Die austro-russische Invasion der Schweiz war Teil des Zweiten Koalitionskriegs, der während Bonapartes Ägypten-Expedition stattfand. Mit ihm wollte ein Bündnis monarchisch regierter Staaten in Frankreich und in dessen TochterrepublikenNamentlich in der Cisalpinischen und der Piemontesischen Republik in Norditalien sowie der Batavischen Republik in den Niederlanden. das Ancien Régime wiederherstellen. Die Kämpfe des Jahres 1799 in der Helvetischen Republik, an denen sich auf beiden Seiten auch Schweizer beteiligten, waren die blutigsten der Schweizer Geschichte.Zusätzlich war die Schlacht bei Näfels am 1. Oktober «the bloodiest action of the War of the Second Coalition». Steven T. Ross: The A to Z of the Wars of the French Revolution. Scarecrow Press, Lanham, Maryland 2010, ISBN 978-1-4616-7238-8, S. 20, 36 ().

Einleitung Die von Grossbritannien finanzierte militärische Intervention der Monarchie des Hauses Österreich (im Namen des Heiligen Römischen Reichs) und des russischen Kaiserreichs wurde durch die Helvetische RevolutionCharles Monnard: Geschichte der Helvetischen Revolution. 2 Bände. Orell, Füßli und Comp., Zürich 1849/1851 (1: ; 2: ); Holger Böning: Der Traum von Freiheit und Gleichheit. Helvetische Revolution und Republik (1798–1803) – Die Schweiz auf dem Weg zur bürgerlichen Demokratie. Orell Füssli, Zürich 1998, ISBN 3-280-02808-6. im Jahr 1798 veranlasst, die von der Besetzung der Schweiz durch Truppen der Französischen Republik («Franzoseneinfall») begleitet war.Die vorgängige Besetzung des Fürstbistums Basel erfolgte auf der Grundlage des Friedens von Campo Formio, jene der Waadt auf Ersuchen La Harpes unter Berufung auf den Lausanner Vertrag von 1564. Christian Gerber: Die angebliche Garantie der Freiheiten der Waadt durch Frankreich im Lausanner Vertrag von 1564. In: Schweizerische Monatshefte für Politik und Kultur. 4/1905, S. 659–674 (e-periodica.ch).

Als der russische Feldmarschall Suworow 1799 den Oberbefehl in Norditalien übernahm, schwebte ihm vor, der k. k. Feldzeugmeister Erzherzog Karl werde die benachbarte Schweiz «säubern» und dort Hilfstruppen ausheben, um dann durch die Freigrafschaft Burgund nach Paris zu marschieren, während die ihm selbst unterstellten austro-russischen Truppen durch die Dauphiné dorthin vorstossen würden und die Engländer mit einem weiteren russischen Hilfskorps von der Normandie aus zu den royalistischen Aufständischen in der Vendée.Anton Pestalozzi: Briefe an Lord Sheffield. Englische Kriegsberichte aus der Schweiz, Herbst 1799 (= Neujahrsblatt […] zum Besten der Waisenhäuser. 152. Stück). Beer AG, Zürich 1989, S. 112 f.

Im Oktober 1798 hatten Anhänger des Ancien Régime in den Drei Bünden, deren Untertanengebiete Chiavenna, Veltlin und Bormio sich im Vorjahr der Cisalpinischen RepublikUmfasste Gebiete vom früher österreichischen Mailand bis nach Bologna im ehemaligen Kirchenstaat. angeschlossen hatten, österreichische Truppen ins Land gerufen. Damit wollten sie verhindern, dass der Rest des bisher unabhängigen Freistaats als Kanton Rätien Teil der Helvetischen Republik wurde. Darauf intervenierten die Franzosen im März 1799 zu Gunsten der helvetisch gesinnten Bündner. Dies, obwohl sie Ende 1798 im Elsass und in der Schweiz nur über 67'000 Mann verfügt hatten, die Österreicher in Schwaben, Vorarlberg, Graubünden und Tirol über 155'000 Mann.Ludwig Wiener: Das Corps des FML. Friedrich Freiherr von Hotze im Feldzuge 1799 […]. In: Mittheilungen des k. k. Kriegs-Archivs. Jahrgang 1884, S. 88–117, 239–265, hier S. 98, 105 (); Friedrich Pieth: Graubünden als Kriegsschauplatz 1799–1800. Bischofberger & Co., Chur 1940, S. 9–11, 15 f.

Das Kommando über die nachfolgende austro-russische Invasion der Helvetischen Republik ging im Sommer 1799 von Erzherzog Karl an den russischen Generalleutnant Korsakow bzw. dessen Vorgesetzten Suworow über, im März 1800 an den k. k. Feldzeugmeister Kray. Auf der Gegenseite stand die Armée d’Helvétie, ab April 1799 Armée du Danube, unter Général en chef Massena, in der auch andere spätere französische Marschälle dienten,Lecourbe, Molitor, Mortier, Ney, Oudinot, Soult. ab Dezember 1799 die Armée du Rhin unter Général en chef Moreau.

