Die Festung Gadin in Jechiʿam, Israel, ist eine ab Mitte der 1730er Jahre neu überbaute Deutschordensburg aus den 1230er Jahren, deren Name als Burg Judin überliefert ist. Die Deutschritter entschieden sich für einen in den Kreuzfahrerstaaten einzigartigen Festungsbau mit zwei beherrschenden Türmen. Die Burg markierte einen Grenzpunkt der Seigneurie de Montfort, einer Herrschaft des Deutschen Ordens als Vasall des Königreichs Jerusalem, und eine wichtige Etappe auf dem Weg vom Deutschordenshaus Akkon zur Burg Montfort, dem chef-lieu der Seigneurie.
Die Wehranlage wurde im Zuge der Zerstörung des Königreichs ruiniert. Der autonomistische Regionalpotentat Ẓāhir al-ʿUmar (1690–1775) erneuerte sie zur Sicherung seiner Herrschaft. Mit deren Zerschlagung wurde die Burg wiederum 1775 zerstört.
Im Bürgerkrieg im Mandatsgebiet 1948 stand die Festung Gadin im Zentrum der Belagerung von Jechiʿam. Die Festung, ein Symbol von Jechiʿams Standhaftigkeit im Krieg 1948, ist seit 1967 eine geschützte Anlage als Teil des Nationalparks Festung Jechiʿam.
Namen Festung Gadin () ist die konventionelle hebräische Bezeichnung der Burg,Vgl. יִשְׂרָאֵל – מַפָּה גֵּאוֹגְרַפִית וְטוֹפּוֹגְרַפִית, Maßstab , Ministerium für Bau- und Wohnungswesen / Survey of Israel (Hrsg.), Tel Aviv: , 1979, hier . die auf die im 13. Jahrhundert überlieferte Namensform Iudin zurückgeht, die den semitischen Wortstamm mit den Radikalen «G-D-N» tradiert. Das konsonantisch ausgesprochene I im Anlaut soll den levantinischen Laut [ʒ] (Zeichen gemäß IPA) darstellen, der im Laufe der Entwicklung der Aussprache in manchen semitischen Sprachen aus dem [g] entstand, wie im Levantinischen Arabischen, weshalb die Umschrift der DMG dafür das Zeichen [ǧ] nutzt. Die konsequente Schreibung von Js für Is, die nicht vokalisch gesprochen werden, setzte sich erst im 16. Jahrhundert durch. Im vom Französischen geprägten Idiom der Kreuzfahrer wurde das Toponym auch Iudyn geschrieben, bzw. später in Drucken dann gemäß geänderter Schreibpraxis Judyn.
Wegen ihrer Rolle als Keimstätte Jechiʿams und ihrer Bedeutung in der abgewiesenen arabischen Belagerung von Jechiʿam (1948) erlangte die Bezeichnung Burg Jechiʿam () in den letzten Dekaden Popularität. Die ältere Bezeichnung mit dem semitischen Wortstamm findet sich auf wie auch in arabischen Namen wieder, nämlich , das neben steht, da die 1775 zerstörte Burg seither Ruine ist.
Lage Die Festung Gadin liegt Luftlinie etwa zehn, aber als Fahrtweg um 18 Kilometer östlich von Naharija,Avraham Lewensohn (; 1923–1986), Reiseführer Israel mit Straßenkarten und Stadtplänen ['Israel Tourguide', 21979; dt.], Miriam Magall (Übs.), Tel Aviv-Jaffa: und Tourguide, 1982, S. 410. dem nächsten Mittelzentrum. Die Festung liegt im Ortskern Jechiʿams auf einem felsigen Bergrücken von 404 Metern Höhe im Übergang Obergaliläas in die westgaliläische Küstenebene, oder Küstenebene des historischen Phönikiens. Obergaliläa fällt nach Westen zur Küstenebene hin ab und franst in einzelne vorgeschobene Berge von über 300 Metern Höhe über Normalnull aus, zwischen denen Flüsse ihre Täler in die Landschaft eingegraben haben. Südlich fällt der Burgberg steil ab zum Nachal Jechiʿam dessen Wadi hier, das Wadi Ǧiddīn,Martin Dow, Andrew Petersen, Denys Pringle und Caroline Singer, “Qalʿat Jiddin: a Castle of the Crusader and Ottoman periods in Galilee”, in: Levant, Bd. 26, Nr. 1 (1994), S. 135–166, hier S. 138. die Schmurat Nachal Jechiʿam, ein Naturreservat, bildet.
mini|Blick südostwärts übers Wadi Ǧiddīn, worin über dessen Nordufer der Abschnitt Amqa–Miʿilya des Heerwegs Akko–Toron verläuft, zum gegenüberliegenden Höhenzug Reches Janoach (2021) Nach Norden breitet sich der Burgberg als sanft abfallender Hang bis hin zum nächsten Fluss weiter nördlich aus, dem Nachal Oschrat (Wadi al-Racham). Der Ort Jechiʿam bedeckt von Nordwesten bis Nordosten den Hang zu Füßen des Burgbergs. Die historische Verbindung der Kreuzfahrer-Heerweg Akko–Toron via Amqa und Miʿilya folgt ab Jechiʿam als nicht dem allgemeinen motorisierten Verkehr geöffneter Waldweg oberhalb des Nordufers dem Wadi Ǧiddīn via die westlichen Ausläufer Kfar Vradims und Tarschicha und erreicht nach etwa 6,5 Kilometern Miʿilya, Zentrum der einstigen Seigneurie de Monfort nahe der namengebenden Deutschordensburg Montfort.
