Toni Oelsner (auch Toni Fanny Oelsner; * 5. Mai 1907 in Frankfurt am Main; † 5. August 1981 in New York City) war eine Sozialwissenschaftlerin, die als Antifaschistin und Jüdin nach der Machtübergabe an die Nazis ihr Studium in Frankfurt nicht beenden konnte. Erst nach ihrer Emigration in die USA war es ihr unter schwierigen Bedingungen möglich, ein Studium an der New School mit einem Master of Social Science abzuschließen. Oelsner erhielt aber nie eine akademische Festanstellung. Ihr Forschungsschwerpunkt, den sie dennoch bearbeitete und zu dem sie auch publizierte, war die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Juden in Deutschland, wobei sie sich entschieden gegen die traditionelle Geschichtsauffassung wandte, nach der die Juden vorrangig im Handel und insbesondere mit dem Geldverleih beschäftigt gewesen seien.
Leben 1979 wurde erstmals ein Interview veröffentlicht, das Mathias Greffrath (MG) 1977 mit Toni Oelsner geführt hatte.Mathias Greffrath im Gespräch mit Toni Oelsner, nachfolgend zitiert als (MG, S. xx). Das Gespräch gibt einen umfassenden Überblick über Oelsners persönliches Schicksal und die Schwerpunkte ihrer wissenschaftlichen Forschung. Ergänzend hierzu gibt es den Eintrag im Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933Werner Röder und Herbert A. Strauss im: Biographischen Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 und einige Digitalisate in den Datenbanken von Ancestry, die es ermöglichen, Stationen ihres Lebensweges zeitlich präziser zu bestimmen.
Familie Oelsner beschrieb sich als jemand, „der nicht von Anfang an mit einem silbernen Löffel zur Welt kam“. Sie kam aus einer nicht-orthodoxen jüdischen Familie, die zwar die jüdischen Feiertage einhielt, aber ansonsten kulturell assimiliert war. Der Vater, Salo Oelsner (* 1866 in Breslau; † 1934 in Frankfurt)Den Namen Oelsner führt sie in ihrem Aufsatz Wie führt Familienforschung zur historischen Forschung? auf die Stadt Oels zurück, die heute den polnischen Namen Oleśnica trägt. war Handelsvertreter (MG, S. 187 f), die Mutter, Betty Oelsner (geborene Oppenheimer; * 1873 in Hildburghausen; † 1923 in Frankfurt), Hausfrau. Außer Toni gehörten zur Familie noch zwei weitere Geschwister: Anna (* 1902 in Darmstadt; verheiratete Jacoby), die 1938 nach Kolumbien emigrierte, und Erwin (* 1906 in Frankfurt), dem 1935 die Emigration nach Brasilien gelang. Über die Kontakte der Geschwister untereinander gibt es kaum Hinweise, doch aus einem undatierten BriefIn dem Brief wird ein Raubüberfall auf Oelsner erwähnt (siehe unten), der sich Anfang 1976 ereignete, was eine gewisse Eingrenzung seiner Abfassung erlaubt. an Fred Grubel vom Leo Baeck Institut geht hervor, dass Toni Oelsner die genauen Aufenthaltsorte ihrer Geschwister kannte. Der Brief, in dem sie Verfügungen über ihren Nachlass trifft, enthält auch einen Wunsch für den Fall ihres eigenen Todes.
