mini|Nekropole Cantone Der Fundplatz Amplero ist eine archäologische Fundstätte bei Collelongo in der italienischen Region Abruzzen. Er zeigt beispielhaft die Entwicklung einer vorurbanen Siedlung der mitteladriatischen Kultur von der Bronzezeit bis zur späten Römischen Kaiserzeit.Cesare Letta: Il complesso archeologico di Amplero. S. 234. Museal aufbereitet wird der Fundplatz Amplero im Archäologiemuseum Collelongo.
Lage Der Fundplatz liegt im Südwesten der Marsica in der Provinz L’Aquila im Amplero-Tal, einem nördlichen Seitental des Vallelonga. Das Tal besteht aus einer kleinen, nordöstlich von Collelongo gelegenen Talmulde. Letztere wird auf drei Seiten von Bergen des Abruzzischen Apennins eingegrenzt und weist einen dolinenähnlichen Charakter mit einem Ponor an ihrem südlichen, zum Vallelonga offenen Ende auf. Die durchschnittliche Höhe des Talbodens liegt bei An der Nordseite steigt das Tal zum bewaldeten Hügel „La Giostra“ an. An der West- und Ostseite des Hügels führen zwei kleine Täler zum 150 m tiefer gelegenen Becken des Fuciner Sees.Cesare Letta: Scavi nella zona di Amplero (Collelongo): Relazione preliminare 1969-1971. S. 50. Der Fundplatz liegt im 588,8 km² großen NATURA-2000-Naturschutzgebiet Parco Nazionale d’Abruzzo.
Geschichte mini|Der nördliche Talabschluss des Valle di Amplero mit dem Hügel La Giostra Amplero wurde bereits in der Jungsteinzeit begangen, wie Funde in der Örtlichkeit Trasaulo () an der Westseite der Doline zu Füßen des Monte Annamunna () belegen. An gleicher Stelle wurden zudem eine Reihe von Terrakotta-Scherben entdeckt, die der Proto-Villanovakultur der Späten Bronzezeit zugeordnet werden können. Vermutlich entstand die Siedlung am Rand einer Wasserfläche, zu einem Zeitpunkt, als die Senke von Amplero zumindest teilweise mit Wasser gefüllt war.Umberto Irti: Gli inserdiamenti dell’età dei metalli nel bacino del Fucino: Ricognizioni di superficie. S. 285–286.
In der Eisenzeit entstanden in unmittelbarer Umgebung des Amplero-Tals zwei kleine befestigte Zentren. Die höhere der beiden Anlagen wurde westlich auf dem Kamm des Monte Annamunna auf einer Höhe von errichtet, die andere nördlich des Tals auf dem Hügel „La Giostra“ (). Beide hatten die Aufgabe, den Übergang von Amplero zum Fuciner See zu kontrollieren. Die beiden befestigten Zentren gehören zu einem ganzen Netz von kleineren und größeren Oppida, die im Hochland der Marsica errichtet wurden.Filippo Coarelli, Adriano La Regina: Guide archeologiche Laterza: Abruzzo Molise. S. 107.
Funde belegen, dass das Oppidum mindestens auf das 6. Jahrhundert v. Chr. zurückgeht. Es ist daher naheliegend anzunehmen, dass das befestigte Zentrum in Beziehung zur Steinkreisgräberkultur steht. Die innerhalb der Mauern entdeckten Reste von Hütten und von Alltagsgegenständen zeigen, dass der Ort mit ziemlicher Sicherheit dauerhaft bewohnt war und nicht nur als militärischer Vorposten oder als Notunterkunft diente. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass das Oppidum bereits in der Frühen Eisenzeit entstand, als Ersatz für die mittlerweile aufgegebene Siedlung der Späten Bronzezeit. Möglicherweise bestand es zunächst nur aus einfachen Holzpalisaden.Cesare Letta: The Marsi. S. 511.
Unterstrichen wird diese Annahme durch einige Funde in der nahen Örtlichkeit „S. Castro“, bei der vermutlich die Nekropole von „La Giostra“ lag. Neben einigen Waffen aus Eisen, darunter einem Schwert aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., wurde in S. Castro ein Fragment einer Grabstelle gefunden, die unter der Bezeichnung „Beine des Teufels“ bekannt ist und in ihrer Art und ihrer Ausführung an den Krieger von Capestrano erinnert, der ebenfalls der Frühen Eisenzeit zuzuordnen ist.
