Der Nembo 7 Litri (alternativ: Nembo Sette Litri) war ein Sportwagen, den das italienische Karosseriewerk Neri e Bonacini 1966 in einem oder zwei Exemplaren herstellte. Das Auto basierteauf dem Bizzarrini GT 5300 und wurde von einem namensgebenden 7,0 Liter großen Motor von Ford angetrieben. Der Nembo 7 Litri beeinflusste die Entwicklung des ab 1968 in kleiner Auflage hergestellten Straßensportwagens Iso Grifo 7 Litri.
Entstehungsgeschichte mini|Nembo-Logo von Neri e Bonacini Das 1960 in Modena gegründete Karosseriewerk Neri e Bonacini stellte schwerpunktmäßig Sonderkarosserien für Sportwagen her. Im Laufe der Jahre wurden Fahrgestelle von Ferrari, Lamborghini, Serenissima, Aguzzoli und anderen Herstellern meist als Auftragsarbeiten für private Kunden, aber auch für Motorsportteams mit individuellen Aufbauten versehen. Einige dieser Fahrzeuge erhielten die Modellbezeichnung Nembo. Unter ihnen sind die Nembo Ferraris, die vielfach als die schönsten klassischen Ferraris mit Sonderaufbauten angesehen werden.
In diesem Umfeld entstand der Nembo 7 Litri. Er baut auf dem von Giotto Bizzarrini konstruierten Sportwagen Bizzarrini GT 5300 auf, der ab 1965 in Kleinserie produziert wurde und mit dem Straßensportwagen Iso Grifo GL verwandt war.Der Bizzarrini GT 5300 war der Nachfolger des 1963 unter der Marke Iso Rivolta eingeführten Iso Grifo A3/C. Beide Autos waren weitestgehend baugleich. Der Übernahme des Sportwagenprojekts durch Bizzarrini im Sommer 1965 war auf ein Zerwürfnis zwischen Giotto Bizzarrini und dem Iso-Inhaber Renzo Rivolta vorausgegangen. Bizzarrini stattete den GT 5300 regelmäßig mit einem 5,4 Liter großen Achtzylinder-V-Motor von Chevrolet aus, der in der höchsten Tuningstufe 405,John Bolster: John Bolster tests the Iso Grifo A3C, Autosport vom 14. August 1964. nach anderen Quellen sogar 420 SAE-PS leistete.Halwart Schrader, Georg Amtmann: Italienische Sportwagen. Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4, S. 201. In diesen Ausführungen brachte Bizzarrini den Wagen 1965 und 1966 wiederholt bei Rennen der Sportwagen-Weltmeisterschaft an den Start,Statistiken zum Rennsportengagement des Bizzarrini GT 5300 auf www.racingsportscars.com (abgerufen am 28. Mai 2025) erzielte mit ihm – anders als mit dem Vorgänger Iso Grifo A3/C – aber keine Erfolge mehr.Der von Bizzarrini konstruierte und von seinem Werksteam eingesetzte Iso Grifo A3/C erreichte unter anderem Klassensiege bei den 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1964 und 1965. Der ab Herbst 1965 eingesetzte Bizzarrini GT 5300 fiel dagegen bei seinen Wettbewerbseinsätzen entweder aus technischen Gründen aus oder wurde disqualifiziert.
Neri e Bonacini entwickelte den Nembo 7 Litri auf der Basis von Bizzarrinis GT-5300-Konstruktion. Mehreren Quellen zufolge ging das Projekt auf einen namentlich nicht genannten US-amerikanischen Kunden zurück, der nach einer leistungsstärkeren Variante des GT 5300 verlangte.Mario Morselli: Vestito all’ Italiana. Autosprint, Januar 1966.Halwart Schrader, Georg Amtmann: Italienische Sportwagen. Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4, S. 377. Ob der Nembo 7 Litri ein Ausgangspunkt für ein mögliches Serienmodell sein sollte, wird in der Automobilliteratur unterschiedlich gesehen. 1967 stellte Neri e Bonacini den Betrieb ein.
Modellbeschreibung Der Nembo 7 Litri wird in der Literatur als „Abwandlung des Bizzarrini GT 5300“ beschrieben. In den bekannten Übersichten über die einzelnen Bizzarrini-Chassis gibt es auch keine Hinweise darauf, dass Neri e Bonacini einen bereits existierenden Bizzarrini 5300 nachträglich zum Nembo umbaute.Philippe Olczyk: Bizzarrini & Diomante. The Official History, 3. Auflage 2017, ISBN 978-84-697-6659-0, S. 276 ff.Nach der Trennung von Iso Rivolta baute Bizzarrini bis zum Jahresende 1965 zehn Fahrzeuge. Sie verteilen sich auf die Fahrgestellnummern IA2-0232 bis IA-0241. Lediglich die Fahrgestellnummern IA-0233, IA-0235 und IA-0237 lassen sich nicht zuordnen. Philippe Olczyk: Bizzarrini & Diomante. The Official History, 3. Auflage 2017, ISBN 978-84-697-6659-0, S. 285 f. Demnach nutzte der Nembo ein außer der Reihe produziertes Chassis und eine eigenständige Karosserie.
