Danaë (auch Danaë und der Goldregen) ist eine ab 1544 entstandene Gemäldeserie aus der Werkstatt Tizians bestehend aus sechs Werken. In diesen nimmt Danaë, welche von Zeus (beziehungsweise Jupiter) in Gestalt eines goldenen Regens verführt werden wird, stets dieselbe liegende Haltung ein, jedoch weichen weitere Elemente des Motivs teils erheblich voneinander ab.
Mythologie Danaës Vater, König Akrisios von Argos, wurde geweissagt, dass ihn ein Sohn seiner Tochter töten werde. Um diese Prophezeiung zu verhindern, schloss er seine Tochter in einen Turm (zuweilen auch ein Zimmer aus Bronze) ein. Allerdings verliebte sich Zeus (in der römischen Variante Jupiter) in Danaë und besuchte sie in Form eines Regens aus Gold. Aus dieser Verbindung entstand Perseus, der später tatsächlich aus Versehen den Tod des Akirisos herbeiführen sollte.Heinrich Kraus, Eva Uthemann: Was Bilder erzählen. Die klassischen Geschichten aus Antike und Christentum. 6. Auflage. München 2011, S. 10. ISBN 978-3-406-62408-7
Versionen des Motives bei Tizian Die Körperhaltung Danaës ist in allen Gemälden konstant und zeigt sie entspannt auf einem Sofa. Sie hat ihr rechtes, dem Betrachter näheres Bein angewinkelt und bei einigen Ausführungen wird ihre Scham zusätzlich durch ein locker aufliegendes Tuch bedeckt. Sie trägt keinerlei Kleidung und blickt in die obere rechte Bildecke. Da die Figur der Danaë auf Röntgenaufnahmen oft sehr klare Kanten aufweist, wird davon ausgegangen, dass beim Herstellungsprozess eine Schablone eingesetzt wurde. Die obere linke Ecke, teilweise auch die gesamte linke Bildkante, wird von einem zurückgezogenen Vorhang eingenommen. Am Fußende des Möbels befindet sich je nach Gemälde eine dunkle Decke und/oder ein Teil des Vorhangs. Weitere Bildelemente unterscheiden sich je nach Version des Gemäldes.
Neapel mini|Die erste Ausführung im Museo di Capodimonte in Neapel Beim Gemälde in Neapel handelt es sich um die älteste Ausführung des Themas durch Tizian. Rechter Hand steht nach rechts gewandt Amor, der besorgt den Kopf zum Goldregen dreht und Danaë mit dem Gott allein lassen möchte. Der Goldregen ähnelt einer Gewitterwolke, aus der einige Münzen fallen. Rechts im Hintergrund befindet sich ein blauer Himmel, der zur Bildmitte mit einer kollosalen Säule von der übrigen Architektur abgegrenzt wird.
Diese erste Fassung des Themas wurde 1544 bis 1545 für Kardinal Alessandro Farnese gemalt, der eine Affäre mit einer Kurtisane eingegangen war.Miguel Falomir, Paul Joannides: Dánae y Venus y Adonis: origen y evolución. Boletín del Museo del Prado, Museo del Prado, 2014, S. 16–51. (In englischer Sprache abrufbar über die Museumswebsite: Danaë and the Shower of Gold). Laut Vasari soll Tizian für seine Arbeit keine Bezahlung erhalten haben.Harold E. Wethey: The Paintings of Titian. Band III: The Mythological and Historical Paintings. London 1975. Es verblieb anschließend im Palazzo Farnese in Rom, bevor die Kunstwerke der Familiensammlung im 18. Jahrhundert nach Neapel gebracht wurden.
Röntgenaufnahmen konnten zeigen, dass die Komposition des Gemäldes zunächst der von Tizians Venus von Urbino ähnelte. Anstelle des Amor und der offenen Landschaft im Hintergrund war ein Fenster mit einer davor knienden Bediensteten geplant,Roberto Zapperi: Alessandro Farnese, Giovanni della Casa and Titian’s Danae in Naples. in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes, Band 54 (1991). ohne dass es sich um eine bestimmte mythologische Figur handelte. Roberto Zapperi nimmt an, dass diese Änderung aufgrund von Farneses Position als Kardinal veranlasst wurde, da die simple Darstellung einer nackten Frau verfänglicher war als die Darstellung einer Geschichte der antiken Mythologie. Gleichzeitig war die Darstellung von Münzen für das Bildnis einer (käuflichen) Kurtisane passend und folgte somit Farneses Auftrag, versteckte diese Bedeutung aber in der für Danaë notwendigen Ikonografie. Es wird angenommen, dass die Änderung des Themas erst stattfand, als Tizian bereits mit dem vollendeten Gemälde nach Rom gereist war.Eric Jan Sluijter: Emulating Sensual Beauty: Representations of Danaë from Gossaert to Rembrandt. in: Simiolus. Netherlands Quarterly for the History of Art, Band 27, Heft 1/2 (1999). Dem widerspricht Daniela Bohde, da ihrer Meinung nach bereits die Körperhaltung, welche eine Art Kuhle für die herabsinkende Wolke bildet, nicht einer Venus, sondern nur Danaë entspräche. Ferner sei Danaë vielmehr noch erotischer als eine Venus und würde den Aspekt der Erotik daher nicht Verschleiern, sondern verstärken.
