Kaum Muda () war die Bezeichnung für islamische Modernisten in British Malaya und Niederländisch-Indien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie setzten sich für eine Revitalisierung des islamischen Denkens und eine gesellschaftliche Modernisierung der malaiischen Gesellschaft ein, die auf wissenschaftliche Prinzipien und eine moderne Interpretation des Korans und der Hadithe gegründet sein sollte. Damit standen sie im Gegensatz zu der traditionalistischen Gruppe der Kaum Tua („Alte Leute“), die auf der Anwendung der Lehren der großen Gelehrten der islamischen Vergangenheit insistierten. Ihren größten Einfluss auf die malaiische Gesellschaft entwickelten die Kaum Muda durch neue Madrasas und die Veröffentlichung von Zeitungen und anderer Literatur, die in diesen Schulen verwendet wurde.Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 75f.
Entstehung mini|hochkant|Datuk Sutan Maharaja, der Namensgeber Der Begriff Kaum Muda tauchte erstmals um 1906 in Westsumatra auf. Er wurde dort Mal von der Gruppe der sogenannten „Jungen Malayen“ unter der Führung von Datuk Sutan Maharadja verwendet, die auf die Probleme von Fortschritt und Modernität reagierte. Sie bildete in Padang eine politisch-kulturelle Bewegung der Kolonisten (perantau) in Opposition zur aristokratischen Schicht an der Küste und insbesondere zum Amt des Regenten. Die Anhänger der Bewegung argumentierten, Fortschritt müsse die Ausarbeitung und Formulierung der Ideen und Ideale sein, die dem echten Minangkabau-Adat innewohnen, und verurteilten die bestehenden politischen Institutionen der Küste als Abweichungen von der „Minangkabau-Welt“ (alam Minangkabau). Laut ihrem Anführer zielte die Bewegung darauf ab, Padang in den Schoß der „Minangkabau-Welt“ zurückzuführen und die Kluft zwischen den Herrschern und den Beherrschten zu überwinden. Beeinflusst von der Bewegung der Jungtürken im Nahen Osten nannte er seine Gruppe Kaum Muda („Gruppe der Jungen od. Progressiven“) und bezeichnete seine Gegner als Kaum Kuno („Gruppe der Alten oder Konservativen“).Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 12–13.
mini|hochkant|Abdul Karim Amrullah, bekannt als Haji Rasul Mitte der 1910er Jahre sah sich die adat-orientierte Fortschrittsbewegung einer zunehmenden Herausforderung durch die islamischen Modernisten gegenüber, als Schüler von Scheich Ahmad al-Chatīb al-Minangkabāwī aus Mekka zurückkehrten, um seine Ideen zur orthodoxen Reform in ihren Heimatbezirken zu verbreiten. Zu diesen Rückkehrern gehörten Scheich M. Jamil Jambek in Bukittinggi, Haji Abdullah Ahmad in Padang und Padang Panjang, Hadji Rasul, auch bekannt als Scheich Abdul Karim Amrullah, in Maninjau und Padang Panjang sowie Scheich Thaib Umar in Batu Sangkar.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 13–14. Sie griffen die Heterodoxie der Sufi-Orden an und prangerten die Neuerungen in der Religionsausübung als Bidʿa an. Ihre Reinigungsbewegung war stark vom ägyptischen Reformdenker Muhammad ʿAbduh beeinflusst. Im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts begannen diese jungen Religionsgelehrten, die sich ebenfalls Kaum Muda nannten, traditionelle Religionsexperten dafür anzuprangern, dass sie ihre eigenen religiösen Urteile ausschließlich auf naql, das heißt auf die etablierte Tradition, stützten. Ihrer Auffassung nach sollten die Gelehrten zu den ursprünglichen Quellen zurückkehren und danach streben, die Wahrheit zu erlangen, indem sie ihren Verstand (ʿaql) anwenden, ein Vorgang, der als Idschtihād bekannt ist.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 13–14. Haji Abdullah Ahmad, der aggressivste „moderne“ Kaum-Muda-Gelehrte, und mehrere westlich gebildete Intellektuelle und wichtige Minangkabau-Händler, wie Abdullah Basa Bandaro, führten die Kaum-Muda-Gruppe in Westsumatra an. Haji Rasul gals als der fundamentalistischste Kaum-Muda-Gelehrte.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 81.
