Die GmbH Lenz & Co. (ab 1924 Lenz & Co. GmbH) war ein deutsches Eisenbahnbau- und -betriebsunternehmen, das vor allem in Preußen Klein- und Privatbahnen baute und betrieb. Weitere einzelne derartige Strecken baute und betrieb Lenz & Co. auch in Baden, Braunschweig, Hessen-Darmstadt, Mecklenburg-Schwerin und Württemberg. Das Unternehmen wurde 1892 in Stettin gegründet und verlegte 1899 seinen Sitz nach Berlin. Die AG für Verkehrswesen wurde 1901 als Holding für Lenz & Co. und weitere Unternehmen gegründet und übernahm das komplette Stammkapital. Lenz & Co. wuchs mit seinen Tochtergesellschaften rasch zum bedeutendsten Neben- und Kleinbahn-Konzern in Deutschland heran und spielte bis Mitte des 20. Jahrhunderts eine große Rolle auf dem Sektor des Verkehrswesens. Letztlich war es auch die Basis für die Entwicklung konkurrenzfähiger Privatbahnen im Zuge der Regionalisierung des Eisenbahnwesens in der Bundesrepublik Deutschland.

Nachdem fast alle Strecken nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der sowjetischen Besatzungszone sowie in den an Polen gefallenen Ostgebieten lagen, verblieb Lenz & Co. praktisch ohne Geschäftigkeit und wurde bis 1973 schrittweise liquidiert.

Geschichte Kleinbahnbau in Preußen Die Geschichte des Lenz-Konzerns begann Ende des 19. Jahrhunderts, als das Netz der Haupteisenbahnlinien im Deutschen Reich vollendet und auch ein Großteil der Nebenbahnen bereits in Betrieb war. Allerdings waren damals noch immer viele Regionen – vor allem in landwirtschaftlich strukturierten Gegenden – ohne Eisenbahnanbindung geblieben. Vor allem der größte deutsche Staat, das Königreich Preußen, sah sich nicht in der Lage, alle berechtigten Wünsche der betroffenen Bevölkerung dadurch zu erfüllen, dass die Preußische Staatsbahn selbst als Bauherr und Betreiber fungierte.

Die Preußische Regierung verfolgte daher den Plan, die lokalen Bahnen in einer vereinfachten Betriebsweise durch private Gesellschaften bauen und betreiben zu lassen, an denen sich der Staat, die Provinzen, die Kreise und Städte, sowie örtliche Interessenten aus der Wirtschaft beteiligen konnten.

Zu diesem Zweck wurde das Preußische Kleinbahngesetz geschaffen, das am 28. Juli 1892 verkündet wurde. Dieses Gesetz führte in gut zwei Jahrzehnten zum Bau von Neben- und Kleinbahnen im Königreich Preußen in einem Umfang von mehr als 12.000 km. Das Eisenbahnnetz wurde dadurch von 6,99 km auf 13,7 km je 100 km² verdichtet; es hatte sich also fast verdoppelt. Der Anteil der nichtstaatlichen Eisenbahnen am Gesamtstreckennetz in Preußen stieg von 6 % im Jahr 1892 wieder an auf 26 % im Jahr 1914.

An diesen Bauvorhaben war die Lenz & Co. GmbH mit rund 100 Bahnen zu einem Drittel beteiligt. Die Gründer dieses Unternehmens hatten offenbar den Trend rechtzeitig erkannt und die Möglichkeiten, die das neue Gesetz bot, voll ausgeschöpft.

Lenz-Konzern

Friedrich Lenz gründete 1876 sein eigenes Bauunternehmen. In den 1880er Jahren hatte er als Generalunternehmer dann zahlreiche Bahnstrecken in Pommern und Mecklenburg-Schwerin gebaut. Bedingung war dabei meist, auch deren Betriebsführung zu übernehmen. Die notwendige Finanzierung übernahm dabei die Bank Wm. Schlutow aus Schwerin. Da die Bank aber zu klein war, um alle Finanzierungen alleine zu tragen, kam dann die Berliner Handels-Gesellschaft mit Carl Fürstenberg hinzu.

Das Unternehmen wurde am 30. Juli 1892 mit Sitz in Stettin gegründet, zwei Tage nach der Verkündung des Preußischen Kleinbahngesetzes.

Das Gesellschaftskapital in Höhe von 4 Millionen Mark (später erhöht auf 6 Millionen Mark) verteilte sich auf folgende Gesellschafter: Berliner Handels-Gesellschaft als Hauptanteilseigner mit etwa 37,5 % Anteilen, Friedrich Lenz und Georg von Bleichröder zu je einem Viertel der Anteile, Friedrich Alfred Krupp und mehrere Banken (Bankhaus S. Bleichröder, A. Schaaffhausen’scher Bankverein, Robert Warschauer & Co. und Bank von der Heydt) mit kleineren Beteiligungen.

Alleiniger Geschäftsführer war Friedrich Lenz.

