mini|hochkant=1.3|Verschiedene Motorradverkleidungen aus verschiedenen Epochen: im Vordergrund eine Majestic 500cc, Baujahr 1930, dahinter eine MV Agusta 750 Sport S, Baujahr 1975 Als Motorradverkleidung bezeichnet man umgangssprachlich eine ein- oder mehrteilige Schale, die über dem Rahmen (und verschiedenen Anbauteilen) eines Motorrads, insbesondere bei Renn- und Sportmotorrädern, angebracht ist, um den Wind abzulenken und den Luftwiderstand zu verringern. Weitere Funktionen sind der Schutz des Fahrers vor Umwelteinflüssen (Hagel, Regen usw.) und windbedingter Unterkühlung sowie der Schutz der Motorteile im Falle eines Sturzes oder Unfalls. Eine Motorrad-Windschutzscheibe ist allgemein in die Verkleidung einbezogen.Tony Foale: Motorcycle Handling and Chassis Design. ISBN 84-933286-3-4, Chapter 5: „Aerodynamics“
Der Hauptvorteil einer Verkleidung bei Sporttourer- und Tourenmotorrädern ist die Reduzierung des Luftwiderstands, was zu einem geringeren Kraftstoffverbrauch und höheren Geschwindigkeiten bei niedrigerer Motordrehzahl führt, was die Lebensdauer des Motors verlängert.
Ein Motorrad kann eine Front-, eine Heck-, eine Unterbodenverkleidung oder eine beliebige Kombination dieser Elemente aufweisen. Alternativ kann eine einteilige Verkleidung („Vollverkleidung“) das gesamte Motorrad teilweise oder vollständig und sogar den Fahrer umschließen.
Als Material für die Verkleidung kommen Blech, Fiberglas, Kohlefaser, Kunststoff oder anderen Materialien zum Einsatz, die sich relativ leicht an die Motorradform anpassen lassen und vor allem aerodynamischen, aber auch ästhetischen Zwecken dienen. Auch in der Luft- und Raumfahrt wird der Begriff „Verkleidung“ verwendet, hier hauptsächlich unter der englischen Bezeichnung „Fairing“.
Hintergrund Die Bedeutung der Stromlinienform war bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hinreichend bekannt, und schon in den 1920er Jahren wurden Rennwagen und Rennmotorräder mit aerodynamisch günstigen Verkleidungen versehen. Obwohl Motorräder im Allgemeinen ein deutlich höheres Leistungsgewicht als Automobile aufweisen, sind Motorräder – und insbesondere der Fahrer – deutlich weniger strömungsgünstig, und der höhere Luftwiderstand wirkt sich erheblich auf Leistung und Fahrverhalten aus. Daher zahlt sich jede Reduzierung des Luftwiderstandsbeiwerts eines Motorrads in Form einer Leistungssteigerung aus.
Der Begriff „Verkleidung“ stammt aus der Flugzeugaerodynamik, denn dort kamen als erstes bewusst geformte Teile zum Einsatz, um den Luftstrom über einer Verbindungsstelle von Komponenten zu glätten, an der der Luftstrom unterbrochen war. Frühe Optimierungen waren oft erfolglos und führten zu Instabilität. Großformatige Lenkerverkleidungen, wie sie beispielsweise bei Harley-Davidson Tourern zu finden sind, bringen das Motorrad manchmal aus dem Gleichgewicht und verursachen ein gewisses „Flattern“.
Ursprünglich waren die Verkleidungen gewölbte Schalen, die um die Vorderseite des Motorrads herum angebracht waren und so dessen Stirnfläche vergrößerten. Allmählich wurden sie zu einem integralen Bestandteil des Designs. Moderne Verkleidungen vergrößern die Stirnfläche im Vergleich zu einer nackten Maschine um maximal 5 %. Verkleidungen können Scheinwerfer, Instrumente und andere Elemente tragen. Ist die Verkleidung am Rahmen montiert, reduziert die Platzierung weiterer Ausrüstung auf der Verkleidung das Gewicht und die Rotationsträgheit der Lenkung und verbessert so das Handling.John Robinson, Motorcycle Tuning: Chassis. ISBN 0-7506-1840-X, S. 132.
Großserie Bei seriengefertigten Straßenmotorrädern hatten die ersten Verkleidungen den reinen Zweck des Witterungsschutzes und wurden ab Werk meist nur wahlweise angeboten. Mit der Zeit etablierten sich spezielle Hersteller auf dem sogenannten Aftermarket.
Ein frühes Beispiel für den Einsatz von Vollverkleidungen bei nicht sportlich genutzten Motorrädern ist die von 1927 bis 1934 gebaute Majestic.
