Der Kongolesisch-Arabische Krieg, auch Belgisch-Arabischer Krieg, im französischen Sprachraum Campagnes de l’État indépendant du Congo contre les Arabo-Swahili, : Veldtochten van de Onafhankelijke Congostaat tegen de Arabo-Swahili, : Congo-Arab War genannt, war ein zwischen 1892 (nach anderen Quellen ab 1890) und 1894 ausgetragener Kolonialkrieg zwischen dem Kongo-Freistaat und arabischen und Swahili-Kriegsherren, die in den Sklavenhandel in den östlichen Regionen des Kongobeckens verstrickt waren.
Auslöser des Kriegs war der Konflikt des Freistaats und der Araber um die Kontrolle regionaler Ressourcen.Robert B. Edgerton: The Troubled Heart of Africa: A History of the Congo. New York: St. Martin’s Press. 2002. ISBN 0-312-30486-2. S. 85. Er endete im Januar 1894 mit einem Sieg der Force Publique, der regulären Schutzmacht des vom belgischen König Leopold II. regierten Staates und ihrer Verbündeten. Anfangs hatte der Freistaat mit den Arabern bei der Nutzung der Rohstoffe und der Kontrolle der Bevölkerung zusammengearbeitet, in der Folge kam es jedoch zum Konkurrenzkampf, etwa beim wertvollen Rohstoff Elfenbein. Weiterhin spielten humanitäre Zusagen Leopolds II. auf der Berliner Kongokonferenz von 1885 zur Abschaffung und Bekämpfung der Sklaverei in seinem Herrschaftsgebiet eine Rolle. Leopold II. nahm dazu eine zunehmend konfrontative Haltung gegenüber seinen einstigen Verbündeten ein.Georges Nzongola-Ntalaja: The Congo: From Leopold to Kabila: A People’s History. 2002. ISBN 1-84277-053-5. S. 21. Der Krieg gegen die suaheli-arabische Wirtschafts- und Politikmacht wurde somit auch als christlicher Kreuzzug gegen die Sklaverei dargestellt.
Vorgeschichte mini|links|Ein Foto eines versklavten Kindes in Sansibar, ca. 1890 Bis etwa in die 1870er Jahre hinein blühte der Ostafrikanische Sklavenhandel, in dem das Sultanat Sansibar mit seinen Handelsverbindungen nach Zentralafrika sowie zu den Absatzmärkten auf der arabischen Halbinsel und weiteren Küstengebieten des Indischen Ozeans ein wesentlicher Akteur war.
1873 musste der Sultan von Sansibar Barghasch ibn Said nach diplomatischen Druck durch Großbritannien den Sklavenhandel offiziell unterbinden. In dieser Zeit drangen europäische Händler, etwa die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft (DOAG), vermehrt auf das Festland Ostafrikas vor, das vorher zum Einflussgebiet des Sultanats gehört hatte. 1885 musste Barghasch ibn Said die Schutzverträge der DOAG mit lokalen ostafrikanischen Führern und die Gründung der Kolonie Deutsch-Ostafrika auf dem Festland anerkennen.
mini|Der Einflussbereich Tippu Tips im östlichen Kongobecken (um 1880) Das Beschaffungsgebiet für Arbeitssklaven rückte somit immer weiter ins Landesinnere und arabisch-stämmige Herrscher, wie Tippu Tip und weitere, errichteten, zunächst noch mit Billigung und Unterstützung Leopolds II., auf dem Gebiet des Kongo Freistaates lokale Herrschaftsräume. Diese nutzten sie in der Folge, um Sklaven zum Weiterverkauf zu fangen und weitere Rohstoffe auszubeuten.
Bereits 1886, während eines Aufenthalts Tippu Tips in Sansibar, kam es zu einem Streit zwischen Tippu Tips Stützpunkt an den Stanley Falls (heute Boyomafälle) und einem kleineren, nahegelegenen Außenposten des Freistaats Kongo unter der Führung von Walter Deane und Leutnant Dubois. Tips Männer in Stanley Falls behaupteten, Deane habe einem arabischen Offizier eine Sklavin geraubt. Deane jedoch behauptete, das Mädchen sei geflohen, nachdem es von ihrem Herrn schwer misshandelt worden war, und er habe ihr lediglich Zuflucht gewährt.Robert B. Edgerton: The Troubled Heart of Africa: A History of the Congo. New York: St. Martin’s Press. 2002. ISBN 0-312-30486-2. S. 86–93. Tippu Tips Männer griffen daraufhin das Fort an, das von den beiden Offizieren, achtzig nigerianischen Hausas und sechzig lokalen Milizionären verteidigt wurde. Nach einer viertägigen Belagerung ging den Verteidigern die Munition aus, sie flohen und gaben den Stützpunkt auf.Robert B. Edgerton: The Troubled Heart of Africa: A History of the Congo. New York: St. Martin’s Press. 2002. ISBN 0-312-30486-2. S. 94. Von offizieller Seite des Freistaates erfolgte zunächst kein Gegenangriff, da anfangs die Autorität des Kongo-Freistaats in den östlichen Regionen des Kongo relativ schwach war. Tippu Tip begann, weitere Kräfte im östlichen Kongo, darunter mehrere arabische Sklavenjäger und einige kongolesische Anführer, z. B. Ngongo Lutete, um sich zu scharen. Somit wurde die Bedrohung für den Freistaat imminent.
