mini|hochkant|Mahnmal an der Stelle des ehemaligen Aspangbahnhofs Die Liste der Deportationszüge ab Wien Aspangbahnhof 1939–1942 führt alle Züge auf, mit denen in den Jahren 1939 bis 1942 mehr als 45.000 Männer, Frauen und Kinder jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft vom Aspangbahnhof in Wien in Ghettos und Konzentrationslager in Mittel- und Osteuropa deportiert wurden. Nur wenige überlebten, die meisten wurden ermordet oder starben an den unmenschlichen Haft- und Transportbedingungen.

Hintergrund

Vor dem „Anschluss“ im März 1938 hatten die Israelitischen Kultusgemeinden in Österreich 181.882 Mitglieder, davon 167.249 in Wien. Nach den Definitionen der Nürnberger Gesetze, die mit einer Verordnung vom 20. Mai 1938 auch im annektierten Österreich Gültigkeit erlangten,Verordnung über die Einführung der Nürnberger Rassengesetze für das Land Österreich., DRGBl I 1938/594, online auf ns-quellen.at. galten etwa 201.000 Personen als jüdisch, etwa 90 % davon in Wien.

Unmittelbar nach dem Anschluss war die jüdische Bevölkerung Österreichs schweren Repressalien ausgesetzt. Die von Adolf Eichmann geleitete Zentralstelle für jüdische Auswanderung organisierte die zwangsweise Emigration von Juden, denen aber zahlreiche bürokratische Hindernisse in den Weg gelegt wurden, um ihnen ihr Vermögen abzupressen. Bis Oktober 1941 konnten mehr als 130.000 Menschen flüchten.

Nach den anfänglichen deutschen Erfolgen im Zweiten Weltkrieg und der Eroberung und Besetzung großer Gebiete in Osteuropa konnten Umsiedlungspläne der NS-Führung nunmehr durchgeführt werden, wobei „Umsiedlung“ hier weitgehend mit Vernichtung gleichzusetzen ist.

Allgemeines zu den Transporten

mini|Der Aspangbahnhof um 1905

Die bereits aus ihren Wohnungen vertriebenen Juden mussten großteils in überfüllten „Sammelwohnungen“ leben.Michaela Raggam-Blesch: „Sammelwohnungen“ für Jüdinnen und Juden als Zwischenstation vor der Deportation, Wien 1938–1942. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Forschungen zu Vertreibung und Holocaust, Wien 2018, online. Von dort wurden die zu deportierenden Personen in sogenannten „Aushebungen“ von der SS unter der erzwungenen Mithilfe von jüdischen Ordnern in Sammellager verbracht. Es gab vier Sammellager, alle im zweiten Wiener Gemeindebezirk Leopoldstadt gelegen: Castellezgasse 35 (Zwi-Perez-Chajes-Schule), Kleine Sperlgasse 2a, Malzgasse 7 und Malzgasse 16. Nach einem Aufenthalt von meist nur wenigen Tagen erfolgte der Transport zum Aspangbahnhof.

Der Aspangbahnhof war der kleinste und am wenigsten frequentierte der Wiener Kopfbahnhöfe. Vermutlich wurde dieser Bahnhof gewählt, um den sonstigen, oft kriegswichtigen Bahnverkehr möglichst wenig zu beeinträchtigen und wenig Aufsehen zu erregen. Die Deportationen wurden allerdings keineswegs geheim gehalten: die Deportierten wurden bei Tage auf offenen Lastwagen von den Sammellagern zum Bahnhof gebracht und waren dabei oft Anpöbelungen von Passanten ausgesetzt. Die Zugsfahrt erfolgte unter Bewachung durch die Schutzpolizei ab Wien in Passagierwaggons, wobei in etlichen Fällen die Deportierten unterwegs in Viehwaggons umsteigen mussten, etwa in Wolkowysk auf dem Weg nach Minsk. Oft musste auch noch ein Fußmarsch zurückgelegt werden, etwa vom Bahnhof Bohušovice ins Ghetto Theresienstadt. In Theresienstadt kamen die Deportierten am Tag nach der Abfahrt an, die Fahrt nach Riga dauerte bis zu einer Woche.

Liste

Die Deportationen sind durch die Aufzeichnungen der Nazi-Bürokratie und die Aufarbeitung durch Organisationen wie das Arolsen-Archiv, das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und Yad Vashem gut dokumentiert.

Das Transportverzeichnis im Arolsen-Archiv ist unter der Transportnummer verlinkt. Bei den Namen der Deportierten steht die Nummer in diesem Verzeichnis in Klammer.

Frühe Deportationen nach Nisko

Transport Nr. Datum Abfahrt Route / Zielbahnhof Anzahl Deportierte Anmerkungen Bekannte Opfer Eintrag bei Yad Vashem Ohne Nr. 20. Oktober 1939 Nisko 912 Ursprünglich war die Deportation von 1005 Personen geplant. Hans Baumann, Kaufmann6970463 Ohne Nr. 26. Oktober 1939 Nisko 665 6972598

Für November 1939 war noch ein dritter Transport geplant. Die zu Deportierenden – nunmehr auch Frauen und Kinder – wurden im Obdachlosenheim in der Gänsbachergasse 3 in Wien-Landstraße interniert und erst nach der endgültigen Aufgabe des Nisko-Plans im Februar 1940 entlassen.

