mini|Michael Köhlmeier (2008) Abendland ist der Titel eines 2007im Hanser Verlag München erschienenen historischen Romans von Michael Köhlmeier. Der fünfundneunzigjährige Mathematiker Carl Candoris erzählt dem Schriftsteller Sebastian Lukasser die Geschichte seines Lebens. Durch die Verbindung der Historie des 20. Jhs. mit fiktiven Personen und Ereignissen entwickelt der Autor sein Mosaikbild des Abendlandes. Inhalt Überblick Der Schriftsteller Sebastian Lukasser erhält von Carl Jakob Candoris den Auftrag, ein Buch über sein Leben zu schreiben. Darin einbezogen sind die miteinander befreundeten Familien Lukasser und Bárány/Candoris und damit zugleich viele historische Ereignisse des 20. Jhs., an denen sie oder ihre Vorfahren beteiligt waren und die ihre Schicksale mitbestimmten: Soldatentod Kajetans von Candoris 1914 im Ersten Weltkrieg, Angriff auf das Kolonialwarengeschäft Bárány in der Pogromnacht im November 1938 in Wien (2. Kap.), Candoris Studium in Göttingen, in den 1920er und 1930er Jahren ein Zentrum mathematischer und naturwissenschaftlicher Forschung und Anziehungspunkt internationaler Studenten, Gastprofessur Emmy Noethers 1928/29 in Moskau, Reise Georg Lukassers, und später Sebastians, ins Jazz-Traumland Amerika, Deportation Edith Steins ins KZ Auschwitz, Candoris Arbeit für den englischen Geheimdienst gegen das Nazi-Regime, Tod von Charlotte Candoris 1945 bei einem Bombenangriff in Wien, Schwarzhandel und Vergewaltigung ihrer Tochter Valerie durch Soldaten, amerikanischer Nachkriegs-Jazz in Wien, Bau der Atombombe in Oppenheimers Forschungscamp in Los Alamos, Nürnberger Prozesse 1945, 1968er Jahre in Frankfurt, RAF-Attentate in den 1970er Jahren. Als Abschluss der Chronik erzählt Sebastian im 15. Kap., dass aus ihrer Familie „ein Ungeheuer hervorgegangen“ ist, und gibt Carls Bericht von den Morden seines „bemerkenswerten Anverwandten“ Hanns Alverdes im Zusammenhang mit den Kolonialzeitkriegen in Deutsch-Südwestafrika wieder.Michael Köhlmeier: Abendland. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2008, S. 748.
Rahmenhandlung Die Rahmenhandlung spielt 2001 und 2002 v. a. in Wien und Lans bei Innsbruck. Wenige Wochen vor seinem Tod im April 2001 spricht der 95-jährigen Mathematiker Carl Jakob Candoris mit seinem Patensohn Sebastian über sein Leben und bittet ihn, seine Biographie zu schreiben, womit dieser ein Jahr später, nach der Erholung von einer Prostata-Operation, beginnt. Da beide Protagonisten und ihre Familien miteinander befreundet und ihre Schicksale miteinander vernetzt sind, wird Sebastian auch zu Reflexionen über seine eigene Entwicklung, über seine Ehe mit Doris und ihren Sohn David, über das Leben seiner Eltern und ihre Beziehungen zu Candoris und seiner Frau Margarida angeregt.
Während seiner Gespräche bemerkt der Erzähler, dass Candoris sein Leben nicht einfach nacherzählt, sondern in einer „präzisen kalkulierte[n] Choreographie“ inszeniert, z. B. die Enthüllung der Geheimnisse, die vermeintliche Ermordung Pontrjagins oder die „krokantartige Affäre“ in New York mit dem homosexuellen Abraham Fields und am Ende die Massenmorde seines Großonkels Alverdes zur Kolonialzeit in Südwest-Afrika. „Sein Leben lang hat er es verstanden, den innersten Kern unter dem Pingpong seiner Ironie zu verbergen; um ein Die-Wahrheit-und-nicht-als-die Wahrheit geht es ihm in seiner »Lebensbeichte« nicht, wohl auch nicht um die Inventur“. Sebastian vermutet, dass Carls Lebensbericht „die Generalprobe für das Plädoyer [ist], das er halten will, wenn er als Ankläger vor den lieben Gott tritt: Warum hast du den Genius an mir vorüberziehen lassen?“Michael Köhlmeier: Abendland. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2008, S. 312, 313.
