Menschensohn (Originaltitel: Hijo de hombre) ist ein im Jahr 1960 erschienener, 1962 überarbeiteterKatie MacLean: Gender and the state in „Hijo de hombre“. Transgression and integration. In: Helene Carol Weldt-Basson (Hrsg.): Postmodernism's role in Latin American literature. The life and works of Augusto Roa Bastos. Palgrave Macmillan, New York NY 2010. ISBN 978-0-230-61766-7. S. 113–127. Hier S. 113. Roman des paraguayanischen Autors Augusto Roa Bastos. Die deutsche Übersetzung von Curt Meyer-Clason erschien 1962 im Carl Hanser Verlag. Zwanzig Jahre nach Ersterscheinen begann Roa Bastos, den Erzähltext nochmals „umzuarbeiten und zu verbessern“.Augusto Roa Bastos: Menschensohn. Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Curt Meyer-Clason Hanser, München 1991. ISBN 3-446-16200-3. S. 365. Diese dritte, überarbeitete und erweiterte Ausgabe erschien 1985 im Verlag Alfaguara, Madrid.Roa Bastos, Menschensohn, S. 4. Menschensohn ist der erste Teil einer „von Leben und Geschichte der paraguayanischen Gesellschaft inspirierten Roman-Trilogie“: Menschensohn, Ich, der Allmächtige (1974) und El Fiscal (1993).Roa Bastos, Menschensohn, S. 364. Kurzbeschreibung Der Roman Menschensohn beschreibt das Leben der unterdrückten Bevölkerung Paraguays. Die Geschichte wird auf verschiedenen Zeitebenen erzählt und dargestellt mit wechselnden Protagonisten sowie aus vielfältigen Blickwinkeln. Dabei rückt der Kampf der Arbeiter in den Mittelpunkt, ebenso wie ihr Widerstand gegen soziale Ungleichheit und die repressiven Maßnahmen der politischen und wirtschaftlichen Eliten. Roa Bastos stellt hierbei „ausdrücklich klar, dass es ihm nicht darum geht, eine Erzählung beeindruckender Heldentaten zu konstruieren; er versucht, die historische Realität Paraguays zum Ausdruck zu bringen“„Roa Bastos makes it explicitly clear that he is not attempting to construct a narrative of impressive heroics; he is attempting to express the realidad histórica of Paraguay“ – David William Foster: Hijo de Hombre. The crucifixion and universal suffering of mankind. In: David William Foster: The myth of Paraguay in the fiction of Augusto Roa Bastos. (= University of North Carolina studies in the Romance languages and literatures, Band 80.) University of North Carolina Press, Chapel Hill NC 1969. S. 52–88. Hier S. 81. und dadurch, dass er keine Individuen dauerhaft in den Vordergrund rückt, „einen brandneuen Messias hervorzubringen: die Menschheit“.„producing a brand new Messiah, the human race“ – Patricia G. Montenegro: Symbolism of the shadows in „Son of Man“ by Roa Bastos. In: Cultural and Religious Studies. Jg. 3, Nr. 4, 2015, , S. 185–200. Hier S. 197 (pdf). Inhalt Entstehung des „Cristo de Itapé“ Gaspar Mora „war so lange mit Holz umgegangen, daß er danach roch. Die Leute kamen von weit her, um seine Instrumente zu kaufen und zahlten, was er für sie forderte. Er war nicht knauserig und behielt nur das Notwendigste, um Material und Werkzeuge kaufen zu können. Den Rest verteilte er unter den minder Begüterten.“Roa Bastos, Menschensohn, S. 19. Eines Tages jedoch verschwindet Mora spurlos aus seinem Dorf Itapé. „Monate vergingen, vielleicht auch Jahre. Dann brachte ein Baumfäller die Nachricht […], er habe beim Holzfällen tief im Walde gegen Abend den Klang einer Gitarre gehört“, gespielt vom an Lepra erkrankten Gaspar.Roa Bastos, Menschensohn, S. 24–25. Die Itapeños versorgen den Instrumentenbauer, wie es schon vorher die in ihn verliebte María Rosa getan hat.Roa Bastos, Menschensohn, S. 27. Im Jahr 1910, das eine große Trockenzeit mit sich bringt, findet man Gaspar tot auf, findet in seiner Hütte auch die lebensgroße Holzfigur eines nackten Mannes,Roa Bastos, Menschensohn, S. 28–29. geschnitzt von Gaspar: „Während seiner freiwilligen Verbannungszeit hatte er geduldig das Bildnis geschnitzt, vielleicht, um einen Gefährten in der Gestalt eines Menschen zu haben“.Roa Bastos, Menschensohn, S. 30. Die Itapeños, darunter Gaspars Onkel Macario, bringen den hölzernen „Christus“ nach Itapé, ersehnter Regen setzt ein, was sie als wundersames Vorzeichen ansehen, der Geistliche jedoch nicht: Er „widersetzte sich rundweg dem Ansinnen, daß das Christusbild […] in die Kirche geschafft werde.