Schiffsrecycling bezeichnet das zumeist industriell betriebene Recycling von Schiffen zur Wieder- oder Weiterverwendung der Schiffsbestandteile. Durch den Stahlschiffbau und die enorme Entwicklung des Schiffsverkehrs hat auch die Wiederverwertung der Schiffsbestandteile eine bedeutende Rolle erhalten. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird Schiffsrecycling überwiegend auf Abwrackwerften in Asien betrieben. Die Arbeit dort gilt als eine der gefährlichsten Arbeiten weltweit. Mit dem Basler Übereinkommen und der am 26. Juni 2025 in Kraft tretenden Hongkong-Konvention wurden Richtlinien für das Abwracken festgelegt. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wird auch die Idee eines „grünen“ Schiffsrecyclings verfolgt. mini|Ein Schiff in einer Abwrackwerft bei Alang in Indien (2020)
Hintergrund Ausgediente Seeschiffe werden nach Ablauf ihres Einsatzes abgewrackt, um das Material wieder- oder weiterzuverwenden. Das Forschungs-Informations-System für Mobilität und Verkehr gab die Zahl im Jahr 2010 mit jährlich zwischen 200 und 600 Seeschiffen an.Schiffsrecycling – umweltgerechtes Abwracken. forschungsinformationssystem.de, 29. November 2010; abgerufen am 14. Mai 2025. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) ging für das Jahr 2024 von jährlich etwa 700 Seeschiffen aus, die außer Dienst gestellt werden. Das Abwracken übernehmen überwiegend Abwrackwerften in Südasien. Der VDR geht von 90 Prozent der ausgedienten Schiffe aus. Die dort zur Abwrackung anlaufenden Schiffe werden mit hoher Fahrt auf den Strand gefahren („beaching“) und dann per Hand zerlegt. Der anfallende Schrott kann als Sekundärrohstoff dienen; in Bangladesch deckt der durch das Abwracken gewonnene Altstahl laut VDR bis 80 Prozent des Bedarfs. Verwertet werden aber auch weitere Schiffsbestandteile, andere werden verkauft. Bestimmte Reststoffe werden entsorgt.
Die Tonnagezahlen im Schiffrecycling sind stark von der wirtschaftlichen Situation abhängig. Im Jahr 2014 wurden weltweit über 22,5 Millionen Bruttoregistertonnen (BRT) abgewrackt, im Jahr 2023 etwas über 7,4 Millionen BRT. + Übersicht Schiffsrecycling nach Kontinent und weltweit, in Bruttoregistertonnen (BRT)Shipscraping. unctadstat.unctad.org; abgerufen am 15. Mai 2025. Kontinent 2022 2018 2014 Afrika 497 39.778 32.677 Amerika 88.241 144.396 167.720 Asien 6.878.272 18.505.633 21.892.099 Europa 88.078 91.358 66.922 Welt 7.186.673 18.879.156 22.561.239 Das Schiffsrecycling wird auf Abwrackwerften durchgeführt. Die Umwelt- und Arbeitsbedingungen dabei sind je nach Lage des Schiffsrecyclingbetriebes extrem unterschiedlich.
Schiffe, die das Ende ihrer Dienstzeit erreicht haben, werden an Recyclingunternehmen verkauft, oft versteigert. Die vom Verkäufer erreichbaren Preise sind je nach Recyclingvorschriften des Käufer- und Abwracklandes unterschiedlich hoch.
Das so veräußerte Schiff wird dann zur Abwrackwerft verbracht, entweder aus eigener Kraft oder geschleppt. In vielen Abwrackwerften wird das zu verschrottende Schiff bei Flut auf Land gesetzt („beaching“), einige Werften nutzen Kaianlagen oder auch Trockendocks. Anschließend wird mit der Demontage aller Teile des Schiffs begonnen.
Fast 100 Prozent der aus den Schiffen gewonnenen Materialien sind verwertbar. Über 95 Prozent des gesamten verwertbaren Materials sind Stahl, etwa 1 bis 2 Prozent der gesamten Leerverdrängungstonnage (LDT) sind andere Metalle. Zwischen 0,5 und 8 Prozent der Materialien sind Einrichtungsgegenstände, wie Möbel. Der Stahl wird an Stahlwerke verkauft und bildet die Haupteinnahmequelle beim Recycling. Beim Abwracken werden zum Beispiel auch die Rettungsboote im Ganzen weiterverkauft.
