Vindings Spiel ist ein Roman von Ketil Bjørnstad, erschienen 2004 bei Aschehoug unter dem norwegischen Originaltitel Til musikken (deutschsprachige Erstausgabe 2006 im Insel Verlag). Dabei handelt es sich um den ersten Band einer Romantrilogie, die das Leben des Jungpianisten Aksel Vinding im Alter von 15 bis 20 beschreibt (Band 2: Der Fluss; Band 3: Die Frau im Tal).

In dem Romanwerk führt Bjørnstad autobiographische und fiktive Aspekte undeklariert zusammen zur Beschreibung des menschlichen und künstlerischen Werdegangs seines Protagonisten. Nachvollziehbar autobiographischen Hintergrund haben vor allem Angaben zu Aksel Vindings Alter und zu topographischen Gegebenheiten im Wohnumfeld des Heranwachsenden, wie sich aus Bjørnstads sechsbändiger Autobiographie Die Welt, die meine war ergibt. Vindings Spiel behandelt neben der Bedeutung von Musik und Klavierspiel für Aksel vor allem sein tragisches Liebesverhältnis zu Anja Skoog, die als zunächst erfolgreichste unter den jungen Pianisten vom Ehrgeiz ihres Vaters in eine tödliche Magersucht getrieben wird.

Gliederung und Gestaltung

Der Roman ist in drei Teile und einen Epilog gegliedert, die jeweils mit Überschriften versehene kleinere Abschnitte umschließen. Erzähler aus der Ich-Perspektive ist die Hauptfigur Axel Vinding selbst, der sein Leben und Innenleben im zeitlichen Nacheinander entfaltet. Die Darstellung wechselt zwischen Verlaufsschilderungen, Dialogen und Selbstreflexionen des Protagonisten. Authentische Orts- und genaue Zeitangaben vermitteln den Eindruck, einem realen Geschehen beizuwohnen.

Im ersten Teil geht es um das innerfamiliäre Drama, in dem der Osloer Jugendliche heranwächst, sein erstes Verliebtsein und den von seiner Schwester verursachten Misserfolg, den er im Nachwuchswettbewerb der Pianisten erleidet. Der zweite Teil handelt von der verwickelten Annäherung Aksels an die von ihrem Vater Bror abgeschirmte Anja Skoog und von der Entstehung einer Gemeinschaft ehrgeiziger junger Pianisten, unter denen Rebecca Frost als Erste unglücklich debütiert. Im dritten Teil wechselt Aksel von seinem bisherigen Klavierlehrer zu der international gefeierten Konzertpianistin Selma Lynge, erlebt das Scheitern der bereits stark geschwächten Anja bei ihrem Konzertdebüt und ihr längeres Verschwinden sowie den Suizid ihres Vaters. Im Epilog begleitet er die ausgemergelte Anja gemeinsam mit ihrer Mutter Marianne in den Tod.

Romaninhalt und -personal

Tödliches Familiendrama

Aksel und seine um zwei Jahre ältere Schwester Cathrine müssen oft den lautstark ausgetragenen Streit ihrer Eltern ertragen, die zu keiner harmonischen Lebensgestaltung finden. Der Vater verdient sein Geld mit dem Ankauf und der Vermietung von Wohnungen, für deren Instandhaltung meist das Geld nicht reicht.; die Mutter jobbt in Kultureinrichtungen und vermittelt ihrem Sohn die Liebe zur Musik und zum Klavierspiel. An einem Augustsonntag 1966 macht sich die vierköpfige Familie wie üblich für Picknick und Sonnenbad zu Fuß auf zum nahegelegenen Zigeunerfelsen am Fluss. Die vom Weingenuss stark alkoholisierte Mutter besteht darauf, an eben jener Stelle im stark strömenden Wasser ein Bad zu nehmen, an der Aksel vor Jahren von seinem Vater in letzter Stunde gerettet wurde. Sie kann sich nicht halten und auch der ihr beispringende Vater schafft das nicht, der aber von Aksel gepackt wird, damit die Geschwister nicht in einem Zug Vollwaisen werden. Die in den Strudeln forttreibende Mutter erleidet tödliche Kopfverletzungen. (S. 7–9)

