Genetische Diskriminierung bezeichnet eine ungleiche Behandlung von Menschen aufgrund von genetischen Informationen, die – in den meisten Fällen – durch eine DNA-Analyse in einem Labor decodiert wurden und dadurch praxisrelevant werden können. Ansatzpunkte für Diskriminierung bieten dabei nicht nur Informationen über mögliche Erkrankungen, sondern auch die genetische Veranlagung, bestimmte Merkmale auf die eigenen Kinder zu übertragen, ohne selbst von diesen betroffen zu sein.
Entstehen einer Definition Noch im Jahr 2004 diskutierten Experten der Forschungsstelle Bioethik und des Instituts für Ethik, Theorie und Geschichte der Medizin an der Universität Münster, wie genetische Diskriminierung zu definieren sei. Damals gab es noch keine objektive, von allen erkannte Abgrenzung des Begriffs genetische Diskriminierung, der noch nicht von rechtsstaatlich abgesicherten Formen der Ungleichbehandlung bzw. Diskriminierung abgegrenzt war.Archiv Bioethik; Kurzbericht, Genetische Diskriminierung. Universität Münster, abgerufen am 7. Juni 2025
Die Experten einigten sich auf eine Bestimmung der Bedeutung des Attributs „genetisch“ in dem Begriff „Genetische Diskriminierung“: „Genetische Daten unterscheiden sich in ihren Eigenschaften grundlegend von anderen gesundheitsbezogenen Informationen (Stichwort: genetic exceptionalism); sie unterscheiden sich nicht in einzelnen Eigenschaften, jedoch im Hinblick auf deren Zusammenspiel; sie unterscheiden sich nicht grundlegend von anderen gesundheitsbezogenen Informationen (Stichwort: generic vs. genetic).“
Das „Gen-ethische Netzwerk“ stellte 2012 fest: „Individuen werden erst mittels wissenschaftlich-technisch erzeugter Informationen und auf Grundlage populationsstatistischer Berechnungen zu ‚gesunden Kranken‘ beziehungsweise ‚kranken Gesunden‘ und infolgedessen zum Objekt jener Diskriminierung, bei der genetische Merkmale als Kennzeichen für weitere Eigenschaften und zukünftige Entwicklungen der Person gewertet werden.“ Bei einer unzureichenden Gesetzgebung bestehe die Gefahr der Entstehung von „genetischen Unterklassen“, die durch eine Stigmatisierung aufgrund ihrer Erbanlagen gefährdet seien.
Im Jahr 2025 definierte das National Human Genome Research Institute genetische Diskriminierung als die Ungleichbehandlung von Individuen aufgrund ihres genetischen Codes, Genoms oder des Risikos einer [genetisch bedingten] Erbkrankheit. Dabei kann genetische Information – in unterschiedlichen Kontexten – gegen Individuen verwendet werden, beispielsweise im Zusammenhang mit dem Zugang zu Bildungsangeboten, zum Arbeitsmarkt oder zu diversen Versicherungen (Gesundheit, Berufsunfähigkeit etc.).Genetic Discrimination. Originaltext: Genetic discrimination refers to the unequal treatment of individuals based on an aspect of their genetic code or genome, such as the risk for genetic disorder. Genetic discrimination can involve such genomic information being used against individuals in a variety of circumstances, such as employment, health or disability, insurance status, or education, or health care. National Human Genome Research Institute, abgerufen am 7. Juni 2025
Der Begriff genetische Diskriminierung wird strikt von der Diskriminierung auf der Grundlage einer Behinderung oder einer Krankheit unterschieden.
Beschreibung Grundlagen für die Bewertung von Handlungen und gesellschaftlichen Situationen als genetische Diskriminierung können sein: unbefugt vorgenommene Gentests; die unbefugte Nutzung von Informationen zum Erbgut eines Menschen (und zum potenziellen Erbgut von dessen Angehörigen); das Ableiten von Konsequenzen (aus vorliegenden Erbinformationen), welches zu einer Ungleichbehandlung führen kann; die Entwicklung „genetischer Sozialwissenschaften“; einige Vertreter dieser Fachrichtung behaupten dem „gen-ethischen Netzwerk“ zufolge, es könne gelingen, vermeintlich unveränderliche „Wahrheiten“ in unserem Erbgut – wie „Veranlagung von Bildungserfolg, Religiosität oder Sexualität“ – zu diagnostizieren.