“Roa Bastos, Menschensohn, S. 32. Ein Teil der Itapeños stellt sich auf Macarios Seite, ein anderer Teil auf die des Geistlichen, darunter der Landwirt Nicanor Goiburú, der fordert, man solle die Figur verbrennen.Roa Bastos, Menschensohn, S. 34. Ein vom Geistlichen beauftragter Anschlag unter anderem der Goiburú-Zwillinge, Söhne Nicanors, auf die Figur scheitert,Roa Bastos, Menschensohn, S. 37–38. doch hat der Anschlag zur Folge, dass man das Christusbild fortschafft, auf einen Berg etwa zweieinhalb Kilometer vom Dorf entfernt.Roa Bastos, Menschensohn, S. 9. María Rosa, deren Verstand durch den Tod Gaspars zerrüttet ist, wird später die Wächterin der „Cristo de Itapé“ genannten Skulptur auf jenem Berg. „Als Vierzigerin mit verfilztem, ergrauenden Haar war María Rosa trotz einer späten Mutterschaft, die ihr eine Tochter beschert hatte, immer noch in ihn [=Gaspar] verliebt.“Roa Bastos, Menschensohn, S. 21. Die Itapeños „wanderten Jahr für Jahr auf den Berg, nahmen den Schmerzensmann vom Kreuz und trugen ihn durchs Dorf wie ein Opfer, das es zu rächen galt, und nicht wie einen Gott, der für die Menschheit gestorben war. […] Ein Glaube, der eine Umkehrung des Glaubensbekenntnisses war und dadurch ein unablässiger Versuch der Auflehnung.“Roa Bastos, Menschensohn, S. 10.
Familie Jara und „Doktor“ Dubrowsky „Auf den Matepflanzungen von Takurú-Pukú, nach dem Bauernaufstand von 1912“Roa Bastos, Menschensohn, S. 39. werden Casiano Jaras und seine Frau Natividad in die Schuldknechtschaft von Takurú-Pukú gelockt. „Keinem Flüchtling ist es je geglückt, den Matepflanzungen von Takurú-Pukú lebend zu entrinnen. […] Takurú-Pukú galt daher als Festung eines blutrünstigen Landes, ummauert von den Urwäldern des Alto Paraná, von dem Sumpfgürtel, den das von Raubtieren und Schlangen wimmelnde Überschwemmungsgebiet bildet, von den hohen Sandsteinufern, von dem breiten, trüben Fluß, […] vor allem aber von dem eisernen Willen der Bevollmächtigten, die völlige Handlungsfreiheit hatten“.Roa Bastos, Menschensohn, S. 95. Einer dieser Mate-Mächtigen, der Firmen-Kommissar Juan Cruz Chaparro, beginnt nach etwa einem JahrRoa Bastos, Menschensohn, S. 104. ohne Rücksicht auf „die schon sichtbare Mutterschaft“ ein Auge auf Natividad zu werfen, „ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Wenn er zwei Jahre gebraucht hatte, um das hübsche Weibchen […] unter dem Ausschuß an alten Weibern zu entdecken, konnte er noch etwas länger warten.“Roa Bastos, Menschensohn, S. 109. Er teilt Casiano so zur Arbeit ein, dass Casiano weniger oft bei Natividad sein kann,Roa Bastos, Menschensohn, S. 110. bietet Casiano an, ihm Natividad für den Preis ihrer Geldschuld abzukaufen,Roa Bastos, Menschensohn, S. 111. so dass Casiano vor der Wahl steht: Allein der Schuldknechtschaft entkommen, oder vor der drohenden Willkür mit Natividad zusammen fliehen. Der erste Fluchtversuch mit der etwa im achten Monat schwangerenAls Casiano das Geldangebot erhält, ist Natividad im vierten Monat (Roa Bastos, Menschensohn, S. 112), als sie erstmals fliehen wollen, ist das Angebot vier Monate her (S. 115). Natividad scheitert. Der zweite Fluchtversuch kann erst nach der Geburt ihres Sohnes Cristóbal stattfinden. Dieser Fluchtversuch gelingt, „in Anlehnung an die biblische Episode, als Moses die Israeliten aus dem unterdrückerischen Ägypten führte“,„echoing the biblical episode when Moses leads the Israelites out of oppressive Egypt“ – Montenegro, Symbolism of the shadows in „Son of Man“ by Roa Bastos, S. 188. und bringt die flüchtige Kleinfamilie bis in ihre Geburtsstadt Sapukai zurück, wo Casiano Jara einen durch eine große Kriegsexplosion ausgebrannten Eisenbahnwagon „unmerklich, unablässig, ohne Schienenstrang“ auf der „durstigen, rissigen Steppe“Roa Bastos, Menschensohn, S. 70. an einen wasserreicheren Ort schiebt, über „fünf oder zehn Monate oder Jahre“;Roa Bastos, Menschensohn, S. 144. dieser Wagon dient der Kleinfamilie als Behausung.
