mini|Zinnober als Minister auf dem Schoß der Fee Rosabelverde. Zeitgenössischer Kupferstich für den Umschlag der Erstausgabe, gestochen von Carl Friedrich Thiele (1780–1836) nach einem gezeichneten Entwurf von E.T.A. Hoffmann Klein Zaches genannt Zinnober ist der Titel eines 1819bei Ferdinand Dümmler Berlin publizierten Kunstmärchens von E. T. A. Hoffmann. Erzählt wird die Geschichte des zwergwüchsigen Zaches, dem durch einen Zauber der Fee Rosabelverde der Aufstieg in die vermeintlich aufgeklärte Elite des Fürstentums gelingt. Eingebettet in ein groteskes Spiel im Spannungsfeld zwischen Märchenwelt und Wirklichkeit kritisiert der Autor durch satirische Überspitzungen sowohl die Phantasiefeindlichkeit der radikalen Aufklärung als auch eine inhumane Realität.
Inhalt Vorgeschichte mini|Marie mit Klein Zaches und Rosabelverde (Illustration von Theodor Hosemann, 1844) Die Geschichte spielt in einem fiktiven Fürstentum, das vordergründig an die deutschen Kleinstaaten des frühen 19. Jahrhunderts erinnert. Zur Zeit des Fürsten Demetrius glich das liebliche Land mit seinem milden Klima einem „wunderbar herrlichen Garten, in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von der drückenden Bürde des Lebens“. Alles war durchwoben von märchenhaft-phantastischen Zügen. „Vortreffliche Feen von der guten Art“ siedelten sich mit von Tauben gezogenen Wagen an und vollbrachten mannigfache Wunder. So glaubte jeder „völlig an das Wunderbare […], ohne es selbst zu wissen“ und blieb „eben deshalb ein froher, mithin guter Staatsbürger“ (1. Kap.).
Diese Zeit endete mit dem Tod des liberalen Fürsten Demetrius. Sein Sohn Paphnutius will per Dekret die „Aufklärung“ einführen, doch sein Minister Andres rät ihm, erst die „gefährlichen Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehör geben und das Volk durch lauter Albernheiten verführen, aus dem Staate zu verbannen“, bevor man „die Wälder umhauen, die Dorfschulen verbessern und die Kuhpocken einimpfen“ werde. So verbietet der Regent vor allem das „heimliche[-] Gift“ der Poesie und lässt die Feen nach ihrer Heimat, dem Lande Dschinnistan, expedieren. Mit Rücksicht auf die traditionelle Stimmung im Volk dürfen nur einige Zauberwesen in bürgerlicher Verkleidung in Reservaten bleiben, darunter die Fee Rosabelverde, die als „Fräulein von Rosenschön“ im adeligen Damenstift des Barons Prätextatus von Mondschein untergebracht wird, und der Magier Prosper Alpanus, der sich als Arzt in sein Landhaus zurückziehen muss.
Klein Zaches
Die Haupthandlung spielt zur Regierungszeit des Fürsten Barsanuph, eines Nachfolgers Paphnutius, und beginnt mit der Begegnung des Stiftfräuleins mit der armen, zerlumpten Bauersfrau Liese, die im Korb ihr zweieinhalbjähriges missgestaltetes Söhnlein, den „Wechselbalg“ Klein Zaches, mit sich schleppt. Auf seinen „Spinnenbeinen“ kann er nicht stehen, nicht gehen; statt zu reden, knurrt und miaut er wie eine Katze. Dabei frisst er „wie der stärkste Knabe von wenigstens acht Jahren“. Aus Mitleid kämmt ihm Rosabelverde das struppige Haar und verleiht „dem bösen Alräunchen“ damit die Gabe, „vermöge der alles, was in seiner Gegenwart irgendein anderer Vortrefflicher denkt, spricht oder tut, auf seine Rechnung“ geht (Kap. 1). Von dieser Stunde an wird er allseits für einen hübschen und verständigen Menschen von großer Begabung gehalten.