Die so gewonnenen Schiffsteile werden wiederverwendet, wie der Stahl, einige müssen entsorgt werden, so Schmierstoffe oder Asbest. Andere Teile (wie Geräte) oder Stoffe (wie Altöl) werden weiterverkauft.
Der gesamte Prozess des Schiffsrecyclings birgt neben dem wirtschaftlichen Nutzen hohe Gefahren sowohl für die beteiligten Arbeiter als auch für die Umwelt. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bezeichnet die Schiffsabwrackung als eine der gefährlichsten Arbeiten der Welt. Die NGO Shipbreaking Platform nennt im Mai 2024 die Zahlen von 470 Toten und 512 Verletzten bei 8.221 seit dem Jahr 2009 auf den Strand gesetzten Schiffen.shipbreakingplatform.org – Website der NGO Shipbreaking Platform; abgerufen am 15. Mai 2025.
Das Abwracken erzeugt erhebliche Mengen gefährlicher Abfälle in der Umgebung der Abwrackwerften.A sustainable shipbreaking approach for cleaner environment and better wellbeing. sciencedirect.com, 10. Oktober 2020; abgerufen am 20. Mai 2025. In Indien wurde nach der dreimonatigen COVID-19-Pandemie-bedingten Schließung der Betriebe im Frühjahr 2020 gegenüber den Werten aus den Jahren 2018 und 2019 ein Rückgang der PM10-Werte um 85 Prozent gemessen, auch die Schwermetallkonzentration in den Gewässern ging zurück, die Vielfalt von Phytoplankton und Zooplankton nahm zu.
Rechtsvorschriften Im Jahr 1992 trat das Basler Übereinkommen (Basler Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung) in Kraft, das ein umweltgerechtes Abfallmanagement einführte und die Kontrolle der grenzüberschreitenden Transporte gefährlicher Abfälle regelte.Weltweites Exportverbot für gefährliche Abfälle beschlossen. bund.net, 17. September 2019.
Die Mitgliedstaaten der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) beschlossen im Mai 2009 die Hong Kong International Convention for the Safe and Environmentally Sound Recycling of Ships (HKC), im Deutschen Hongkong-Konvention für das sichere und umweltfreundliche Abwracken von Schiffen. Sie legt Richtlinien für das Abwracken fest. Das Abkommen trat am 26. Juni 2025 in Kraft, nachdem mindestens 15 Staaten es ratifiziert hatten, welche mindestens 40 Prozent der Welthandelstonnage und mindestens drei Prozent Recyclingkapazität repräsentierten. Die Europäische Union trug mit der Schiffsrecycling-Verordnung von 2013 zum weltweiten Inkrafttreten der Hongkong-Konvention bei.
Herkunft der Schiffe Europäische Reeder besitzen etwa 60 Prozent der Welttonnage. Viele dieser Schiffe werden in Südasien abgewrackt.EU Ship Recycling Regulation: Evaluation and list update. environment.ec.europa.eu, 19. Februar 2025; abgerufen am 15. Mai 2025. Brachte der Verkauf eines Schiffes zum Abwracken an einer Strandungsanlage Südasiens im Jahr 2022 etwa 500 Dollar pro Tonne Stahl ein, waren es beim Verkauf an eine Anlage in der Türkei etwa 250 Dollar und beim Verkauf an einen Betrieb in Europa etwa 150 Dollar.
Von den im Jahr 2018 zum Abwracken an Strände in Südasien verbrachten 532 Schiffen fuhr zu diesem Zeitpunkt fast die Hälfte unter der Flagge der Komoren, Palaus und St. Kitts und Nevis (29 dieser Schiffe). 143 Schiffe aus St. Kitts und Nevis wurden laut der NGO Shipbreaking Platform zwischen 2016 und 2018 an den Stränden Südasiens abgewrackt. Laut The Independent verkaufte bis mindestens 2019 ein Londoner Unternehmen Registrierungen unter der Flagge von St. Kitts und Nevis für ausgeflaggte, zum Abwracken vorgesehene Schiffe.Margot Gibbs: Revealed: How a UK company is using a Caribbean tax haven to cash in on scrapping toxic ships in one of the world’s poorest countries. In: The Independent, 20. Februar 2019; abgerufen am 15. Mai 2025. Fast die Hälfte der im Jahr 2023 zum Schiffsrecycling bestimmten Schiffe wechselte ihre ursprüngliche Flagge wenige Wochen vor dem Stranden gegen eine andere („Ausflaggung“).
