Leben und Schicksal () ist ein Roman von Wassili Grossman.
Das Manuskript wurde 1960 fertiggestellt, aber erst 1980 im Ausland veröffentlicht, da es in der Sowjetunion verboten war. Der Roman schildert das Schicksal zahlreicher Figuren zur Zeit der Schlacht von Stalingrad im Zweiten Weltkrieg und gilt als Fortsetzung von Grossmans früherem Roman Stalingrad (auch Für eine gerechte Sache genannt), mit dem es eine Dilogie bildet. Im Mittelpunkt steht ein humanistischer Grundton: Trotz der Darstellungen von Krieg und Totalitarismus (Nationalsozialismus wie Stalinismus) betont der Roman die Würde und moralische Kraft des einzelnen Menschen.
Grossman entfaltet in Leben und Schicksal ein breites Panorama des Lebens in der Sowjetunion während der entscheidenden Phase des Zweiten Weltkriegs. Der Roman vereint Frontgeschehen und Heimatfront, persönliche Schicksale und historische Ereignisse. Die Handlung kreist um die Familie Schaposchnikow und ihr Umfeld, darunter Soldaten in Stalingrad, Zivilisten, Wissenschaftler und Gefangene in Lagern. Grossmans Erzählung verbindet eindringliche Kampfszenen, intime Familiengeschichten und philosophische Reflexionen. Aufgrund seiner unverblümten Kritik an beiden totalitären Systemen seiner Zeit konnte das Werk in der Sowjetunion jahrzehntelang nicht erscheinen. Heute wird Leben und Schicksal international als Meisterwerk der Weltliteratur gewürdigt und als „Jahrhundertroman“ bezeichnet.
Inhaltsangabe Der Roman spielt in den Jahren 1942–1943 und umfasst zahlreiche miteinander verwobene Handlungsstränge. Im Zentrum steht die Schlacht um Stalingrad, die symbolisch für den Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs steht. Grossman beleuchtet sowohl die sowjetische als auch die deutsche Seite der Front sowie das Leben der Zivilbevölkerung unter den Extremen von Krieg und Diktatur.
Eine Schlüsselfigur ist Wiktor Pawlowitsch Strum, ein jüdischer Physiker, der mit seiner Frau Ljudmila (geb. Schaposchnikowa) und Tochter in Kuibyschew und Moskau lebt. Wiktor arbeitet an einer wichtigen wissenschaftlichen Entdeckung (in der Kernphysik) und ringt zugleich mit seiner Identität und seinem Gewissen unter dem stalinistischen Regime. Er erfährt von der Ermordung seiner Mutter Anna Semjonowna Strum durch die deutschen Besatzer in einem Ghetto – ihr herzzerreißender Abschiedsbrief an ihn ist ein zentrales Element des Romans. Diese Nachricht stürzt Wiktor in tiefe Verzweiflung, verstärkt durch den allgegenwärtigen Antisemitismus und politischen Druck in Moskau. Zeitweise gerät er beruflich ins Abseits, da seine Forschung als „jüdisch-bürgerlich“ diffamiert wird. Doch nach Stalingrad wendet sich das Blatt: Die Partei sucht wissenschaftliche Erfolge, und Wiktor erhält plötzlich Anerkennung bis hin zu einem persönlichen Telefonat Stalins. Gleichzeitig wird er gedrängt, einen Loyalitätsbrief zu unterzeichnen, der unschuldige Kollegen denunziert – ein schweres moralisches Dilemma, an dem sich sein innerer Konflikt zwischen moralischer Integrität und Überlebenswille zuspitzt.
Parallel dazu erzählt der Roman die Geschichte der Schaposchnikow-Familie, zu der Wiktors Schwägerin Jewgenija Nikolajewna (Genja) gehört. Jewgenija ist die schöne, willensstarke zweite Tochter der alten Alexandra Wladimirowna Schaposchnikowa. Zu Beginn ist Jewgenija aus Sicherheitsgründen nach Kuibyschew evakuiert, da ihr geschiedener Mann Nikolaj Grigorjewitsch Krymow in Stalingrad als politischer Kommissar dient. Jewgenija lebt nun in einer Beziehung mit Pjotr Pawlowitsch Nowikow, einem jungen Oberst und Panzerkommandeur, der vor der Schlacht um Stalingrad steht. Sie liebt Nowikow, wird aber von der Sorge um ihren Ex-Mann Krymow und ihre Familie geplagt. Schließlich entschließt sie sich, ins umkämpfte Stalingrad zu reisen, um Nowikow zu sehen. In Stalingrad erlebt Jewgenija die Zerstörung und den Kampf hautnah mit, was Grossman nutzt, um die Schrecken des Krieges aus Zivilistensicht zu zeigen.
