzer Zeit erweitert. Die erste Erweiterung erfuhr das Rathaus durch den Stadtbaumeister Peter H. Wallrave. Es wurde in den Jahren 1896/97 im selben Baustil mit weiteren vier Achsen auf der rechten Seite, zur Voedestraße hin, um beinahe die ursprüngliche Länge erweitert. Dadurch wurde der südliche Risalit zur neuen Gebäudemitte. Diese neue Achsenfunktion wurde durch den neuen Aufsatz, einen Zwiebelturm, hervorgehoben. Die zweite Erweiterung wurde 1909 fertiggestellt. Dabei wurde der inzwischen zu kleine Sitzungssaal erneuert und erweitert. Bei der dritten Erweiterung wurde 1923 das Dachgeschoss ausgebaut.

Bei dem Bombenangriff im Rahmen des Battle of the Ruhr im Zweiten Weltkrieg wurde das Rathaus in der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1943 getroffen und der Ratssaal zerstört.

Ein weiterer Anbau erfolgte beim Wiederaufbau nach dem Krieg. Für den neuen Sitzungssaal wurden schlichte und einfache Formen und Linienführung gewählt. Als dominierender Baustoff wurde Eichenholz gewählt. Auch die Stühle der Ratsmitglieder sind aus Eichenholz und mit grünem Leder bezogen. Der Rat konnte am 21. September 1951 im Sitzungssaal zum ersten Mal tagen. mini|Oben Zustand von 1952 mit dem Alten Rathaus, unten der Zustand von 1969 nach der Stadtsanierung

Erweiterungsbau / Neues Rathaus Bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit zeigte es sich, dass das alte Rathaus für eine moderne Stadtverwaltung einer in Wachstum begriffenen Stadt zu klein war. Es wurde beschlossen einen bündig an das alte Gebäude anschließenden Bau zu errichten. So gesehen ist das neue Rathaus ein Erweiterungsbau. Der Bau des Rathauses ist auch in den Stadtumbauplänen zu sehen, welche 1955 vom Wattenscheider Rat beschlossen wurden. Die Pläne stammten von den Architekten B.D.A. Dr. Seidensticker und Dr. Wasserfurth. Der damaligen Zeit entsprechend wurde ohne Rücksicht auf historische Bausubstanz die Innenstadt neu geordnet und neue Straßen angelegt. Dabei wurde auch über mehrere Jahre die neue Friedrich-Ebert-Straße als breite Umfahrung der Innenstadt angelegt. Durch diese Planung entstand auch der großzügige Rathausvorplatz.

Nach den Entwürfen des Stadtbaurats Georg Vinzelberg vom Städtischen Hochbauamt Wattenscheid begannen am 19. September 1955 die Bauarbeiten zur Erweiterung des Rathauses. Am 7. Juli 1956 wurde das Richtfest gefeiert, und am 21. November 1957 konnte der Neubau in einer feierlichen Zeremonie, eingeweiht und übergeben werden. Anwesend war auch der damalige Regierungspräsident Ernst Schlensker, welcher vor seiner Zeit als Regierungspräsident Kommunalbeamter in Wattenscheid tätig war.mini|Das Rathaus in Wattenscheid. Man erkennt den Charakter eines Erweiterungsbaus, auch wenn dieser wesentlich größer ist, an dem Alten Rathaus anhand des Übergang.Der neue Teil wurde als Anbau bezeichnet, wurde aber stillschweigend das neue Rathaus, was auch durch die Einrichtung der Amtszimmer des Oberbürgermeisters und des Oberstadtdirektors in dem Bau bestätigt wurde. Neben diesen Räumen umfasste der Anbau zudem 83 weitere Büro- und Verwaltungsräume, die sich über vier Geschosse verteilten. Insgesamt bestanden in den Gebäuden nun 150 Räume.Beschreibung des Rathaus Wattenscheid in Filmlocations, Homepage der Stadt Bochum Schnell wurde der neue Verwaltungspalast von den Wattenscheidern als Tintenpalast bezeichnet.

Das neue Rathaus stellt ein repräsentatives Beispiel für die Bau- und Gestaltungstrends der späten 1950er Jahre dar. Durch neue Materialien und Designideen entstand eine neue Art der Gestaltung, die die moderne und demokratische Struktur einer Verwaltungseinrichtung in einem Gebäude nach dem Wiederaufbau widerspiegelte.

Weitere Geschichte Anlässlich des 100-jährigen Geburtstags des Rathauses wurde auf dem Vorplatz vor dem Erweiterungsbau am 8. September 1984 eine Glocke des Bochumer Vereins aus dem Jahr 1895 von Oberbürgermeister Heinz Eikelbeck übergeben.

Die beiden Gebäude wurden gleichzeitig unter den Nummern A 185 und A 186 im Januar 1991 in die Denkmalliste der Stadt Bochum eingetragen. Beide Gebäude sind unter der Adresse des Erweiterungsbaus eingetragen. Bei dem Alten Rathaus spielen die Stadtentwicklung und die Verwaltungsarchitektur unter der Neorenaissance eine Rolle, bei dem Neubau wird der unveränderte Charakter als typische Bauleistung der 1950er Jahre erwähnt.

Heute tagt hier die Bezirksvertretung Wattenscheid und weiterhin befinden sich hier Räume der städtischen Behörden. Es befindet sich hier auch ein Trauzimmer der Stadt Bochum.