Für die nun durchzuführenden Bauvorhaben wollte Pommern ausschließlich Lenz & Co. nutzen, den neben der Betriebsführung für 15 Jahre übernahm das Unternehmen auch etwa 1/3 der Finanzierungskosten für den Bahnbau. Nachdem sich die Aktivitäten auf ganz Preußen ausgeweitet hatten, wurde im Jahr 1899 der Sitz des Unternehmens nach Berlin verlegt.

1904 wurde die Deutsche Kolonial-Eisenbahn Bau- und Betriebsgesellschaft und 1909 die Koloniale Bergbau-Gesellschaft gegründet. 1903 wurde die Bau- und Betriebsleitung Bromberg (Provinz Westpreußen) nach Königsberg (Preußen) verlegt.

mini|Siegelmarke der Pommerschen Betriebsdirektion Stettin

Ferner wurden Bau- und Betriebsabteilungen in Altona, Berlin, Breslau, Halle (Saale), Köln und Stettin eingerichtet, damit die Betriebsführung für die Bahnen effektiv durchgeführt werden konnte, zu der sich das Unternehmen Lenz & Co. bei den meisten Neubauten für die ersten Betriebsjahre verpflichtet hatte.

Die starke Bautätigkeit des Unternehmens im ersten Jahrzehnt seines Bestehens führte zu einem erheblichen Kapitalbedarf bei der Hausbank. Diese erhielt zwar Aktien der neu gegründeten Bahngesellschaften, konnte diese aber am Kapitalmarkt nicht günstig verwerten, weil es sich hier um ziemlich kleine Unternehmungen handelte, die ganz unterschiedliche Renditen abwarfen. So entschloss man sich, diese Werte in einer Holding-Gesellschaft zusammenzufassen, deren Aktien eine interessante Anlagemöglichkeit für das Publikum bieten würden.

Diese Überlegungen führten zur Gründung der AG für Verkehrswesen (AGV) im Juni 1901. Sie übernahm unverzüglich sämtliche Anteile der GmbH Lenz & Co., die dem Konzern seinen (inoffiziellen) Namen gegeben hatte. Fortan war die neue Tochtergesellschaft nur noch eine der Betriebsführungsgesellschaften für Bahnen, an denen die AGV beteiligt war. Andere vom Unternehmen Lenz & Co. gegründete Betriebsführungsgesellschaften waren die Ostdeutsche Eisenbahn-Gesellschaft in Königsberg (1893) und die Westdeutsche Eisenbahn-Gesellschaft (1895), jeweils mit mehreren Tochtergesellschaften.

Allerdings war Lenz & Co. die bedeutendste Gesellschaft. Schon im Jahr 1905 umfasste die Betriebsführung Strecken von 2137,3 km Länge, davon 1113,0 km in Normalspur. Zwar verursachte die Gründung der Kleinbahnabteilung des Provinzialverbandes Pommern in Stettin, die 1910 den Betrieb von 18 Lenz-Kleinbahnen übernahm, einen starken Rückgang (Pommersche Schmalspurbahnen). Dieser wurde aber durch die Tätigkeit für neue Bahnen alsbald wieder ausgeglichen. Finanziell war die Abgabe der zahlreichen defizitären Strecken an die Kleinbahnabteilung des Provinzialverbandes Pommern allerdings ein Vorteil.

Der Bauboom war nach dem Ersten Weltkrieg vorbei, die 1925 eröffnete Bahnstrecke Rövershagen–Graal-Müritz der Mecklenburgischen Bäderbahn AG war die letzte gebaute Strecke. Schon 1918 wurde die Deutsche Kolonial-Eisenbahn Bau- und Betriebsgesellschaft umbenannt in Allgemeine Baugesellschaft Lenz & Co. (kurz Allbau Lenz), aufgrund der Erfahrungen im Bauwesen führte der Unternehmensteil nun Tiefbauarbeiten aus. Friedrich Lenz beendete 1927 seine Tätigkeit in allen Funktionen, im selben Jahr hatte Erich Lübbert begonnen, die komplette Gesellschaftsstruktur durch Fusionen und Umstrukturierungen zu verändern.

In Berlin wurde 1928–1929 ein neues Verwaltungsgebäude nach Plänen des Architekten Heinrich Straumer errichtet, dessen Bauherrin und Eigentümerin die Baugesellschaft Kurfürstenstraße AG war, eine Tochtergesellschaft der AG für Verkehrswesen.Baugesellschaft Kurfürstenstraße AG. In: Handbuch der deutschen Aktiengesellschaften, 37. Ausgabe 1932, Band 2, S. 1785. In diesem Gebäude hatten 16 Eisenbahngesellschaften des Lenz-Konzerns ihren Sitz, außerdem eine Eisenbahn-Versicherung, eine Wohnungsbaugesellschaft und eine Niederlassung der Bauunternehmung Dyckerhoff & Widmann.Berliner Adreßbuch 1930, IV. Teil, S. 554.