Etwa im Jahr 1917Am 1. März 1912 (Roa Bastos, Menschensohn, S. 55) ist es bei der Niederschlagung eines Bauernaufstands zu einer großen Bombendetonation gekommen; Dubrowsky kommt „fünf Jahre später“ (S. 46) an. kommt der eisenbahnreisende Exilant Alexis Dubrowsky durch einen Zufall nach Sapukai: Man verdächtigt ihn, das Kind einer Mitreisenden entführen zu wollen,Roa Bastos, Menschensohn, S. 89. er wird aus einem Eisenbahnwagen „gerissen und auf dem roterdigen Bahnsteig von Sapukai […] auf den Knien umhergezerrt“, geschlagen und gestoßen, schließlich von der Polizeiwache gepeitscht. Zunächst steigt er in einem Gasthaus ab,Roa Bastos, Menschensohn, S. 50. als ihm das Geld ausgeht, schläft er unter dem Vorbau der Kirche.Roa Bastos, Menschensohn, S. 52. Etwa im Jahr 1918Der Geistliche von Sapukai berichtet im Zusammenhang mit Dubrowskys Exilantentum, dass „soeben“ der russische Zar erschossen worden sei (Roa Bastos, Menschensohn, S. 54); das war am 17. Juli 1918. verlässt er die Ortschaft, baut sich in einem Wald eine Hütte, heilt durch eine zufällige Begegnung María Regalada Caceré, die Tochter des Totengräbers,Roa Bastos, Menschensohn, S. 58–59. der Dubrowsky daraufhin ein San-Ignatio-Schnitzbild schenkt, das Marías Großvater während seiner Totengräber-Tätigkeit gefunden hatte.Roa Bastos, Menschensohn, S. 61. Die wundersame Heilung der María Regalada hat bald weitere Kundschaft für „den Doktor“Roa Bastos, Menschensohn, S. 62. zur Folge, darunter auch „einen am Wechselfieber erkrankten Sonderling, der mit seiner Frau und einem kleinen Kind einen der durch die Explosion beschädigten Eisenbahnwagen bewohnte“: Casiano Jara, „Räuberhauptmann der Ziegeleien von Costa Dulce“.Roa Bastos, Menschensohn, S. 63. Außerdem wird die Hütte des medizinbegabten Russen „der Mittelpunkt der mittlerweile gedeihenden Aussätzigenkolonie“.Roa Bastos, Menschensohn, S. 46–47. Eines Tages jedoch ergießt sich aus unklar bleibenden Gründen ein „Strom von Gold- und Silbermünzen“Roa Bastos, Menschensohn, S. 66. aus dem offenbar hohlenRoa Bastos, Menschensohn, S. 68. San-Ignatio-Schnitzbild. Dieser Inhalt des Schnitzbildes „fesselt die Aufmerksamkeit und die Seele des Arztes so sehr, dass María Regalada über seine Metamorphose von einem gütigen, großmütigen, großzügigen und hilfsbereiten Arzt zu einem gierigen und gleichgültigen Arzt nachdenkt, der so kaltschnäuzig geworden ist wie die Objekte seiner neuen Liebe: Gold und Silber“,„The contents [of the statue given by María Regaladas father] capture the doctor's attention and soul, so much so that María Regalada contemplates his metamorphosis from a kind, magnanimous, generous and helpful physician into a greedy and indifferent physician who has become as callous as the objects of his new loves, gold and silver“ – Montenegro, Symbolism of the shadows in „Son of Man“ by Roa Bastos, S. 192. von denen Dubroswky nun mehr haben möchte: Von seinen Patienten fordert er, „sie möchten seine Behandlung mit alten Schnitzereien bezahlen, mit den ältesten Bildern bezahlen, die sie auftreiben konnten“, und er verfällt dem Alkohol.Roa Bastos, Menschensohn, S. 67. „So blieb er ein paar Monate, betrunken, halb verrückt, wortkarger denn je. Schließlich verschwand er“, nachdem er alle seine gesammelten alten Schnitzereien „mit Axthieben zerstört“ und María Regalada „zwischen den zerstückelten Heiligenbildern“ vergewaltigt hat. María Regalada lässt er schwanger zurück.Roa Bastos, Menschensohn, S. 49.
Revolutionsversuch und Krieg