Oelsners Leben bis zur Emigration Der Familie war es nicht möglich, Toni eine umfassende Ausbildung zukommen zu lassen. Ein Lehrer schlug vor, dass sie eine Oberrealschule besuchen sollte, doch die Eltern waren aus finanziellen Gründen dazu nicht bereit. (MG, S. 210) In ihrem Antrag zur Einleitung des Entschädigungsverfahrens nach dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG) erklärte sie dazu, dass sie von „1914 – 1923 die Falk-Mittelschule in Frankfurt, und später das Städtische Lyzeum besucht“ habe.Archivinformationssystem Hessen: Entschädigungsverfahren Toni Oelsner Diese Schule konnte sie aber nicht bis zum Abschluss besuchen, denn als sie 15 Jahre alt war, verstarb in der Hochphase der Inflationszeit der 1920er Jahre die Mutter und Toni musste die Schule auf Drängen der Familie verlassen. Sie schlug sich mit hauswirtschaftlicher Arbeit durch und arbeitete in Kolberg und Berlin mit Kindern und Jugendlichen. (MG, S. 187) Röder/Strauss präzisieren das und sprechen im Falle von Kolberg von einem Jüdischen Erholungsheim (1924/25), worauf 1925/26 der Besuch der Jüdischen Haushaltungsschule Frankfurt folgte. Danach ging sie 1926/27 nach Berlin und arbeitete in einem jüdischen Waisenhaus und einem Heim für weibliche Studenten. Ab 1928 lebte sie wieder in Frankfurt und arbeitete als Sekretärin und Angestellte. Ein Versuch, in Frankfurt eine Buchhandelslehre zu beginnen, wurde von der Familie vereitelt. (MG, S. 187) Am 2. September 1930 legte sie als Externe an der Adlerflychtschule in Frankfurt die „Schlusspruefung (Reife fuer die Obersekunda einer deutschen Oberschule) [..] ab. Mein Plan war, mit Kleiner Matrikel zu immatrikulieren und nach einigen Semestern die Pruefung zum Universitaetsstudium ohne Reifepruefung (Begabtenabitur) abzulegen, um hiernach promovieren zu koennen und mich daraufhin an Volkshochschulen zu betaetigen.“ Ein Teil dieses Planes konnte Oelsner verwirklichen und bei Max Horkheimer, Karl Mannheim, Paul Tillich, Theodor W. Adorno und Max Wertheimer studieren. (MG, S. 188) Damit schlug sie einen Weg ein, den Claudia Honegger auch an Oelsners Beispiel so umriss:
Bevor dies auch für Toni Oelsner zur Gewissheit werden sollte, nahm sie Teil an den politischen Aktivitäten in ihrem studentischen Umfeld. Sie wurde Mitglied in der Frankfurter Roten Studentengruppe (RSG), beteiligte sich an den universitären und außeruniversitären Aktionen gegen die Nazis und wurde – nach deren Machtübernahme – KPD-Mitglied. (MG, S. 190 f) Auch die Jüdische Gemeinde in Frankfurt versuchte sie für ihre politische Überzeugung zu gewinnen. 1932 beschäftigten sich in der Beilage Jugend und Gemeinde zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt junge Gemeindemitglieder mit der von Alfred Döblin aufgeworfenen Frage, wo der geistige Ort junger Juden in den gesellschaftlichen und sozialen Auseinandersetzungen sei und empfahl ihnen, sich an die Seite der Arbeiterschaft zu stellen. Diese Position wurde in der erwähnten Beilage heftig diskutiert und kritisiert, unter anderem auch von Toni Oelsner in ihrem Beitrag Synthese von Judentum und Sozialismus, in dem sie fragte: „Warum aber nur auf der Seite, nicht in die Reihen der Arbeiterschaft treten?“ Ihre Schlussfolgerungen lauten:
Toni Oelsner setzte sich nicht nur theoretisch für den Sozialismus ein. Das brachte ihr bereits 1932 eine Verhaftung wegen der Verteilung von Flugblättern ein, und selbst nach der Machtübernahme der Nazis stellte sie sich diesen noch entgegen und verteilte zusammen mit kommunistischen Arbeitern antifaschistisches Propagandamaterial. (MG, S. 190) Im Oktober 1933 wurde sie dafür vier Wochen inhaftiert.
Am Abend des 30. Januar 1933 schickte Toni Oelsner ihren Antrag auf Zulassung zum Begabtenabitur ab. Die Ablehnung dieses Antrags bringt sie weniger mit ihren politischen Aktivitäten in Verbindung, als vielmehr mit dem nun zur Staatsräson gewordenen Antisemitismus.
