mini|Liliane Lijn, 2025 Liliane Lijn (* 22. Dezember 1939 in New York) ist eine amerikanische Künstlerin, die als Pionierin der Verbindung von Kunst, Wissenschaft und Technologie gilt. Ihr Werk, das von ihrer multikulturellen Kindheit und den Einflüssen des Surrealismus geprägt ist, umfasst kinetische Skulpturen, Lichtinstallationen und experimentelle Arbeiten mit Sprache. Lijn war eine der ersten Künstlerinnen, die Elektromotoren, Licht und Text in der Kunst einsetzten. Ihre Arbeiten thematisieren Energie, Bewegung sowie feministische Fragestellungen.

Leben Liliane Lijn wurde 1939 als erstes von zwei Kindern in New York geboren, vier Monate nachdem ihre Mutter und Großmutter mit dem Boot aus Antwerpen gekommen waren. Lijns Eltern, Herman Segall und Helena Nuischa Kustanowicz, stammten aus russisch-jüdischen Familien und hatten sich bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Amerika niedergelassen.

Laut eigenen Angaben wuchs Lijn mit sechs Sprachen auf. Die Eltern unterhielten sich hauptsächlich auf Deutsch, während ihre Mutter mit ihrer eigenen Mutter, die im selben Haushalt lebte, Polnisch sprach. Ihr Vater hingegen pflegte mit ihr den Austausch auf Russisch. Lijns Großvater väterlicherseits, der ebenfalls zur Familie gehörte, sprach mit ihrem Vater Jiddisch. Zudem kommunizierten ihre Onkel und Tanten auf Französisch, und alle bemühten sich, mit Lijn und ihrem Bruder Englisch zu sprechen. Die vielen kulturellen Kontexte und Sprachen haben Lijns Werk stark geprägt.

Lijns Vater betrieb ein Uhren-Import-Export-Geschäft und war später einer der ersten Vertreter für japanische Transistorradios und die ersten Walkmans.

Im Alter von 9 Jahren trennten sich die Eltern und Lijn wurde zunächst für vier Jahre auf ein Internat in Vermont geschickt, bevor sie eine Schule in Pennsylvania besuchte. Ein Jahr später zog ihr Vater nach Genf und nahm Lijn und ihren Bruder mit. Lijns Mutter zog daraufhin nach Lugano, Lijn lebte fortan bei ihr und besuchte dort die Schule, wo sie fließend Französisch und Italienisch lernte. Anderthalb Jahre vor ihrem Abschluss verließ Lijn die Schule, ausgelöst durch eine Begegnung mit Nina Thoeren, ihrer ehemaligen Klassenkameradin, deren Mutter eine surrealistische Malerin war.

1958 zog Lijn mit dem Ziel, Künstlerin zu werden, nach Paris. Sie studierte Archäologie an der Sorbonne und Kunstgeschichte an der École du Louvre. Zur gleichen Zeit begann Lijn zu zeichnen und zu malen, während sie an Treffen der surrealistischen Gruppe teilnahm, wo sie den französischen Schriftsteller, Dichter und Theoretiker André Breton traf.

1961 lebte Lijn vorwiegend in New York, heiratete den griechischen Künstler Takis Vassilakis und hatte mit ihm einen Sohn namens Thanos, der 1962 auf die Welt kam. Mitte der 1960er-Jahre erstellte Lijn und ihr Mann das Design für ein rundes Haus und bauten es in der Nähe von Athen, das viele Aspekte ihrer Arbeit, ihrer Philosophie und ihres Lebens vereint. Im Jahre 1966 trennten sich Lijn und Vassilakis und Lijn zog nach London.

1968 heiratete Lijn den Fotografen und Industriellen Stephen Weiss, mit dem sie zwei Kinder hatte, Mischa (geb. 1975) und Sheba (geb. 1977). Von 1983 bis 1990 war Lijn Mitglied des Verwaltungsrats der Byam Shaw Art School.

Im Sommer 2005 arbeitete Lijn in Kalifornien und war die erste Künstlerin, die ein internationales Kunststipendium des Arts Council England in Zusammenarbeit mit dem Leonardo Network und der NASA am Space Sciences Laboratory der University of California erhielt.

