mini|Kundgebung gegen anti-asiatischen Rassismus in New York, 2021Anti-asiatischer Rassismus bzw. Antiasiatischer Rassismus beschreibt eine Form des Rassismus gegenüber Menschen, denen eine „asiatische“ Herkunft zugeordnet wird. Anti-asiatischer Rassismus ist im öffentlichen Diskurs unterrepräsentiert. Das liegt beispielsweise daran, dass asiatische Menschen oft als „Vorzeige-Migranten“ (Model Minority) dargestellt werden. Deshalb wird ihnen häufig abgesprochen, dass sie Rassismus erleben. Auch spielt hierbei die mediale Repräsentation eine wesentliche Rolle, da bei vielen rassistischen Vorfällen gegenüber Asiaten das rassistische Motiv verharmlost und reproduziert wurde.

Der Begriff gilt als politisch, da nicht alle asiatischen Menschen von anti-asiatischem Rassismus betroffen sind, sondern hauptsächlich Menschen, die als solche gelesen werden, vor allem aus dem südostasiatischen und ostasiatischen Raum. Anti-asiatischer Rassismus taucht unter anderem in Form von rassistischen Beleidigungen, allen Formen von Gewalt, Sexualisierung und Fetischisierung auf und reicht bis zu Mord und historischen Verbrechen wie chinesischen Menschen in Konzentrationslagern während der Zeit des Nationalsozialismus und den rechtsextremen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen gegenüber vietnamesischen Asylbewerbern nach der deutschen Wiedervereinigung hin. Im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie verstärkte sich der anti-asiatische Rassismus.

Begriffsetymologie

Beschreibung Mit dem Begriff „Anti-asiatischer Rassismus“ (auch „Antiasiatischer Rassismus“) wird eine Form des Rassismus gegenüber asiatischen Menschen bzw. „Asiaten“ beschrieben. Mit dem Begriff „Asiate“ werden im westlichen Kontext vor allem Menschen aus dem ost- und südostasiatischen Raum beschrieben, vor allem Menschen, denen eine Herkunft aus Ländern wie China, Südkorea oder Vietnam zugeschrieben wird. Mitunter sind andere Länder auf dem Kontinent Asien wie Indien, Iran oder die arabischen Länder bei diesem Begriff nicht mitgemeint.

Kritik Der Begriff „Anti-asiatischer Rassismus“ homogenisiert bzw. vereinfacht den ethnisch und kulturell vielfältigen Kontinent Asien. Dabei dominiert ein ost- und südostasiatischer Bezug, der stellvertretend für „Asien“ genommen wird. Beispielsweise wurde das in einer Umfrage deutlich, bei der 75 % der Befragten (in Deutschland) angaben, mit „Asien“ Menschen aus China in Verbindung bringen, 46 % nannten Japan, und 13–15 % dachten bei Asien an Länder wie Thailand, Südkorea, Indien und Vietnam. Hingegen wurden westasiatische Länder wie der Iran von weniger als 2 % der Befragten mit Asien assoziiert. Als Folge davon werden Menschen aus westasiatischen Regionen oft eher als „muslimisch“ statt als „asiatisch“ wahrgenommen.

Während Personen aus westasiatischen Regionen oft nicht über die kontinentale Bezeichnungen gelabelt werden (z. B. arabisch), werden Menschen aus dem ost- und südostasiatischen Raum häufiger unter dem Begriff „Asiate“ zusammengefasst. Menschen, die von der Weißen Mehrheitsgesellschaft als „asiatisch“ markiert werden, seien in vielen Fällen nicht asiatischer Herkunft. Zudem sind auch indigene Menschen aus Südamerika und der Inuit von anti-asiatischem Rassismus betroffen, obwohl sie keinen biografischen Bezug zum Kontinent Asien haben. Um diesen Prozess der Fremdzuschreibung sichtbar zu machen, wird heute häufig von asiatisch markierten beziehungsweise asiatisch gelesenen Personen gesprochen.

Der Begriff „Anti-asiatischer Rassismus“ wird politisch genutzt, da er hauptsächlich die Auswirkungen beschreibt, die Betroffene erleben, und nicht als Begriff, der die geografische Lage, Religion oder Kultur der Betroffenen beschreibt. Die Bezeichnung trifft nach dem aktuellen wissenschaftlichen Stand in der Soziologie den Rassismus, den Betroffene weltweit erfahren, am besten, gilt jedoch nicht als ideal.