Geschichte Die Festung Gadin entstand wohl in den 1230er Jahren als befestigter Grenzpunkt der Seigneurie de Montfort, eine Herrschaft des Deutschen Ordens als Vasall des Königreichs Jerusalem, den Walther Hubatsch 1966 als Deutschordensstaat im Heiligen Lande charakterisiert.Walther Hubatsch, Montfort und die Bildung des Deutschordensstaates im Heiligen Lande, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1966. Zugleich bildete die Burg eine wichtige Etappe auf dem 16 km langen Abschnitt Akko–Amqa–Miʿilya des Heerwegs Akko–Toron zwischen der neuen Burg Montfort, dem chef-lieu der Seigneurie de Montfort, via Amqa zum Deutschordenshaus, Handelsstützpunkt und Exportlager für Agrarprodukte der Deutsch-Ordens-Güter in Akkon, damals Hauptstadt des Königreichs Jerusalem. Nach Bau Montforts 1226–1229 hatte der Orden den chef-lieu dahin verlegt, nachdem er sich seit dem 12. Jahrhundert im Castellum Regis in Miʿilya befunden hatte.
mini|Luftbild von Norden auf die Ruinen der beiden mittelalterlichen prägenden quadratischen Türme A und B (v. l. n. r.) und einem späteren Bau dazwischen, 2017 Die Festung Gadin findet, soweit bekannt, keine Erwähnung im 12. Jahrhundert, nicht in den Urkunden des Deutschen OrdensSchlomo Lotan (), “”, in: טבע הדברים – החברה לחקר האדם והסובב, Nr. 189 (Juli 2011), S. 106–113, hier S. 110. vor allem in Berlin, nicht in Listen der Kreuzfahrer und der Ayyubiden derjeniger Burgen, die sie nach der Schlacht bei Hattin 1187 verloren bzw. einnahmen, weshalb Rafaʾel Frankel 1988 schloss,Rafaʾel Frankel “Topographical Notes on the Territory of Acre in the Crusader Period”, in: Israel Exploration Journal, Bd. XXXVIII; S. 249–272, hier Seite wie hinter der Fußnotenzahl angegeben. dass der Deutsche Orden die Burg Judin in den 1230er Jahren überhaupt erst errichten ließ. Das passt dazu, dass er im westlichen Obergaliläa einen riesigen Bestand an Landgütern aufgebaut hatte, größtenteils durch Aufkauf von Lehen weltlicher Lehnsnehmer.
Der bedeutendste Einzelblock an Gütern aus einer Hand war die Seigneurie de Chastiau de Roi (1160 entstanden für Graf Joscelin III., Thronprätendent der 1144 bis 1149 an Seldschuken gefallenen Grafschaft Edessa, daher auch Seigneurie de Joscelin genannt). Der Gatte von Joscelins Erbtochter Beatrix von Courtenay, der Minnesänger und Kreuzfahrer Otto von Botenlauben (auch Graf von Henneberg), verkaufte im Mai 1220 per iure uxoris elf OrteDiese sind Amca (heute ), Cassie (Dair al-Qassi), Fassove (Fassuta), Horfeis (Hurfaisch), Gez (seit 1990 Teil von Januch-Dschatt), Castellum Regis (Miʿilya), Bokehel (Peqiʿin/al-Buqaiʿa), Roeis (al-Ruwais), Tayerbica (Tarbicha), Tersyha (Tarschicha) und Arket (Yarka), sämtlich in Galiläa. der Seigneurie de Joscelin für 7.000 Mark Silber an den Deutschen Orden.Ernst Strehlke, posthum mit Philipp Jaffé (Hrsgg.): Tabulae Ordinis Theutonici: ex tabularii regii Berolinensis codice potissimum. Weidmann, Berlin 1869, Urkunde Nr. 53, S. 43seq. Zwischen 1220 und 1243 arrondierte der Deutsche Orden die einstige Seigneurie de Joscelin durch Zukauf weiterer privater Besitzungen in der Umgebung zur Seigneurie de Montfort,Tabulae Ordinis Theutonici: ex tabularii regii Berolinensis codice potissimum, Ernst Strehlke, posthum mit Philipp Jaffé (Hrsgg.), Berlin: Weidmann, 1869, Urkunde Nr. 128, S. 120–128.Regesta Regni Hierosolymitani (MXCVII–MCCXCI): 2 Bde., Reinhold Röhricht (Hrsg.) Libraria Academica Wagneriana, Innsbruck 1893 und 1904, Bd. 1 (1893), Urkunde Nr. 510, S. 134seq.Denys Pringle: The Churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem: A Corpus. 4 Bde. Cambridge University Press, Cambridge 1993, 1998, 2007 und 2009, Bd. 2 ‹L-Z (excluding Tyre)›, “Miʿiliya” (Eintrag), S. 30seqq., hier S. 31. ISBN 0-521-39037-0.Ronnie Ellenblum, Frankish Rural Settlement in the Latin Kingdom of Jerusalem, Cambridge, Engl.: Cambridge University Press, 1998, S. 42seqq. ISBN 0-521-55401-2. und zählte schließlich 37 Dörfer, die zur Seigneurie gehörten,Rabei Ǧasim Khamisy (, ), “Miʿilya: Final Report” (21. November 2013), in: / Excavations and Surveys in Israel. (Hrsg.), Bd. 125 (2013). . kein unabhängiger Ordensstaat, sondern ein Territorium im Lehensverhältnis zu den Königen von Jerusalem mit dem Deutschen Orden als deren Vasall.
