Scènes de la vie juive en Alsace (deutsch ,Szenen des jüdischen Lebens im Elsaß‘) ist der Titel eines Erzählwerks im Stile einer Dorfgeschichte von Auguste Widal, veröffentlicht 1860 unter dem Autorenpseudonym Daniel Steuben. Eine deutsche Übersetzung erschien 1986 unter dem Titel Eine Reise zu den Juden auf dem Lande. Die Erzählungen sind eine wichtige Quelle zur Lebenswirklichkeit der Juden im Elsass im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Es berichtet über das Leben in den jüdischen Gemeinden in elsässischen Dörfern und Kleinstädten. Zum Alltagsleben sind sonst – auch aus der vorangehenden Zeit – nur wenige Zeugnisse erhalten; die meisten Quellen beziehen sich auf Unterdrückung und Vertreibung.
Entstehung und Veröffentlichung Eine Vorform erschien 1849 bis 1853 in den Archives israélites de France als Artikelserie Lettres sur les mɶurs alsaciennes („Briefe über die elsässischen Bräuche“) unter dem Namen Auguste Widal. Diese Artikel wurden später in umgearbeiteter Form, unter Verzicht auf die Briefform, in der Revue des Deux Mondes von 1857 bis 1859 erneut veröffentlicht und um weitere Teile ergänzt, diesmal unter dem Namen Daniel Stauben. Der Titel lautete nun Scènes de la vie juive en Alsace („Szenen des jüdischen Lebens im Elsass“). 1860 wurde diese Neufassung noch einmal erweitert als Buch mit demselben Titel und Autornamen publiziert.
Auguste Widal stammte aus einer recht wohlhabenden jüdischen Familie 1822 in Wintzenheim.Maurice Samuels: Inventing the Israelite, 2010, S. 195. Als er seine Briefe für die Archives israélites schrieb, war er Rhetoriklehrer am Lycée Charlemagne. 1857 hatte er eine Professur für Literatur der Antike an der damaligen Universität Douai (heute Universität Lille) inne. Für die Veröffentlichungen in der Revue des Deux Mondes und die Buchfassung nutzte er das Pseudonym Daniel Stauben; vermutlich, weil er diese Texte von denjenigen absetzen wollte, die er im Laufe seiner akademischen Laufbahn als Literarhistoriker schrieb. Möglicherweise befürchtete er durch die Verbindung zu diesen Texten auch ungünstige Auswirkungen auf seine Universitätslaufbahn.Maurice Samuels: Inventing the Israelite, 2010, S. 197–198. Dasselbe Pseudonym verwendete er auch für seine Übersetzungen von Leopold Komperts Ghetto-Novellen: Scènes du ghetto (deutsches Original: Aus dem Ghetto. Geschichten, 1848) erschien 1859, Les juifs de la Bohème (deutsches Original: Böhmische Juden, 1851) kam 1860 heraus.
2019 erschien eine Neuausgabe, der ein Vorwort von Freddy Raphaël vorangestellt ist, das die Entstehungsgeschichte des Buchs thematisiert und eine Würdigung von Widals Werk bietet.mini|Scènes de la vie juive en Alsace, erste Seite des Abdrucks in der Revue des Deux Mondes, 1857
Aufbau
Vorwort In seinem „Avertissement“ betitelten Vorwort nennt der Autor als Auslöser seines Werks zwei Romane von George Sand, und zwar La Mare au Diable und François le Champi, die das „bäuerliche Leben“ im Berry ihrer Kindheit zum Thema haben und zum Bereich der „ländlichen Dichtung“ gehören. Er habe sich überlegt, dass die jüdischen Gemeinden im Elsass, in deren Schoß er selbst aufgewachsen sei, ein nicht minder interessantes Thema ergeben müssten. Dabei sei es ihm vor allem darum gegangen, der bereits im Schwinden begriffenen „antiquité judaïque contemporaine“, also dem zeitgenössischen jüdischen Altertum, ein Denkmal zu errichten.
Erster Teil Den Kern des Buchs, der in allen Phasen der Entstehungsgeschichte enthalten ist, bildet ein Reisebericht. Der Erzähler berichtet von einer Reise aus Paris in das Elsass, wo er die jüdischen Gemeinden aufsucht, in denen er seine Kindheit verbracht hat. Eingeladen wurde er von Vater Salomon (père Salomon) in Bollwiller. Er reist an einem Freitagnachmittag an, um Zeuge der Vorbereitungen zur Feier des Schabbat zu sein. Die ersten beiden Kapitel des Buches berichten von Freitagabend und Schabbat im Haus von Salomon.
