mini|hochkant=1.35|Dokumentation Oktoberfestattentat auf der Theresienwiese
Das Oktoberfestattentat vom 26. September 1980 war ein rechtsextremer Terroranschlag am Haupteingang des Oktoberfests in München. Durch die Explosion einer handgefertigten Bombe wurden 13 Personen getötet und 221 verletzt, 68 davon schwer. Der Anschlag ist der bisher schwerste Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Als Täter wurde der 21-jährige Gundolf Köhler ermittelt, der selbst bei dem Anschlag starb. Er war Mitglied der neonazistischen Wiking-Jugend und der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) gewesen. Nach dem Abschlussbericht der Ermittler vom November 1982 plante und verübte Köhler den Anschlag jedoch allein und aus persönlichen Motiven, eventuell als erweiterten Suizid.
Diese Einzeltäterthese wurde seitdem kontinuierlich bestritten. Zeugenaussagen und nicht weiterverfolgte Spuren verwiesen auf mögliche rechtsextreme Mittäter. Vom 11. Dezember 2014 bis 7. Juli 2020 ermittelte die Bundesanwaltschaft erneut zu dem Fall und stellte abschließend fest: Die Tat war eindeutig ein rechtsextremer Terrorakt, mit dem Köhler die Bundestagswahl 1980 beeinflussen, dem Kandidaten der Unionsparteien Franz Josef Strauß ins Kanzleramt verhelfen und letztlich einen „Führerstaat“ nach dem Vorbild des NS-Staates erreichen wollte. Anstifter, Mitwisser und Mittäter Köhlers ließen sich weder beweisen noch ausschließen. Fehler der ersten Ermittlungskommission wurden nicht aufgeklärt.
Ablauf Am Abend des 26. September 1980 verließen viele Besucher das Festgelände durch den Haupteingang an der Nordseite der Theresienwiese. Um 22:19 Uhr explodierte dort in einem auf dem Boden stehenden Abfallkorb aus Metallgitter südlich der Brausebadinsel eine Bombe. In einem Umkreis von ca. 20 Metern war die Druck- und Hitzewelle tödlich und verursachte schwerste Verletzungen. Die Wirkung der Bombe wurde zudem durch die Metallsplitter des Abfallkorbes verstärkt.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat, Berlin 2020, S. 20; 26. September 1980 - Das Oktoberfestattentat. Bayerisches Landeskriminalamt, 2. September 2021
Sprengstoffexperten vom Landeskriminalamt Bayern (LKA) und Bundeskriminalamt (BKA) rekonstruierten die Bombe aus gefundenen Splittern und chemischen Spuren. Demnach bestand sie aus einer britischen Mörsergranate ohne Kuppe, in die eine mit Nitrocellulose gefüllte Druckgasflasche eines Feuerlöschers gesteckt worden war. Die Hohlräume waren mit 1,39 kg militärischen Sprengstoff vom Typ Trinitrotoluol (TNT) ausgefüllt worden. Die Nitrocellulose erzeugte eine Stichflamme vor der Explosion. Das TNT wurde jedoch durch eine Sprengkapsel gezündet, die nicht gefunden wurde.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat, Berlin 2020, S. 315f.
Etwa 30 Notärzte und 220 Sanitäter erreichten den Tatort in den folgenden 30 Minuten und versorgten die Verletzten. Die Polizei sperrte den Bereich ab und drängte Schaulustige mühsam zurück.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat, Berlin 2020, S. 21f.