Genetische Diskriminierung kann in allen Lebensphasen auftreten – im Rahmen einer künstlichen Befruchtung – auch vorgeburtlich, bzw. im Rahmen einer Präimplantationsdiagnostik. In diesem Bereich erstreckt sich der gesetzliche Schutz in einigen Ländern, wie Deutschland zwar bereits auf den Embryo (Embryonenschutzgesetz), berücksichtigt jedoch nicht dessen Entstehung und die Unterschiede beim Zugang zu derartigen Methoden (Verfügbarkeit & Kosten). So sind mittlerweile unterschiedliche Formen der Gentherapie möglich, wie beispielsweise der Eingriff in die Keimbahn, bei dem der Zellkern der mütterlichen Eizelle ausgetauscht wird, um die Weitergabe von Erbinformationen zu verhindern, die ein Krankheitsrisiko bergen.Jochen Taupitz: Zugriff auf das menschliche Erbgut: Die geltende Rechtslage. vom 22. Juni 2016 Ethikrat, abgerufen am 7. Juni 2025Genetik. Forscher ersetzen Mitochondrien einer menschlichen Eizelle. Eingriff in die Keimbahn soll Weitergabe erblicher Krankheiten verhindern. Scinexx, abgerufen am 7. Juni 2025
Weder in der Medizinethik noch in der Biomedizin gibt es einen internationalen Konsens darüber, in welcher Form die medizinische Nutzung von genetischem Wissen in unterschiedlichen Anwendungsmöglichkeiten zulässig oder verboten bzw. durch Gesetzgebung beschränkt sein sollte. Die Forschungscommunity drängt bereits seit einigen Jahren darauf, die nicht-medizinische Nutzung von Erbinformationen zu reglementieren, um eine Diskriminierung auf Basis von humangenetischen Erbinformationen zu erschweren. Dabei stehen insbesondere die Nutzung von Erbinformationen und sonstigen epigenetischen Informationen durch Versicherer sowie der Aufbau von DNA-Datenbanken für forensische Zwecke im Fokus.D. Uberoi, N. Palmour & Y. Joly: The advent of forensic DNA databases: It’s time to agree on some international governance principles! Forensic Science International: Genetics, Vol. 72, September 2024, doi:10.1016/j.fsigen.2024.103095C. Dupras, L. Song, K. M. Saulnier & Y. Joly: Epigenetic Discrimination: Emerging Applications of Epigenetics Pointing to the Limitations of Policies Against Genetic Discrimination. Frontiers in Genetics, Vol. 9, 8. Juni 2018, Sec. ELSI in Science and Genetics. doi:10.3389/fgene.2018.00202
Geschichte Die Möglichkeit, Menschen auf der Grundlage der Beschaffenheit ihrer Gene zu diskriminieren, gibt es nicht erst seit 2001 (s. u.). Eine zentrale Rolle in diesem Zusammenhang bilden an der Eugenik orientierte Gedankengänge und die zentrale Bedeutung der Kategorie „Erbgesundheit“.