Vorbereitender Aufstand

mini|hochkant|Trikolore der Helvetischen Republik, Geschenk Zschokkes an den Distrikt Stans (1799)

Zur Vorbereitung des «Befreiungskriegs» wurde ein Aufstand gegen die helvetischen Behörden organisiert, der sich unter anderem gegen die Einführung der Wehrpflicht und der Toleranz in Religionssachen richtete. Durch die Siege der Österreicher bei Ostrach und Stockach erschreckt und für ihr eigenes Schicksal besorgt,Anton von Tillier: Geschichte der helvetischen Republik […]. 1. Band, Chr. Fischer, Bern 1843, S. 257 (). nahm die Regierung beim Kampf gegen die Aufständischen zu fragwürdigen Mitteln wie Requisitionen, Auferlegung von Kontributionen, Sonderjustiz, Geiselnahmen und Sippenhaft Zuflucht.Hubert Foerster: Erfolg trotz Misserfolg. Der Aufstand und der Befreiungskrieg 1799 in der Schweiz. Ein Beitrag zu den antihelvetischen Bewegungen. Schriftenreihe der Eidgenössischen Militärbibliothek und des Historischen Dienstes 48. Bern 2012, ISBN 3-906969-47-9, S. 16–22. Während der Dichter Salis-Seewis als Generalinspektor des Kantons Zürich die Aufrührer in der ehemaligen Fürstabtei St. Gallen gewaltlos zum Niederlegen der Waffen bewegen konnte,Anton von Tillier: Geschichte der helvetischen Republik […]. Chr. Fischer, Bern 1843, 1. Band, S. 250 f. (); Adolf Frey: Die helvetische Armee und ihr Generalstabschef J. G. v. Salis-Seewis im Jahre 1799. F. Schultheß, Zürich 1888, S. 38 f. (e-rara.ch); Alfred Rufer: Johann Gaudenz v. Salis–Seewis als Bündner Patriot und Helvetischer Generalstabschef. Bischofberger & Co., Chur 1938, S. 42–44. kam es andernorts zum Einsatz von Regierungstruppen, so im luzernischen RuswilSogenannter «Käferkrieg» wegen einer gleichzeitigen Maikäferplage. Anton Erni: Geographische, statistische und geschichtliche Beschreibung der politischen Gemeinde Ruswil […]. C. Kneubühler, Willisau 1878, S. 28–32 (). und im Kanton Oberland. Letzterer bot laut Jörin «ein getreues Abbild des aufständischen Helvetiens überhaupt»: Kein Tal, keine Gemeinde, wo sich nicht Patrioten (Revolutionäre) und Altgesinnte gegenübergestanden hätten.Ernst Jörin: Der Kanton Oberland 1798–1803. Diss. phil. Bern. Gebr. Leemann & Co., Zürich 1912, S. 148–216, hier S. 175.

Zentrum der Konterrevolution war der Kanton Waldstätten.Uri ohne Leventina, Schwyz ohne March und Höfe, Nidwalden, Obwalden, Zug. Dort wurden Angehörige der wenig zahlreichen französischen Besatzungstruppen ermordet und die helvetisch gesinnten eigenen Hauptorte bedroht. In Schwyz sprach man vom «Hirthemlikrieg». Zu den Anführern gehörten der Kapuziner Styger und in Nidwalden «Zundel-Nazi [Ignaz]» Hunziker.Joseph Businger: Die Geschichten des Volkes von Unterwalden […]. 2. Band. Xaver Meyer, Luzern 1828, S. 448–451 (). Das Ausmass des Parteihasses illustriert der Brand von Altdorf am 5. April, bei dem Franzosen löschen halfen, Bauern aus der Umgebung hingegen rauchend zusahen.Johann Georg Heinzmann: Kleine Schweizer-Chronik. 2. Theil, Bern 1801, S. 657–662 (); Anton von Tillier: Geschichte der helvetischen Republik […]. 1. Band, Chr. Fischer, Bern 1843, S. 257 f. (); Karl Franz Lusser: Leiden und Schicksale der Urner, während der denkwürdigen Revolutionszeit […]. Franz Xaver Z’Graggen, Altdorf 1845, S. 95–103 (). Verständige Männer wie der Anführer des gescheiterten Aufstands von 1798, Reding, sein als Regierungskommissär in die Waldstätten entsandter Freund Zschokke,Werner Ort: Heinrich Zschokke 1771–1848. Eine Biografie. Hier + jetzt, Baden 2013, ISBN 978-3-03919-273-1, S. 268–318. Innenminister RenggerFerdinand Wydler (Hrsg.): Leben und Briefwechsel von Albrecht Rengger, Minister des Innern der helvetischen Republik. 1. Band, Friedrich Schultheß, Zürich 1847, S. 76 (). und der französische General MolitorHeinrich Zschokke: Historische Denkwürdigkeiten der helvetischen Staatsumwälzung. 3. Band, Steiner, Winterthur 1805, S. 252 f. (). trugen zur Beruhigung der Gemüter bei. So vermochten helvetische und französische Truppen den Aufstand noch vor der austro-russischen Invasion unter Kontrolle zu bringen. Dies mit Ausnahme des Tessins (wo es wie in Graubünden auch Befürworter eines Anschlusses an die Cisalpinische Republik gegeben hatte) und des Oberwallis: In den Kantonen Bellinzona und Lugano kamen Österreicher, über den Simplonpass Österreicher und Russen den Aufständischen zu Hilfe.Anton von Tillier: Geschichte der helvetischen Republik […]. 1. Band, Chr. Fischer, Bern 1843, S. 278–283, 289–292 ()