Chassis und Fahrwerk Zeitgenössischen Beschreibungen zufolge entsprachen Chassis und Fahrwerk des Nembo 7 Litri dem des regulären Bizzarrini GT 5300. Grundlage ist ein Halb-Monocoque aus Aluminiumblechen, das allerdings zusätzlich verstärkt war, um den schweren Motor zu tragen. Die hintere Radaufhängung hat eine starre De-Dion-Achse, die vorderen Räder sind einzeln an Doppelquerlenkern aufgehängt.
Karosserie Die Karosserie des Nembo 7 Litri stimmte stilistisch weitgehend mit dem von Giotto Bizzarrini und Piero Vanni entworfenenRichard Heseltine: One Vision. Fahrbericht und Modellgeschichte des Bizzarrini GT 5300 Strada in: Classic and Sports Car, Heft September 2004. Aufbau des Bizzarrini GT 5300 (und dem des Iso Grifo A3/C) überein. Das Auto war ein zweitüriges Coupé mit lang auslaufendem Fließheck. Im Vergleich zum Bizzarrini GT 5300 war das Dach des Nembo ungeachtet der unveränderten Frontscheibe geringfügig niedriger. Der Nembo hatte weder vorne noch hinten Stoßstangen. Die hinteren Entlüftungsöffnungen des Nembo waren anders geformt als die des Bizzarrini, und am Heck hatte der Nembo insgesamt vier statt zwei runde Rückleuchten. Besondere Merkmale der Nembo-Karosserie waren doppelte Entlüftungsöffnungen in den vorderen Kotflügeln, die deutlich größer waren als die beim Bizzarrini GT 5300, sowie eine hohe Wölbung auf der Motorhaube, die wegen des großen Motors erforderlich war.
Die Karosserie bestand aus Aluminiumblechen.
Wer den Nembo-Aufbau herstellte, ist unbekannt. Bizzarrini bezog die Aufbauten für den Iso A3/C bis 1965 bei Piero Drogos Carrozzeria Sports Cars und die Karosserien des GT 5300 bis 1966 von der Carrozzeria BBM.Alessandro Sannia: Enciclopedia dei carrozzieri italiani, Società Editrice Il Cammello, Torino, 2017, ISBN 978-88-96796-41-2, S. 288. Bei Drogos Aufbauten waren die einzelnen Karosseriebleche mit Nieten verbunden, die BBM-Karosserien waren hingegen glattfächig. Der Nembo-Aufbau hatte keine Nieten, sodass es naheliegt, dass Drogo als Karosseriehersteller ausscheidet. Möglich ist, dass BBM einen Aufbau beisteuerte; in Betracht kommt aber auch, dass Neri e Bonacini die Karosserie nach dem gängigen Entwurf selbst herstellte.
Motorisierung mini|Ford-Achtzylinder der FE-Reihe (427 cui) Der Nembo 7 Litri wurde von einem Achtzylinder-V-Motor des US-amerikanischen Großserienherstellers Ford angetrieben, der von Holman-Moody getunt worden war. Die verfügbaren Quellen geben den Hubraum (wahrscheinlich gerundet) übereinstimmend mit 7000 cm³ an. Zur Gemischaufbereitung wurden zwei Vierfachvergaser von Holley eingesetzt. Die Leistung soll bei ungefähr 500 PS gelegen haben, die bei 9500 Umdrehungen pro Minute anfielen.
Die genaue Spezifikation des Motors ist nicht überliefert. Ausgehend von dem Motorenangebot der Ford Motor Corporation im Jahr 1965Richard M. Langworth: Encyclopedia of American Cars 1930–1980. Beekman House, New York 1984, ISBN 0-517-42462-2, S. 327. war es eine Variante von Fords FE-Reihe (sog. Side-Oiler) mit 6981 cm³ (427 cui).Zwar war ab dem US-amerikanischen Modelljahr 1966, das nach der dortigen Praxis im August 1965 begann, auch ein Achtzylinder-V-Motor mit 7013 cm³ (428 cui) erhältlich; diese Motoren gelangten aber unter der Bezeichnung 428 Cobra Jet erst schrittweise in den Motorsport: Der erste NASCAR-Einsatz einen 428 Cobra Jet fand erst Anfang Januar 1968, d. h. zwei Jahre nach der Präsentation des Nembo 7 Litri, statt (s. 428 CJ Mustangs at the 1968 NHRA Winternationals auf www.428cobrajet.org, abgerufen am 29. Mai 2025). Diese 1963 eingeführte Konstruktion wurde ab 1964 unter anderem in NASCAR-Rennwagen von Holman-Moody eingesetzt, fand sich aber auch im Ford GT40, der ab 1965 in der Sportwagen-Weltmeisterschaft an den Start ging.