Die Verknüpfung von Befunden zur genetischen Ausstattung eines Menschen mit Werturteilen über diesen gab es bereits vor den ersten Gentests. Denn Praktiken genetischer Diskriminierung erfordern nicht die Existenz von DNA-Tests. Sie können ebenso auf der Grundlage von Informationen erfolgen, die aus Krankenberichten einer Person oder aus dessen Familiengeschichte stammen. Neu ist, dass durch die Entwicklung prädiktiver genetischer Tests Risikopersonen und Anlageträger identifiziert werden können, ohne dass auf die Familiengeschichte zurückgegriffen oder das Auftreten von Krankheiten abgewartet werden muss.Thomas Lemke: Dimensionen genetischer Diskriminierung: empirische Studien, theoretische Reflexionen und praktische Probleme. In: K.-S. Rehberg (Hrsg.), Soziale Ungleichheit, kulturelle Unterschiede: Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München. Teilbände 1 und 2 (S. 3081–3088). Frankfurt am Main: Campus Verlag 2006
Im Mai des Jahres 2001 wurde im Zuge des Humangenomprojekts das menschliche Genom erstmals fast vollständig decodiert. Es konnte damals aufgrund der vielen Code-Wiederholungen ein kleiner Teil noch nicht sequenziert werden. Der Code dieser rund acht Prozent des menschlichen Genoms wurden 2022 am US-amerikanischen National Human Genome Research Institute entschlüsselt. Insgesamt waren über 50 Forschende am Finalisierungsprozess beteiligt und kamen in der Summe auf rund 3.055 Milliarden Basenpaare, die die Basis des menschlichen Erbguts bildeten.Nurk S, Koren S et al.: The complete sequence of a human genome. Science. April 2022; 376(6588): S. 44–53. doi:10.1126/science.abj6987Genetik. Erster lückenloser Gencode des Menschen. DNA-Abfolge des menschlichen Genoms erstmals vollständig entschlüsselt. In: Scinexx, 1. April 2022, abgerufen am 27. Mai 2025
2020 stellte Interpol einen mit Hilfe eines DNA-Abgleichs gelösten Fall beispielhaft im Internet vor. Ausgangspunkt der kriminologischen Untersuchung war die Leiche eines Mannes, die 2004 in Kroatien geborgen worden war. Der Mann hatte viele Jahre nicht identifiziert werden können. Der Fall war zu einem „Cold-Case“ geworden. Erst als sich 16 Jahre später seine Kinder dazu entschlossen, ihre DNA der Interpol-Datenbank „I-Familia“ zur Verfügung zu stellen, konnte die Identität des Italieners im Jahr 2020 zweifelsfrei festgestellt werden.INTERPOL unveils new global database to identify missing persons through family DNA. In: Interpol, 1. Juni 2021, abgerufen am 27. Mai 2025 Dieses Beispiel zeigt, dass es möglich ist, DNA-Tests zu veranlassen, die niemanden „diskriminieren“.
Möglichkeiten zu Gentests und ihre ethischen und rechtsstaatlichen Probleme Wenn eine Mutation für Veränderungen im Erbgut verantwortlich ist, so ist diese entweder neu entstanden (Spontanmutation) oder wurde an den Träger bzw. die Trägerin des Merkmals vererbt. Dabei gehen Spontanmutationen entweder auf Übertragungsfehler während der Replikation, den Kontakt mit bestimmten chemischen Verbindungen (z. B. Alkylanzien) oder physikalischen Faktoren zurück, wie Strahlung (UV-Strahlung, Ionisierende Strahlung etc.).Ursachen und Arten von Mutationen. Thieme via medici, abgerufen am 7. Juni 2025Ionisierende Strahlung. Bundesamt für Strahlenschutz, abgerufen am 7. Juni 2025
Zu Merkmalen, deren Vererbung als problematisch betrachtet werden, zählen unter anderem Genmutationen, die zu körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigungen führen, sowie Erbkrankheiten. Durch eine DNA-Analyse können auch sogenannte Konduktoren bzw. Träger erkannt werden; dabei handelt es sich um Personen, die bestimmte Erbinformationen in sich tragen, deren körperliches Erscheinungsbild (Phänotyp) jedoch möglicherweise sogar zeitlebens nicht beeinträchtigt ist. Der letztgenannte Fall trifft z. B. auf Töchter hämophiler Männer zu. Die Anlage zu der Krankheit kann in der Regel erst bei ihren Söhnen, männlichen Enkelkindern, Urenkeln usw. im Phänotyp erscheinen. Wie wahrscheinlich das Auftreten des anlagebedingten Phänotyps ist, hängt auch von der Art des Erbgangs ab: Einige Anlagen werden dominant, andere rezessiv vererbt.Prädiktive genetische Diagnostik. Deutsche Forschungsgemeinschaft, abgerufen am 27. Mai 2025Autosomal rezessive Vererbung. Universität Münster, abgerufen am 27. Mai 2025Carrier. National Human Genome Research Institute, abgerufen am 27. Mai 2025