Lijn lebt und arbeitet in London.

Werk Lijn gilt als erste Künstlerin, die mit kinetischem Text arbeitete und bereits 1962 sowohl Licht als auch Text erforschte. Sie ist zudem die erste Künstlerin, die ein Werk mit einem Elektromotor ausgestellt hat.

Lijn nutzt Kombinationen aus industriellen Materialien und künstlerischen Prozessen und wird als Pionierin der Interaktion von Kunst, Wissenschaft, Technologie, Sprache, östlicher Philosophie und weiblicher Mythologie gesehen. Seit den 1970er-Jahren kommen explizit feministische Fragestellungen hinzu.

Poem Machines (1962–68) Es handelt sich hierbei um kinetische Kunstwerke, in denen sich Zylinder und Kegel mit aufgedruckten Wörtern aus Gedichten von befreundeten Poeten mit hoher Geschwindigkeit drehen, bis sie verschwimmen und vibrieren. Lijn versetzt damit die Wörter in Schwingungen und „befreit“ sie von einer fixen Bedeutung. Diese motorisierten Kunstwerke zeigen Lijns Auseinandersetzung mit Sprache und Poesie. Lijns Intention mit diesem Wechsel auf einen visuellen Ausdruck war es zu zeigen, dass für sie Worte ihre Kraft verloren hatten. Der Einsatz von Maschinen zur Erstellung von Gedichten entsprang der surrealistischen Idee des automatischen Schreibens.

Die Übertragung von Energie und Bewegung wurde seit den frühen 1960er-Jahren zum kennzeichnenden Faktor in Lijns Œuvre.

Liquid Reflections (1968) Ihre Skulptur spiegelt die Bewegung von Teilchen und Planeten wider. Lijn experimentiert mit rotierenden Linsen und Projektoren. Sie schuf Linsen aus Wasser und dicken Plexiglasblöcken, um Licht auf neue Weise zu brechen und zu reflektieren. Die Physik von Licht und Materialien beschrieb sie als „reine Poesie“.

Koan-Serie (seit Mitte der 1960er Jahre) mini|White Koan, Warwick Arts Centre Im Laufe ihrer künstlerischen Karriere hat Lijn kegelförmige Kunstwerke namens Koans geschaffen, die zu einer zentralen skulpturalen Form in ihrem Werk wurden und die sie als weibliches Symbol betrachtet. Das japanische Wort Kōan kommt aus dem Zen-Buddhismus und dient dazu, das rationale Denken zu durchbrechen und zur direkten Einsicht zu führen. Während sich die Kegel drehen, scheinen dünne Abschnitte aus transparentem Material als geschwungene Linien zu steigen und zu fallen und dabei ihre Form zu verlieren.

Female Figures (seit 1979) Lijns Auseinandersetzung mit der menschlichen Form und dem weiblichen Körper zeigt sich besonders in der Werkreihe Female Figures. In diesen Skulpturen stellt Lijn archetypische weibliche Figuren oder Göttinnen dar, die futuristische Züge tragen und Elemente von Maschine, Tier und Pflanze vereinen. Die Figuren sind aus industriellen Materialien wie Aluminium oder Stahl sowie weichen Staubwedeln, synthetischen Fasern und Klaviersaiten gefertigt. Als Köpfe setzt die Künstlerin diesen Skulpturen optische Glasprismen auf, wie sie auch in militärischen Beobachtungsgeräten verwendet werden. Diese Glasprismen, die das Licht in die Spektralfarben eines Regenbogens aufbrechen, stehen metaphorisch für die Klarheit des Geistes, Erkenntnis und Erleuchtung. In Lebensgröße stehen diese hybriden Figuren den Betrachtenden gegenüber und widersetzen sich normativen geschlechterspezifischen Zuschreibungen.

Beispiele für diese Skulpturen sind Lady of the Wild Things (1983) sowie Woman of War (1986). Als lebendig gewordene Maschinenkunst führen sie ein sechsminütiges Drama auf, das Bewegung, Klang und Licht umfasst. Sie sind interaktiv und automatisiert. Der Woman of War, Sinnbild für Aggression und Wut, verlieh Lijn ihre menschliche Stimme für ein Lied. Die Lady of the Wild Things, Schutzgöttin der Natur, hört dieser Stimme zu und verwandelt den Klang in Lichtsignale (250 LEDs), die durch ein Flügelpaar aus Stahl und PVC-Fasern in Rot und Grün flackern und mit Lautstärke und Tonhöhe auf die aufgenommenen Stimme reagieren.