Produktion Die Arbeiten am Nembo 7 Litri begannen in der zweiten Jahreshälfte 1965. Im Januar 1966 war das (erste) Auto fertiggestellt. Eine italienische Dokumentation aus dem Januar 1966 bezeichnet den Nembo 7 Litri sinngemäß als die erste Neuheit des Automobiljahrgangs 1966.„(La Nembo) ha praticamente inaugurato il circlo delle novità del 1966“: Mario Morselli: Vestito all’ Italiana. Autosprint, Januar 1966. Die teilweise in der jüngeren Automobilliteratur zu findende Angabe, der Wagen sei 1967 gebaut worden, kann deshalb nicht richtig sein.
Belegt ist die Produktion eines Fahrzeugs, das im Januar 1966 erstmals gezeigt wurde von dem von dem mehrere zeitgenössische Fotografien existieren. Einer Pressemeldung zufolge sollte das Auto im Frühjahr 1966 in die USA exportiert werden. Zur gleichen Zeit habe Nembo e Bonacini die Bestellung für ein weiteres Auto erhalten. Zum Verbleib des oder der Nembo 7 Litri gibt es keine Informationen.
Bedeutung Neri e Bonacini Für Neri e Bonacini hatte der Nembo 7 Litri keine unmittelbare Bedeutung. Mehr als ein oder zwei Fahrzeuge stellte das Unternehmen nicht her. 1965 arbeitete Neri e Bonacini an einem von Renzo Rivolta und Giotto Bizzarrini entworfenen Rennsportwagen, der in der Literatur unter den Bezeichnungen Iso Rivolta Daytona,Der Iso Rivola Daytona auf www.supercars.net (abgerufen am 29. Mai 2025). Strale Daytona und als Nembo IIPete Coltrin: Nembo II, Road & Track, August 1966, S. 62.Alessandro Sannia: Enciclopedia dei carrozzieri italiani. Società Editrice Il Cammello, 2017, ISBN 978-88-96796-41-2, S. 94. zu finden ist und von dem eine Serienfertigung angekündigt war. Teilweise wird vermutet, dass der Nembo 7 Litri als Show Car vor allem die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Neri e Bonacini lenken sollte, um einen Markt für den Daytona/Nembo II zu schaffen.
Bizzarrini Giotto Bizzarrini griff das Konzept des Nembo 7 Litri in der Sportwagen-Weltmeisterschaft 1967 auf. Obwohl sich das Werk mittlerweile vorrangig mit dem neuen Mittelmotorsportwagen P 538 beschäftigte, gab es Bemühungen, den inzwischen vier Jahre alten GT 5300 noch leistungsstärker und damit wettbewerbsfähiger zu machen. Im Frühjahr 1967 rüstete Bizzarrini das 1966 aufgebaute und bereits mehrfach bei Rennen eingesetzte Auto mit der Fahrgestellnummer BA4-0106 mit einem 7,0 Liter großen Achtzylinder-V-Motor von Ford aus.Philippe Olczyk: Bizzarrini & Diomante. The Official History, 3. Auflage 2017, ISBN 978-84-697-6659-0, S. 311. Detailangaben zu diesem Motor sind nicht dokumentiert; da der Motor über 500 PS leisten sollte und von Holman-Moody bezogen wurde, spricht vieles dafür, dass es ein 427-Side-Oiler und damit die gleiche Konstruktion wie im Nembo 7 Litri war. Das Chassis B4-0106 ist nicht identisch mit dem Nembo 7 Litri von 1966.Der BA-0106 ist ein Rechtslenker, der Nembo ein Linkslenker. Der BA4-0106 existiert auch im 21. Jahrhundert noch. Er wurde nach offizieller Historie 2001 mit einer Bizzarrini-Originalkarosserie in einer Scheune in Italien gefunden (vgl. Philippe Olczyk: Bizzarrini & Diomante. The Official History, 3. Auflage 2017, ISBN 978-84-697-6659-0, S. 311). Vereinzelt gibt es Zweifel an der Echtheit dieses Autos, weil in Australien ein zweites, allerdings linksgelenktes Fahrzeug mit gleicher Fahrgestellnummer existiert und die angeblichen Scheunenfunde älterer Bizzarrinis vielfach auf die gleichen Personen zurückgehen (s. Geschichte des Bizzarrini GT 5300 mit der Fahrgestellnummer BA4-0106 auf radical-mag.com, abgerufen am 28. Mai 2025) In dieser Sieben-Liter-Version wurde der Bizzarrini BA4-0106 zum 1000-km-Rennen von Monza 1967 sowie zum 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1967 gemeldet. Das Auto ging aber bei keinem der Rennen an den Start. In Le Mans wurde der Wagen vor Rennbeginn disqualifiziert.Geschichte des Bizzarrini GT 5300 mit der Fahrgestellnummer BA4-0106 auf radical-mag.com (abgerufen am 28. Mai 2025)
Iso mini|Iso Grifo (GL) 7 Litri