Geschichte

Anfänge Schon im dreizehnten Jahrhundert entstanden von europäischen Menschen Narrative und rassistische Bilder gegenüber ost- und südostasiatischen Menschen. In ihnen erscheinen solche Menschen als „anders“, „exotisch“ und „gefährlich“. Ein Beispiel dafür ist Marco Polo, der über die Tausenden Frauen Kublai Khans und die Prostituierten außerhalb des Herrscherpalastes in Peking schreibt.

19. Jahrhundert mini|The Yellow Terror In All His Glory, US-amerikanische Darstellung von 1899

Kolonialismus Auch während der Kolonialzeit wurden rassistische Narrative gegenüber ostasiatischen Menschen geschürt. Ein Beispiel dafür ist das Pejorativum bzw. abwertender Begriff der „Gelben Gefahr“ aus der Kolonialzeit, mit dem die USA und die europäischen Kolonialmächte Ressentiments gegen (süd-)ostasiatische Völker, insbesondere gegen China, zu schüren versuchten. Der Begriff wurde erstmalig 1897 vom russischstämmigen Soziologen Jacques Novikow in seinem Aufsatz Le péril jaune erwähnt.

Zuvor hatte der Historienmaler Hermann Knackfuß nach einem Entwurf von Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1895 das Bild Völker Europas, wahret eure heiligsten Güter gemalt. Mit diesem allegorischen Gemälde wollte Wilhelm II. die europäische Christenheit zum gemeinsamen Kampfe gegen die Gelbe Gefahr bzw. den gottlosen Buddhismus aufrufen. Kaiser Wilhelm übergab dieses Bild dem russischen Zaren mit der Bitte, die Einflüsse aus dem Osten unter Kontrolle zu halten („die drohende Gefahr eines durch Japan mobilisierten chinesischen Ansturmes“). Hinter dem Bild steckte die unterschwellige Anerkennung des Potenzials Ostasiens, dem man um die Wende zum 20. Jahrhundert zutraute, die europäisch-nordamerikanische Weltmachtstellung zu brechen.

Der Begriff kam nochmal zu Gebrauch, als Japan bzw. die Tigerstaaten in den 1980er Jahren die wirtschaftliche Vorherrschaft zu übernehmen schienen. Zuvor wurde der Begriff auch schon Ende der 1970er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland als ablehnende Bezeichnung für das China unter Deng Xiaoping benutzt.

Kalifornischer Goldrausch Mit dem Kalifornischen Goldrausch ab 1848 kamen zahlreiche chinesische Arbeitskräfte nach Nordamerika. Sie wurden schnell als „Billiglöhner“ stigmatisiert, was zu rassistischer Gewalt führte – etwa beim Chinese massacre of 1871 in Los Angeles, bei dem mindestens 17 chinesische Menschen massakriert wurden. mini|Erste Seiten des Chinese Exclusion Act

Rassistische Gesetze und deren Auflösung in den USA Während des Chinese Exclusion Act durften chinesische Menschen die USA für eine Dauer von zehn Jahren nicht betreten. Es war das erste amerikanische Einwanderungsgesetz, das Menschen rassistisch und beruflich kategorisierte, was als Wendepunkt in der US-Einwanderungspolitik gilt. Das Gesetz wurde 1883 vom damaligen US-Präsidenten Chester A. Arthur verabschiedet. Auf dieses Gesetz folgte der Scott Act, der chinesischen Arbeitsmigranten untersagte, nach China zurückzukehren und erneut in die USA einzureisen, selbst wenn sie zuvor eine Wiedereinreisegenehmigung besaßen. Das hatte zur Folge, dass 20.000 chinesische Menschen nicht mehr in die USA zurückkehren konnten. Durch den Geary Act wurde der ursprüngliche Chinese Exclusion Act um weitere 10 Jahre verlängert. 1902 wurde seine Gültigkeit auf unbestimmte Zeit verlängert. Dieses rassistische Gesetz wurde 1943 durch den Magnuson Act vom damaligen Vertreter der demokratischen Partei für den Bundesstaat Washington im Senat Warren G. Magnuson aufgelockert. Das Gesetz setzte für Einwanderer chinesischer Herkunft eine quote-basierte Obergrenze von 105 Personen pro Jahr, entsprechend dem Immigration Act of 1924. Dieses Gesetz war bis 1965 gültig, als der Immigration and Naturalization Services Act of 1965 alle nationalen Quoten aufhob und zu einem signifikanten Anstieg asiatischer Einwanderung in die USA führte.

