Keltische Gottheiten ist der Sammelbegriff für Götter und Wesen der Keltischen Mythologie und Religion, die innerhalb des Bereiches der keltischen Kultur (Celticum) von den Stämmen der Britischen Inseln, Galliens, den keltiberischen Völkern und den Ostkelten der Donauländer und Galatiens vor ihrer Christianisierung verehrt wurden. Archäologische wie philologische Zeugnisse ergeben das Bild einer polytheistischen Anschauung mit zahlreichen lokalen und regionalen, aber auch einigen überregional verbreiteten keltischen Gottheiten. Überliefert sind die Namen der Gottheiten festlandkeltischer Kulturen durch Inschriften und die Werke antiker griechischer und römischer Autoren; auch die der Inselkelten durch frühmittelalterliche Aufzeichnungen keltischer Mythen und Sagen. Während Muttergottheiten im gesamten keltischen Raum anzutreffen waren, lassen sich Vatergötter oder Götterväter kaum verlässlich benennen. Wichtige Positionen nahmen hingegen Toten-, Handwerks- und vor allem Kriegsgottheiten ein. Ob Götter mit Tierattributen oder in Tiergestalt im keltischen Kult eine wesentliche Rolle spielten, ist umstritten.
Götterbegriff, Etymologie und Quellenlage Das rekonstruierte indogermanische Wort für Gott oder Göttin, *deiuos, *deiuih2, ist in allen keltischen Sprachen als Stamm vorhanden. In Gallisch und Britannisch lautet er *dēvo- oder *dīvo- und ist außer in Namen auch in der Bilingue (von lat. bilinguis „zweisprachig“) von Vercelli als teuoxtonion, daraus dēvo-gdonion „Götter und Mensch“ überliefertWolfgang Meid: Zur Lesung und Deutung gallischer Inschriften. Innsbruck 1989; irisch día, Plural dè, kymrisch dwyw, jünger duw. Vom britannischen deva „Göttin“ leitet sich der in Britannien häufige Flussname Dee ab.Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. Stichwort: Götter und Göttinnen, S. 146 f.Bernhard Maier: Kleines Lexikon der Namen und Wörter keltischen Ursprungs. S. 69.
Die Vorstellungen der Kelten von ihren Gottheiten sind im Wesentlichen nicht bekannt, da es dafür kaum ältere schriftliche Überlieferungen gibt. Dass die Götter allerdings als anthropomorph gesehen wurden – bis hin zur Unterscheidung männlich-weiblich sowie der Existenz von Götterfamilien – ist nicht nur auf vielen Kultbildern zu sehen, sondern auch an einer in der Literatur häufig vorzufindenden Mensch-Gott-Analogie. Ein einheitliches Pantheon, wie es aus der griechisch-römischen Mythologie bekannt ist, kann für die keltischen Gottheiten nicht angenommen werden.Bernhard Maier: Die Religion der Kelten. Götter, Mythen, Weltbild. S. 73 f.
Hypothesen zur Struktur der keltischen Götter und zu indogermanischen Religionen insgesamt („Drei-Funktionen-Theorie“) in der vergleichenden Mythen- und Religionsforschung des 20. Jahrhunderts durch ihren Einbringer Georges Dumézil, und in dessen Nachfolge, besonders für das Celticum zum Beispiel durch Jean J. Hatt und Jan de Vries, werden unter Keltologen heute kritischer bewertet und teilweise nicht mehr akzeptiert.
