mini|Daniele Ganser (2018) Daniele Ganser (* 29. August 1972 in Lugano) ist ein Schweizer Historiker und Publizist. Er wurde mit seiner 2005 veröffentlichten Dissertation NATO-Geheimarmeen in Europa bekannt. Seitdem publiziert Ganser zu Militäraktionen von NATO-Staaten, die er als völkerrechtswidrig beschreibt, sowie zum globalen Ölfördermaximum. Er verbreitet Verschwörungstheorien, besonders zum 11. September 2001 und zum Russisch-Ukrainischen Krieg.

Leben Daniele Ganser wurde 1972 als Sohn des Pfarrers Gottfried Ganser (1922–2014) und dessen Frau, der Krankenschwester Jeannette Ganser, geboren.Rico Bandle: Daniele Ganser: Missionar des Misstrauens. Weltwoche.ch, 25. April 2017, S. 30–32 (kostenpflichtig) Er besuchte zwölf Jahre die Rudolf Steiner Schule Basel (eine Waldorfschule), dann bis zu seiner Matura 1992 das dortige Holbein-Gymnasium. Im Anschluss leistete er den obligatorischen Militärdienst.Leonie Scheidegger: Daniele Ganser. Ein ehemaliger Schüler im Portrait und Interview. In: Jahrbuch Gymnasium Leonhard 2009/2010, S. 52 f. Dann studierte er an der Universität Basel, der Universiteit van Amsterdam und der London School of Economics and Political Science (LSE) Alte und Neue Geschichte, Philosophie und Englisch mit einem Fokus auf Internationale Beziehungen. Nach seinem Lizenziat an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel (1998)Universität: Lizentiaten Phil. I. In: Basler Zeitung, 10. Februar 1998, S. 31. forschte er dort und an der LSE. Jussi Hanhimäki begleitete sein Vorhaben.Daniele Ganser: NATO-Geheimarmeen in Europa. 2. Auflage, Zürich 2008, S. 9 f. (Vorwort von Georg Kreis). 2000/2001 wurde er bei Georg Kreis am Historischen Seminar Basel mit der Dissertation Operation Gladio in Western Europe and the United States mit insigni cum laude zum Doktor der Philosophie promoviert.Olav Riste: «Stay Behind»: A Clandestine Cold War Phenomenon. In: Journal of Cold War Studies 16, Heft 4 (2014), S. 37.

Von 2001 bis 2003 war Ganser zuständig für Internationale Beziehungen und Politikanalyse bei der in Zürich ansässigen Denkfabrik Avenir Suisse. Er leitete deren Kampagne zur Volksinitiative zum Beitritt der Schweiz zur UNO. 2003 war er Mitglied im Beirat des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten für zivile Friedensförderung und Menschenrechte. Von 2003 bis 2006 war er Senior Researcher an der Forschungsstelle für Sicherheitspolitik (Center for Security Studies, CSS) der ETH Zürich. 2006 gründete Ganser mit anderen Wissenschaftlern einen Schweizer Ableger des britischen Vereins Association for the Study of Peak Oil and Gas (ASPO), den er bis 2012 leitete.Daniele Ganser: Peak Oil ist beim konventionellen Erdöl erreicht. ee-news.ch, 15. Januar 2013 Der Verein löste sich 2018 auf.Berndt Warm: Die kurze Endphase des Ölzeitalters: Erdöl, Autoproduktion und Thermodynamik. tredition, Hamburg 2021, ISBN 3-347-48732-X, S. 105 Von 2007 bis 2010 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Historischen Seminar der Universität Basel, wo er mit dem Projekt «Peak Oil» befasst war. Seine Forschungsschwerpunkte waren «Internationale Zeitgeschichte seit 1945», «Verdeckte Kriegsführung und Geostrategie», «Geheimdienste und Spezialeinheiten», «Peak Oil und Ressourcenkriege» sowie «Wirtschaft und Menschenrechte».

Ganser wollte sich an der ETH Zürich und der Universität Basel zweimal mit einer Arbeit zu Peak Oil habilitieren.Michael Genova: Universität St.Gallen verteidigt umstrittenen Historiker. In: St. Galler Tagblatt, 30. April 2017 Georg Kreis und weitere Professoren sahen die «wissenschaftlichen Standards» in Gansers eingereichter Arbeit jedoch als nicht erfüllt an. Universitätshistoriker betrachten Ganser als Pseudowissenschafter, der geltenden wissenschaftlichen Standards nicht folgt.Urs Hafner: «Die Historikerzunft ist apolitisch geworden». Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 17. September 2022

Ganser gründete 2011 die Aktiengesellschaft SIPER Swiss Institute for Peace and Energy Research AG in Basel mit und leitet sie als Verwaltungsrat. 2020 verlegte sie ihren Sitz nach Münchenstein.DV Bern AG: SIPER Swiss Institute for Peace and Energy Research AG. Das Unternehmen vermarktet Vorträge, Aufsätze, Bücher und Interviews Gansers. Neben ihm sind ein Diplomgeologe, ein Buchhalter und ein ehemaliger Manager aus der Energiebranche beschäftigt.Roger Schawinski: «Verschwörung!» Zürich 2018, S. 44–46 Als ihre Vision nennt die AG eine gänzlich regenerative Energieversorgung und die Beendigung der Gewaltspirale.