20. Jahrhundert

Boxeraufstand und rassistische Wahrnehmung Seit dem 19. Jahrhundert hatten die europäischen Mächte, die USA und Japan Einfluss in China gewonnen. Sie betrieben häufig Kolonialpolitik, die in China als Verlust von Souveränität und kultureller Kontrolle empfunden wurde. So pachtete das deutsche Kaiserreich die chinesische Hafenstadt Qingdao in der Bucht von Kiautschou und legitimierte sich durch koloniale Narrative von Überlegenheit und Zivilisierung. Im Jahr 1900 verstärkte der Boxeraufstand, bei dem chinesische Boxer gegen die koloniale Einflussnahme kämpften, die rassistischen Stereotypen über Ostasiaten als „gelbe Gefahr“ für weiße Menschen. mini|Wilhelm II. bei der Hunnenrede Ein Beispiel für die Verstärkung solcher Stereotype ist die Hunnenrede des deutschen Kaisers Wilhelm II. aus dem Sommer 1900. In der Rede forderte Wilhelm II. deutsche Truppen dazu auf, mit brutaler Gewalt in China vorzugehen, und sprach in rassistischem Vokabular vom „Kampf gegen Barbarei“ und der „Zivilisation“. Diese Rede wurde später als Beispiel für rassistische Rechtfertigungen kolonialer Gewalt kritisiert.

Während des Nationalsozialismus 1890 kamen in der Hansestadt Hamburg viele chinesische Seemänner an. Im Verlaufe des 20. Jahrhunderts stellten Unternehmen wie Hapag-Lloyd immer mehr chinesische Menschen in Deutschland an.

Asiatische Menschen, vor allem solche mit chinesischen Wurzeln, waren unter der Herrschaft der Nationalsozialisten von Rassentheorien betroffen: So wurden neben jüdischen Menschen, Sinti und Roma, politischen Gegnern und weiteren Gruppen auch chinesische Menschen in Konzentrationslager und Arbeitslager verschleppt und dort ermordet.Vgl. Kien Nghi Ha, Chinesische Präsenzen in Berlin und Hamburg bis 1945, in: ders. (Hrsg.), Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond, Berlin–Hamburg 2012, S. 280–287; Dagmar Yü-Dembski, Chinesenverfolgung im Nationalsozialismus. Ein weiteres Kapitel verdrängter Geschichte, in: Bürgerrechte & Polizei 3/1997, S. 70–76. Insgesamt sollen während der NS-Zeit etwa 100 Chinesen in Konzentrationslagern inhaftiert gewesen sein, von denen mehrere durch Krankheit und Kriegsfolgen umkamen. mini|Gedenktafel an das Hamburger Chinesenviertel und die Chinesenaktion während der NS-ZeitKurz nach Beginn der NS-Herrschaft entließen Hamburger Reedereien (Schifffahrtsunternehmen) ihre rund 600 chinesischen Heizer. Die Chinesische Botschaft in Berlin protestierte als Folge vehement gegen das Vorgehen, weshalb die NS-Rassenpolitik anschließend gegen chinesische und japanische Staatsangehörige im Deutschen Reich nur versteckt angewendet wurde.

Anfänglich wurde im August 1941 die Einlieferung von zwei Chinesen in das Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen bei Berlin verzeichnet. Nach der Nationalitätenstatistik waren insgesamt 32 chinesische Staatsbürger in Sachsenhausen inhaftiert, davon allein 26 im Jahr 1944. links|mini|166x166px|Stolperstein für Woo Lie Kien, der durch Folgen der Folter starb Zudem hat, nachdem die chinesische Regierung dem nationalsozialistischen Deutschland als Folge des Angriffs auf Pearl Habour den Krieg erklärt hatte, die Gestapo während der sogenannten Chinesenaktion in Hamburg St.-Pauli im Mai 1944 insgesamt 130 chinesische Männer in Deutschland festgenommen und zunächst in die Davidwache und von dort in das Untersuchungsgefängnis an der Holstenglacis gebracht. Dort wurden ihnen eigene Besitztümer wie Pässe, Wertsachen und Geld abgenommen. Anschließend brachte man sie mit einem LKW in das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, wo die meisten von ihnen mehrere Monate einsaßen. Nach Zeugenaussagen wurden viele von ihnen dort schwer misshandelt und gefoltert, einige überlebten die Torturen nicht.Lars Amenda: „Chinesenaktion“: Zur Rassenpolitik und Verfolgung im nationalsozialistischen Hamburg. Hamburg 2005, S. 119 ff.