Eine genaue Perspektive hat Tizians hier im Gegensatz zur Venus von Urbino aufgegeben und es kann nur ungefähr ein Fluchtpunkt im Sockel der Säule ausgemacht werden.
1944 wurde das Gemälde nach Ausführens des Falls Achse von deutschen Truppen geraubt und in ein Salzbergwerk in Bad Aussee gebracht. Im Zuge von Italiens EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte des Jahres 2014 wurde diese Fassung an die National Gallery of Art in Washington D.C. ausgeliehen. Eine Kopie der neapolitanischen Version befindet sich in der Wallace Collection in London.
London mini|Die Version der Wellington Collection in London Das Bild in der Sammlung Wellington in London ist die zweite Ausführung und zeigt eine alte Frau im Hintergrund, die mit ihrem Gewand Teile des Goldregens einzufangen versucht. Ihr Kopf ist gestreckt und der Betrachter des Werkes kann ihr Gesicht gut erkennen. Das Tuch auf Danaës Schamgegend bedeckt nun ihren linken Oberschenkel und ihre Darstellung wirkt somit entblößter als die neapolitanische. Der Himmel ist im Vergleich dunkel gehalten. Die Darstellung einer älteren Frau anstelle des Amor wird zum Teil einer Reihe von im Gemälde gezeigten Gegensätze; steht doch der jungen, ruhigen und unbekleideten Danaë eine alte, aktive und bekleidete Frau gegenüber.
Röntgenaufnahmen des Gemäldes zeigen das Betttuch ursprünglich wie in der Neapler Fassung über Danaës rechtem statt linken Bein, jedoch entschied sich der Künstler vor der Vollendung des Werkes für diese Veränderung. Die Oberkante des Gemäldes wurde im 18. Jahrhundert vermutlich aufgrund von Beschädigungen abgeschnitten.
Diese Fassung malte Tizian im Auftrag von Philipp II., der es 1553 erhielt. Es war Bestandteil einer Reihe von Gemälden auf Basis von Ovids Metamorphosen, die Tizian zwischen 1553 und 1562 an den spanischen König lieferte. Beim Rückzug Joseph Bonapartes im Jahre 1813Siehe dazu: Napoleonische Kriege auf der Iberischen Halbinsel. entwendete dieser etwa 200 Gemälde aus spanischem Besitz, darunter auch Tizians Danaë. Er wurde jedoch von Arthur Wellesley, dem späteren Duke of Wellington, gestellt und die Gemälde wurden zur Begutachtung nach London gebracht. Nachdem Ferdinand VII. die Gemälde als Zeichen der Dankbarkeit Wellesley überließ, verblieb Danaë als Teil der Wellington Collection in London. 2013 wurde die Londoner Fassung für Restaurierungsarbeiten an das Museo del Prado übergeben, um anschließend als Teil einer Sonderausstellung zu Ovids Metamorphosen gezeigt zu werden.
St. Petersburg mini|Die Version in der Eremitage in St. Petersburg Die St. Petersburger Ausführung in der Eremitage zeigt den Goldregen stärker als zuvor als eine Gewitterwolke, aus der nun deutliche Münzen herabfallen. Auch arbeitete Tizian Zeus’ Gesicht stärker heraus. Das Tuch auf Danaës Schamgegend bedeckt wieder den linken Oberschenkel. Anstelle des Amor zeigt diese Darstellung ebenfalls eine sitzende, ältere Frau, die mit dem Stoff ihres Kleides einige herabregnende Münzen einzufangen versucht. Sie trägt an ihrem Gürtel ein bereits gefülltes Säckchen – möglicherweise eine Geldbörse – und einen großen Schlüsselring, der auf dem Bett aufliegt. Der Himmel ist in der St. Petersburger Fassung bewölkt und das eigentliche Blau scheint nur an wenigen Stellen durch.