Von 2012 bis 2017 hielt Ganser mit Rolf Wüstenhagen eine Lehrveranstaltung zur Geschichte und Zukunft von Energiesystemen an einem Institut der Universität St. Gallen. 2017 kritisierten mehrere Schweizer Wissenschaftler Gansers Lehrauftrag wegen seiner 9/11-Thesen als schädlich für die Reputation jenes Instituts. Die Universität verteidigte ihn zunächst,Streit um Ganser: Kritik an HSG wächst. Tagblatt.ch, 9. Mai 2017; Samuel Schumacher: Ein Lehrauftrag für Verschwörungstheoretiker Ganser? Professoren kritisieren die HSG. Aargauer Zeitung, 10. Mai 2017 strich dann aber für 2018 Gansers Lehrauftrag, nach Angaben des verantwortlichen Professors Caspar Hirschi wegen einer Reform des betreffenden Studiengangs.Andreas Maurer: Verschwörungsstar verliert Lehrauftrag: Auch Uni St. Gallen lässt Daniele Ganser fallen. Aargauer Zeitung, 7. April 2018

Im April 2016 verlieh der Verein Mensa in Deutschland Ganser den IQ-Preis 2015 in der Kategorie «Intelligente Vermittlung von Wissen».Hochbegabte ehren Impulsgeber. MinD – Mensa in Deutschland e. V., 19. April 2016 Im Oktober 2023 verlieh die «Gesellschaft für kritisches Denken» (GkD) in Wien (Teilgruppe der GWUP) Ganser ihren jährlichen Negativpreis «Das Goldene Brett fürs Lebenswerk». Er habe, so die Preisverleiher, «Kontakte tief hinein in die Esoterik-Community» und sei «Schritt für Schritt ins Milieu der Verschwörungstheorien» abgerutscht.„Goldenes Brett vorm Kopf“ geht 2023 an Pseudo-Politologin Ulrike Guerot. vienna.at, 6. Oktober 2023.Blog: Stiftung Gurutest: Das „Goldene Brett“ lässt uns den Atem Putins spüren. Standard.at, 6. Oktober 2023

Ganser bezeichnet sich als «Friedensforscher».Tobias Gfeller: Friedensforscher oder doch Verschwörungstheoretiker? So kritisiert Daniele Ganser die Medien. Basellandschaftliche Zeitung, 11. Juni 2018 Der Soziologe Andreas Anton übernahm diese Bezeichnung Gansers.Andreas Anton: Verschwörungstheorien zum 11. September. In: Andreas Anton, Michael Schetsche, Michael K. Walter (Hrsg.): Konspiration: Soziologie des Verschwörungsdenkens. Springer VS, Wiesbaden 2014, S. 157–180, hier S. 161. Ganser hat jedoch in der akademischen Friedensforschung nichts publiziert und pflegt keine Kontakte zu deren Instituten.Michael Butter: Die Methode Ganser. Republik.ch, 13. April 2019

Er lebt mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn in der Schweiz.Lebenslauf: Dr. Daniele Ganser. danieleganser.ch (eigene Angabe).

Themen Kubakrise Im Jahr 2000 erschien Gansers Buch Reckless Gamble, mit dem er sein Lizenziat erworben hatte, im Verlag University Press of the South. Die deutschsprachige Ausgabe erschien 2006 unter dem Titel Die Kubakrise – UNO ohne Chance im Kai Homilius Verlag. Darin interpretierte Ganser Tätigkeiten der CIA gegenüber den Vereinten Nationen in der Kubakrise von 1962 als Sabotage am UNO-Sicherheitsrat und der UNO-Generalversammlung durch verdeckte Kriegsführung.Len Scott, R. Gerald Hughes: The Cuban Missile Crisis: A Critical Reappraisal. Routledge, 2015, ISBN 978-0-415-78716-1, S. 339, Fn. 85; Leonard Victor Scott: The Cuban Missile Crisis and the threat of nuclear war: lessons from history. Continuum, 2007, ISBN 1-84706-026-9, S. 174 und 202; Noam Chomsky: Hegemony or Survival: America’s Quest for Global Dominance. Metropolitan Books, 2007, S. 266, Fn. 13. – Inhaltsangabe: Daniele Ganser: Forty Years after the Missile Crisis: Russian roulette in Cuba Le Monde diplomatique, 15. November 2002; E. Wellershaus: Cuba revisited – Der verhinderte Präventivkrieg. (deutsche Übersetzung) Bildungsserver Hamburg / archive.org