Die Interpretatio Romana und die Interpretatio Graeca – keltische Götter werden als klassische Gottheiten interpretiert – stellen lediglich ein sehr vereinfachtes Bild der Götterfunktionen dar und sagen zum dazugehörenden Mythos praktisch nichts aus. Die Probleme der Griechen und Römer bei der Gleichsetzung klassischer keltischen Gottheiten ist auf ihr weitgehendes Unverständnis für die Vielschichtigkeit der Keltengötter zurückzuführen. Aus rechtspolitischen Gründen unterstellt Marcus Tullius Cicero, der mit diesem Argument eine günstige Prozessposition für einen Klienten erreichen wollte, den Galliern nahezu Gottlosigkeit.Marcus Tullius Cicero, pro M. Fonteio 13,30: „An vero istas [sc. Gallorum] nationes religione iuris iurandi ac metu deorum immortalium in testimonis dicendis commoveri arbitramini?“ Der im inselkeltischen Bereich verbreitete Euhemerismus, aus mythischen Heroen erst Götter, nach der Christianisierung dann wieder sterbliche Heroen werden zu lassen, lässt den Ursprung in der alten Mythologie nur mehr bruchstückhaft erkennen. Auf dem Festland sind somit die Namen der Gottheiten, dagegen auf den Inseln die Mythen – wenn auch in verfremdeter Form – erhalten geblieben:
mini|hochkant=0.5|Pfeiler der Nautae Parisiaci
Obgleich es einige Gottheiten gab, die weit verbreitet waren, geht man heutzutage eher von begrenzten, lokal gebundenen Kultgemeinschaften aus. Die Archäologie bestätigt, dass die meisten bekannten Götternamen auf kleine geografische Räume begrenzt sind. Anhand von Bilddarstellungen, (Weihe-)Inschriften, Fluchtafeln (defixiones) und Texten antiker Autoren sowie frühmittelalterlichen Sagen – besonders im inselkeltischen Bereich – kann man einige „göttliche Archetypen“ ausmachen, die im gesamten keltischen Kulturkreis verbreitet waren. Beispiel dafür ist Belenus/Belinus, oft mit Apollon gleichgesetzt, der auf Inschriften in Aquileia (noch heute im Namen des Stadtteiles Beligna), in Frankreich (Saint-Chamas, Bayeux), in Britannien (vergleiche den Königsnamen Cunobelinus) und vermutlich auch in Thrakien verehrt wurde.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 582 f.Bernhard Maier: Die Religion der Kelten. Götter, Mythen, Weltbild. S. 83 f. Der Versuch von Henri d’Arbois de Jubainville, den irischen Gott Lugh/Lugus auch als Gottheit Galliens zu postulieren, ist jedoch sehr umstritten.Bernhard Maier: Die Religion der Kelten. Götter, Mythen, Weltbild. S. 89 f.Joseph F. Nagy: Celtic Religion. History of Study. S. 1483. Allerdings ist der nahezu typisch keltische Partikularismus, der auch politisch bestimmend war, durch eine Vielzahl von Göttern (über 400) und deren deshalb unscharfe, sich überschneidende Funktionen für die lokale Begrenztheit der Verehrung verantwortlich. Eine Einteilung der Gottheiten nach diesen Funktionen ist deshalb in jedem Falle nur als Anhaltspunkt zu sehen. Eher ist anzunehmen, dass die Gottheiten eine Mehrzahl von Funktionen innehatten und diese je nach Anlass und Kult einzeln in den Vordergrund traten.