Das Werk entstand um 1554 und befindet sich seit 1772 im Eremitage, nachdem es aus der Sammlung des kurz zuvor verstorbenen Louis Antoine Crozat, Baron von Thiers, angekauft wurde. Die Provenienz vor dieser Zeit ist nicht abschließend geklärt.
Madrid mini|Die Version im Museo del Prado in Madrid Bei der Ausführung in Madrid ist das Inkarnat der Danaë sehr hell; im Gegensatz dazu das der älteren Frau dunkler. Der Goldregen entspringt hier einer dunklen und stark herausgearbeiteten Wolkengruppe. In der linken unteren Bildecke liegt ein kleiner Hund zusammengerollt auf dem Bett, auf den Danaë mit ihrer rechten Hand zeigt.
Bei dieser Fassung handelt es sich um eine wesentlich erotischere Darstellung des Motivs, so fehlt ein die Scham bedeckendes Tuch vollkommen. Stattdessen ist deutlich Danaës linke Hand erkennbar, mit der sie ihre Beine auseinander drückt und sich dem Gott anbietet. Außerdem kann es als Akt der Masturbation gedeutet werden. Diese war in der Frühen Neuzeit ein akzeptiertes Mittel um einen weiblichen Orgasmus herbeizuführen, da man annahm, er sei für die Empfängnis nötig. Zwar zeigt die linke Hand keine aktive Handlung, jedoch deutet das Laken zwischen den Fingern der rechten Hand den Vorgang und damit die Empfängnis von Perseus an. Hinzu kommen ihr geöffneter Mund, der stärker erregte Gesichtsausdruck und die deutlich angespannten Halssehnen, die die Ekstase komplettieren.
Diese Ausführung entstand zwischen 1560 und 1565 und befindet sich heute im Museo del Prado in Madrid. Aufgrund der delikaten Ausführung geht das Museum davon aus, dass Tizian selber (und nicht nur seine Werkstatt) an der Ausführung beteiligt war und es von einem reicheren Patron in Auftrag gegeben wurde. Der erste Käufer des Gemäldes ist nicht mehr bekannt, es wurde jedoch später von Diego Velázquez während seiner Italienreise (1629 bis 1631) erworben. Anschließend verkaufte er es Jerónimo de Villanueva in einem Konvolut von 18 weiteren Werken. Danaës linke Hand wurde in dieser Version zu einem späteren Zeitpunkt verändert und sie erscheint ungewöhnlich flach. Cathy Santore vermutet als Grund, dass die Position und Handhaltung als zu anstößig empfunden wurde.Cathy Santore: Danaë: The Renaissance Courtesan’s Alter Ego. in: Zeitschrift für Kunstgeschichte, Band 54, Heft 3 (1991). Ein ähnliches Schicksal erfuhr die Wiener Version des Gemäldes.
Wien mini|Die Version in Wien Die Ausführung im Kunsthistorischen Museum Wien zeigt im Hintergrund erneut eine Frau, die hinter dem Liegemöbel kniend mit einem goldenen Teller den Regen, der sich auch hier wieder in Form von Münzen manifestiert, zu sammeln versucht. Die Wolken des Goldregens sind im Gegensatz zu den anderen Varianten in der rechten oberen Ecke positioniert und Zeus’ Gesicht ist wieder stärker herausgearbeitet. Danaë fasst mit ihrer rechten Hand den Saum des Vorhanges und ihr Becken ruht auf einem Rosenzweig. Einige Münzen liegen vor Danaës Becken – nicht jedoch an anderen Stellen.
In der Blumensprache der Renaissance steht die Rose häufig für Prostitution und Tizian entschied sich, ihr hier eine Rose beizugeben. Passend dazu zeigen die Münzen deutlich, was der als Goldregen auftretende Zeus für Absichten mit ihr hat und so können die Münzen als Bezahlung für die Rose (beziehungsweise den intimen Moment) verstanden werden.
Diese Fassung entstand nach 1554 wurde im Jahr 1600 von Rudolf II. erworben. Dadurch gelangte es in die Sammlung des Kunsthistorischen Museums. Gleich der Madrider Version wurde auch in diesem Gemälde die linke Hand teilweise retuschiert und vermutlich griff sie ursprünglich nicht nach dem Betttuch.
Chicago mini|Die Version in Chicago