Die Siedlung „La Giostra“ wurde zwischen dem Ende des 4. und dem Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr., vermutlich im Zuge des Ersten Samnitenkrieges, zerstört. Noch im Laufe des 3. Jahrhunderts und insbesondere dann ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. wurde der Ort nun vor allem für religiöse Riten aufgesucht, wie zahlreiche aufgefundene Votivgaben unterstreichen. Zeitgleich entstand in der Örtlichkeit S. Castro eine neue Siedlung, was die endgültige schrittweise Aufgabe von „La Giostra“ als Siedlungsplatz zur Folge hatte. Möglicherweise um das 2. Jahrhundert v. Chr. war auf La Giostra ein erstes Heiligtum errichtet worden, während die Wallmauern zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem Bundesgenossenkrieg ausgebessert wurden. Kurz danach wurde ein größerer Tempel mit drei Cellae errichtet, der mit Wandmalereien im römischen Architekturstil ausgeschmückt war. Der Tempel wurde vermutlich bereits ab der späten Kaiserzeit schrittweise wieder aufgegeben. Zwei dort gefundene Firmalampen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. sind die jüngsten Fundstücke, die eine Nutzung belegen.
Der auf Terrassen angelegte italo-römische Vicus, der später nach einer noch 1580 dort belegten Kapelle S. Casto benannt wurde, bestand dagegen noch bis zur Spätantike. Das Vorhandensein mehrerer Grabstellen in der Siedlung lässt den Schluss zu, dass S. Castro entstand, ohne die für römische Siedlungen charakteristische räumliche Trennung zwischen Grabstätten und Wohnraum einzuhalten. Unter den dort entdeckten Gräbern finden sich zwei Grabstätten aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., die für eine Feuerbestattung angelegt wurden – ein Ritus, der bei den Marsern nicht üblich war und hier in der Umgebung erstmals nachgewiesen ist. Sehr wahrscheinlich wurden die beiden Gräber für Liberti oder Immigranten angelegt.Cesare Letta: Il complesso archeologico di Amplero. S. 234–235.
Mit dem Vicus „S. Castro“ in Verbindung steht die etwas nördlich davon gelegene Nekropole im Cantone-Tal. Die Nekropole „Cantone“ besteht aus mehreren zum Teil übereinander liegenden Grabreihen. Sie wurde zwischen der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. und der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. angelegt. Die einheitliche Struktur der Gräber lassen den Schluss zu, dass es sich um eine homogene soziale Gruppe gehandelt haben muss. Die gefundenen Grabinschriften unterstreichen dies, da sie lokal gebräuchliche Namen von Freien tragen.Cesare Letta: Il complesso archeologico di Amplero. S. 235. Nach der Aufgabe des Siedlungsplatzes in der Spätantike wurden die Ruinen über Jahrhunderte von Hirten genutzt.Maurizio Poletti: L’insediamento di Amplero (Collelongo e Ortucchio) dall’età preromana al tardoantico: sintesi delle ricerche. Fußnote 15, S. 219.
Entdeckung Das Amplero-Tal wurde ab 1969 von Archäologen der Universität Pisa systematisch untersucht. Vorausgegangen war 1968 eine Prospektion, bei der der Festungswall und das Heiligtum auf dem Hügel „La Giostra“, die Reste der Siedlung „S. Castro“ sowie die Nekropole „Cantone“ ausgemacht wurden. Die ersten Notizen über antike Funde in der Gegend stammen aber bereits aus dem 19. Jahrhundert. 1878 beschrieb der aus Collelongo stammende Archäologe Carmelo Mancini mehrere lateinische Inschriften, die er in der Nekropole Cantone vorfand. Bei seinen Beschreibungen beschränkte sich Mancini auf das Wesentliche, da er seine Ergebnisse später ausführlich abhandeln wollte und er befürchtete, es könnte jemand anderes in der Zwischenzeit über den Fundort publizieren.Maurizio Poletti: L’insediamento di Amplero (Collelongo e Ortucchio) dall’età preromana al tardoantico: sintesi delle ricerche. S. 209. Die Steintafeln mit den Inschriften verblieben indessen an ihrem Fundort, fanden aber Aufnahme im IX. Band des Corpus Inscriptionum Latinarum von Theodor Mommsen. Lediglich eine der von Mommsen katalogisierten Inschriften ging später zu einem unbekannten Zeitpunkt vermutlich durch Raubgrabungen verloren. Der Fundort geriet in der Folge bis in die 1950er Jahre wieder in Vergessenheit. Erst als 1957 die im Volksmund als „Beine des Teufels“ bezeichneten Überreste einer Grabstele geborgen wurde, rückte er wieder in das Interesse der Archäologen.Maurizio Poletti: L’insediamento di Amplero (Collelongo e Ortucchio) dall’età preromana al tardoantico: sintesi delle ricerche. S. 210. Eine erste Grabungskampagne dauerte von 1969 bis 1975. Die zweite Kampagne von 1980 bis 1989 wurde von Cesare Letta und Maurizio Poletti geleitet, die beide ausführlich über den Fundplatz publizierten.Fulvia Donati: Il santuario della Giostra nella Valle di Amplero presso L’Aquila: una rilettura del programma decorativo. S. 357.
