Mit Spannungen leben war eine OrientierungshilfeEine Orientierungshilfe ist eine für die Landeskirchen nicht verbindliche Stellungnahme der EKD zu einem Sachthema. des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von 1996. Sie befasste sich mit der Haltung der EKD zu Homosexualität und gleichgeschlechtlicher Partnerschaft. Dabei hielt sie am „biblischen Widerspruch gegen homosexuelle Praxis als solche“ fest, setzte sich jedoch für die ethisch verantwortliche Gestaltung homosexueller Beziehungen ein. Größte Sorge damals war der Schutz der Ehe vor einer angenommenen Bedrohung bei Gleichstellung Homosexueller.Bevollmächtigter des Rates der EKD: Stellungnahme zur Verbesserung der Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften aus Anlass der Anhörung im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages vom 18. September 2000; abgerufen am 30. April 2025. Mit Spannungen lebenMit Spannungen leben auf der Homepage der EKD; abgerufen am 3. April 2025. wurde seitens der EKD bis November 2025 als Orientierungshilfe angeboten. Die EKD-Synode im November 2025 distanzierte sich von dem Papier.

Entstehung Anfang der 1990er Jahre war die Frage, „[…] wie sich die Kirche zu ihren homosexuellen Mitgliedern verhalten solle, […] zu einem unabweisbaren Thema auch innerkirchlicher Auseinandersetzungen geworden“, da die Kirchen damals „mit großem Engagement, gelegentlich sogar mit erheblicher Schärfe [über das Thema stritten], weil es in ihm nach Meinung vieler Beteiligter um Grundfragen des christlichen Glaubens, der Auslegung biblischer Schriften und des kirchlichen Bekenntnisses“ gehe.Mit Spannungen leben, Vorwort und Abschnitt 1.2. Um das innerhalb der EKD zu klären und vielleicht sogar zu einem Konsens zu kommen, setzte der Rat der EKD im März 1994 eine ad-hoc-Kommission „Homosexualität“ ein.Gudrun Doering: EKD-Schrift zum Thema Homosexualität und Kirche auf Handverlesene Praxishilfen für zeitgemäßen Religionsunterricht vom 31. Oktober 2018; abgerufen am 30. April 2025. Mitglieder warenMit Spannungen leben, Unterzeichnerliste.: Wilfried Härle, Professor für Evangelische Theologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg als Vorsitzender Monika Schwinge, Pinneberg, stellvertretende Vorsitzende Renate Knüppel, Hannover, Geschäftsführerin Elisabeth Faber, Gießen Erhard Giesler, Vellmar-West Maria Jepsen, Bischöfin des Sprengels HamburgMaria Jepsen gab in der Endphase der Beratungen ein Interview in ihrer Funktion als Bischöfin der Nordelbischen Kirche zum Thema, in dem sie sich den Wünschen derjenigen gegenüber sehr aufgeschlossen zeigte, die das Ziel einer Gleichstellung verfolgten (Hinnerk vom November 1995 = HuK-Info 116 (1/1996), S. 25f). Thomas Küttler, Superintendent des Kirchenbezirks Plauen (Vogtland) Friedrich Lohmann, ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof Joachim Track, Professor für Systematische Theologie an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau Joachim Wiebering, Landessuperintendent des Kirchenkreises Rostock der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs

Der Rat der EKD erteilte der ad-hoc-Kommission den Arbeitsauftrag, das Thema entlang von vier vorgegebenen Leitfragen abzuarbeiten. Nach zehn mehrtägigen SitzungenMit Spannungen leben, Vorwort., bei denen es auch heftige Auseinandersetzungen gegeben hatteFitschen, S. 179., formulierte die Kommission das Papier Mit Spannungen leben als Arbeitsergebnis. Es wurde „nach zähem Ringen“ als „einmütiges Ergebnis“ vorgestellt. Der Rat der EKD hat sich das Papier am 23. Februar 1996 zu eigen gemacht und als „Orientierungshilfe“ unter diesem Datum veröffentlicht.Siehe Weblinks. Unterzeichnet wurde es von Klaus Engelhardt, damals Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden und Vorsitzender des Rates der EKD.Mit Spannungen leben, Vorwort.