mini|Arabisch-ostafrikanische Sklavenrouten um 1890 Als Reaktion traf Anfang 1887 Henry Morton Stanley als Vermittler in Sansibar ein und schlug vor, Tippu Tip zum Gouverneur (wali) des sog. Stanley Falls District im Kongo-Freistaat zu ernennen. Sowohl Leopold II. als auch Barghash bin Said stimmten zu. Am 24. Februar 1887 akzeptierte Tippu Tip die Vereinbarung und erklärte sich bereit, sich der Autorität des Freistaats Kongo zu unterwerfen und sich von einem Offiziellen des Freistaats Kongo bei der Verwaltung seines Gebiets unterstützen zu lassen. Das System indirekter Herrschaft orientierte sich an dem anderer europäischer Kolonialmächte in Afrika und Asien. Die Grenzen des Gebiets sollten die Flüsse Aruwimi und Lualaba bilden.
Darüber hinaus sollte Tippu Tip seinen Elfenbeinhandel über den Freistaat Kongo zu den Atlantikhäfen umleiten und die Truppen König Leopolds II. bei ihren Expeditionen bis zum Oberlauf des Nils unterstützen, um dessen Machtbereich weiter auszudehnen. Bald nach diesem Abkommen zeigte sich, dass Tippu Tip die Autorität des Freistaats Kongo nicht akzeptieren wollte und sich nicht etwa als Staatsbediensteter, sondern eher als Vasall mit Handlungsfreiheit innerhalb gewisser Grenzen in seinem Machtbereich, ansah. Darüber hinaus hatte Tippu Tip selbst keine absolute Autorität über die Region Ostkongo, sondern war nur einer von mehreren gleichgestellten Herrschern. Andere mächtige Sklavenhändler wie Rumaliza, mit seinem Einflussgebiet um den Tanganjikasee, betrachteten sein Abkommen mit dem Freistaat Kongo als Verrat. Rumaliza erkannte den Machtanspruch des Freistaates seinerseits nicht an und blieb gegenüber dem Sultan von Sansibar loyal.
Auch Leopold II. wurde in der europäischen Öffentlichkeit für seine Vereinbarungen mit Tippu Tip heftig kritisiert. In Belgien setzte sich die 1888 von von römisch-katholischen Intellektuellen unter der Führung von Graf Hippolyte d’Ursel gegründete Belgische Anti-Sklaverei-Gesellschaft, für die Abschaffung des ostafrikanischen Sklavenhandels ein. Die Behörden des Freistaats hielten sich außerdem strikt an die Bestimmungen der Brüsseler Konferenzakte von 1890, die den Handel mit modernen Hinterladerwaffen und Munition in „tropischen“ Teilen Afrikas verbot.Bruce Vandervort: Wars of Imperial Conquest. Neuauflage von 2015. Routledge. ISBN 978-1-134-22374-9. S. 181. Im Mai oder Juni 1890 verließ Tippu Tip sein Herrschaftsgebiet in Maniema und ging endgültig nach Sansibar. Er überließ seinem Sohn Sefu bin Hamid die Verwaltung des größten Teils seines Territoriums vom Regierungssitz Kasongo aus und seinem Neffen Rashid bin Mohammad die Verwaltung des Gebiets um die Stanley Falls.Robert Harms: Land of Tears : The Exploration and Exploitation of Equatorial Africa. Basic Books. New York. 2019. ISBN 978-0-465-02863-4. S. 350–351.
Der Freistaat hatte kurz zuvor zwei bewaffnete und befestigte Stationen in Lusambo (unter dem Kommando von Paul Le Marinel, dann Francis Dhanis) und Basoko (unter dem Kommando von Louis Napoléon Chaltin) errichtet, außerdem eine Station nahe der Stanley Falls (unter dem Kommando von Nicolas Isidore Tobback) und weitere Posten am Kongo und am Lomami, darunter 1889 auch ein vorgeschobener Posten nahe Kasongo, der Residenz Tippu Tips.