Die Kaum-Muda-Gelehrten stammten im Allgemeinen aus einem der religiösen Zentren in Minangkabau wie Bukittinggi, Padang Panjang, Batusangkar und Maninjau.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 62. Die meisten von ihnen gehörten hoch angesehenen und wohlhabenden Gelehrtenfamilien an.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 52f.
Lehren Religiöser Purismus Als religiöse Puristen kämpften die Kaum Muda gegen solche Bräuche wie den Talqīn, eine kurze Ansprache, die bei der Bestattung von Toten am Ende der Trauerfeier über dem Grab vorgetragen wird und dem Toten Ratschläge gibt, wie er auf die Fragen der Munkar und Nakīr antworten soll. Die Kaum Muda missbilligten solche Bräuche als Bidʿa.Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 78f. Im Zuge des religiösen Konflikts mit den Traditionalisten, den Kaum Tua, begannen die Kaum Muda, traditionelle Praktiken anzugreifen, beispielsweise die Art und Weise, wie der Geburtstag des Propheten gefeiert wurde. Indem sie die vorherrschende Praxis anprangerten, griffen die Kaum Muda-Ulama den Dogmatismus der Kaum Tua an und untergruben gleichzeitig die Position der religiösen Adat-Funktionäre, die die in die Adat integrierten religiösen Riten durchführten.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 15. Die Wut der Kaum Muda traf insbesondere die ländlichen ʿUlamā'.Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 85. Der Konflikt zwischen Kaum Muda und den Kaum Tua äußerte sich in dogmatischen und rituellen Kontroversen unterschiedlicher Art.Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 77.
Die Kaum Muda verurteilten die Sufi-Orden auch wegen ihrer eskapistischen Ausrichtung. „Der Islam“, erklärte einer ihrer Sprecher, „ist nicht nur eine Religion für das Jenseits, sondern vielmehr der Leitfaden für das Leben in dieser Welt.“Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 14.
Modernismus Die Kaum-Muda-Gelehrten betonten die Notwendigkeit einer Überprüfung der traditionell anerkannten Normen und kamen bald zu dem Schluss, dass sie nicht länger an eine bestimmte Rechtsschule (Madhhab) gebunden sein wollten. Anstatt einfach den Vorschriften der schafiitischen Rechtsschule zu folgen, der die Mehrheit der indonesischen und malaiischen Muslime angehörte, formulierten die Gelehrten der Kaum Muda ihre Fatwas nach Prüfung der Rechtslehren anderer orthodoxer Rechtsschulen. Damit entfernten sie sich von den Lehren ihres eigenen hochgeschätzten Lehrers Scheich Achmad Chatib, eines Imams der schafiitischen Schule in Mekka. Obwohl sie ihn respektierten, fanden sie mehr Gemeinsamkeiten mit seinem Cousin, Scheich Tahir Jalaluddin, der an der Azhar in Kairo studiert hatte und ab 1906 in Singapur al-Imām, die erste islamische modernistische Zeitschrift der malaiischen Welt, herausgab.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 46.
Als Modernisten kämpften sich auch für die Zulassung von Zinsen bei Sparkassen und Genossenschaften als nicht wucherisch und damit nicht unter das Ribā-Verbot fallend. Hierbei beriefen sie sich auf eine bekannte Fatwa von Muhammad ʿAbduh über Zinsen. Außerdem befürworteten sie mehr Freiheit für Frauen, Bildung zu erhalten und an gesellschaftlichen Angelegenheiten teilzunehmen.Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 78f. Auf Java drehte sich der Konflikt zwischen den beiden Gruppen hauptsächlich um die Frage der Notwendigkeit von Idschtihād, der von den Kaum Muda befürwortet, von den Kaum Tua jedoch abgelehnt wurde, weil diese es für notwendig hielten, am Taqlīd festzuhalten.Noer: The Modernist Muslim Movement in Indonesia (1900-1942). 1973, S. 86–87.
