Dieter Cunz (* 4. August 1910 in Höchstenbach; † 17. Februar 1969 in Columbus (Ohio)) war ein deutscher Historiker und Germanist, der 1935 zunächst in die Schweiz und 1938 in die USA emigrierte. Nach einer Lehrtätigkeit an der Deutschen Abteilung der University of Maryland, Baltimore war er ab 1957 Professor für deutsche Literatur und Leiter der Germanistischen Abteilung an der Ohio State University (OSU). Seine Forschungsinteressen galten vor allem der Geschichte der deutschen Einwanderung nach Amerika, der deutschen Literatur des achtzehnten Jahrhunderts und den Methoden des Deutschunterrichts.
Leben Vor der Emigration Dieter Cunz, über dessen Mutter Hedwig (geborene Silbersiepe) weiter nichts bekannt ist, war der Sohn des evangelischen Pfarrers Paul Cunz. Die Familie lebte in Höchstenbach, bevor sie 1917 nach Wiesbaden-Schierstein verzog, wo Paul Cunz bis 1935 Pfarrer war.Evangelische Christophorusgemeinde Wiesbaden-Schierstein: Die Schiersteiner Pfarrer seit der Reformation
Von 1920 bis 1929 besuchte Cunz ein Humanistisches Gymnasium in Wiesbaden und bestand hier auch das Abitur. Von 1929 bis 1934Hessische Biografie: Dieter Cunz studierte er Geschichte, Germanistik und Theologie in München, Leipzig und zuletzt an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, wo er 1934 im Fach Geschichte mit einer Arbeit über Johann Kasimir (Pfalz-Simmern) promoviert wurde.Utz Maas: Cunz, Dieter Frankfurt war für Cunz, der hier seit 1931 studierteUniversitätsarchiv der Goethe-Universität: Dieter Cunz, Signatur UAF, 604, 600, aber nicht nur der Ort, an dem er seine akademische Ausbildung beendete. Er war aktives Mitglied der Roten Studentengruppe (RSG), die sich gegen den Vormarsch der Nazis in und außerhalb der Universität engagierte, und er lernte bei Treffen der RSG auch Richard Plaut (später Richard Plant) und Oskar Koplowitz (später Oskar Seidlin) kennen. Die drei konnten „ihre Homosexualität für die damalige Zeit in der großstädtisch-liberalen Atmosphäre Frankfurts verhältnismäßig offen leben“, und „Koplowitz und Cuntz waren später (bis zu ihrem Tod) ein Paar“.Marion Keller: Rote Studentengruppe(n). Antifaschistische Organisierung an Universitäten in Deutschland, 1930 bis 1933, in: ARBEIT Bewegung GESCHICHTE. Zeitschrift für Historische Studien, 2022/II, S. 56 (Online)
Zwischenspiel Schweiz Koplowitz und Plaut flohen bereits am 27. Februar 1933 von Frankfurt nach Basel.Schwulengeschichte.ch: Richard Plant 1910–1998. Auf dieser Webseite ist auch ein Foto zu finden, das Cunz und seine beiden Freunde Koplowitz und Plaut bei einer Rast während einer Bergwanderung zeigt. Sie waren in Deutschland doppelt bedroht: als Juden und als Homosexuelle, aber als Grund für die Exilgewährung in der Schweiz wurde ausschließlich ihr Jüdischsein anerkannt, was Plaut 1991 zu der Aussage bewog: „Ich bin als Jude emigriert, um als Schwuler zu überleben“.
In Basel bewohnten Koplowitz und Plaut ein kleines Zimmer, und sie hatten sich als Studenten an der Universität immatrikuliert, um so die Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. 1935 stieß auch Cunz zu ihnen.