NATO-Geheimarmeen

Im Jahr 2002 veröffentlichte Ganser seine Doktorarbeit in englischer Sprache.Schweizerische Landesbibliothek (Hrsg.): Das Schweizer Buch: Bibliographisches Bulletin der Schweizerischen Landesbibliothek. Ausgaben 5-8. Bern 2002, S. 758. Das Buch wurde in zehn Sprachen übersetzt; 2008 erschien die deutschsprachige Ausgabe NATO-Geheimarmeen in Europa. Ausgehend von freigegebenen Dokumenten zur italienischen «Gladio» beschreibt er darin weitere Stay-behind-Organisationen in Westeuropa, die im Falle einer sowjetischen Invasion einen Guerillakrieg führen sollten. Er versucht nachzuweisen, dass die NATO diese Gruppen zentral lenkte und einige davon Terroranschläge verübten. Diese Hauptthese Gansers weisen Politikwissenschaftler und Historiker als unzutreffend zurück. Sie stellen spekulative und verschwörungstheoretische Tendenzen des Buchs fest. Ganser wähle seine Quellen (überwiegend Printmedien) unkritisch aus und verfälsche sie teilweise.Siehe dazu:

Philip H. J. Davies: Review of Ganser, NATO’s Secret Armies. In: Journal of Strategic Studies 28, Nr. 6, 2005, S. 1064–1068. doi:10.1080/01402390500448524; Peer Henrik Hansen: Daniele Ganser. NATO’s Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe. The Journal of Intelligence History, Band, Nr. 1 / 2005, doi:10.1080/16161262.2005.10555113, S. 110–113; Peer Henrik Hansen: Falling Flat on the Stay-Behinds. In: International Journal of Intelligence and Counterintelligence Band 19, Ausgabe 1, 2006, doi:10.1080/08850600500332656, S. 182–186; Olav Riste: Review of Ganser, NATO’s Secret Armies. In: Intelligence and National Security 20, Nr. 3, September 2005, S. 550–551. doi:10.1080/02684520500340357; Olav Riste: «Stay Behind»: A Clandestine Cold War Phenomenon. In: MIT/Harvard Press (Hrsg.): Journal of Cold War Studies 16, Nr. 4, Herbst 2014, S. 35–59. doi:10.1162/JCWS a 00515; Lawrence S. Kaplan: Nato's Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe by Daniele Ganser. In: The International History Review, Band 28, Nr. 3 (September 2006), S. 685–686; Charles G. Cogan: ‘Stay-Behind’ in France: Much ado about nothing? In: Journal of Strategic Studies 30, Nr. 6, 2007, S. 937–954. doi:10.1080/01402390701676493; Pascal Girard: Conspiracies and visions of conspiracies in France and Italy after the Second World War. In: European Review of History: Revue européenne d’histoire 15, Nr. 6, 2008, S. 749–765, hier S. 754. doi:10.1080/13507480802500707; Christopher Gunn: 1960 Coup in Turkey: A U.S. Intelligence Failure or a Successful Intervention? In: Journal of Cold War Studies. 17, Nr. 2, 2015, S. 103–139, doi:10.1162/JCWS a 00550; Tobias Hof: Daniele Ganser: Nato-Geheimarmeen in Europa. In: sehepunkte. Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaft. Band 9, Nr. 4, 2009. Der Historiker Tobias Hof nannte 2011 Gansers Buch «trotz mancher Ungenauigkeiten […] die derzeit beste Studie zu diesem Thema».Tobias Hof: Staat und Terrorismus in Italien 1969–1982. De Gruyter, Berlin 2011, S. 50, Fn. 222. Laut Bernd Stöver hat Ganser einen wichtigen Überblick über die westeuropäischen Stay-behind-Gruppen erstellt.Bernd Stöver: NATO-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung. Rezension, Januar 2009 Laut Gregor Schöllgen überschätzte Ganser die Mitgliederzahl der deutschen Gruppe erheblich. Auch seien seine Überlegungen zu den Hintergründen des Münchner Oktoberfestattentats von 1980 spekulativ.Gladiatoren im Kalten Krieg. FAZ.net, 25. April 2009 Gansers Charakterisierung der Stay-behind-Organisationen als «NATO-Geheimarmeen» wurde laut Olav Riste und Mark Kramer durch neue Archivmaterialien widerlegt.Editor's Note. Journal of Cold War Studies, Band 16, Ausgabe 4, 1. Oktober 2016