Ein anderes Motiv wird am Ende der Gespräche offenbar: Candoris stellt sich die Fragen nach seiner Verantwortung für das amerikanischen Atombombenprogramm, für den Suizid zweier Menschen, die, wie auch er in seiner Wissenschaft, an der Realisation großer Theorien gescheitert sind (14. Kap.), und für seine Mordgedanken und -versuche. Bei seinem Bericht über den Mörder Hanns Alvares fragt er sich, ob dies in der Familie liege: „Es gibt einen, der hat es noch schlimmer getrieben als du. Du bist nicht der erste und du bist nicht der einzige. Du bist etwas, das es vorher bereits gegeben hat.“Michael Köhlmeier: Abendland. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2008, S. 749.
Im Romanaufbau wechseln Rahmen- und Binnenhandlungen ständig miteinander ab oder überlagern sich. Als Struktur für seine Mosaikdarstellung von der Historie des 20. Jhs. dienen dem Autor die mit geschichtlichen Ereignissen verbundenen Lebensläufe der erfundenen Figuren (s. Abschnitt: Dichtung und Wirklichkeit):
Carl Jakob Candoris Sozialisation Carls einer Südtiroler Familie des Beamtenadels entstammender Vater Kajetan von Candoris entscheidet sich für die militärische Laufbahn. Als Oberleutnant ist er in Brixen stationiert. Als er 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs bei Lemberg fällt, zieht seine junge Witwe Charlotte mit ihrem 1906 in Meran geborenen Sohn zu ihrer großbürgerlichen Familie nach Wien, wo ihr Vater Bárány ein Feinkost- und Kolonialwarengeschäft mit weltweiten Verbindungen führt. Hier wächst Carl im Wohlstand auf. Sein Großvater steht zwar der Monarchie kritisch gegenüber, interessiert sich aber weniger für Politik als für Naturkunde: „Revolution und Republik haben meinen Großvater und mich weniger aufgewühlt als der mächtige Regen im Sommer, der das Nest unserer Eisvögel wegschwemmte.“Michael Köhlmeier: Abendland. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2008, S. 77. Mathematiker 1926 beginnt Carl nach dem Abitur ein Mathematik-Studium in Göttingen, wird Assistent Emmy Noethers, habilitiert über die Riemannsche Vermutung und hält als Privatdozent Vorlesungen (6. Kap.). 1928 reist er mit Noether nach Moskau, wo sie eine Gastprofessur erhalten hat. Aber er hat inzwischen das Interesse an der Mathematik verloren. Sein Spezialgebiet ist die: Zahlentheorie: „schön und ohne Sinn wie das Leben und wie dasselbe bestehend aus einer Aufeinanderfolge von Problemen und Lösungen, was, weil die Aufeinanderfolge sich unendlich fortsetzt, schließlich auch den Begriffen Lösung und Problem jeden Sinn nimmt“.Michael Köhlmeier: Abendland. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2008, S. 16. Berühmt könne man nur durch die Aufstellung eines Theorems, einer Vermutung, werden, aber nicht durch die Schweißarbeit der Beweisführung: „Das Genie reißt eine Vermutung auf! Und anschließend kommen die Ameisen. Mittelmaß ist nicht einfach nur ein bisschen weniger, es ist gar nichts – in der Mathematik nichts. […] Im Geschäftsleben dagegen spielen solche Überlegungen keine Rolle. Geld ist Quantität […] Ist nie Qualität.“Michael Köhlmeier: Abendland. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2008, S. 179 ff. Dozent oder Professor im Staatsdienst will er wegen der Abhängigkeit von Verordnungen und Weisungen der Vorgesetzten nicht werden. Er beendet vorzeitig seinen Moskau-Aufenthalt, kehrt nach Wien zurück und wird Kaufmann. Kaufmann Da er nicht mehr wissenschaftlich arbeiten will, reist er für die Handelsgesellschaft seines Großvaters durch die Welt, lebt einige Zeit in New York und schließt dort einen Vertrag über Whisky-Exporte ab (4. Kap.). Während dieser Zeit besucht er 1935 Emmy Noethers, die als Jüdin in die USA ausgewandert ist und im Bryn Mawr College als Professorin arbeitet. Durch sie lernt er den homosexuellen Abraham Fields kennen und lebt einige Zeit mit ihm zusammen (7. Kap.). Als Jazzfan hat er ein Schlüsselerlebnis beim Auftritt Billie Holidays: „Dieser Auftritt krempelte alle Vorstellungen um, die ich mit von Musik gemacht hatte.“ Die europäischen Klassiker führten ihm nicht „den Menschen vor, sondern Ideale, Ideen, Dämonen. Es war Musik von Göttern für Götter oder von Übermenschen für Übermenschen oder von Marsianern für Marsianer“.Michael Köhlmeier: Abendland. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 2008, S. 177.