Oberst Nowikow führt während der Schlacht ein sowjetisches Panzerkorps und kämpft tapfer an vorderster Front. Unter seinem Kommando stehen unter anderem sein Adjutant Major Werschkow und mehrere furchtlose Offiziere. Nowikow ist ein fähiger und fürsorglicher Befehlshaber, der sich um seine Soldaten kümmert. Er beteiligt sich maßgeblich an der Einkesselung der deutschen 6. Armee in Stalingrad. Doch trotz seines militärischen Erfolges gerät Nowikow später in politische Ungnade: Nach dem Sieg von Stalingrad wird er von intriganten Vorgesetzten (wie Generalgetreuen der Partei) verdächtigt, was andeutet, dass selbst Heldentaten keinen dauerhaften Schutz vor der Willkür des Regimes bieten.
Ein weiterer Handlungsstrang spielt in einem berühmten Verteidigungsstützpunkt innerhalb der zerstörten Stadt, dem Haus „6/1“. Dort haben sich einige versprengte Rotarmisten unter dem charismatischen Unteroffizier Dmitriewitsch Grekow verschanzt. Grekows kleine Einheit – darunter Soldaten wie Batrakow, Subarjow und der junge Serjoscha Schaposchnikow (ein Neffe Jewgenijas) – hält trotz Hunger, Kälte und ständigem Beschuss verbissen eine Ruine gegen die deutschen Angreifer. Das „Haus 6/1“ steht emblematisch für den heldenhaften Widerstand in Stalingrad. Katja Wengrowa, eine Funkerin, hält die Verbindung zur Außenwelt. In diesen bedrängten Szenen zeigt Grossman den Mut einfacher Soldaten, ihre Kameradschaft und Opferbereitschaft, während ringsum die Stadt in Trümmern liegt. Letztlich werden Grekow und seine Leute von der Offensive der Roten Armee entsetzt überrascht – sie haben so lange isoliert ausgehalten, dass sie gar nicht wissen, dass die Sowjets inzwischen zum Gegenangriff übergegangen sind. Grekows Trupp wird befreit, doch viele haben ihr Leben in den Ruinen gelassen.
Auf deutscher Seite verfolgt der Roman Figuren innerhalb der eingeschlossenen 6. Armee. Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, der Oberbefehlshaber, und sein Stab – etwa sein Adjutant Oberst Adam und sein Chef des Stabes Generalmajor Schmidt – werden gezeigt, wie sie im Hauptquartier ausharren. Grossman zeichnet ein Bild ihrer Zerrissenheit zwischen Befehlen aus Berlin und der hoffnungslosen Lage in Stalingrad. Einige deutsche Offiziere, wie ein fiktiver Leutnant Peter Bach, erleben die brutale Straßenkampf-Realität und die Desillusionierung angesichts der bevorstehenden Niederlage. Mit der Kapitulation der Deutschen in Stalingrad Anfang 1943 endet dieser Abschnitt: Paulus geht in Kriegsgefangenschaft, während Tausende seiner Soldaten elend zugrunde gehen.
Eindringlich stellt der Roman auch das Schicksal von Kriegsgefangenen und Lagerinsassen dar. In einem deutschen Konzentrationslager (in der Nähe von Stalingrad) sitzt der alte Bolschewik Michail Sidorowitsch Mostowskoi als sowjetischer Kriegsgefangener ein. Mostowskoi hatte die Belagerung Stalingrads miterlebt, wurde gefangen genommen und muss nun als Häftling miterleben, wie die Nazis systematisch Menschen quälen und ermorden. Grossman nutzt Mostowskoi für tiefgehende ideologische Reflexionen: Der überzeugte Kommunist wird vom Lagerkommandanten, SS-Sturmbannführer Liss, in zynische Gespräche verwickelt. Liss versucht Mostowskoi davon zu überzeugen, dass Nationalsozialismus und Bolschewismus eigentlich zwei Seiten derselben Medaille seien. Mostowskoi sträubt sich innerlich gegen diesen Gedanken, doch er muss sich der grausamen Realität stellen. Im Lager begegnet Mostowskoi auch dem abgemagerten, demütigen Ikonnikow, einem ehemaligen Bauingenieur, der als „Latrinenwärter“ durch seine Güte auffällt. Ikonnikow ist ein einfacher Christ und Humanist, der an keine Ideologie mehr glaubt. Er schreibt im Lager eine heimliche Denkschrift, in der er die „kleine menschliche Güte“ als unzerstörbare Kraft preist. Für diese Überzeugung wird Ikonnikow schließlich von den Nazis erschossen – seine Aufzeichnungen bleiben jedoch als Vermächtnis zurück.