Mit dem Ausflaggen und der Registrierung unter einer Billigflagge können unter Umständen Schiffsrecyclingverordnungen der ursprünglichen Flaggenländer umgangen werden. Im Jahr 2018 verurteilte ein niederländisches Gericht erstmals ein Unternehmen, das auf diese Art an der illegalen Entsorgung von Schiffen beteiligt war.
Situation in Afrika Von den im Jahr 2023 abgewrackten über 7,4 Millionen BRT wurden in den Ländern Afrikas 1.252 BRT verschrottet. Von den laut NGO Shipbreaking Platform 446 hochseetauglichen Handelsschiffen und Offshore-Anlagen, die weltweit im Jahr 2023 verschrottet wurden, stammten 14 von afrikanischen Reedern. Unter der Flagge von afrikanischen Staaten waren dagegen mehrere der abgewrackten Schiffe registriert, so fuhren zum Zeitpunkt der Abwrackung etwa 23 unter der Flagge Sierra Leones; aus Liberia, dem Land mit einem der größten Schiffsregister weltweit, stammten 14 Schiffe.
Eine Ausflaggung von Schiffen auf eine afrikanische Billigflagge (auch Gefälligkeitsflagge) wird auch genutzt, um Schiffsrecyclingverordnungen der ursprünglichen Flaggenländer zu umgehen. Bei fast der Hälfte der 2023 zum Schiffsrecycling bestimmten Schiffe wurde die Flagge kurz vor dem Stranden gegen eine andere getauscht, die Flaggen von Kamerun, den Komoren und Tansania waren dabei besonders beliebt.
An den Küsten des Kontinents gibt es kleinere Abwrackwerften verschiedenster Standards. Die Europäische Liste von Abwrackeinrichtungen gemäß der Verordnung (EU) Nr. 1257/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates über das Schiffsrecycling der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2023 führt keine Werft in Afrika auf.
Ägypten In Ägypten wurde im Dezember 2024 eine Absichtserklärung zur Gründung eines Schiffsabwrackbetriebes im Hafen von Damiette unterzeichnet. Mit dem Projekt wird das Ziel verfolgt, jährlich 1,5 Millionen Tonnen Schrott aus Schiffsrecycling zu produzieren und damit 66 Prozent des gesamten Schrottbedarfs für die Betonstahlproduktion auf dem lokalen Markt abzudecken.Egypt to establish 1st ship scrapping project in region, Africa at Damietta Port. ahram.org.eg, 11. Dezember 2024; abgerufen am 15. Mai 2025.
Ghana In Ghana, das zu den Unterzeichnern der Hongkong-Konvention gehört, wurden – nach Angaben der ghanaischen Schifffahrtsbehörde – 2019 sieben Schiffe, 2020 elf und 2021 fünf Schiffe abgewrackt. Am Strand von Kpone im Kpone Katamanso Municipal District wurde im Jahr 2021 das 1985 gebaute Fischereischiff Naftilos am Strand durch angeheuerte Einwohner der Gegend ohne Schutzausrüstung abgewrackt, Umweltschäden wurden in Kauf genommen. Teils werden temporär Dörfer angelegt für die Verschrottung von an den Strand gefahrenen Schiffen.Ghana won’t walk its talk on shipbreaking regulations. continent.substack.com, 18. Februar 2024; abgerufen am 20. Mai 2025.
Nigeria Die Maritime Administration and Safety Agengy in Nigeria listet sechs Schiffsrecyclingbetriebe im Land auf, alle im Bundesstaat Lagos (Kirikiri und Ijegun).Ship Recycling / Scrapping. nimasa.gov.ng; abgerufen am 20. Mai 2025.
Im Jahr 2023 ratifizierte das Land die Hongkong-Konvention.NIMASA’s Ratified Conventions and the much sought after SPOMO Act. nimasa.gov.ng, 13. August 2023, abgerufen am 20. Mai 2025.
Südafrika In Südafrika wurde ab 2020 auf einer Fläche von 10 Hektar im Hafen von Saldanha eine nach eigenen Angaben grüne und den EU-Anforderungen entsprechende Schiffsrecyclingwerft aufgebaut, die über einen Schiffslift verfügt und Schiffe bis 18.000 LDT (Tonnen Leerverdrängung) verarbeiten kann.The first certified ‘EU equivalent’ shipbreaking facility in Africa. (PDF; 1,6 MB) cloudfront.net, Präsentation, 4. Februar 2021; abgerufen am 20. Mai 2025.First certified ‘EU-equivalent’ shipbreaking facility in Africa. rivieramm.com, 5. Februar 2021; abgerufen am 20. Mai 2025.
Situation in Amerika
Vereinigte Staaten