Rückhalt an der Musik

Aksel zieht es in der Folge oft zum Nachdenken in ein Erlengebüsch an jenem Kolk unterhalb des Wasserfalls, in dem seine Mutter nach zweitägiger Suche tot aufgefunden wurde. Er beschließt, sich künftig ganz der Musik zu widmen, dem Geschenk das seine Mutter ihm hinterlassen hat, und sich mit Debussy und Bach auf den Nachwuchswettbewerb im kommenden Jahr vorzubereiten. Bald erlegt er sich ein vierstündiges Übungsprogramm täglich daheim an jenem Klavier auf, das bereits der Großmutter diente, einer Kinopianistin zu Stummfilmzeiten. Die Schule schwänzt Aksel nun häufig. „Wenn ich übe, gibt mir die Übung Sinn genug. Ich kann mich in der Musik verlieren, mich in Details begraben, auf meine imaginäre Wut loshämmern oder Chopin spielen, um mich auszuheulen.“ (S. 29)

Geliebte Konkurrentin

Trotz nur gelegentlicher, flüchtiger Kontakte ist Aksel in ein Mädchen verliebt, das in seiner Nähe wohnt, Anja Skoog. Als er in abendlicher Dunkelheit wieder einmal in seinem Erlengebüsch sinniert, an dem sie zufällig gerade vorbeispaziert, erschrickt sie vor seiner Gestalt und läuft um Hilfe rufend nach Hause. Ihr Vater, der Gehirnchirurg Bror Skoog, sucht mit zwei weiteren Männern nach dem vermeintlichen Übeltäter; sie entdecken ihn aber mit ihren Taschenlampen im Dunkeln nicht. Wegen einer Verletzung der linken Hand sieht sich Aksel für den Nachwuchswettbewerb gehandicapt und zur Minderung des technischen Anspruchsniveaus gezwungen. Nicht Chopins Revolutionsetüde, mit der er schon geglänzt hat, übt er nun ein, sondern Debussys Claire de Lune. (S. 56–60)

An dem Tag, der die Weichen für seine Zukunft als Pianist stellen soll, ist er spät dran und trifft auf dem Weg zur Tram Anja wieder, die die Straßenbahn noch so gerade erreicht, während er stürzt und sich die Knie aufreißt. Sie sorgt beim Schaffner dafür, dass er noch mitgenommen wird. Erst unmittelbar vor dem Konzertsaal realisiert Aksel überrascht, dass auch Anja sich auf dem Weg zur Teilnahme am Wettbewerb der jungen Talente befindet. Bislang war es – anders als bei der Reederstochter Rebecca Frost – ein Geheimnis, dass Anja Skoog sich mit der berühmten Konzertpianistin Selma Lynge auf das Ereignis vorbereitet hat. Alle drei sind an diesem Tag unter denen, die nach ihrem Vorspiel von der Jury für die Endausscheidung nominiert werden. (S. 62–79)

Anjas Triumph und Aksels Debakel

Aksels Versuch, mit Anja Skoog telefonisch in Kontakt zu treten, scheitert an ihrem Vater, der sie abschirmt. Einen Strauß mit 12 langstieligen roten Rosen und Grüßen vom Absender, den er ihr vom Blumenhändler zustellen lässt, erreicht sie ebenfalls nicht, wie beider nächstes Zusammentreffen Aksel zeigt. Der Tag der Endausscheidung vor voll besetztem Saal wird zu Anjas Triumph über die gesamte Konkurrenz. „Im Nu ist sie durchs Ziel geschossen, ohne einen einzigen Fehlgriff, ohne ein Zögern, empfangen von donnerndem Applaus und Bravorufen. Das will kein Ende nehmen.“ Sie kann sich angesichts der Publikumsbegeisterung sogar die Regelwidrigkeit einer ebenfalls gefeierten Zugabe nehmen: Edvard Griegs Hochzeit auf Troldhaugen. (S. 84–98)

Aksel, der direkt nach ihr dran ist, sieht seine verbleibende Chance darin, das nun wieder nüchtern abwartende Publikum durch eine lyrisch-getragene Darbietung von Claire de Lune zu bezaubern. Er empfindet sich auf gutem Weg dahin, als gegen Ende seines Vortrags jemand lauthals mit Bravorufen dazwischenfährt und gar nicht wieder damit aufhört, bis der Saaldienst einschreitet: gegen Aksels Schwester Cathrine. Er spielt das Stück zu Ende und empfängt dafür mitfühlenden Applaus. Der zweite Preis nach Anja Skoog geht an Rebekka Frost, der dritte an Margrethe Irene Floed, die Aksel schon wegen ihrer Zahnspange eher abstößt. Doch sagt sie ihm, dass eigentlich er Sieger hätte sein müssen; und Rebecca rettet ihn bei der Nachfeier mit ihrem Witz und ihrer Munterkeit über den für ihn verdorbenen Abend. (S. 99–109)