Karriere mini|Klein Zaches, Balthasar und Fabian (Illustration von Theodor Hosemann, 1844) Von einem Pfarrer in Pflege genommen, macht sich Zaches nach Jahren auf in die berühmte Universitätsstadt Kerepes, um Jura zu studieren. Dort herrscht der Geist der Aufklärung. Einer ihrer prominenten Vertreter, der Naturwissenschaftler Professor Mosch Terpin, stellt Zaches seiner literarischen Teegesellschaft als den „jungen Herrn Zinnober“ vor und die Gäste verfallen sofort der Täuschung der Fee (Kap. 3): Ungeachtet seines hässlichen Aussehens, seines ungelenken Verhaltens und eines unrühmlichen Sturzes vom Pferd vor der Stadt zieht Zaches die Bewunderung aller auf sich. Allerdings nutzt er den Zauber zum Rollentausch und diffamiert seine Opfer durch sein unartiges Benehmen: Als der für die „wunderbaren Stimmen der Natur“ empfängliche Student Balthasar das schwärmerische Gedicht „Von der Liebe der Nachtigall zur Rose“' vorträgt, um Terpins schöne Tochter Candida zu beeindrucken, wird Zinnober für sein Werk gelobt, während umgekehrt dessen katzenhaftes Gequieke Balthasar angelastet wird. Ähnliche Erfahrungen müssen bei Konzerten der Violinvirtuose Sbiocca und die Sängerin Bragazzi sowie der Referendarius Pulcher bei einer Bewerbung um eine Stelle als geheimer Expedient im Auswärtigen Amt machen, bei der er gemeinsam mit dem „verfluchten Hexenkerl“ geprüft wird (Kap. 4). Auch der junge Beamte Adrian erlebt, wie ein von ihm verfasster Text vom Außenminister bei einem Frühstück mit dem Fürsten Barsanuph als Zinnobers Werk gepriesen wird, während der Fürst ihn für die von Zinnober verursachten Butterflecken auf seiner Hose verantwortlich macht.
Zinnobers Beliebtheit in den Salons und steiler Aufstieg setzen sich fort. Er überrundet seinen bisherigen Förderer und wird an dessen Stelle zum „Minister der Auswärtigen Angelegenheiten“ befördert. Der von seinen Fähigkeiten überzeugte Fürst verleiht ihm sogar den „Orden vom grüngefleckten Tiger mit zwanzig Knöpfen“, der eigens an Zinnobers verwachsenem Körper angepasst werden muss. Candida ist ebenso wie die Gesellschaft von dem Gnom fasziniert, überträgt ihre Liebe zu Balthasar auf ihn und nimmt seine Werbung an. Darauf erwirkt Zinnober bei Barsanuph für ihren Vater die Erhebung zum „Generaldirektor für sämtliche natürliche Angelegenheiten“ mit Anrecht auf fürstliches Wildbret und der Befugnis zu unbegrenzten Studien im fürstlichen Weinkeller.
Entzauberung
Die Opfer des Zaubers sehen fassungslos dem Aufstieg Zinnobers zu. Erst auf die Ankündigung der Verlobung Zinnobers mit seiner geliebten Candida wird Balthasar aktiv. Ihm ist bewusst, dass ein „verruchter Zauber“ seine Umgebung bestrickt hält, den es zu brechen gilt. Hierzu sucht er gemeinsam mit seinem Freundes Fabian den Doktor Prosper Alpanus auf, der trotz der unter Fürst Paphnutius eingeführten Aufklärung im Lande bleiben durfte, und bittet ihn um Hilfe (Kap. 5). Dieser versucht durch Recherchen in seinen Folianten die Herkunft des Gnoms herauszufinden, beschwört Zinnobers Bild in seinem Kristallspiegel herauf und fordert Balthasar auf, mit einem Rohrstock auf seinen Widersacher einzuschlagen. Als Zinnober auf die Hiebe ganz real mit Schmerzensschreien reagiert, wird Prosper klar, dass es sich um keinen Erdgeist, kein Wurzelmännlein und auch nicht um den Käferkönig handelt, sondern um einen zwergwüchsigen Menschen aus Fleisch und Blut, der unter einem geheimen Zauber steht. Fabian, der nicht an Wunder glaubt, verhöhnt daraufhin den Magier und wird von diesem damit bestraft, dass ihm für einige Zeit, bis der Zauber wieder aufgehoben wird, an jedem Frack und jedem Jackett die Ärmel bis zur Schulter hochrutschen, während die Schöße bis zum Boden wachsen.
Balthasars Verdacht, dass Zinnobers Karriere auf einem Zauber beruht, wird durch einen Brief seiner Freunde Pulcher und Adrian bestätigt. Diese haben in Zinnobers Garten beobachtet, wie die Fee Rosabelverde die Haare des Staatsrats kämmte, um die Macht des Zaubers aufzufrischen (Kap. 6).