Erzherzog Karl

mini|hochkant|Erzherzog Karl (1800)

Bevor Erzherzog Karl von Schwaben her gegen die Helvetische Republik vorging, verkündete er, sein Bruder Kaiser Franz II. verfolge kein anderes Ziel, «als freundnachbarlich beyzutragen, damit die Schweyz bey ihrer Unabhängigkeit, Integrität, Freiheiten, Gerechtsamen und Besitzungen ohne allen Abbruch erhalten werde».Stockach, 30. März. Hubert Foerster: Erfolg trotz Misserfolg. Der Aufstand und der Befreiungskrieg 1799 in der Schweiz. Ein Beitrag zu den antihelvetischen Bewegungen. Schriftenreihe der Eidgenössischen Militärbibliothek und des Historischen Dienstes 48. Bern 2012, ISBN 3-906969-47-9, S. 58 f. Damit trat er Gerüchten entgegen, Österreich erhebe nach der Einverleibung der Republik Venedig (→ Frieden von Campo Formio, 17. Oktober 1797) auch Anspruch auf die Stammlande der 1740 im Mannesstamm ausgestorbenen Habsburger.Stephan Meyer: Vorbote des Untergangs. Die Angst der Schweizer Aristokraten vor Joseph II. Diss. phil. I, Chronos, Zürich 1999, ISBN 3-905313-40-5.

Am 13. April besetzten die Kaiserlichen die Stadt Schaffhausen.Alfred Rufer: Johann Gaudenz v. Salis–Seewis als Bündner Patriot und Helvetischer Generalstabschef. Bischofberger & Co., Chur 1938, S. 52. Die fünf Divisionen, über die Massena am 20. April verfügte, hatten ihre Hauptquartiere in Ftan (Lecourbe), Chur (Ménard), Altstätten (Lorge), Frauenfeld (Oudinot)Hubert Foerster: Erfolg trotz Misserfolg. Der Aufstand und der Befreiungskrieg 1799 in der Schweiz. Ein Beitrag zu den antihelvetischen Bewegungen. Schriftenreihe der Eidgenössischen Militärbibliothek und des Historischen Dienstes 48. Bern 2012, ISBN 3-906969-47-9, S. 51 f. und in der helvetischen Hauptstadt Luzern (Nouvion).Adolf Frey: Die helvetische Armee und ihr Generalstabschef J. G. v. Salis-Seewis im Jahre 1799. F. Schultheß, Zürich 1888, S. 22 (e-rara.ch). Ende April zog Suworow in Mailand ein. Nachdem die österreichischen Generäle Bellegarde, Hotze und Nauendorf Ramosch, Maienfeld bzw. Stein am Rhein angegriffen hatten, überschritt der Erzherzog am 22./23. Mai bei Paradies den Rhein. Zahlenmässig unterlegen, zog Massena sich darauf trotz des Sieges seiner Vorhut über jene Hotzes bei Frauenfeld von der Thur- auf die leichter zu verteidigende Limmatlinie zurück (→ Erste Schlacht bei Zürich, 4. Juni). Die Zentralbehörden der Helvetischen Republik flüchteten von Luzern nach Bern.Anton von Tillier: Geschichte der helvetischen Republik […]. Chr. Fischer, Bern 1843, 1. Band, S. 298–309 ().

Am 20. Juni kapitulierte auch Turin vor Suworow. In der Schweiz aber herrschte nun faktisch Waffenstillstand, bis vom 13. bis 16. August die Franzosen das Oberwallis und die Waldstätten zurückeroberten. Erzherzog Karl hingegen scheiterte mit dem Versuch, durch einen gemeinsamen Aareübergang von Österreichern und Russen Massena in den Rücken zu fallen (→ Gefecht bei Döttingen, 17. August). Clausewitz bezeichnete die schlechte Ausführung des Brückenschlags, der die Franzosen zur Aufgabe der Schweiz hätte zwingen können, als «ungeheuren Fehler».Carl von Clausewitz: Die Feldzüge von 1799 in Italien und der Schweiz. 2. Theil. Ferdinand Dümmler, Berlin 1834, S. 56 ().

Korsakow, Suworow