Mit Anja auf dem Brunkollen

Der nun 17-jährige Aksel gewinnt die ein Jahr jüngere Anja für eine gemeinsame Wanderung auf den nordwestlich Oslos gelegenen Brunkollen. Ihre Zusage kommt spontan; ihre Eltern sind verreist. In dem Gespräch, das sie auf der Bergtour miteinander führen, macht Anja deutlich, dass sie die Gesellschaft der anderen jungen Pianisten und deren Treffen bei Konzerten nie vermisst hat. Ihr daheim mit der neuesten und teuersten Soundtechnik umgehender Vater, auf den sie große Stücke hält, deckt sie mit Aufnahmen aus den bedeutendsten Konzerthäusern der Welt ein; mehr brauche sie nicht. Angekommen auf dem Gipfel, begegnen sie einer leicht aufdringlichen Studentengruppe und suchen das Abseits. Den von Aksel mitgebrachten Wein schlägt Anja aus, sodass er die Flasche allein leert und einschläft, während sie sich sonnt. Wieder aufgewacht erklärt er ihr seine Liebe und küsst sie auf die Stirn, was sie geschehen lässt, ihm dann aber freundlich-distanziert fernerhin untersagt. Auf dem Rückweg irrt sich Aksel auf der Suche nach einer Abkürzung und gerät mit ihr in die Schussbahn eines Schießplatzes. Sie wird vor Schreck kurz ohnmächtig, geht dann aber doch den Weg ohne fremde Hilfe mit ihm zurück nach Hause. (S. 119–140)

Formation der „jungen Pianisten“

Nach der ungünstig ausgegangenen Brunkollen-Wanderung hat Aksel länger keinen Kontakt mehr zu Anja. Da ruft Rebecca ihn an, um ihm eine Einladung des für klassische Musiker in Oslo wichtigsten Impresarios W. Gude mitzuteilen, der die jungen Pianisten-Talente zu einem gemeinsamen Treffen einlädt: für Aksel nicht zuletzt eine willkommene Gelegenheit, Anja wiederzusehen. Zudem sucht er nach seinem jüngsten Misserfolg nach neuen Herausforderungen mit den langfristigen Zielen des Tschaikowski-Wettbewerbs in Moskau und des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs in Brüssel. „Vielleicht ist W. Gude die Rettung. Er hat einen Zauberstab. Er kann uns den Weg zur Carnegie Hall zeigen.“ Der begrüßt den nach allen anderen eintreffenden Aksel aufstehend mit Handschlag: „Hier bist du endlich, unser letztes großes Talent.“ (S. 157 f.) W. Gude zeigt sich begeistert von den miterlebten Leistungen bei der Endausscheidung, von Anjas Virtuosität, Rebeccas Charme, Margrethe Irenes Sorgfalt, Ferdinands kontemplativer Stimmung und Aksels lyrischem Talent. Er sagt ihnen eine große Zukunft voraus und bietet ihnen auf dem Weg dahin seine Hilfe an. Anja will wissen, ob das alles sei, stößt den Impresario vor den Kopf, erklärt, viel zu tun zu haben, und verlässt die Veranstaltung. Der ihr noch kurz in die Garderobe folgende Aksel erfährt, dass sie bereits für Ravels G-Dur-Konzert mit den Philharmonikern im kommenden Jahr vorgesehen ist. Sie wolle und werde ihren eigenen Weg gehen. (S. 159–162)

Im Fortgang des Einladungstreffens eröffnet Rebecca, dass sie mit W. Gudes Unterstützung noch in diesem Herbst am 11. November ihr Debüt-Konzert geben werde, nachdem Selma Lynge sie praktisch dazu aufgefordert habe. Die verbliebene Runde erweist ihr für diesen Mut großen Respekt. Rebecca strahlt Zuversicht aus, in ihrem Konzertprogramm zeigen zu können, dass mehr in ihr steckt als nur die reiche Reederstochter. W. Gude lässt mit Champagner darauf anstoßen und verlässt sodann seine Schützlinge. Margrethe Irene lädt die anderen ein, den Abend bei ihr zu Hause fortzusetzen und die Gruppe der jungen Pianisten zu gründen. Rebecca bringt einen Toast auf Aksel aus, der von ihnen allen den wichtigsten Beitrag für den Ruf der Gruppe leisten werde. Margrethe Irene, die Aksel im Rotwein-Rausch schon attraktiver findet, überredet ihn, nach der Heimkehr der anderen noch bei ihr zu bleiben. Trotz Rebeccas Warnung zum Abschied lässt sich Aksel von Margrethe Irene zum Petting verführen, wobei seine Gedanken bei Anja sind. (S. 162–175)

Familie Skoog