mini|Bruno Ritter (2025) Bruno Ritter (* 20. Dezember 1951 in Baar ZG, Schweiz) ist ein Schweizer Maler, Zeichner, Druckgrafiker und Illustrator.

Leben Bruno Ritter wuchs in Neuhausen am Rheinfall SH auf und besuchte dort die Primar- und Sekundarschule. Nach einer Ausbildung zum Retoucheur bei Conzett & Huber in Zürich und dem anschliessenden Besuch der Kunstgewerbeschule Zürich, die er 1975 mit dem Diplom HfG für Kunsterziehung abschloss, ist er bis 1982 als Dozent an verschiedenen Schulen im Kanton Zürich tätig gewesen.

1982 zog Ritter von Schaffhausen nach Canete im Valchiavenna (I) und von dort 1989 nach Chiavenna (I). 1992 heiratet Ritter Esther Wolfensberger. 1994 erfolgte der Umzug ins Bergell (CH), zuerst nach Maloja, wo 1997 Tochter Sara geboren wurde, 2008 nach Borgonovo, ein Dorf, das heute zur Gemeinde Bregaglia GR gehört. Ritters Atelier befindet sich im Schloss von Chiavenna, er pendelt zwischen seinem Wohnort Borgonovo in der Schweiz und seinem Arbeitsort Chiavenna in Italien täglich hin und her.Il pendolare. Ein Porträt des Künstlers, realisiert von Romano Venziani für TSI 2006 (YouTube-Video). Abgerufen am 10. April 2026.Andrea Vitali, Paola Tedeschi-Pellanda: Bruno Ritter – il pendolare / der Pendler, Katalog zur Ausstellung der Ex Cotonificio Cantoni in Bellano 2005.

Künstlerisches Schaffen

Bruno Ritter wurde schon früh als GrenzkünstlerPaola Pellanda: Grenzkünstler – Grenzkunst, in: Bruno Ritter, Katalog zur Ausstellung im Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen 1992, S. 15 f. bezeichnet. Der Begriff verweist sowohl auf seinen Wohnort nahe der Grenze zur Schweiz bzw. zu Italien sowie auf sein regelmässiges berufsbedingtes Pendeln über Landesgrenzen hinweg als auch auf die bewusste Überschreitung künstlerischer Grenzen zur Erweiterung seiner Ausdrucksmöglichkeiten. Seine Beschäftigung mit unterschiedlichen Malereitraditionen und alten Meistern – darunter Matthias Grünewald, Rembrandt, Peter Paul Rubens, Pieter Bruegel, Théodore Géricault und Paul Cézanne – sowie mit den fliessenden Übergängen zwischen figurativen, abstrakten und ungegenständlichen Darstellungsformen wird als Grenzkunst bezeichnet.Beat Stutzer: Bruno Ritter oder: Der Blick nach hinaufwärts, in: Stories, Katalog zur Ausstellung in der Galerie mera, Schaffhausen 2014, S. 5.

In Schaffhausen 1978 eröffnete Ritter zusammen mit dem Schaffhauser Kunstmaler Carlo Domeniconi in Schaffhausen ein Druckatelier für Lithografie und Radierung. Es entstanden die ersten druckgrafischen Mappen: Rembrandt-überarbeitet, The Fuckmachine (Überarbeitung von Charles Bukowskis Kurzgeschichte Fuck Machine) und Charlottenfels – über die Architektur des Schlosses in NeuhausenWorks – Exhibitions: Abbildungen Nr. 21, 24–26 sind Teil dieser Mappe; auf Ritters Website. Abgerufen am 20. April 2026.. Zudem beschäftigte sich Ritter vertieft mit der deutschen Malerei des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts.

In Canete im Valchiavenna ab 1982 Die Übersiedlung Ritters 1982 von seiner städtischen Umgebung in der Schweiz in den kleinen italienischen Weiler Canete nahe der Stadt Chiavenna – 20 Dorfbewohner inmitten der Bergeller Alpenwelt – bedeutete für Ritter eine Zäsur in seinem Leben, die ihn menschlich und künstlerisch fordert. Er setzt sich zeichnerisch und malerisch intensiv mit der neuen Umgebung auseinander. Die raue, bedrohliche Bergwelt, das enge Tal, die Einsamkeit, die kleine Dorfgemeinschaft und der tägliche Existenzkampf der Bewohner widerspiegeln sich in Ritters Werken. Dabei entstanden erste Werkgruppen, zu denen auch Die dummen Berge, Schattenfiguren, Der grosse Schatten und Selbstmord gehören.