Die Beinschilder an Motorrollern dienen sowohl dem Wind- als auch dem Schmutzschutz. Das verkleidete Heck soll sowohl den Motorenlärm dämpfen als auch vor Verschmutzung durch Öl usw. schützen. Bei den in den 1950er Jahren vorwiegend Röcke tragenden Frauen wurden die Motorroller außerdem sehr beliebt, weil die Heckverkleidung die Röcke davon abhielt, in die Hinterachse und den Antrieb hineingezogen zu werden.
Die von 1976 bis 1984 produzierte BMW R 100 RS war das erste Sporttourenmotorrad für den Massenmarkt, das serienmäßig mit einer Vollverkleidung angeboten wurde. Sie markierte den Beginn einer breiteren Einführung von Verkleidungen bei Sport- und Tourenmotorrädern. Die Gestaltung umfasste eine Weiterentwicklung der rahmenmontierten Heckverkleidung an der Rückseite des abnehmbaren Doppelsitzes mit Zugang zu einem Staufach, das ab 1973 bei der BMW R 90 S verwendet wurde. Dies war auch das erste Beispiel einer werkseitig montierten Kopf- oder Nasenverkleidung.
Ein Sonderfall ist die BMW C1, die den Fahrer komplett in die Verkleidung einbezieht.
Serienmotorräder mit den an ihren Verwendungszweck angepassten Verkleidungen:
Bild 1: Royal Enfield Bullet mit werkseitig wahlweiser Airflow-Tourenverkleidung und passender Stromlinienverkleidung des Vorderrads (ab 1932) Bild 2: Zwei Lambretta mit Beinschilden und verkleidetem Hinterbau (1969) Bild 3: Laverda 750 SFC mit weit nach hinten gezogener Halbschale (Bj. 1972) Bild 4: Diese Benelli TRK 502 trägt eine späte, weiterentwickelte Version der Delfinverkleidung Bild 5: BMW K1 als Sporttourer mit komfortabler, vor Fahrtwind schützender Vollverkleidung (1991) Bild 6: Streetfighter auf Suzuki GSX-R 750-Basis mit einer Unterbodenverkleidung und einer rein auf Optik ausgelegten Heckverkleidung Bild 7: MV Agusta F4-Serie, hier das Modell RR312 mit der für Supersportler typischen, auf hohe Geschwindigkeit ausgerichteten Vollverkleidung (ab 2005) Bild 8: Elektrisch angetriebene Harley-Davidson LiveWire mit einer kleinen Scheinwerferverkleidung (ab 2019)
Motorsport Im motorsportlichen Einsatz wurde die Gestaltung der Verkleidungen stark in die Abstimmung der Maschine auf das jeweilige Streckenprofil einbezogen, so gab es für ein- und dieselbe Maschine unterschiedliche Verkleidungen (wie z. B. für die Gilera 500 Vierzylinder). Bei modernen Rundstreckenmotorrädern läuft die Verkleidung unter dem Motorrad in einer starken V-Form zusammen, um zusammen mit den speziell geformten Rennreifen die extremen Schräglagen in den Kurven zu ermöglichen.
Beim Drag Racing, einem Beschleunigungssport, werden die Motorradverkleidungen („Bodys“) auf die perfekte Balance zwischen Aerodynamik und Anpressdruck auf das Hinterrad optimiert. Da in manchen Klassen (z. B. FIM/SSB) das zugrundeliegende Motorrad „auch optisch noch erkennbar“ sein muss,FIM/Europe, Tec. Reglement Drag Bikes, Section SSB, DR 14.5.5.
https://www.fim-europe.com/wp-content/uploads/2023/01/DR-14.pdf führt das zu teilweise comichaft verzerrten Verkleidungen.
Für spezielle Hochgeschwindigkeitsrekordfahrten wurden Voll-Verkleidungen entwickelt, die tatsächlich das gesamte Motorrad umschließen, wie zum Beispiel die NSU Delphin III oder der Harley-Davidson Streamliner und Ack Attack.