Inhalt Selbstgestecktes Ziel der ad-hoc-Kommission war: „Nur eine differenzierte Argumentation und Stellungnahme, die die damit gegebenen Spannungen aufnimmt, aushält und zu einem Ausgleich zu bringen versucht, ist theologisch verantwortbar und bietet eine Chance für einen tragfähigen Konsens.“Mit Spannungen leben, Abschnitt 1.2. Retrospektiv betrachtet gelang der Orientierungshilfe aber weder der Ausgleich der Spannungen noch ein tragfähiger Konsens. Das Ergebnis wurde im Nachhinaein als „hanebüchen“ bewertet.Mawick.

Die Autoren selbst machen für ihre Arbeit eine intensive Besinnung auf biblischen Text und die evangelischen Bekenntnisschriften geltendMit Spannungen leben, Schlußbemerkungen., dahinter treten die humanwissenschaftlichen Erkenntnisse zurückFitschen, S. 180., Betroffene gehörten der Kommission – soweit bekannt – nicht an. So entstand ein Papier der Außensicht auf Homosexuelle. Es konzentriert sich allein auf Homosexualität. Andere Formen queerer Sexualität wurden in den 1990er Jahren noch weitgehend übersehen und werden in Mit Spannungen leben (noch) nicht erwähnt.Mit Spannungen leben, Abschnitt 1.1; Perlák, S. 13. Befremden wird darüber geäußert, dass das Coming-out gelegentlich in schrillen Formen erfolge und damit gesellschaftliche Vorurteile bestärke.Mit Spannungen leben, Abschnitt 1.1.

Die Orientierungshilfe leiten Abschnitte ein, die sich mit Homosexualität und Wissenschaft, der Bedeutung humanwissenschaftlicher Forschungsergebnisse für das Thema und methodischen Ansätzen der ad-hoc-Kommission beschäftigen. Diese kommt schließlich zu der Feststellung: „Humanwissenschaftliche Ergebnisse besitzen zweifellos eine gewisse Relevanz für die hier anstehende Urteilsbildung. Die entscheidende Argumentation mußDa die Orientierungshilfe aus dem Jahr 1996 stammt, ist sie in der damals noch geltenden Form der Rechtschreibung abgefasst (vgl. dazu: hier). jedoch theologisch geführt werden“.Mit Spannungen leben, Abschnitte 1.3.2, 1.4.3. Darüber hinaus gingen die Autoren der Orientierungshilfe davon aus, dass die „homosexuelle Prägung“Das Orientierungspapier führt zu der gewählten Begrifflichkeit aus: „Die in diesem Text gebrauchte Redewendung ‚homosexuelle Prägung‘ läßt bewußt offen, ob und in welchen Fällen es sich um eine nur überwiegende oder um eine ausschließliche, um eine angeborene und/oder um eine im Verlauf der Lebensgeschichte erworbene Prägung handelt“ (Mit Spannungen leben, Abschnitt 4.1). durch Therapie oder Seelsorge korrigierbar seiMit Spannungen leben, Abschnitte 1.3.1, 1.4.2; 3.5., was mittlerweile in Deutschland durch das Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen weitgehend verboten ist. Auch interessierte die Frage, ob Homosexuelle stärker als Heterosexuelle zu Promiskuität neigen.Mit Spannungen leben, Abschnitte 1.4.2).

Nach allgemeinen und grundsätzlichen Aussagen zum Glauben und dem Verständnis der BibelMit Spannungen leben, Abschnitt 2.1, 2.2. endet Abschnitt 2.2 („Biblische Aussagen zur Sexualität“) nach Ausführungen zur grundsätzlich heterosexuellen Ausrichtung der Bibel und insbesondere dem ersten Schöpfungsbericht (Genesis 1,1–2,3) mit der Aussage: „Insofern kann man sagen, daß das biblische Menschenbild auf [die heterosexuelle] Ehe und Familie hingeordnet ist.“Mit Spannungen leben, Abschnitt 2.1, 2.2. Statt diese Feststellung als historisches Zeugnis zu betrachten, wird sie jedoch normativ verstanden, das heißt als eine Vorgabe, nach der auch heute zu verfahren sei. Modernere Auslegungen, etwa der feministischen Theologie, wurden ignoriert.Fitschen, S. 180. Mit diesem Vorgehen wird erreicht, dass die Orientierungshilfe sich gegen die Gleichstellung Homosexueller wendet. An anderer Stelle stehen am Ende einer offenen Diskussion reproduzierte Vorurteile gegen Homosexuelle.Perlák, S. 13.

Dem schließt sich ein langer Abschnitt an, in dem die Stellen der Bibel erörtert werden, die sich mit Homosexualität befassen.