Deportationen in polnische Kleinstädte

Anfang 1941 erfolgten fünf Transporte in polnische Kleinstädte. Die bereits überfüllten Ghettos waren für die Aufnahme von Tausenden Personen nicht gerüstet. Die Versorgungslage und die hygienischen Zustände waren katastrophal und die Sterblichkeit sehr hoch.

Nach dem Beginn der Aktion Reinhardt wurden die Deportierten zwischen August und Oktober 1942 aus den Ghettos in Vernichtungslager überstellt oder an Ort und Stelle ermordet. Von den nach Opole Deportierten überlebten 79 bis zum Kriegsende; aus Kielce sind 21 Überlebende namentlich bekannt, aus Modliborzyce 13 und aus Opatów 16.

Transport Nr. Datum Abfahrt Route / Zielbahnhof Anzahl Deportierte Anmerkungen Bekannte Opfer Eintrag bei Yad Vashem 1 15. Februar 1941 Opole 1001 6983149 2 19. Februar 1941 Kielce 1005 Gertrude Zeisler (934), Verfasserin von Briefen über die Lebensumstände im Ghetto Kielce6991603 3 26. Februar 1941 Opole 1005 6991401 4 5. März 1941 Modliborzyce 999 6996699 5 12. März 1941 Łagów/Opatów 992 6996808 13406689

Deportationen nach Łódź („Ghetto Litzmannstadt“)

Transport Datum Abfahrt Route / Zielbahnhof Anzahl Deportierte AnmerkungenBekannte Opfer Eintrag bei Yad Vashem 6 15. Oktober 1941 Łódź 1000 Erster Transport nach der Unterbrechung der Deportationen wegen der Vorbereitungen des Balkanfeldzuges und des Überfalls auf die Sowjetunion. 6992973 7 19. Oktober 1941 Łódź 1000 Max Fenichel (845), Fotograf6993125 8 23. Oktober 1941 Łódź 1000 Paul Goldberger (217), Fußballspieler Irene Jerusalem (456), Lehrerin 6993125 9 28. Oktober 1941 Łódź 999 Alfred Bass (787), Arzt Samuel Morgenstern (349), Geschäftsmann, Geschäftspartner Adolf Hitlers Viktor Robitsek (748), Geiger, Mitglied der Wiener Philharmoniker Alexander Solomonica (362), Schriftsteller6999328 10 2. November 1941 Łódź 1000 Emanuel Farkas (676), Lyriker und Maler6999434

Deportationen in das „Reichskommissariat Ostland“ und nach Izbica

Transport Datum Abfahrt Route / Zielbahnhof Anzahl Deportierte Anmerkungen Bekannte Opfer Eintrag bei Yad Vashem 11 23. November 1941 Kaunas 1000 Erster Transport in das „Reichskommissariat Ostland.“ Die Deportierten wurden am 29. November 1941 im IX. Fort ermordet. Friedrich Schön (977), Architekt, und seine Tochter Klara Schön (978)7034647 12 28. November 1941 Minsk 1000 Hugo Theodor Horwitz (374), Kultur- und Technikhistoriker, und seine Frau Marianne (375) Ida Jenbach (Jakobovits) (619), Schauspielerin, Drehbuchautorin und Journalistin7003403 13 3. Dezember 1941 Jungfernhof bei Riga 1000 7035816 14 11. Januar 1942 Riga 1000 Henriette Amalie Lieser (736), Mäzenin Marianne Stein (966), Anatomin und Sozialmedizinerin7038961 15 26. Januar 1942 Riga 1200 Helene Bader (1142), Erzieherin und Individualpsychologin7039110 16 6. Februar 1942 Riga 1000 Gertrude Schneider (871), Historikerin und Zeitzeugin Siegmund Bosel (529), Großkaufmann und Bankier Samuel Amster (427), Kaufmann7039110 17 9. April 1942 Izbica 1000 Siegfried Bauer (754), Bildhauer Robert Gerngroß (889), Verwaltungsrat des Kaufhaus Gerngross Ella Iranyi (861), Grafikerin und Malerin Paula Santa geb. Heller (784), Opernsängerin Marianne Schmidl (589), Ethnologin und Bibliothekarin Helene von Taussig (942), Malerin Amalie Zuckerkandl (14), von Gustav Klimt porträtiert, und ihre Tochter Nora Stiasny (15) 7039533 18 27. April 1942 Włodawa 1000 Wilhelm Drill (303), Arzt Robert Müller (597), Filmverleiher und -produzent7045132 19 6. Mai 1942 Minsk/Maly Trostinez 1000 Norbert Jokl (82), Albanologe7035316 20 12. Mai 1942 Izbica 1000 Zwischen Juni und Oktober 1942 wurden die meisten Deportierten im Vernichtungslager Belzec ermordet. Von den 1000 Deportierten des Transportes 20 überlebte kein einziger. Emil Singer (198), Maler und Radierer7045902 21 15. Mai 1942 Izbica 1001 Ernst Bachrich (297), Komponist und Dirigent 7045918 22 20. Mai 1942 Minsk/Maly Trostinez 1000 Melanie Adler (163), Ärztin und Nachlassverwalterin des Musikwissenschaftlers Guido Adler Elsa Bienenfeld (727), Musikwissenschaftlerin Rudolf Gomperz (989), Fremdenverkehrs- und Wintersportpionier Marianne Saxl-Deutsch (593), Malerin und Grafikerin7047945 23 27. Mai 1942 Minsk/Maly Trostinez 1000 Grete Forst-Schuschny (335), Sopranistin Lili Grün (383), Schriftstellerin Alma Johanna Koenig-Ehrenfels (346), Lyrikerin und Erzählerin7052829 24 2. Juni 1942 Minsk/Maly Trostinez 1000 Julius Klinger (979), Grafiker und Illustrator7052074 25 5. Juni 1942 Izbica 1000 Sofie Korner (905), Malerin und Grafikerin Samuel Meisels (999), Schriftsteller7046289 26 9. Juni 1942 Minsk/Maly Trostinez 1000 Eugenie Fink (286), Lyrikerin Elfriede Grünberg (767), Schülerin7053388