Mit der Machtübernahme der Nazis begannen für Oelsner Jahre, die geprägt waren von materieller Not und Krankheit. (MG, S. 195) Persönliche antisemitische Verfolgungen blieben ihr aber erspart (MG, S. 191), und sie konnte bis 1937 weiterhin als Gasthörerin Kurse an der Universität belegen und Bibliotheken nutzen und kam über das Frankfurter Freie Jüdisches Lehrhaus in Kontakt zu dem Ökonomen Josef Soidek (1905–1993). Von ihm erhielt sie den Rat, sich aus sozialwissenschaftlicher Sicht mit jüdischer Familienforschung zu befassen, und daraus entwickelte sich ein Forschungsvorhaben, dessen Ergebnisse sie aber in Deutschland nicht mehr als Buch veröffentlichen konnte. Diese „Geschichte dreier jüdischer Familien in Deutschland von der Voremanzipation bis zur Vorkriegszeit“ wurde teilweise noch in jüdischen Zeitschriften veröffentlicht, konnte von ihr aber erst in den USA fertiggestellt werden, wo sie 1942 unter dem Titel Three Jewish families in modern Germany veröffentlicht wurde. Um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, erteilte sie Auswanderern Englischunterricht, übernahm Schreibarbeiten und bekam 1937/38 auf Empfehlung von Martin Buber ein Stipendium. (MG, S. 196)
Im November 1938 verboten die Nazis jüdischen Studenten die Benutzung der Bibliotheken. Um diese Zeit stellte Toni Oelsner einen Antrag auf ein Visum für die USA. Als dieses im Frühjahr 1939 immer noch nicht erteilt war, schickte sie eine Kopie ihres Aufsatzes über die drei jüdischen Familien an den britischen Historiker Cecil Roth in London. Dessen Antwort verhalf ihr zu einem Visum für einen Aufenthalt in Großbritannien. Am 7. August 1939 erhielt sie vom amerikanischen Konsulat in Frankfurt auch ihr USA-Visum,Laut dem Eintrag zu ihr in der Passagierliste von Ellis Island. und am 18. August 1939 konnte sie Deutschland verlassen. (MG, S. 197) Die Reisekosten übernahm der Hilfsverein der Juden in Deutschland. (MG, S. 198)
Wissenschaftlerin in der Emigration Den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erlebte Toni Oelsner in London, wo sie sich auch als Enemy Alien registrieren musste. Sie wohnte bei Verwandten und in deren Nähe Karl Mannheim. Der setzte sich schriftlich für sie bei Leuten ein, die in New York in Verbindung zur New School standen – allerdings ohne Erfolg für sie, wie sich dann herausstellen sollte. (MG, S. 198 f)
Am 23. September 1939 konnte Toni Oelsner von Southampton aus in die USA aufbrechen. Von den Quäkern im Londoner Bloomsbury House hatte sie 20 Dollar erhalten, die ihr in den ersten Wochen in New York Bus- und Bahnfahrten erlaubten. Am 29. September kam sie in New York an; ihre Anlaufstelle war ein dort wohnender Onkel, M. Oppenheimer. Als Berufsbezeichnung hat sie bei der Einreise Stenographer (Stenograf) angegeben – und im Umfeld dieses nicht-akademischen Berufes bewegte sich auch ihre weitere Existenzsicherung „als Hausmädchen, Kindermädchen, Nachhilfelehrerin, Übersetzerin, Schreibkraft“ („working as maid, governess, tutor, trans, typist“). Soziologie als Beruf blieb ihr – abgesehen von einigen Kurzzeitbeschäftigungen – ein Leben lang verwehrt.
Toni Oelsner begann 1940 in Abendstudium an der New School, das sie 1942 mit einem Master of Social Science abschloss. Ihre Magisterarbeit war der Abschluss ihrer aus Deutschland mitgebrachten Forschungen über die drei Jüdischen Familien. (MG, S. 199) Der Abschluss brachte ihr aber keinen Zugang zu amerikanischen Universitäten, denn diese werteten ihn nur als Bachelor-Abschluss,
Was folgte, waren immer wieder befristete Stellen, unter anderem als Übersetzerin für den Historiker Veit Valentin und als Mitarbeiterin an der Universal Jewish Encyclopedia und im YIVO-Institut. Ihre prekäre Situation, in der sie auch keine Unterstützung durch andere Emigranten erfuhr, da einige meinten, dass sie „zu links sein könnte“, beschrieb sie so:
Oelsner hatte am 26. Juni 1940 einen Einbürgerungsantrag gestellt. Dem wurde kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, am 19. Juli 1945, stattgegeben.Angaben laut den Datenbanken von Ancestry, eingesehen über den Wikipedia Library Account. Beides, das Kriegsende und die Einbürgerung, führten aber zu keiner grundlegenden Wende ihrer schwierigen Lage. Eine ihr zunächst angebotene Stelle bei der Militärregierung für Deutschland wurde ihr verweigert, da ihr unterstellt wurde, links zu sein. Eine Stelle als Dokumentenforscherin bei den Nürnberger Prozessen wurde ihr 1947 nicht zugestanden, weil Frauen von den US-Behörden nur bis zum Alter von 35 Jahren zur Arbeit in Deutschland zugelassen wurden. Was folgte, waren immer wieder erfolglose Bewerbungen an Colleges, für deren Scheitern sie auch ihre Fokussierung auf jüdische Themen und einen verbreiteten Antisemitismus verantwortlich machte. (MG, S. 201 f)