„Die Kaum Tua“, schrieb Sayyid Shaykh al-Hadi in seiner Zeitschrift Al-Ikhwan („Die Brüder“) im Jahr 1929, „verhalten sich, als ob es eine Pflicht wäre, an alle Gesetzbücher der ʿUlamā' und an jedes Wort darin zu glauben, als ob sie der Koran selbst wären … während die Kaum Muda der Ansicht sind, dass nur der Koran und die Hadithe diese Autorität besitzen und dass Gott uns, da keiner der ʿUlamā' frei von Irrtümern ist, Vernunft und Intelligenz gegeben hat, mit denen wir prüfen können, was die ʿUlamā' sagen.“Zitiert nach Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 77f.
Letztendlich war die Vervollkommnung und Reinigung des Islam für die Kaum Muda nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel zur Beschleunigung und Lenkung des sozialen und wirtschaftlichen Wandels zur Verbesserung der malaiischen Gesellschaft, ein Prozess, der ihrer Meinung durch den traditionellen Islam, wie er in den Staaten praktiziert wird, behindert wurde. „In anderen Teilen der islamischen Welt“, so schrieb ein anderer Autor 1928 in Al-Ikhwan, „werden die Kaum Muda zum Instrument des Fortschritts und reißen die Kaum Tua aus ihrer Senilität und Dummheit. … [In Malaya] wünschen sich die ʿUlamā', wie der heilige Petrus in der römischen Kirche, den einzigen Schlüssel zu den Toren des Himmels zu besitzen.“Zitiert nach Roff: The Origins of Malay Nationalism. 1967, S. 78.
Mittel zur Verbreitung ihrer Lehren Schulen Die Kaum Muda ulama begannen ihre Laufbahn in der Regel als traditionelle Religionslehrer und akzeptierten nur widerwillig das Adat-Decorum, das einem Religionslehrer entgegengebracht wurde. Einige von ihnen erbten religiöse Schulen, die von ihren Vätern oder Onkeln betrieben worden waren.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 53. 1912 wurde Haji Rasul Lehrer an der Madrasa von Padang Panjang, die als Surau Jembatan Besi bekannt war. Die frühen Kaum-Muda-Schulen arbeiteten nach dem traditionellen „Kreis“-System (ḥalqa): Der Lehrer erklärte seinen Schülern, die mit ihren Büchern und Notizen um ihn herum saßen, religiöse Traktate.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 55. Haji Rasul modernisierte jedoch an seiner Schule nach und nach die Unterrichtsmethoden, den Lehrplan und die Lehrbücher, so dass die Madrasa zu einem Modell für andere Kaum-Muda-Schulen wurde.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 34. So war sie zum Beispiel das Vorbild für die Kaum-Muda-Schulen von Parabek, Padang Japang, Maninjau und Batu Sangkar. Nach ihrer Studentenorganisation wurden diese Schulen Thawalib-Schulen genannt.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 56.
mini|hochkant|Rahma al-Yunusiah, Begründerin der ersten islamischen Frauenschule in Niederländisch-Indien Im Jahr 1912 gründeten die Kaum Muda von Padang in Zusammenarbeit mit Händlern und Beamten die Sarekat Usaha („Vereinigung des Bemühens“), die wiederum die erste private niederländische Schule für einheimische Schüler mit religiösem Unterricht gründete.Abdullah: Schools and Politics: The Kaum Muda Movement in Westsumatra (1927-1933). 1971, S. 16. Die Schule der Sarekat Usaha war die erste säkulare Kaum-Muda-Schule, die Niederländisch als Unterrichtssprache verwendete. Im größeren Stil begann die Reform der Unterrichtsinhalte an den Religionsschulen aber erst 1915. Zainuddin Labai, ein Schüler von Haji Rasul und einer der fähigsten jungen Gelehrten, begann damit, die staatlichen Schulen als Vorbild für seine eigene religiöse Grundschule zu nehmen. Diese Schule, die Dinijah, führte das Jahrgangsstufensystem im Religionsunterricht ein und nahm im Gegensatz zu den alten Schulen auch Mädchen als Schülerinnen auf.