Opfer Die Explosion tötete sofort fünf Männer, darunter den Attentäter Gundolf Köhler, sowie zwei Kinder. Sechs Schwerverletzte – drei Männer, zwei Frauen und ein Kind – starben auf dem Transport zum oder bald darauf im Krankenhaus. Die zwölf Todesopfer neben Köhler (* 1959) waren: Gabriele Deutsch (* 1962), Robert Gmeinwieser (* 1963), Axel Hirsch (* 1957), Markus Hölzl (* 1936), Paul Lux (* 1928), Ignatz Platzer (* 1974), Ilona Platzer (* 1972), Franz Schiele (* 1947), Angela Schüttrigkeit (* 1941), Errol Vere-Hodge (* 1955), Ernst Vestner (* 1950), Beate Werner (* 1969).Tatjana Neef: 26. September 1980: Das Oktoberfest-Attentat. 4., überarbeitete Auflage, Landeshauptstadt München, 2020 (PDF S. 13) Laut der ersten Sonderkommission wurden 211 Personen verletzt, 68 davon schwer. Bei elf davon mussten Gliedmaßen amputiert, bei drei Organe entnommen werden. Elf weitere erlitten schwere Organschäden, sechs Brandverletzungen, bei 20 wurde das Trommelfell beschädigt. 68 weitere Personen erlitten mittlere, 75 leichtere Verletzungen.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat, Berlin 2020, S. 106–108 2020 korrigierte die Bundesanwaltschaft die Gesamtzahl der Verletzten auf 221.GBA: Einstellung der wiederaufgenommenen Ermittlungen wegen des Oktoberfestattentats vom 26. September 1980. Pressemitteilung, 8. Juli 2020 (Archivlink)
Robert Höckmayr (Geburtsname Platzer) war als 12-Jähriger mit seinen Eltern und vier jüngeren Geschwistern auf jenem Fest. Zwei davon, Ignatz und Ilona Platzer, tötete die Bombenexplosion sofort. Die anderen beiden wurden so schwer traumatisiert, dass sie sich später das Leben nahmen. Höckmayr überlebte schwer verletzt und musste bis 2021 mehr als 40 Mal operiert werden. Auch die Mutter der Kinder wurde schwer verletzt, verlor mehrere Organe und starb später an den Folgen.Tobias Lill: Opfer des Oktoberfestattentats: Der lange Kampf des Robert Höckmayr. Spiegel, 17. Dezember 2021Tobias Lill: Oktoberfest-Attentat 1980: „Ich dachte, Ignaz und Ilona schlafen“. Spiegel, 26. September 2020 (kostenpflichtig); Tobias Lill: Wiesn-Attentat 1980 in München: Ein Überlebender klagt an. Abendzeitung, 26. September 2023
Politische Reaktionen Trotz laufender Ermittlungen entschieden Münchens Oberbürgermeister Erich Kiesl und Polizeipräsident Manfred Schreiber, das Oktoberfest fortzusetzen. Intern fürchteten sie die Wut anreisender Festbesucher und Budenbetreiber über Umsatzverluste. Nach außen sagte Kiesl, Stadt und Bürger seien nicht „von Verbrechern erpressbar“; eine Schließung käme deren Absichten entgegen. Bis 11:00 Uhr am Folgetag ließ die Stadtverwaltung München alle Anschlagsspuren beseitigen. Am 30. September 1980 wurde das Fest unterbrochen. Bei der 45-minütigen Trauerfeier sprachen der Oberbürgermeister und zwei Geistliche. Bei einer unangemeldeten Demonstration von rund 1000 Bürgern hielten zwei Personen ein Transparent mit dem Satz „Wir trauern um die Opfer der faschistischen Mörderbande“ hoch und wurden festgenommen. Ab 1. Oktober ging das Fest weiter; Umsatzverluste blieben aus.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat, Berlin 2020, S. 86–89
Das Attentat fiel in die letzten Tage des Bundestagswahlkampfs, den Bundeskanzler Helmut Schmidt mit der Parole „Sicherheit für Deutschland“ führte. Kanzlerkandidat der Unionsparteien war der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU). Strauß hatte die Wehrsportgruppe (WSG) Hoffmann jahrelang als wenige „Spinner“ und „Verrückte“ bezeichnet, denen erst öffentliche Warnungen Bedeutung verschafft hätten, und kontinuierlich jede von ihr ausgehende Gefahr bestritten. Im Januar 1980 hatte Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) die WSG gegen den Willen der CSU bundesweit verboten. Noch im März 1980 hatte Strauß das Verbot als unverhältnismäßig kritisiert und lächerlich gemacht, Straftaten von WSG-Mitgliedern bestritten, ihren Waffenbesitz verharmlost und verlangt, den Gründer Karl-Heinz Hoffmann „in Ruhe“ zu lassen. Bayerns Innenminister Gerold Tandler hatte das Verbot für unnötig erklärt: Die WSG habe „schon wegen ihrer äußerst geringen Mitgliedschaft niemals eine echte Bedrohung unseres Staatsgefüges dargestellt“.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat, Berlin 2020, S. 45f. Im September 1980 antwortete Tandler auf eine Reporterfrage nach der Gefahr rechtsextremer Terroranschläge: „Ihre Sorge sollte sich in erster Linie gegen den Linksextremismus wenden.“ Bei rechtsradikalen Gruppen solle man keine „Schattengefahr“ aufbauen.Olaf Sundermeyer: Rechter Terror in Deutschland: Eine Geschichte der Gewalt. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63845-9, S. 1995
Nach einem Besuch des Tatorts sagte Strauß einem Reporter der Bild am Sonntag vormittags am 27. September 1980: Gerhart Baum habe „schwere Schuld“ auf sich geladen, die Sicherheitsdienste ständig verunsichert und demoralisiert und damit Aufklärung potentieller Täterkreise im Vorfeld verhindert. Zudem habe er den Terrorismus verharmlost. Baum sei eine „Skandalfigur“ und „als Innenminister fehl am Platz“.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat, Berlin 2020, S. 24 Ohne Kenntnis zu Tätern und Tatmotiven deutete Strauß damit sofort linksextreme Täter aus dem Umfeld der RAF an und zog das Attentat in seinen Wahlkampf.Wolf Wetzel: Erstaunliche Parallelen: Der Terroranschlag auf das Oktoberfest 1980 und die NSU Morde. Migazin, 6. Februar 2015 Kurz darauf erfuhr er, dass Köhler zeitweise zur WSG gehört hatte.