Um weiterhin aus dem abgelegenen Weiler Canete mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben – Ritter hat weder Telefon noch Auto –, zeichnet er ihnen Briefe in Comic-Form. Auch schreibt Ritter Gedichte und Kurzgeschichten, die er aber nicht veröffentlicht, sie bleiben in seinem Privatbesitz.

Die italienische Malerei inspiriert Ritter. Er kam in Kontakt mit verschiedenen italienischen Künstlern und zeigte seine Werke in Ausstellungen in Italien, auf Sizilien, Sardinien (1986 und 1988 an der Internationalen Kunstbiennale) wie auch im Veltlin. Der Mailänder Raffaele De Grada, Kunstkritiker mit Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Kunstakademie Brera in Mailand und Autor zahlreicher Kunstbücher, präsentierte ihn und seine Werke 1985 anlässlich einer Ausstellung in Voghera (I) im Rahmen von De Gradas Zyklus Città e CampagnaVorstellung der Künstlergruppe Città e Campagna durch Antonio Zinni in der L'avvenira di Voghera, 14. November 1985. Abgerufen am 8. April 2026.. Für diesen Zyklus wählte De Grada jeweils Künstlerinnen und Künstler aus städtischen bzw. ländlichen Gegenden aus und zeigte ihre Arbeiten in Ausstellungen in Italien. Raffaele De Grada war der Sohn des italienischen Landschaftsmalers gleichen Namens. Die Kontakte zur Schweiz brachen aber nicht ab, Arbeiten von Ritter sind auch in Ausstellungen in der Schweiz zu sehen gewesen.

Das Carlton Hotel in St. Moritz, das traditionell Kunstausstellungen zeigt (wie schon Werke von Willy Guggenheim, Künstlername Varlin, oder von Karl Madritsch), widmete Ritter im Winter 1985/86 eine Ausstellung mit 30 Bildern.Die zwei Seelen eines jungen Künstlers. Engadiner Post, Ausgabe vom 7. Januar 1986, S. 1. Abgerufen am 10. April 2026.

Seit 1986 arbeitet Ritter zusammen mit der Galerie Riss in St. Moritz (CH), die ab 1992 als Kunstraum Riss in Samedan weitergeführt wurde.

Unter der künstlerischen Leitung von Claudio Abbado fand 1987 in St. Moritz das erste internationale Musikertreffen im Bergell statt.Musiktreffen in St. Moritz. Engadiner Post, Ausgabe vom 8. September 1987, S. 3. Abgerufen am 10. April 2026. Eingeladen waren 50 junge Musiker und Musikerinnen aus der ganzen Welt zu Meisterkursen mit Musikern wie Yuri Bashmet, Thomas Brandis, Rudolf Buchbinder, Severino Gazzelloni, Shlomo Mintz, Paul Tortelier oder Sandor Vegh. Fotografen waren bei den öffentlichen Proben nicht zugelassen, und so erhielt Ritter die Möglichkeit, die Musikerinnen und Musiker bei ihren Proben und Konzerten als Zeichner und Illustrator zu begleiten. Seine Arbeiten wurden in verschiedenen Zeitungen abgedruckt und 1988 in Pontresina ausgestellt.Musik in Bildern. Engadiner Post, Ausgabe vom 6. August 1988, S. 2 . Abgerufen am 10. April 2026.

Im eigenen Druckatelier in Borgonuovo di Piuro entstanden weitere Grafik-Mappen. Auf Einladung des italienischen Radierers und Kunstdruckers Giorgio UpiglioFormesettanta, Kunstzeitschrift (auch als Forme 70 bekannt). Nachruf (italienisch) auf den Künstler. Abgerufen am 10. Juni 2026. arbeitete Ritter 1988 während zweier Monate in Upiglios Druckerei Grafica Uno in Mailand, einem Treffpunkt internationaler Künstler wie Alberto Giacometti, Giorgio De Chirico, Lucio Fontana, Marcel Duchamp, Joan Miró, Valerio Adami oder Günter Grass, mit denen Upiglio zusammenarbeitete.

Camilla Gianoli widmete ihre Dissertation an der Universität Pavia (I) Ritters künstlerischem Schaffen während der Jahre in Canete.Camilla Gianoli: Bruno Ritter: Il Periodo di Canete (1982–1989) (Anno Academico 2005/2006).