Wettbewerbsmotorräder mit den für ihren speziellen Einsatzbereich optimierten Verkleidungen:
Bild 1: Zwei Gilera 500 4C mit unterschiedlichen Rennverkleidungen, die vordere mit „Birds-beak-fairing“. Diese „Vogelschnabel“-Verkleidung kam auf langsameren Strecken zum Einsatz. Dahinter: die „All enveloping dustbin fairing“ für optimale Aerodynamik auf Hochgeschwindigkeitskursen Bild 2: Späte Version der MV Agusta Corse 500 Quattro Catena von Mike Hailwood (1964) Bild 3: Die vollverkleidete NSU Delphin III, mit der 1956 ein absoluter Motorrad-Geschwindigkeitsrekord aufgestellt wurde Bild 4: Radikaler Designentwurf von Luigi Colani für eine Egli MRD 1. Ein Element der Verkleidung wurde am Rücken des Fahrers befestigt. (1986) Bild 5: Vergleich einer Suzuki Hayabusa 1300 (2000) mit einem für Drag Racing (Klasse SSB) optimierten Modell (2016) Bild 6: Ein Nitro/Kompressor-Bike (oben) und ein Turbo/Lachgas-Bike (unten): Beide haben eine stark ausgeprägte Heckverkleidung, die den Anpressdruck auf das Hinterrad erhöht. Bild 7: Die zwischen 2002 und 2006 in der MotoGP-Klasse eingesetzte Honda RC211V mit der V-förmig zusammenlaufenden Bodenverkleidung Bild 8: Weltrekord-Motorrad „Gyronaut X-1“ (1966: 395,363 km/h) mit seiner torpedo-förmigen Streamliner-Verkleidung
Bauformen
Dustbin Die sogenannten „All enveloping dustbin fairing“ (von englisch Mülleimer, da zeitgenössische Motorradfahrer behaupteten, diese Verkleidungen sähen aus wie Mülleimer) ist eine einteilige, stromlinienförmige Verkleidung für optimale Aerodynamik auf Hochgeschwindigkeitskursen, die die vordere Hälfte des Motorrads bedeckt und an die Nase eines Flugzeugs erinnert. Sie reduzierte den Frontwiderstand drastisch. Diese Verkleidungen nahmen aber mit der Zeit Dimensionen an, die eine echte Gefährdung des Fahrers darstellten, da der frontale Winddruck die Fahrzeuge selbst bei geringem Gieren sehr instabil machte.John Robinson, Motorcycle Tuning: Chassis. ISBN 0-7506-1840-X, S. 132. Deswegen wurden sie in der Motorrad-Weltmeisterschaft nach der Saison 1957 von der Fédération Internationale de Motocyclisme (FIM) verboten. Dieses Verbot hatte aber nichts (wie manchmal behauptet) mit dem Rückzug von Gilera, F.B Mondial und Moto Guzzi aus der Motorrad-WM zu tun. Die FIM-Vorschriften verbieten seither eine Verkleidungsform über die Radachsen hinaus und schreiben vor, dass Arme und Beine des Fahrers von der Seite sichtbar sein müssen.
Delfin Der Name hat seinen Ursprung in der NSU Rennmax „Delphin“ von 1953 und stammt daher, dass bei diesen frühen Modellen der Vorderradkotflügel, der mit dem ansteigenden Windschutzscheibenteil der Verkleidung stromlinienförmig verbunden war, in der Seitenansicht der Schnauze eines Flussdelfins ähnelte.
Vollverkleidung Eine Vollverkleidung ist eine große, an der Front montierte Verkleidung. Sie sollte nicht mit den Verkleidungen von überdachten Fahrzeugen (wie z. B. der BMW C1 und der Honda Gyro) oder Stromlinienmotorrädern (wie sie für Rekordversuche verwendet werden) verwechselt werden, die das gesamte Motorrad ganz oder teilweise umschließen. Vollverkleidungen decken sowohl den oberen als auch den unteren Teil des Motorrads ab, im Gegensatz zu einer Halbverkleidung. Die Verkleidung eines Renn- oder Sportmotorrads dient der Aerodynamik, daher ist die Windschutzscheibe stark geneigt und oft nicht voll durchsichtig. Sitzt der Fahrer bei hoher Geschwindigkeit aufrecht, wird er durch den Fahrtwind stark geschüttelt und wirkt wie ein Fallschirm, der das Motorrad abbremst. Liegt er hingegen flach auf dem Tank hinter der Verkleidung, erzeugt er deutlich weniger Luftwiderstand. Die hohe Windschutzscheibe und die Lenkerbreite einer Tourenverkleidung schützen den aufrecht sitzenden Fahrer vor den Einflüssen des Windes, und die Windschutzscheibe ist funktional. Vollverkleidungen können zudem Motor und Fahrwerk bei einem Sturz schützen, da dann die Verkleidungsteile und nicht die Motorabdeckungen und/oder der Rahmen über die Straße rutschen.
Dachroller mini|BMW C1 Dachroller Eine gewisse Sonderstellung bei den Vollverkleidungen nehmen die sogenannten Dachroller ein. Diese Fahrzeuge haben zum Schutz vor Wind und Regen ein Dach beziehungsweise eine seitlich offene Kabine mit einer integrierten Windschutzscheibe und einem Scheibenwischer. Das erste serienmäßig überdachte vertriebene Modell war der BMW C1 mit Verbrennungsmotor.
Halbverkleidungen