1935 wechselt er von New York nach Lissabon zu einer Handelsgesellschaft, an der sein Großvater beteiligt ist, lernt dort Margarida Durao kennen und heiratet sie (4. Kap.) Durch seine Reisen und Auslandsaufenthalte leben die beiden lange Zeit getrennt, zumal sich Margarida nach dem Tod ihrer Schwester Adelina zwei Jahre lang um ihre Nichten Mariana und Angelina kümmert und sie eine, von ihrem Mann geduldete, Affäre mit ihrem früheren Verlobten Daniel hat. Carl dagegen reist von Portugal und Wien aus durch Europa und die Welt, schließt Geschäfte ab und arbeitet während des Krieges als Forscher in Los Alamos.
Agent und Forscher Bei seinem Besuch Emmy Noethers in Pennsylvania wird man auf den als Kritiker Hitlers bekannten Mathematiker mit Kontakten zu Göttinger Wissenschaftlern aufmerksam und im Sommer 1938 wirbt ihn Rupert Prichett, ein Offizier der Royal Air Force, in London als Agent für den Secret Intelligence Service an, um Informationen über ein deutsches Atombombenprogramm zu sammeln (Kap. 13). Candoris reist deshalb 1939 nach Berlin und knüpft über den wissenschaftlichen Lektor beim Springer Verlag Paul Rosbaud Kontakte zu deutschen Forschern. Die Information des Physikers Eberhard Hametner, dass die deutschen Wissenschaftler kein Programm für den Bau einer Bombe entwickelt haben, hält er für eine gezielte Falschmeldung und gibt stattdessen eine Warnung weiter. Man holt ihn nach London, um Churchill seine Nachricht zu erläutern. Dann gerät er in die Räder der Justiz, wird als Deutscher inhaftiert und zuerst in ein Lager nach Australien, dann nach Kanada gebracht, wo er ihn J. Robert Oppenheimer besucht und ihn als Mathematiker für das Nuklearprojekt im Los Alamos National Laboratory anwirbt. Dafür verspricht er ihm die amerikanische Staatsbürgerschaft. Ab 1942 arbeitet Candoris für das Manhattan-Projekt, diskutiert mit Oppenheimer über die Schäden eines Atombombenabwurfs und erlebt den ersten erfolgreichen Test in der Alamogordo-Reservation. 1945 untersucht er für das Department of Measuring and Analysis oft Destruktion in Tokio die Strahlung und die Schäden der Atombombenabwürfe und spricht dort mit dem japanischen Mathematiker Makoto Kurabashi über dessen erstaunliche Merkfähigkeit und Rechenkünste. 1955 trifft er ihn ein letztes Mal vor dessen Suizid auf einem Kongress, streitet mit ihm über den Sinn seiner Zahlentheorie und kritisiert deren Anspruch einer höheren, religionsartigen Wahrheit.
Im November 1945 verfolgt Candoris mit seinem New Yorker Freund Fields, der als Dolmetscher Angeklagte befragt, die Nürnberger Prozesse. Carl sucht das Gespräch mit Arthur Seyß-Inquart, der als Reichskommissar in den Niederlanden für Edith Steins Deportation ins KZ verantwortlich war, wo sie 1946 hingerichtet wurde. Carl hat als Kind bei Besuchen in Göttingen Edith als Philosophie-Lehrerin seiner Großtante kennen gelernt (5. u. 7. Kap.).
Margarida