In Chiavenna ab 1989 Aus Ritters künstlerischem Interesse an der Metamorphose von Körper und Landschaft, Landschaft und Tier, aber auch Körper und Tier – Ritter bevorzugt in seinen Werken das Schaf –, sowie der Darstellung des menschlichen Körpers in aussergewöhnlichen Stellungen und Situationen, um die inneren Spannungen und Befindlichkeiten anschaulich zu machenBeat Stutzer: Malerei mit Fallstricken, in: Katalog zur Ausstellung Dietro le mura 2017 in Sondrio (I), S. 18 f. (Originalsprache des Katalogs: Italienisch)., entstehen weitere Werkgruppen wie die Werkreihe zum Thema Badewanne. Sie enthält einerseits Bilder von Frauen bei der alltäglichen, behaglichen Tätigkeit des BadensKathleen Olivia Bühler: Von den Stürzenden zu den Schlafenden: Bruno Ritters schrittweise Anfreundung mit dem Berg, in: Katalog zur Ausstellung im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen 1992, S. 6.Works – Drawings: Abbildungen Nr. 10, 12 und 13 sind Teil dieser Werkgruppe; auf Ritters Website. Abgerufen am 10. April 2026., andererseits solche von sich windenden Frauenkörpern, eingezwängt in die Enge einer BadewanneWorks – Drawings: Abbildungen Nr. 65, 66, 68–71 sind Teil dieser Werkgruppe; auf Ritters Website. Abgerufen am 10. April 2026..

Ritter nahm in Chiavenna auch seine Arbeit an der Werkreihe il pendolare – Der Pendler auf, die er über mehrere Jahre erweiterte. Diese Werke präsentierte Ritter 2005 im italienischen Bellano.

Zusammen mit zwei Köchen gestaltete Ritter 1991 die Kunstmappe DelikArtEssen, die der Küche Thailands gewidmet ist. Eindrücke für seine Illustrationen sammelte Ritter während einer Thailand-Reise 1990.

Das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen zeigte 1992 Bilder von Ritter, die in Canete und Chiavenna entstanden sind. Es war Ritters erste grosse Einzelausstellung in der Schweiz.Paola Pellanda, Kathleen Olivia Bühler: Bruno Ritter, Katalog zur Ausstellung im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen 1992.

1992 begann die Zusammenarbeit mit der Galerie Jörg Stummer in Zürich, sie dauert bis zum Tode des Galeristen 2008.

Im Bergell ab 1994

Im Bergell entstanden u. a. mehrere grössere Werkgruppen.

Ein Artikel in der Februarausgabe 1994 des Kulturmagazins duTrotzdem. Kultur und Katastrophe. Kulturmagazin du, Februarausgabe 1994. Abgerufen am 8. April 2026. über das von Théodore Géricault gemalte Bild Le Radeau de La Méduse – Das Floss der Medusa, erstmals 1819 in Paris ausgestellt, inspiriert Ritter zu dem monumentalen Malzyklus Ein barockes Thema – un tema barocco. Auf 15 hohen, schmalen Tafeln – die Zahl entspricht der Zahl der Überlebenden des Unterganges der Medusa – setzt sich Ritter malerisch mit der Katastrophe auseinander und stellt menschliche Körper in angestrengten Posen da, die keine Bewegungsfreiheit und keine Möglichkeit der Entfaltung haben. In der Mitte des Zyklus ein Floss mit drei weiteren Figuren in ihrem Überlebenskampf auf dem stürmischen Meer und zusätzlich zwei Leinwände mit menschlichen Gliedern und 15 kleinere Porträts.Works – Paintings: Abbildungen Nr. 104–119 sind Teil dieses Zykluses; auf Ritters Website. Abgerufen am 20. April 2026. Die Kunsthistorikerin Paola Tedeschi-Pellanda sieht in diesem Zyklus eine Zusammenfassung von Ritters künstlerischer Entwicklung seit den achtziger Jahren und seine Gedanken über das Malen.Paola Tedeschi-Pellanda: Bruno Ritter: Der barocke Schiffbruch einer Epoche, S. 32 der Dokumentation Bruno Ritter – Ein barockes Thema (1996). Tedeschi-Pellanda schreibt zu diesem Zyklus: „Ritter wird zum Sprachrohr der Tragödie einer menschlichen Existenz, die den Einzelnen dauernd mit dem Unbekannten, dem Unfassbaren, dem unlösbaren Rätsel konfrontiert, mit der Grenze des eigenen Verstandes und des eigenen Seins.“Paola Tedeschi-Pellanda: Bruno Ritter: Der barocke Schiffbruch einer Epoche, S. 29 f. der Dokumentation Bruno Ritter – Ein barockes Thema (1996).