Ebenfalls 1890 war der Hauptmann der Force Publique Guillaume Van Kerckhoven, der mit der Erforschung eines Zugangs zum Nil beauftragt worden war, in Konflikt mit den Sklavenhändlerbanden geraten und hatte diese bei seinem Vormarsch entlang des Itimbiri durch das Tal des Oberen Uélé in Richtung Nil im Kampf besiegt, Elfenbein beschlagnahmt und Sklaven befreit.Robert B. Edgerton: The Troubled Heart of Africa: A History of the Congo. New York: St. Martin’s Press. 2002. ISBN 0-312-30486-2. S. 99–100.
Kriegsverlauf Erste Feindseligkeiten
Nach dem Weggang Tippu Tips begannen Sefu bin Hamid und seine Verbündeten im März und April 1892, Angehörige des Kongo-Freistaats im Osten des Kongos systematisch anzugreifen. Darunter waren auch der Elfenbeinhändler Arthur Hodister, der von der Handelsgesellschaft Société du Haut Congo entsandt worden war, um Elfenbein zu „erwerben“ und der ebenso zwei Stationen am Lomami-Fluss gegründet hatte. Paul Le Marinel, der für die Kontrolle der Region verantwortlich war, war besorgt über Hodisters Versuche, sich die Ressourcen der Region anzueignen, was den arabischen Händlern missfallen könnte. In der Folge bestätigte sich dies und Hodister und zehn weitere Weiße wurden am 15. März 1892 in der Nähe von Riba Riba (heute: Lokandu) am Lualaba-Fluss überfallen und getötet. Anschließend wurden weitere Einrichtungen der Société du Haut-Congo angegriffen und die Mitarbeiter ebenfalls ermordet, darunter Alfred Noblesse in Riba Riba, Jules Pierret in Lomo und Gaston Jouret in Kibonge. Rachid, von Tippu Tip als Oberhaupt der Stanley Falls Station eingesetzt, weigerte sich, gegen diese Gewalttaten vorzugehen und bei der Untersuchung von Hodisters Tod mitzuwirken.Demetrius Charles de Kavanagh Boulger: The Congo State. W. Thacker & Co. London. 1898. S. 162. Auch Emin Pascha, der sich nach der Aufgabe seiner Provinz Äquatoria im Sudan, wieder in der Gegend aufhielt, wurde am 23. Oktober von Kriegern aus Kibonge, Said und Kinena ermordet.
Die Aktionen vereinten die regionalen Sklaven- und Elfenbeinhändler im Kampf gegen ihren gemeinsamen Feind, den Kongo-FreistaatRobert B. Edgerton: The Troubled Heart of Africa: A History of the Congo. New York: St. Martin’s Press. 2002. ISBN 0-312-30486-2. S. 98., darunter zunächst auch ein weiterer lokaler Machthaber, Ngongo Lutete, Oberhaupt der Bassonge, der zu dieser Zeit ebenfalls Kampfaktionen gegen den Freistaat in der Region anführte.Martin Ewans: European atrocity, African catastrophe: Leopold II, the Congo Free State and its aftermath. Curzon. Richmond. 2001. ISBN 978-0-7007-1589-3. S. 139.
Mit diesen Aktionen kam es somit zum Bruch zwischen dem Freistaat Kongo und den Führern der arabischen Handelsstaaten.
mini|Francis Dhanis im Kongo. Seine besser bewaffneten Truppen besiegten Rumaliza um 1900. Zu dieser Zeit wurden Einheiten der Force Publique unter Francis Dhanis wurde nach Katanga entsandt, um den Handelsposten der Lofoi mit Nachschub zu versorgen und auf seinem Weg neue Außenposten zu errichten. Während dieser Mission kreuzte sich der Weg der Force Publique mit den Milizionären von Ngongo Lutete. Lutete war als Junge von Tippu Tip als Sklave gefangen genommen worden, nach seiner Freilassung wurde er Anführer der Batetela und Bakusu. Lutetes Truppen zogen nach Westen nach Kasaï, um sich Waffen aus Angola zu beschaffen, um damit ihre Position in der Region Lomani zu stärken.
Nach mehreren Gefechten im April und Mai 1892 mit den besser ausgerüsteten Streitkräften des Freistaats unter Dhanis und Michaux beschloss Lutete, ein Abkommen mit dem Freistaat Kongo zu schließen. Am 19. September wechselte er die Seiten und schloss sich der Force Publique an – andere einheimische Anführer wie Pania Mutomba und Lupungu, Häuptling der Songe in Kabinda, hatten sich ebenfalls der Force Publique angeschlossen.
Maniema-Feldzug