Eine der bewegendsten Episoden des Romans schildert den Transport jüdischer Zivilisten in ein Vernichtungslager. Sofja Ossipowna Lewinton, eine mit der Familie Strum befreundete jüdische Ärztin, befindet sich in einem Viehwaggon auf dem Weg in die Gaskammer. Im Zug nimmt sie sich des kleinen Waisenjungen Dawid an. Im Konzentrationslager werden Sofja und Dawid zusammen in die Gaskammer geschickt. In Grossmans einfühlsamem, erschütterndem Kapitel über ihren Tod hält Sofja bis zuletzt Dawids Hand und tröstet ihn – ein letzter Akt menschlicher Liebe im Angesicht des Grauens. Dieses Opfer stellt einen emotionalen Höhepunkt dar und verkörpert die zentrale Botschaft des Romans: die triumphierende Menschlichkeit selbst in der unmenschlichsten Umgebung.
Auch das Schicksal derjenigen, die dem eigenen Terrorregime ausgeliefert sind, wird beleuchtet. Nikolaj Krymow, der als Kommissar in Stalingrad zunächst die Kampfmoral stärkt, gerät nach seiner Rückkehr nach Moskau selbst in die Mühlen des stalinistischen Sicherheitsapparats. Aufgrund haltloser Verdächtigungen – im Roman vermittelt durch einen opportunistischen Parteifunktionär Getmanow – wird Krymow verhaftet und als vermeintlicher Abweichler verhört. Er landet im berüchtigten Lubjanka-Gefängnis in Moskau, wo er mit anderen Gefangenen eingesperrt ist. In seiner Zelle durchlebt Krymow bittere Stunden der Selbsterkenntnis: Der gläubige Kommunist muss erkennen, dass die Revolution, der er sein Leben gewidmet hat, ihre eigenen Kinder frisst. Gebrochen, aber nicht völlig hoffnungslos, harrt Krymow in Haft aus – sein weiteres Schicksal bleibt ungewiss. Ein weiteres Opfer des Regimes ist Abartschuk, Ljudmilas erster Ehemann und Vater ihres gefallenen Sohnes Tolja. Er war bereits vor dem Krieg als vermeintlicher „Volksfeind“ ins Gulag verschleppt worden. Abartschuk bleibt auch in der Lagerhaft ein fanatischer Stalinist, unfähig anzuerkennen, dass er vom eigenen System zerstört wurde – auch das ein tragisches Paradox.
Am Ende des Romans sind die Schlacht von Stalingrad und die deutschen Vernichtungslager überlebt oder überstanden, doch die Schicksale der Überlebenden stehen weiterhin im Zeichen der Diktatur. Wiktor Strum erhält zwar Anerkennung für seine Forschungen, doch er gibt seinem Gewissen nach und unterzeichnet letztlich den geforderten Brief zur Denunzierung anderer – eine Kapitulation vor dem Druck der Partei. Jewgenija entscheidet sich, zu Wiktor zurückzukehren, da Nowikow wegen politischer Intrigen kaltgestellt wird. Krymow bleibt in Haft, ungewiss, ob er das Terrorregime überleben wird. Trotzdem endet der Roman nicht gänzlich trostlos: Grossman schließt mit einem leisen Hoffnungsschimmer, verankert in den einfachen menschlichen Bindungen. Die Liebe, die Freundschaft und die Güte einzelner Menschen – so klein sie im großen Kriegsgeschehen erscheinen mögen – erweisen sich als unzerstörbar. Diese humanistische Botschaft bildet den Kontrapunkt zu den titanenhaften Kräften von „Leben“ (Überleben, Weiterleben) und „Schicksal“ (historische Determination), die im Romantitel benannt sind.
Wichtige Figuren