Bei dieser Gelegenheit wird der Erzähler zur Hochzeit des Neffen seines Gastgebers eingeladen, die am folgenden Mittwoch in Wintzenheim angesetzt ist. Er beschreibt in den nächsten drei Kapiteln die Reise nach Wintzenheim und die dortigen Bräuche, Rituale und Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit. Einige Tage später stirbt der Bruder der Braut in Wintzenheim, und so erhält der Erzähler Gelegenheit, die Zeremonien rund um Tod, Begräbnis und Trauer in der jüdischen Gemeinde mitzuerleben und aufzuzeichnen (6. Kapitel).
Diesen Reisebericht, der den ersten Teil der Buchfassung von 1860 ausmacht, datiert der Erzähler auf Anfang November 1856. Da die Ereignisse aber bereits in den Lettres sur les mœurs alsaciennes geschildert werden, die in den Jahren 1849 bis 1853 veröffentlicht wurden, ist diese Datierung offensichtlich fiktiv.Maurice Samuels: Inventing the Israelite. Jewish Fiction in Nineteenth-Century France. Stanford University Press, Stanford 2010, S. 198.
Insgesamt ist der Text der Scènes juives in „hybrider Form“ abgefasst, denn der Reisebericht in der ersten Person wechselt ab mit eingeschobenen fiktionalen Erzählungen, die entweder von den geschilderten Personen oder vom Erzähler selbst vorgetragen werden.Maurice Samuels: Inventing the Israelite. Jewish Fiction in Nineteenth-Century France. Stanford University Press, Stanford 2010, S. 193. Das gilt etwa im ersten Teil für die von père Samuel erzählte „Hexengeschichte“ (histoire de sorciers),Daniel Stauben: Scènes de la vie juive en Alsace, Paris 1860, S. 36, Übersetzung Alain Claude Sulzer, in: Eine Reise zu den Juden auf dem Lande, S. 28. die den größten Teil des zweiten Kapitels einnimmt.
Zweiter Teil Bereits in der Fassung für die Revue des Deux Mondes schließt sich ein zweiter Teil an, der die jüdischen Frühlings- und Herbstfeste beschreibt (Les fêtes juives du printemps et de l’automne), nämlich Pessach, Schawuot (die Frühlingsfeste mit Bezug zu den christlichen Feiertagen Ostern und Pfingsten), Rosch ha-Schana, Jom Kippur und Sukkot (die Herbstfeste, also das jüdische Neujahrsfest, das Versöhnungsfest und das Laubhüttenfest). Auch dieser Teil ist in Form von Reiseberichten verfasst, und zu den Reisen hat der Erzähler wieder Einladungen erhalten. So verbringt er Pessach im Frühling 1858 wieder bei Vater Salomon in Bollwiller und Schawuot sieben Wochen später in Biesheim bei einem „alten Freund meiner Familie“. Rosch ha-Schana und Jom Kippur erlebt er in Wintzenheim, und zum Laubhüttenfest nimmt er eine Einladung aus Hegenheim an. Hier verlobt sich der Sohn von père Salomon mit der Tochter des dortigen Gastgebers.
Dritter Teil Ein dritter Teil, benannt „Die jüdischen Winterfeste“ (Les fêtes juives de l’hiver), der offenbar erst für die Buchfassung geschrieben wurde, löst sich völlig aus dem Rahmen der Reiseerzählung. Der Erzähler möchte hier, „um diese Sittenbilder so vollständig wie möglich zu zeichnen, dem Leser zwei weitere jüdische Feste zur Kenntnis bringen“.Daniel Stauben: Scènes de la vie juive en Alsace, Paris 1860, S. 195, Übersetzung Alain Claude Sulzer, in: Eine Reise zu den Juden auf dem Lande, S. 136. Es handelt sich um Purim und Chanukka. Hier tritt der Erzähler nur mehr in Wir-Form auf, es werden keine Bekannten, Einladungen oder überhaupt konkrete Personen benannt, abgesehen von einer Kindheitserinnerung auf den letzten Seiten. Damit schließen die Scènes de la vie juive en Alsace, was durch die Zeile „Fin des Scènes de la vie juive“ am Fuß der Seite markiert wird.
