mini|Schluckimpfung im Kindergarten (1960) Die Schluckimpfung ist eine Impfung mit einem Impfstoff, der oral aufgenommen wird.A. Azizi, A. Kumar, F. Diaz-Mitoma, J. Mestecky: Enhancing oral vaccine potency by targeting intestinal M cells. In: PLoS pathogens. Band 6, Nummer 11, 2010, S. e1001147, . doi:10.1371/journal.ppat.1001147. PMID 21085599. (englisch). Als Erfinder der Schluckimpfung gilt der Virologe Albert Sabin.

Eigenschaften Der Impfstoff einer Schluckimpfung besteht meist aus funktionsfähigen, aber abgeschwächten Erregern (Lebendimpfstoff), die bei immunkompetenten Personen die Krankheit nicht auslösen können, z. B. aufgrund einer Attenuierung. Voraussetzung für eine wirksame Schluckimpfung ist die Resistenz des abgeschwächten Erregers gegenüber den abbauenden Umgebungsbedingungen im Verdauungstrakt (Magensaft, Verdauungsenzyme), wie sie bei Erregern vorkommt, die über den Verdauungstrakt infizieren. Schluckimpfungen gibt es unter anderem gegen Polio, Typhus,M. B. Sztein: Cell-mediated immunity and antibody responses elicited by attenuated Salmonella enterica Serovar Typhi strains used as live oral vaccines in humans. In: Clinical Infectious Diseases. Band 45 Suppl 1, Juli 2007, S. S15–S19; . doi:10.1086/518140. PMID 17582562. (englisch). Tuberkulose,T. C. Benévolo-de-Andrade, R. Monteiro-Maia, C. Cosgrove, L. R. Castello-Branco: BCG Moreau Rio de Janeiro: an oral vaccine against tuberculosis–review. In: Memórias do Instituto Oswaldo Cruz. Band 100, Nummer 5, August 2005, S. 459–465 (englisch); . PMID 16184220. scielo.br (PDF; 5,8 MB). Cholera,S. Shin, S. N. Desai, B. K. Sah, J. D. Clemens: Oral vaccines against cholera. In: Clinical Infectious Diseases. Band 52, Nummer 11, Juni 2011, S. 1343–1349 (englisch); . doi:10.1093/cid/cir141. PMID 21498389. cid.oxfordjournals.org (PDF).T. Nochi, H. Takagi, Y. Yuki, L. Yang, T. Masumura, M. Mejima, U. Nakanishi, A. Matsumura, A. Uozumi, T. Hiroi, S. Morita, K. Tanaka, F. Takaiwa, H. Kiyono: Rice-based mucosal vaccine as a global strategy for cold-chain- and needle-free vaccination. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 104, Nummer 26, Juni 2007, S. 10986–10991; . doi:10.1073/pnas.0703766104. PMID 17573530. (englisch). Rotavirus-Erkrankungen. Bei attenuierten (abgeschwächten) Erregern kann es zu einer stark behinderten Replikation des Erregers im Geimpften kommen, die für eine Impfantwort, aber nicht für eine Erkrankung ausreicht, wenn der attenuierte Erreger noch schwach replikationskompetent ist. Das betrifft die meisten Schluckimpfstoffe. Bei manchen attenuierten Erregern, wie das MVA-Virus bei der Pockenimpfung, reicht es ohne Replikationskompetenz für eine schützende Impfantwort. Schluckimpfstoffe werden sowohl als immunogene Impfstoffe zur Erzeugung einer Immunantwort als auch als tolerogene Impfstoffe zur Hyposensibilisierung eingesetzt.F. Takaiwa: Seed-based oral vaccines as allergen-specific immunotherapies. In: Human vaccines. Band 7, Nummer 3, März 2011, S. 357–366, . PMID 21358268, Volltext. (PDF) (englisch).A. Tonks: Oral vaccines: A spoonful of antigen. In: BMJ (Clinical research edition). Band 335, Nummer 7612, Juli 2007, S. 180–182; , doi:10.1136/bmj.39275.480000.AD, PMID 17656541, (englisch).

Vor- und Nachteile Vorteile einer Schluckimpfung sind die einfache Anwendung, die Vermeidung von Injektionen, die günstige Produktion und aufgrund der Verarbeitung des Impfstoffs innerhalb einer Zelle die Erzeugung sowohl einer humoralen Immunantwort (erzeugt Antikörper) als auch einer zellulären Immunantwort (erzeugt T-Zellen).J. E. Vela Ramirez, L. A. Sharpe, N. A. Peppas: Current state and challenges in developing oral vaccines. In: Advanced drug delivery reviews. Band 114, Mai 2017, S. 116–131, doi:10.1016/j.addr.2017.04.008, PMID 28438674, . Die intrazelluläre Verarbeitung des Impfstoffs ermöglicht eine Präsentation von Teilen der Proteine des Erregers an Haupthistokompatibilitätskomplexen des Typs I, die wiederum die zelluläre Immunantwort ermöglicht, wie auch bei den genetischen Impfstoffen. Früher wurde in der Bundesrepublik Deutschland – wo keine Impfpflicht gegen Poliomyelitis besteht, sondern nur amtliche Impfempfehlungen gelten – mit dem Slogan „Kinderlähmung ist grausam – Schluckimpfung ist süß“ bzw. auch „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist bitter“ auch für eine Teilnahme an der Polio-Schluckimpfung geworben.

Ein Nachteil ist die mögliche Reversion zu replikationskompetenten und pathogenen Erregern (ähnlich wie der Wildtyp des Erregers),Wolfram Gerlich et al.: Medizinische Virologie. Grundlagen, Diagnostik, Prävention und Therapie viraler Erkrankungen. Thieme, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-13-113962-7. S. 466. die durch zahlreiche Deletionen im Genom des attenuierten Erregers vermieden werden sollen. Weitere Nachteile sind, dass der Schluckimpfstoff an Wirksamkeit verliert, wenn gleichzeitig Magen-Darm-Infekte oder Diarrhoe vorliegen oder der Patient bestimmte Antibiotika einnimmt. Auch für immungeschwächte Personen sind orale Lebendimpfstoffe oftmals nicht geeignet, da wie auch bei anderen Lebendimpfstoffen in seltenen Fällen eine Erkrankung durch den Impferreger ausgelöst werden kann. Aus diesem Grund wird der Schluckimpfstoff gegen Polio seit 1999 in Europa nicht mehr verwendet, da es nach Ausrottung der Polio in Europa vereinzelt zu Polioerkrankungen durch diese Schluckimpfung kam.Polio: Warum Spritzimpfung statt Schluckimpfung? gesundheit.de, aktualisiert am 25. Januar 2017; abgerufen am 23. August 2021.

Weblinks

Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam und Post-Polio-Syndrom ist bitter. (PDF) polio-initiative-europa.de

Einzelnachweise

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