Um überleben zu können, war allerdings mehr erforderlich. Cunz übernahm Gelegenheitsarbeiten und gab Nachhilfestunden und verfasste zusammen mit seinen beiden Freunden unter dem Pseudonym Stefan Brockhoff eine Reihe von Kriminalromanen. Zu den Hintergründen heißt es auf der Webseite der 42erAutoren e.V.;
Im August 1938 konnte Cunz mit Unterstützung seiner in Woodhaven (Queens) lebenden Cousine Tillie H. Cunz in die USA einreisen.Daten laut der Datenbank von Ellis Island
Karriere in den USA Dieter Cunz übte nach seiner Ankunft in den USA einige Gelegenheitsjobs in New York aus, bevor er 1939 ein Stipendium der Carl Schurz Memorial Foundation erhielt. Sein Auftrag war es, die Geschichte der Society for the History of Germans in Maryland (SHGM) und damit die deutsch-amerikanischen Geschichte in Maryland aufzuarbeiten. Das Stipendium wurde mehrmals verlängert und führte im November 1948 zur Veröffentlichung des Buches The Maryland Germans.The Society for the History of the Germans in Maryland – A short history Dem vorausgegangen waren „eine ganze Reihe von Aufsätzen zu Detailfragen (auch sprachlichen wie z. B. zu Straßennamen)“. Cunz war der SHGM auch als Sekretär verbundenOskar Seidlin: The Cunz Administration und wurde 1944 in den Vorstand der Gesellschaft gewählt. Nach seinem Weggang aus Maryland im Jahre 1957 wurde er zum Ehrenmitglied der Gesellschaft ernannt, und er übernahm die redaktionelle Leitung der künftigen Berichte. Oskar Seidlin würdigte ihn als einen „der bedeutendsten und produktivsten amerikanischen Autoren der Einwanderungsgeschichte“. Dass Cunz möglicherweise ein beschönigendes Bild der deutschen Immigration zeichnete, deutet Utz Maas an.
1939 startete Cunz auch seine akademische Karriere mit der Übernahme eines Lehrauftrages an der University of Maryland, der er bis 1957 verbunden blieb. Seit 1943 war er dort Assistenzprofessor, ab 1947 außerordentlicher Professor und schließlich von 1949 bis 1957 ordentlicher Professor für Germanistik.Werner Röder und Herbert A. Strauss: Biographisches Handbuch Die Schwerpunkte seiner universitären Arbeiten erschließen sich nur indirekt aus dem von Walter Knoche publizierten Publikationsverzeichnis. Die dort für die Jahre 1940 bis 1956 aufgeführten Veröffentlichungen machen deutlich, dass die Immigrationsgeschichte sein ausschließliches Thema war.
1957 Übernahm Cunz die Professor für deutsche Literatur an der Ohio State University und wurde Vorsitzender des Fachbereichs Deutsch. Er wurde hier der Nachfolger von Bernhard Blume und Kollege seines Lebensgefährten Oskar Seidlin, der hier bereits seit 1946 als Professor für deutsche Sprache und Literatur lehrte. Die Forschungsschwerpunkte von Cunz blieben weiterhin deutsch-amerikanische Studien und die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts, aber es kam ein weiterer hinzu: Methoden des Deutschunterrichts und insbesondere die Vermittlung der deutschen Sprache im Unterricht in der universitären Grund- und Mittelstufe. Bereits 1958 war er Co-Autor des Lehrbuches German for Beginners, das 1965 in Zusammenarbeit mit dem aus Deutschland stammenden Ulrich Groenke in überarbeiteter Form neu aufgelegt wurde.Zu Ulrich Groenke siehe neben dem Artikel von Seidlin auch: Ingrid Schellbach: Ulrich Groenke 1924–2013 (Nachruf) auf der finnischen Webseite von Finnish Scholarly Journals Online.