Bei den häufig auftretenden TriadenIngeborg Clarus: Keltische Mythen. Der Mensch und seine Anderswelt. S. 41. und auch der Götterpaare, ist einerseits eine Zusammenführung wegen der gleichen Funktion (siehe die Matronae oder Matronen), andrerseits als eine gegenseitige Ergänzung (Beispiel männlich/weiblich, siehe Bormo/Damona), sowie nach dem Aspekt der „Heiligen Hochzeit“, anzunehmen. Der Quader I („Götterpaarquader“) vom Pfeiler der Nautae Parisiaci kann als Beispiel für zwei Gottheiten mit jeweils gleicher Funktion gesehen werden.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. Kapitel: Die keltischen Götter und Göttinnen nach ihren Funktionen, S. 491 ff. In diesen Verbindungen trägt die männliche Gottheit oft – manchmal ausschließlich – den römischen, während die Göttin den alten keltischen Namen beibehält (siehe Mercurius und Rosmerta). Auch über die Sprachgrenze geht die Verbindung zu einem Götterpaar manchmal hinaus, so ist in Trier (Augusta Treverorum) der keltisch/römische Lenus Mars zusammen mit der dem Namen nach eher germanischen Triade der Xulsigiae in einer Inschrift aus dem Tempelbezirk Irminenwingert genannt.; Edith Mary Wightman. Roman Trier and the Treveri, Praeger, London 1970/71, S. 213. Ein Zusammenhang dieser Xulsigiae mit den keltischen Göttinnen der Suleviae, die im Oberrheingebiet, Mosel, Britannien und der Stadt Rom belegt sind, wird angenommen. Wegen dieser Fundlage werden sie von einigen Forschern aber ebenfalls der germanischen Sphäre zugeordnet (siehe auch Kapitel „Keltisch-germanische Schnittstellen“). In den letzten Jahrzehnten wurden die Suleviae auch mit der in Bath verehrten Heil- und Quellgöttin Sulis in Verbindung gebracht.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 581 ff., 618, 624; Bernhard Maier: Die Religion der Kelten. Götter, Mythen, Weltbild. S. 303–304.
Bei allen durch antike Autoren tradierten Götternamen, Funktionen, Kultformen und Inschriften ist jedoch nicht zwingend ein bereits ebenso bestehendes Brauchtum für die vorrömische Zeit vorauszusetzen.
Regionale Überlieferungen mini|hochkant|Das Celticum:dunkel – ursprüngliches Siedlungsgebiet, hell – maximale Ausdehnung Das Festlands-Celticum und Britannien (ohne Wales, Cornwall und Schottland) tradiert fast ausschließlich eine von den antiken Autoren aus Griechenland und Rom beeinflusste Funktionsaufteilung der Gottheiten. Eine Trennung der ursprünglich keltischen Vorstellungen und der später definierten Identifizierung mit den klassischen Göttern ist kaum möglich. Wenn beispielsweise Gaius Iulius Caesar über die Mercurius-Verehrung in Gallien schreibt: Man sieht sehr viel Götterbilder von ihm. Sie halten ihn für den Erfinder aller Künste und für den Geleiter auf Wegen und Reisen, und es ist ihre feste Überzeugung, daß er den größten Einfluß auf Gelderwerb und Handel hat. (De bello Gallico 6,17Gaius Iulius Caesar, De bello Gallico 6,17: Deum maxime Mercurium colunt; huius sunt plurima simulacra, hunc omnium inventorem artium ferunt, hunc viarum atque itinerum ducem, hunc ad quaestus pecuniae mercaturasque habere vim maximam arbitrantur. Übersetzung nach: Caesar, Der gallische Krieg. Aus dem Lateinischen übertragen und erläutert von Viktor Stegemann. 7. Auflage, Goldmann-Verlag, München 1989, ISBN 3-442-07507-6, S. 150.) so wird damit eine große Zahl lokaler Festlands-Gottheiten und ihre Funktionen einem einzigen römischen Gott zugeteilt. Der römische Kriegsgott Mars hat fast doppelt so viele keltische Beinamen wie Mercurius, aber gerade bei diesen beiden klassischen Göttern ist die Vermischung der Funktionen Handel, Reise, Handwerk und Krieg, ja auch Fruchtbarkeit evident.Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 491 f., 593. Die Interpretatio Celtica stellt als Gegenstück zu den Interpretationes Romana und Graeca griechisch/römische Gottheiten unter dem Namen und Abbild lokaler keltischer Götter dar. Eine Unterscheidung, in welche Richtung diese Identifikationen vorgenommen wurden, ist im Einzelfall oft schwierig. mini|hochkant|Insel-Celticum:Irland (grün)Schottland (blau)Wales (gelb)Isle of Man (rot)Cornwall (orange)Aremorica (violett)