Baubeschreibung mini|Treppenhaus im Neuen Rathaus

Der Erweiterungsbau Der viergeschossige, konvex geschwungene Stahlbetonskelettbau ragt unter einem vorkragenden Flachdach hervor. Von jeweils zwei leicht zurückgesetzten Seitenflügeln wird der Hauptkörper eingerahmt. Sowohl der Erweiterungsbau als auch der historische Trakt mit dem Ratssaal haben eine Verkleidung aus roten Klinkerriemchen. Die Fassade an der Straße wirkt fast aufgelöst durch die hochrechteckigen Fenster, die seriell und rasterartig angeordnet sind. Das Hauptportal ist mittig platziert und hat eine Eingangstreppe. Die hintere Seite übernimmt die dynamische Form der Vorderseite und spiegelt sie konkav wider. Das halbrunde, verglaste Treppenhaus tritt hier hervor und markiert den Kern des Gebäudes. Die dynamische Formensprache wird im Treppenhaus weitergeführt. Die Spindeltreppe hat ein filigranes Geländer, von dem die langen, geschwungenen Flurarme strahlenförmig abgehen.mini|Gertrudisfenster im Alten Rathaus

Künstlerische Gestaltung / Kunst am Bau Im Alten Rathaus wurde im Treppenhaus um das Jahr 1900 ein Glasfenster der städtischen Schutzheiligen Gertrud von Nivelle eingebaut, welches von der Glasmalerei Dr. H. Oidtmann stammt. Den Zweiten Weltkrieg überlebte das Fenster, da es 1937 gegen ein Fenster mit Hakenkreuzmotiv ausgetauscht wurde, das zerstört wurde. Das Gertudisfenster lag geschützt im Keller, es konnte 1946 wieder eingesetzt werden. Das Fenster wurde 1997 und 2000 restauriert und saniert.

Im Erweiterungsbau wurde auf den vier Etagen an den Wandflächen des Treppenhauses je ein zeittypisches Mosaik von Wattenscheider Künstlern angebracht. Mit der Kunst am Bau sollte das Rathaus geschmückt werden, als auch die Künstler gefördert werden. Bei den Mosaiken hatten die Künstler freie Hand, es sollte lediglich nicht die ganze Wandfläche in Anspruch genommen werden.

Im Erdgeschoss befindet sich ein Mosaik des freischaffenden Künstlers Heinrich Rudolph (1901–1965) welcher viele Kunstwerke im öffentlichen Raum gestaltet hat, die teilweise nicht mehr existieren. Es ist somit ein erhaltenes prominentes Werk dieses Künstlers. Auf dem Mosaik wird künstlerisch der häufig dargestellte Wandel von der landwirtschaftlichen Region (Frau mit Ernte auf dem Feld) den arbeitenden Bergleuten entgegengestellt. Verbindendes Element sind ein stilisierter Förderturm und ein Gasometer. Die Stahlindustrie findet keine direkte Darstellung, sie hatte in Wattenscheid auch keine so große Bedeutung wie in den Nachbarstädten.

In der ersten Etage befindet sich ein Mosaik von Hermann Metzger (1919–2012), welches das Wattenscheider Panorama in kantigen und eckigen Formen darstellt. Die Figuren von Frau, Kind und Mann sind dazu im Gegensatz in weichen und runden Konturen. In der zweiten Etage befinden sich Mosaikbänder von Werner Habig (1924–1990), welche in verschiedenen abstrakten Motiven das Leben in der Ruhrgebietsstadt charaktervoll darstellen. In der dritten Etage befindet sich eine weitere Darstellung der Gertrud von Nivelle, die das in moderner Formsprache ausgeführte Pendant zu dem Fenster in dem Alten Rathaus ist. Dieses colorierte Stadtwappen wurde von August Czoske ausgeführt.

Für den Ratssaal wurde an der fensterlosen Rückwand ein großes Fresco durch den Essener Maler van Heekern hergestellt. Es zeigt ein klassisches, öfter verwendetes Panorama der Stadt Wattenscheid um 1900. Auch hier wurde der Gegensatz Bergbau und Landwirtschaft gewählt.

Galerie

Erinnerungskultur mini|Erinnerungstafel an Oberbürgermeister Paul Ueberhorst Im Jahr 1986 wurde eine Erinnerungstafel an den 40. Jahrestag des demokratischen Neubeginns in dem Jahr 1946 am Rathaus angebracht. Die Tafel wurde im Oktober 1992 schwer beschädigt.WAZ Wattenscheid, 26. Oktober 1992 Die beschädigte Tafel befindet sich mit Zeitungsartikeln, Stellungnahmen und einem Aufruf: Wehret den Anfängen! Es ist Zeit zu widerstehen! in einer Vitrine im Eingangsbereich des neuen Rathauses. Ein Replik aus Metall wurde an der Außenwand des Alten Rathauses neu angebracht.

Der Platz vor dem neuen Rathausgebäude wurde am 16. April 2013 als Betti-Hartmann-Platz benannt, auf Initiative des Wattenscheiders Hannes Bienert. Das in KZ Auschwitz ermordete jüdische Mädchen Betti Hartmann (1927–1942) war eine von 83 jüdischen Personen aus Wattenscheid, welche Opfer der Shoah geworden sind.

Seit dem Dezember 2023 erinnert im Wattenscheider Rathaus eine Gedenktafel an den ersten Oberbürgermeister Paul Ueberhorst (Amtszeit von 1920 bis 1933, ab 1926 als Oberbürgermeister). Es soll damit auch stellvertretend an alle demokratischen Amtsträger und Ratsmitglieder erinnert werden, die während der nationalsozialistischen Diktatur verfolgt wurden.

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

Wattenscheid Kategorie:Bauwerk in Bochum