Oskar Seidlins Ausführungen über die The Cunz Administration zeichnen ein überaus erfolgreiches Wirken von Cunz an der OSU, das von internationaler Zusammenarbeit ebenso geprägt war wie von den Vergaben renommierter Stipendien an OSU-Absolventen. Der häufige Gebrauch des Pronomens "wir" signalisiert zugleich, dass zwischen Cunz und Seidlin über die private Beziehung hinaus auch eine erfolgreiche berufliche Zusammenarbeit bestand, die sich in zahlreichen inner- und außeruniversitären Auszeichnungen für sie und die deutsche Abteilung niederschlug.
mini|Die Cunz Hall im Jahre 2016 Für Dieter Cunz und Oskar Seidlin gibt es ein gemeinsames Grab auf dem Walnut Grove Cemetery in Worthington (Ohio).Die gemeinsame Grabstätte von Dieter Cunz und Oskar Seidlin auf Find a Grave
Gedenken Neben den vielen lobenden Nachrufen aus Anlass seines TodesFür eine Auswahl siehe: DIETER CUNZ HALL OF LANGUAGES IN COLUMBUS, OHIO, 1969 ragte eine Ehrung besonders heraus: Die Universität beschloss, das neue Gebäude, in das im Jubiläumsjahr 1969 alle moderne Fremdsprachen-Abteilungen einzogen, Dieter Cunz Hall of Languages zu nennen. Im Herbst 2011 wurde das Gebäude komplett renoviert und beherbergt seitdem unter dem Namen Cunz Hall die Hochschule für öffentliche Gesundheit der OSU.The Ohio State University: Cunz Hall, 2011
Zu Ehren von Dieter Cunz wurde außerdem ein Fonds eingerichtet, aus dem jährlich ein Preis an herausragende Absolventen mit Haupt- oder Nebenfach Deutsch – „The Dieter Cunz Award“ – vergeben wird. Studierende können durch ihn für herausragende Leistungen in Studium oder Forschung oder für Führungsqualitäten innerhalb des Fachbereichs ausgezeichnet werden.The Ohio States University: The Dieter Cunz Award: Outstanding Graduating Senior
Siehe auch Im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden existiert eine Akte aus einem von Dieter Cunz eingeleiteten Wiedergutmachungsverfahren. Die Laufzeit 1958–1969 legt nahe, dass das Verfahren zu seinen Lebzeiten nicht mehr abgeschlossen wurde.Archivinformationssystem Hessen: Entschädigungsakte Cunz, Dieter, Signatur HHStAW, 518, 47189
Werke Walter Knoche (University of Maryland): Dieter Cunz: A LIST OF PUBLISHED WRITINGS 1934-1969 Die Regentschaft des Pfalzgrafen Johann Casimir in der Kurpfalz 1583-1592, Dissertation, Limburg an der Lahn 1934. The Maryland Germans, A Histoyy, Princeton University Press 1942 (und 1948)Siehe hierzu auch die Rezension von Elfrieda Lang auf scholarworks.iu.edu.: They came from Germany. The stories of famous German-Americans, 1966.
Literatur Werner Röder und Herbert A. Strauss: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933, Volume 2: The arts, sciences, and literature, Saur, München 1983, ISBN 978-3-598-10089-5, S. 1228.
Weblinks
(als Teil des Autorentrios Stefan Brockhoff) Utz Maas: Cunz, Dieter auf der Webseite Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933–1945, 2018 Oskar Seidlin: The Cunz Administration (1957-1969) auf der Webseite Our Department of Germanic Languages and Literatures an der Ohio State University German MarylandersDer Homepage ist ein Zitat von Dieter Cunz aus dem Jahr 1959 vorangestellt.„The starting point for all these historiographical endeavors was: we have to show to our fellow Americans that the Germans have been here much longer than generally known and that they have contributed to the substance and expanse, to the social, political, and moral texture of this country. You don’t have to be ashamed of being German............“ („Der Ausgangspunkt für all diese historiografischen Bemühungen war: Wir müssen unseren amerikanischen Mitbürgern zeigen, dass die Deutschen schon viel länger hier sind, als allgemein bekannt ist, und dass sie zur Bedeutung und zur Größe, zum sozialen, politischen und moralischen Gefüge dieses Landes beigetragen haben. Man muss sich nicht schämen, Deutscher zu sein............“) The Society for the History of the Germans in Maryland – A short history Kurzbiografie: Dieter Cunz (8-4- 1910 to 2-17- 1969) Richard Plant 1910–1998 auf der Webseite schwulengeschichte.ch The Ohio Staste University: Dieter Cunz papers, 1952–1968
Einzelnachweise
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