Im Gegenzug erinnerte Helmut Schmidt daran, dass Tandler und Strauß das Verbot der WSG abgelehnt hatten. Um den Schaden für Strauß im Wahlkampf zu begrenzen, gab der bayerische Staatsschutzbeamte Hans Langemann am 29. September 1980 eine eidesstattliche Versicherung ab: Schmidts Vorwurf sei „vollkommen unzutreffend“. Strauß habe die WSG immer als verbotswürdig betrachtet und sie in Bayern sogar noch vor Innenminister Baum verbieten wollen. Am Folgetag erwirkte Tandler eine einstweilige Verfügung, die Schmidt die Aussage verbot, Tandler habe kein WSG-Verbot gewollt.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat, Berlin 2020, S. 142f. Auch gegenüber Journalisten behauptete Langemann eine angebliche jahrelange Absicht von Strauß und Tandler, die WSG zu verbieten, und versuchte, deren Überwachung zu belegen. Tatsächlich hatte Bayerns Verfassungsschutz bis dahin keine eigenen Informationen über Köhler und dessen Kontakte zur WSG.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfestattentat 1980. In: Sybille Steinbacher: Rechte Gewalt in Deutschland: Zum Umgang mit dem Rechtsextremismus in Gesellschaft, Politik und Justiz. Wallstein, Göttingen 2016, ISBN 978-3-8353-4048-0, S. 103–105 Noch vor der Bundestagswahl erklärte Tandler, nach bisherigen Erkenntnissen habe ein Einzelner das Attentat verübt.Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat, Berlin 2020, S. 241
Die meisten bundesdeutschen Medienberichte blendeten konkrete politische Hintergründe des Attentats aus. Dafür kritisierten sie umso stärker seine Benutzung für den Wahlkampf, besonders durch Strauß und die CSU, und eine allgemeine Verharmlosung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Zwei Artikel der IG Metall skandalisierten eine bewusste Bagatellisierung rechtsradikaler und rechtsterroristischer Strukturen durch Bayerns Staatsbehörden und kritisierten eine „christsoziale Rückendeckung“ für neonazistische Ausschreitungen. Um diese Hintergründe auszublenden, vertraten konservative Medien die These einer Verzweiflungstat eines Einzelnen. Zudem wies die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) Linksliberalen eine Teilschuld am Attentat zu: Zuviel „Verständnis für den Terror als Methode“ in den Debatten zur RAF habe rechtsextreme Täter zu analogen Taten motiviert. Daher dürfe es nicht um rechts- oder linksextreme Täter gehen, sondern alle Demokraten müssten den „kollektiven Wahnsinn“ der Gewalt gemeinsam bekämpfen. Zur Abwehr der Frage nach rechtsextremen Strukturen diente auch der wiederkehrende Versuch, die Tat als vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR gelenkt darzustellen. So verwies Strauß am 29. September 1980 auf die DDR-Herkunft vieler WSG-Mitglieder; die FAZ griff diesen Verdacht dann auf. Zudem wurde die Einzeltäterthese völlig vom Rechtsextremismus abgekoppelt oder dieser mit dem Linksextremismus gleichgesetzt. Auch diejenigen Medien, die die Haltung der CSU angriffen, teilten den Grundkonsens, dass der Rechtsextremismus die demokratische Gesellschaft nicht gefährde. Diese Deutungen bestimmten die Rezeption des Attentats für lange Zeit.Clemens Gussone: Reden über Rechtsradikalismus: Nicht-staatliche Perspektiven zwischen Sicherheit und Freiheit (1951–1989). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, ISBN 3-525-36093-2, S. 290–311, besonders S. 298 ff.
2020 räumte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ein, Strauß habe die Gefährlichkeit der WSG damals „völlig unterschätzt“. Gerhart Baums WSG-Verbot sei „absolut richtig“ gewesen.Bayerns Innenminister Herrmann räumt Fehler von Franz Josef Strauß ein. Spiegel, 24. September 2020