Die älteste erhaltene schriftliche Erwähnung der Festung Gadin stammt von 1283, nur acht Jahre vor Untergang des Königreichs Jerusalem, aus der Feder des Dominikaners Burchardus de Monte Sion, ein Pilger wohl aus dem Magdeburgischen, und lautet: „… vier Leugen von Akko entfernt, in den Bergen von Saron, liegt eine Burg namens Iudin, die dem Deutschen Orden gehörte, jetzt aber zerstört ist. Drei Leugen von dort entfernt liegt castellum regium …“Im lateinischen Original: … ad quatuor leucas est castellum Judin dictum, in montanis Saron quod fuit domus Theutonice, sed modo est destructum. …. in Miʿilya.Burchardus de Monte Sion, Descriptio terrae sanctae. Aubrey Stewart (Übs.), (= The library of the Palestine Pilgrims’ Text Society; Bd. 12), London: Palestine Pilgrims’ Text Society, 1897, hier S. 34. In gekürzter Form wiederholt um 1321 Marino Sanudo der Ältere diese Angaben,Marino Sanudo der Ältere: Liber secretorum fidelium crucis super Terrae Sanctae recuperatione et conservatione (11311–1321), Hannover: Jacques Bongars, 21611, S. 249. und an anderer Stelle beschreibt er einen Teil der Karte, die seinem Buch beiliegt, und vermerkt – die Flüsse Kesiv und Nachal Jechiʿam irrigerweise vermengend – „… das Wasser aus der Nähe von Castrum Regium mündet, nachdem es zwischen Montfort und Iudyn hindurchgeflossen ist, neben Casale Lamperti ins Meer.“Marino Sanudo der Ältere, Liber secretorum fidelium crucis super Terrae Sanctae recuperatione et conservatione (11311–1321), Hannover: Jacques Bongars, 21611, S. 252.
Dass die Herrschaft Judin zu den Gebieten gehörte, die Beatrix von Courtenay-Edessa (Henneberg) 1220 an den Deutschen Orden verkaufte, erschließt sich. Denn als Teil der Seigneurie de Joscelin kaufte der Deutsche Orden 1220 schon das zwei Kilometer nördlich vom späteren Standort Judins gelegene Dorf Supheye (; auch: Kh. esh-Shefeiyeh), das Joscelin III. seinerseits 1179 erworben hatte.Tabulae Ordinis Theutonici: ex tabularii regii Berolinensis codice potissimum, Ernst Strehlke posthum mit Philipp Jaffé (Hrsgg.), Berlin: Weidmann, 1869, Urkunde Nr. 11, S. 11seq.Regesta Regni Hierosolymitani (MXCVII–MCCXCI): 2 Bde., Reinhold Röhricht (Hrsg.), Innsbruck: Libraria Academica Wagneriana, 1893 und 1904, Bd. 1 (1893), Urkunde Nr. 587, S. 156. Auch das Supheye und Judin benachbarte Jazun (heute Gaʿeton) hatte Joscelin III. 1182 für seine Seigneurie erworben.Tabulae Ordinis Theutonici: ex tabularii regii Berolinensis codice potissimum, Ernst Strehlke posthum mit Philipp Jaffé (Hrsgg.), Berlin: Weidmann, 1869, Urkunde Nr. 14, S. 13seq.Regesta Regni Hierosolymitani (MXCVII–MCCXCI): 2 Bde., Reinhold Röhricht (Hrsg.), Innsbruck: Libraria Academica Wagneriana, 1893 und 1904, Bd. 1 (1893), Urkunde Nr. 614, S. 162seq. Es gibt daher allen Grund, Burchardus’ Aussage zu akzeptieren, dass die Burg dem Deutschen Orden gehörte. Burg Judin bildete das Zentrum der feudalen Anwesen des Deutschen Orden in Mergelcolon (heute Maǧd al-Kurum), Janoach (heute zu Yanuh-Jatt), Kisra (heute zu Kisra-Kafr Sumiʿa) und Amqa.Schlomo Lotan (), “”, in: טבע הדברים – החברה לחקר האדם והסובב, Nr. 189 (Juli 2011), S. 106–113, hier Seite wie hinter der Fußnotenzahl angegeben.