Beschreibung Oppidum „La Giostra“ Das Oppidum „La Giostra“ liegt auf der Kuppe des gleichnamigen Hügels. Die Anlage hatte einen Umfang von 350 m und bedeckte eine Fläche von 1 Hektar. Sie besaß einen ovalen Grundriss und passte sich dem Verlauf der Höhenlinien an. Eingegrenzt wurde sie von einer doppelten Ringmauer, die aus ungleichmäßigen Blocksteinen bestand, die vor Ort gebrochen wurden. Der Ringmauer vorgelagert waren auf drei von vier Seiten zwei Wassergräben, von denen allerdings nur noch spärliche Spuren vorhanden sind.Maurizio Poletti: L’insediamento di Amplero (Collelongo e Ortucchio) dall’età preromana al tardoantico: sintesi delle ricerche. S. 211. Wahrscheinlich besaß das Oppidum nur einen einzigen, 8 m langen und bis zu 2,3 m breiten, korridorähnlichen Zugang, der auf der Südseite lag. Letzterer war von zwei zulaufenden Mauern eingegrenzt. Die Maueröffnung des Eingangs wurde später noch verkleinert.Maurizio Poletti: L’insediamento di Amplero (Collelongo e Ortucchio) dall’età preromana al tardoantico: sintesi delle ricerche. S. 214.
Innerhalb der Mauern befand sich ein Heiligtum mit zwei Gebäuden, deren Grundmauern bis auf eine Höhe von 1 m noch erhalten sind und deren Grundrisse noch klar ersichtlich sind. Des Weiteren lagen innerhalb der Ringmauern eine Zisterne sowie ein Opferplatz für Votivgaben.Federica Severini: Indagini paleonutrizionali sui resti scheletrici umani dalla necropoli del centro italico-romano di Amplero (Abruzzo). S. 403.
Das Mauerwerk des kleineren der beiden Gebäude kann dem 2. Jahrhundert v. Chr. zugeschrieben werden. Der Bau hatte eine Länge von 8,5 m und eine Breite von 4,90 m. Er besaß zwei mit einem Durchgang verbundene Räume. Sein Zweck ist aufgrund der zahlreichen baulichen Veränderungen, denen er ausgesetzt war, nicht zweifelsfrei zu bestimmen. Unmittelbar nördlich schließt die 3,55 m tiefe Zisterne an, die die Form eines sich verengenden Brunnenschachts hat. Eine Tonschicht verhinderte, dass das dort gesammelte Regenwasser in den Untergrund versickerte. Die Zisterne besitzt eine Form, die auch an anderen Orten der Marsica anzutreffen ist.Maurizio Poletti: L’insediamento di Amplero (Collelongo e Ortucchio) dall’età preromana al tardoantico: sintesi delle ricerche. S. 219–221.
Das zweite Gebäude liegt in unmittelbarer Nähe der Zisterne. Es hat einen rechteckigen Grundriss und ist etwa 17,10 m lang und 10,35 m breit. Der Bau besteht aus vier Räumen. Der Raum an der Südseite diente als Portikus und erstreckte sich über die gesamte Länge des Baus. Dahinter lagen drei unterschiedlich große Räume, die nur zum Portikus hin offen waren. Im Gegensatz zum kleineren Bauwerk kann der ursprüngliche Zweck des Gebäudes als Heiligtum eindeutig festgelegt werden.Maurizio Poletti: L’insediamento di Amplero (Collelongo e Ortucchio) dall’età preromana al tardoantico: sintesi delle ricerche. S. 222. Der mittlere der drei Räume bildete die Cella. Möglicherweise waren alle drei Räume mit Wandmalereien ausgeschmückt. Spuren davon wurden aber nur in der Cella gefunden. Dort fanden sich auch die Reste eines Fußbodenbelages aus Opus signinum.Federica Severini: Indagini paleonutrizionali sui resti scheletrici umani dalla necropoli del centro italico-romano di Amplero (Abruzzo). S. 404.
Die Ruinen der Anlage sind von einem dichten Wald aus Eichen und Steineichen bedeckt, so dass sie zum Teil nur schwer auszumachen sind.Maurizio Poletti: L’insediamento di Amplero (Collelongo e Ortucchio) dall’età preromana al tardoantico: sintesi delle ricerche. S. 211.
Vicus „S. Castro“