Anhänge Das Buch enthält nach dieser Zeile aber noch drei Anhänge: eine „Skizze der ländlichen Poesie in der Bibel“ (Esquisse sur la poésie pastorale dans la bible), die das Buch Rut und das Hohelied behandelt, eine Biografie und Würdigung von Ludwig Wihl, einem deutschen Juden und Poeten, den der Autor sehr schätzt, und ein Porträt eines jüdischen Moralisten (moraliste israélite), Godchaux Weil bzw. G. Ben Lévi, der Les Matinées du Samedi verfasst hat, ein Lehrbuch zur „moralischen und religiösen Erziehung für die jüdische Jugend“. Zwei der Anhänge sind als Extrakte aus Zeitschriftenveröffentlichungen Widals ausgewiesen, die Skizze der ländlichen Poesie aus dem kurzlebigen Journal L’Ami des Israélites (Strasbourg 1848), das Porträt von Weil aus den Archives israélites de France (1859). Die Biografie Ludwig Wihls ist neu geschrieben und auf den Dezember 1859 datiert.
Inhalt Das Buch setzt ein mit einer Beschreibung des Lebens der jüdischen Gemeinde in Bollwiller, im Südelsass zwischen Colmar und Mülhausen, ca. 25 km von Wintzenheim entfernt. Später werden auch andere, jedoch durchweg kleine Orte zum Schauplatz: Wintzenheim, Biesheim, Hegenheim. Staubens Beschreibungen sind, wie Freddy Raphaêl anmerkt, „äußerst präzise“ und können als ethnographische Arbeit verstanden werden.Freddy Raphaël: Daniel Stauben, un témoin-visionnaire de la culture populaire des Juifs d’Alsace. In: Revue des Sciences Sociales, Nr. 33, 2005, S. 150–153, hier: S. 151. Dabei geht es gemäß Arnold Eisen in erster Linie um Rituale, Bräuche und Praktiken, um Essen und Gegenstände, auch sehr häufig um übersinnliche Geistergeschichten; der jüdische Glaube spielt eine relativ kleine Rolle. „Liest man Staubens Bericht […], so könnte man sich fragen, woran denn die elsässischen Juden wohl glaubten, außer an Geister. Stauben selbst erzählt es uns meistens einfach nicht.“Arnold M. Eisen: Rethinking Modern Judaism: Ritual, Commandment, Community. University of Chicago Press, Chicago 1998, S. 161; Hervorhebung im Original. Maurice Samuels fasst es so zusammen: Stauben „betritt selten eine Synagoge, er konzentriert sich lieber auf die Art und Weise, wie Festtage in den Familien gefeiert werden.“Maurice Samuels: Inventing the Israelite. Jewish Fiction in Nineteenth-Century France. Stanford University Press, Stanford 2010, S. 199.
Das Leben der Juden war sehr traditionell und ihnen war bewusst, dass ihre nichtjüdischen Nachbarn „fortschrittlicher“ waren. Die Juden sprachen wenig oder kein Französisch, die offizielle Sprache im Elsass. Stattdessen sprachen sie einen westjiddischen Dialekt, bestehend aus altertümlichen Formen des Mittelhochdeutschen bzw. Elsässischen, gemischt mit hebräisch-aramäischen Wörtern aus dem Tanach. Bei offiziellen Anlässen begrüßten sie sich mit Shalom Aleichem („Friede sei mit dir“). Die Juden selbst bezeichneten ihre Sprache als Hebräisch.
Der Schabbat war ein wichtiger Tag der Woche, am Freitagabend kam die Familie zusammen, um ihn zu feiern. Am Samstag besuchte man die Synagoge. In kleinen Orten ohne Synagoge kamen mindestens 10 erwachsene Männer, älter als 13 Jahre, genannt Minjan, zusammen, um zu beten. Wohlhabende Juden hielten sich einen „Schabbesgoi“, einen Nicht-Juden, der die Arbeiten wie Feuer machen, die ihnen am Schabbat untersagt waren, ausführte. Die Juden selbst nannten sich zu dieser Zeit bereits „Israeliten“, und Israel bezeichnete meist die Gemeinschaft der Juden, nicht das Land.
Während der langen Winterabende erzählte man sich Geschichten von Geistern und Dämonen und wie man ihnen begegnete, so dass sie keinen Schaden anrichten können. Der Hintergrund dieser Geschichten war einerseits die Armut, andererseits die gegenseitige Hilfe der jüdischen Gemeinde. Ein weiteres beliebtes Thema waren Geschichten aus der „Guten Alten Zeit“ der jüdischen Gemeinden in Worms und Frankfurt sowie Geschichten über den wundertätigen Rabbi Judah Löw in Prag.
Zu dieser Zeit waren einige jüdische Familien zu Wohlstand gekommen und waren wichtige Kunden der örtlichen Bauern. Ebenfalls konnten die Juden erstmals Land erwerben und begannen selbst als Bauern ihr Land zu bewirtschaften. In den Dörfern mit jüdischer Gemeinde gab es oft einige sehr arme Juden, die aus Osteuropa vor den Pogromen geflohen waren und jetzt von den Zuwendungen der ansässigen Juden lebten.