Nach der Umstrukturierung des AGV-Konzerns in den Jahren 1927–1929 erreichte der Umfang des Unternehmens Lenz & Co. im Jahr 1931 einen Höhepunkt mit einer Gesamtlänge der 30 Betriebsführungs-Strecken von 1118 km. Das war mehr als ein Viertel aller zum Einflussbereich der AGV gehörenden Bahnstrecken. Sie wurden durch Betriebsabteilungen in Berlin, Breslau und Halle verwaltet und nutzten die Werkstätten in Herzfelde und Jauer. Dieser Zustand änderte sich in den Jahren bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht wesentlich. Zum AGV-Konzern gehörten damals Bahnen im Gesamtumfang von 3475 km.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 blieben nur die drei Bahnen in Hessen und Schleswig-Holstein in der Verfügungsgewalt des Unternehmens. Ihre Betriebsführung wurde der Deutschen Eisenbahn-Gesellschaft übertragen. Das Unternehmen Lenz & Co. GmbH schied aus den Verkehrsaktivitäten der AG für Verkehrswesen aus. Ihm wurden Beteiligungen an Verbrauchermärkten übertragen, deren geschäftliche Entwicklung jedoch nicht den Erwartungen entsprach. Die Gesellschafterversammlung beschloss am 31. Dezember 1970, die Gesellschaft zu liquidieren.

Bahnstrecken Lenz & Co. baute und betrieb folgende Bahnen:

Mitteldeutschland Eisenbahn-Gesellschaft Mühlhausen-Ebeleben mit 25,6 km zum 1. Juni 1897 (27,3 km zum 20. März 1905) Halle-Hettstedter Eisenbahn-Gesellschaft mit 62,9 km zum 9. Januar 1895 Nauendorf-Gerlebogker Eisenbahn-Gesellschaft mit 15,2 km zum 18. Juli 1900 Strausberg-Herzfelder Kleinbahn AG mit 16,4 km zum 20. September 1896

Schlesien Bunzlauer Kleinbahn AG mit 60,3 km zum 10. April 1906 Eulengebirgsbahn AG mit 50,6 km zum 1. Juni 1900 Frankenstein-Münsterberg-Nimptscher Kreisbahn AG mit 49,9 km zum 1. November 1908 Görlitzer Kreisbahn AG mit 27,3 km zum 20. März 1905 Guhrauer Kreisbahn AG mit 46,7 km zum 25. September 1916 Kleinbahn-AG Grünberg–Sprottau mit 50,7 km zum 1. Oktober 1911 Kleinbahn AG Guttentag–Vosswalde mit 10,9 km zum 2. Dezember 1913 Kleinbahn AG Jauer–Maltsch mit 30,3 km zum 1. Oktober 1902 Kleinbahn AG Kohlfurt–Rothwasser mit 6,3 km zum 22. Oktober 1913 Kleinbahn-AG Lüben–Kotzenau mit 28,1 km zum 1. Oktober 1917 Kleinbahn Horka–Rothenburg–Priebus AG mit 25,7 km zum 15. Dezember 1907 Liegnitz-Rawitscher Eisenbahn-Gesellschaft mit 74,5 km zum 5. Februar 1898 Neisser Kreisbahn AG mit 39,7 km zum 5. Dezember 1911 Neustadt-Gogoliner Eisenbahn-Gesellschaft mit 41,6 km zum 22. Oktober 1896 Ohlauer Kleinbahn AG mit 29,7 km zum 1. Oktober 1910

Österreichisch Schlesien Staatsbahn Haugsdorf–Weidenau (für k.k. Staatsbahnen, grenzüberschreitend mit Neisser Kreisbahn) 1911–1918

Ostpreußen Elchniederungsbahn mit 53,2 km, ab 1902 Haffuferbahn mit 48,3 km, ab 1899 Insterburger Kleinbahnen mit 284,0 km, ab 1902 Königsberger Kleinbahn mit 58,5 km, ab 1900 Samlandbahn mit 47,0 km, ab 1900

Pommern und Mecklenburg Franzburger Kreisbahnen mit 67,2 km zum 4. Mai 1895, Betrieb bis 31. März 1910 Rügensche Kleinbahn mit 10,8 km zum 21. Juli 1895 Eisenbahn-Gesellschaft Greifswald-Grimmen mit 48,4 km zum 26. November 1896 AG Demminer Kleinbahnen mit 156,0 km zum 23. Januar 1897 Eisenbahn-Gesellschaft Stralsund-Tribsees mit 33,7 km zum 23. Dezember 1900 Mecklenburgische Bäderbahn AG mit 10,3 km zum 2. Juli 1925

Hessen und Schleswig-Holstein Alsener Kreisbahnen (AKrB) 1898 (stillgelegt 1933) Butzbach-Licher Eisenbahn-Gesellschaft AG mit 57,1 km zum 28. März 1904 Kiel-Schönberger Eisenbahn mit 24,1 km zum 7. Juli 1897 Kleinbahn Kiel–Segeberg mit 48,7 km zum 2. Dezember 1911 Ratzeburger Kleinbahn AG (Ratzeburg–Klein Thurow) mit 21,3 km zum 27. Juni 1903 (stillgelegt am 31. März 1934)

Rheinprovinz Euskirchener Kreisbahnen mit zunächst 10,2 km ab Herbst 1894 bis 1897

Fahrzeuge mini|Vierachsige Dampflok vom Typ ii für die Greifenberger Kleinbahn.