Nach der Misshandlung ihres Schützlings durch Balthasar vermutet Rosabelverde ihren Zauberkonkurrenten Prosper Alpanus als Urheber. Sie besucht ihn in seinem Landhaus und bittet ihn, von Zinnober abzulassen (Kap. 6). Es kommt zu einem Kampf, bei welchem sich die beiden Magier unter anderem in Hirschkäfer, Schmetterlinge und Kolibris verwandeln. Dabei zerbricht der Zauberkamm der Fee, mit dem Zinnober alle neun Tage frisiert werden muss, damit der auf ihm ruhende Zauber seine Kraft behält. Im darauffolgenden Gespräch kann Prosper Alpanus die Fee davon überzeugen, dass ihr Schützling seine Zauberkraft böswillig ausnutzt und seinen Opfern schadet. Auch zeigt er ihr anhand des von ihm erstellten Horoskops, wozu Balthasar berufen ist. Rosabelverde stimmt deshalb der Entzauberung Zinnobers zu und die beiden trennen sich als Freunde. mini|Der Magier Prosper Alpanus auf einer Libelle. Kupferstich für den Umschlag der Erstausgabe, gestochen von Carl Friedrich Thiele (1780–1836) nach einem gezeichneten Entwurf von E.T.A. Hoffmann Prosper hat inzwischen von seinen Freunden aus Indien die Nachricht erhalten, die Prinzessin Balsamine habe Sehnsucht nach ihm, und er will bald das Fürstentum verlassen. Er vererbt sein Landhaus mit Park dem ihm geistesverwandten Dichter Balthasar und rät ihm, dem Minister bei passender Gelegenheit seine drei feuerfarbenen Haare, in denen seine Zaubermacht begründet liege, „mit einem Ruck“ vom Scheitel zu reißen und sie sogleich zu verbrennen (Kap. 7). Für den Anschlag suchen sich Balthasar und seine Freunde Zinnobers und Candidas Verlobungsfeier aus (Kap. 8). Nach der Entzauberung wundern sich die Gäste über das plötzliche Auftauchen eines „purzelbäumeligen Kerls“, den der Aufseher des zoologischen Kabinetts als „dem Museo entlaufenen Simia Beelzebub“ für sich beansprucht. Es kommt zu tumultartigen Szenen. Fürst Barsanuph macht Mosch Terpin für den „landesverräterischen Spaß“ verantwortlich und entlässt ihn aus seinem Amt des Generaldirektors für natürliche Angelegenheiten. Umsonst beteuert Zaches, der Minister Zinnober zu sein, er wird von Mosch Terpin und den wütenden Gästen verfolgt und kann gerade noch entweichen und sich in seiner Residenz in sein Schlafzimmer einschließen.
Zinnobers Leben endet auf kuriose Weise (Kap. 9): Seine Mutter Liese will an seinem Erfolg teilnehmen und ruft bei ihrer Ankunft vor seinem Haus, als sie ihn am Fenster erblickt, er sei ihr Sohn Zaches. Damit löst sie bei den Zuschauern „tollste[s] Gelächter“, ein Bombardement mit Steinen und eine Erstürmung des Hauses aus. Zinnober gerät über den Tumult in Wut und Angst, flieht in sein Zimmer, stürzt in ein silbernes Nachtgeschirr und ertrinkt in der Flüssigkeit. Der herbeigerufene Leibarzt erklärt die Todesursache als Sturz in den „Humor“:
Staatsbegräbnis
Nachdem der Kammerdiener die Leiche aufgebahrt hat, präsentiert sich Zinnober den Trauergästen hübscher und sanfter als im Leben. Im Haar schimmert ein roter Streif, als Fräulein von Rosenschön darüberstreicht, und sie ist Prosper Alpanus für dieses versöhnliche Zeichen dankbar. Das Verhängnis und mit ihm die Schmach des „Stiefkind[es] der Natur“ sei damit verbüßt: In ihrer mitleidigen Torheit habe sie geglaubt, die äußeren schönen Gaben würden „hineinstrahlen in [s]ein Inneres“ (Kap. 9). Aber sie kann die Folgen etwas mildern: Durch die Nachwirkung ihres Zaubers bleibt der Fürst beim Anblick des toten Zinnober bei seiner irrigen Meinung von seinem Minister als einem Mann „von dem tiefen Verstande, von der Seelengröße, von der Milde, von dem unermüdlichen Eifer für das allgemeine Wohl“. Er ordnet ein prächtiges Staatsbegräbnis an und stellt damit die Reputation Zinnobers wieder her. Auch Liese profitiert von der Unterstützung der Fee: Barsanuph kauft Liese ihre Zwiebeln ab, die ihm durch den Zauber Rosabelverdes als die schönsten und süßesten vorkommen, die er jemals gegessen hat. Er ernennt sie zur Zwiebelhoflieferantin und verschafft ihr dadurch ein sicheres Einkommen.
Hochzeit