Deportationen in Vernichtungslager und ins Ghetto Theresienstadt

Transport Datum Abfahrt Route / Zielbahnhof Anzahl Deportierte Anmerkungen Bekannte Opfer Eintrag bei Yad Vashem 27 14. Juni 1942 Lublin/Sobibor 1000 In Lublin wurden 51 arbeitsfähige Männer selektiert und ins Konzentrationslager Majdanek gebracht. Die anderen wurden weiter nach Sobibor transportiert, wo der Transport an den Lagerkommandanten Franz Stangl übergeben wurde. Alle Deportierten wurden unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Else Feldmann (959), Schriftstellerin und Journalistin Eugenie Goldstern (520), Ethnologin Otto Herschmann (803), Sportler Philipp Silber (405), Komponist 7046541 28 20. Juni 1942 Theresienstadt 1001 Elkan Bauer (480), Komponist Salomon Kohn (834), Fotograf und Verleger, Vater von Walter Kohn Hedwig (529) und Victor Hammerschlag (528), Arzt; Eltern von Peter Hammerschlag 6956612 29 28. Juni 1942 Theresienstadt 1005 Marie Freud (946), Esther Adolfine Freud (947) und Pauline Winternitz (936): Schwestern von Sigmund Freud Salome Goldman (729), Pädagogin Margarete Hilferding (559), Lehrerin, Ärztin und Psychologin Gisela Januszewska (219), Ärztin Alfred Tauber (621), Mathematiker 6956965 30 10. Juli 1942 Theresienstadt 1000 In der Transportliste als „Transport von alten und siechen Juden“ bezeichnet. Ernst Arndt (136), Schauspieler Fanny Freund-Marcus (608), Publizistin Heinrich Rauchinger (88), Porträtmaler Gisela Rottonara (927), Malerin 6957070 31 14. Juli 1942 Theresienstadt 1001 Moriz Glattauer (541), Geiger und Mitglied der Wiener Philharmoniker, und seine Frau Anna Glattauer (542) Josefine Winter (409), Malerin, Komponistin und Schriftstellerin6957159 32 17. Juli 1942 Auschwitz 1000 Peter Hammerschlag (160), Dichter und Kabarettist 7085325 33 22. Juli 1942 Theresienstadt 1000 Flora Biach (337), Kunsthistorikerin Paul Hasterlik (576), Arzt, Schwiegervater von Heimito von Doderer Isidor Ingwer (637), Jurist 6957657 34 28. Juli 1942 Theresienstadt 999 Eduard Fahn (977), Arzt in Stadlau Leopold (365) und Laura Gatner (366), Holzhändler, Eltern von Franziska Tausig und Großeltern von Otto Tausig Armin Springer (418), Schauspieler und Komiker Louis Treumann (983), Schauspieler, und seine Frau Stefanie (984) 6957669 35 13. August 1942 Theresienstadt 999 Stephan Brassloff (894), Rechtshistoriker Ludwig Brügel (692), Journalist und Historiker Leopold Jacobson (849), Schriftsteller Louis Taufstein (239), Schriftsteller 6958027 36 17. August 1942 Minsk/Maly Trostinez 1000 Hedy Blum (780), Schülerin, und ihre Mutter Sidonie (779) 7053541 37 20. August 1942 Theresienstadt 1000 Hans David Elkan (425), Lehrer und Philosoph6958868 38 27. August 1942 Theresienstadt 1000 Leo Grünstein (13), Kunsthistoriker Rosa Graf (990), Schwester von Sigmund Freud Ludwig Gutmann (6), Fotograf