Die Orientierungshilfe kommt zu dem Schluss, dass aufgrund dieser Bibelstellen „die homosexuelle Praxis“ (= homosexueller Sex) dem Schöpferwillen Gottes widerspreche, die Bibel aber auch keine Aussagen zur Gestaltung gleichgeschlechtlicher Beziehungen enthalte. Aus allgemeinen Grundsätzen wird abgeleitet, dass homosexuelle Beziehungen gemäß dem Willen Gottes ethisch zu gestalten seien, wobei den Autoren der Orientierungshilfe das Modell der heterosexuellen Ehe als Vorbild dient.Mit Spannungen leben, Abschnitt 2.3. Damit empfahl die ad-hoc-Kommission, Homosexuellen zwar die Gleichstellung zu verweigern, sie aber mit den gleichen Anforderungen wie Heterosexuelle zu belasten.

Im Folgenden werden die Aussagen in Bibel, den Bekenntnisschriften der Reformationszeit und der gegenwärtigen Theologie über Formen des Zusammenlebens reflektiertMit Spannungen leben, Abschnitt 3. und letztendlich die heterosexuelle Ehe und Familie als soziales Leitbild propagiert.Mit Spannungen leben, Abschnitt 3.4.

Aussagen Die Autoren treffen in der Orientierungshilfe eine Reihe konkreter Aussagen über Homosexuelle:

Gesellschaft Aus der Aussage in Martin Luthers Großem Katechismus, dass es Menschen gebe, die nicht für die Ehe geschaffen seienMartin Luther: Der große Katechismus Dr. Martin Luthers nach der Fassung des deutschen Konkordienbuches (Dresden 1580) – Das sechste Gebot: Das sechste Gebot. Auf: Evangelischer Glaube – Die online Dogmatik; abgerufen am 1. Mai 2025., leiten die Autoren ab, dass homosexuell „geprägte“ Menschen, sofern ihre Prägung nicht korrigierbar sei, zweifellos [!] zu den „Wenigen“ gehören, die nicht zur Ehe „geschaffen“ sind, ohne dass deswegen schon gesagt werden könne, dass ihnen die besondere „Gabe“Mit Spannungen leben, Anmerkung 11: „Eine ‚besondere‘, nämlich spezielle Gabe ist die Befähigung zur sexuellen Enthaltsamkeit aber gewiß“. zuteilgeworden sei, sexuell enthaltsam leben zu können.Mit Spannungen leben, Abschnitt 3.1.2. Die Autoren der Orientierungshilfe übernehmen dabei ein im 18. und 19. Jahrhundert entwickeltes Eheverständnis, dessen zeitlose Geltung sie voraussetzen.Rose, S. 132. Die Realität und der Gesetzgeber haben die Sache 2017 durch das Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts anders entschieden, auch wenn die Autoren der Orientierungshilfe noch meinten, dass dieser Weg „eindeutig und unveränderbar homosexuell geprägten Menschen versperrt“ sei.Mit Spannungen leben, Abschnitt 3.5. Die Gleichrangigkeit aller Formen des Zusammenlebens wird abgelehnt.Mit Spannungen leben, Abschnitt 3.2.2. „Die Institutionen Ehe und Familie kommen nur für heterosexuell „ausgerichtete“ [!] Menschen in Betracht.“Mit Spannungen leben, Abschnitt 3.5. „Der gesellschaftlich gängigen These, sexuelle Enthaltsamkeit sei unmöglich oder führe notwendigerweise zu schweren Störungen und Persönlichkeitsdeformationen, muß widersprochen werden“Mit Spannungen leben, Abschnitt 3.5., um anschließend belegfrei zu fantasieren, wem das schon alles gelungen sei. Wenn Homosexuellen Enthaltsamkeit nicht möglich ist, wird ihnen zu „einer vom Liebesgebot her gestalteten und damit ethisch verantworteten gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft“ geraten, deren Kriterien dieselben seien, die für Ehe und Familie gelten: Freiwilligkeit, Ganzheitlichkeit, Verbindlichkeit, Dauer und Partnerschaftlichkeit.Mit Spannungen leben, Abschnitt 3.5. Allerdings sollten gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften das Adoptionsrecht verwehrt sein, weil das für die betroffenen Kinder neue Probleme schüfe, die ethisch nicht verantwortet werden können.Mit Spannungen leben, Abschnitt 3.5. Die Aussage wird völlig belegfrei in den Raum gestellt, eine nachvollziehbare Begründung fehlt.