Electric Bride (1989), eine Installation aus Aluminium, Stahl, Hahnenfedern, Elmflex Glimmer, Messing und mundgeblasenem Glas, stellt eine bizarre Gestalt mit vielen Schichtungen dar, die in einem Stahlkäfig eingeschlossen und mit diesem durch rotglühende Drähte verkabelt ist. Sie flüstert ein Gedicht, das vom Mythos einer sumerischen Göttin und deren Abstieg in die Unterwelt handelt. Lijn verleiht hier einem anderen weiblichen Archetyp Gestalt.

Look A Doll! – My Mother’s Story (1998–2000) Das 62-minütige Video erforscht die Kindheit von Lijns Mutter in Russland und Polen anhand von Interviews, Fotomontagen und Archivfilmausschnitten. Der Film erweitert das autobiografische Thema, das in Lijns Buch „Her Mother’s Voice“ entwickelt wurde, und schildert die Realität des Familienlebens einer Jüdin, die im 20. Jahrhundert in den Jahren vor dem Holocaust geboren wurde. Es ist eine Inszenierung mündlicher Überlieferungen zwischen Generationen sowie zwischen Mutter und Tochter.

Weitere Werke (Auswahl)

1959: Beginning, Zeichnung 1959: Two Worlds, Zeichnung 1960: Starspace 1 – 8 1961: Reflection Tableaux, Elektromotoren, Plexiglaszylinder und Acryllinsen 1961: Double Drilling 1962: Echo-Lights, Projektoren, Acryllinsen und Plexiglasblöcke 1962: Get Rid of Government Time, Letraset auf lackierter Metalltrommel, Kunststoff, lackiertes Metall, Motor, Text aus einem Gedicht von Nazli Nour 1962: Le Vibrograph, zwei horizontale Zylinder mit parallelen schwarzen Linien, die beim Drehen farbige Interferenzmuster erzeugen 1962: Young Universe, Letraset auf lackierter Metalltrommel, lackiertes Holzgehäuse und Motor 1960er-Jahre: Poemcons, von innen beleuchtete und rotierende Kegel mit eingraviertem Text 1963: Atom Body was Light, Leeds Art Gallery, Leeds 1963: Atom Born Beings 1964: Round House, zusammen mit Takis Vassilakis entworfenes Gebäude in Gero Vuono 1964–65: Time is Change, Kork, Kunststoff, Metall und Papier 1965: Arise Alive, Gedicht von Leonard D. Marshall 1965: Eroskon 1965: Man is Naked, Letraset, Ölfilter, Kunststoff, lackiertes Metall und Motor 1965: Time Forces Split 1966: Cosmic Flares III, The Roberts Institute of Art, London 1967: Prism Flares, Polymerlinsen auf Acryl und Acrylprismen in Metallrahmen, Lichter und abnehmbarer programmierter digitaler Schaltregler, Tate Britain, London 1967–68: Act as Atom 1968: E=mc3 1968: Liquid Reflections, Siebdruck auf Papier, Tate Britain, London 1968: Liquid Reflections / Series 2 (32"), Acryltrommel mit Wasser, Drehteller und Projektorlampe, Acrylkugeln 1969: Inner Space Outer Space 1, Collage 1969: Linear Light Column 1969: Space Displace Koan, Fiberglas, Polyesterharz, Leuchtstoffröhre und Motor, Tate Britain, London 1969: See Thru Koan, Fiberglas, Plexiglas und Motor, British Museum, London 1970: Hanging Gardens of Rock City, Collage, British Museum, London 1970: Linear Light Columns, große rotierende, mit Kupferdraht umwickelte Ölfilter, die schimmernde optische Lichtwellen erzeugten. 1970: Poem Power Game Oracle 1970: Red Tower 1970: Whirling Wind Koan, windbetriebene Kegel- und Lamellenskulptur 1971: Electronic Goddess, Elektronische Letrafilm- und Letraset-Symbole auf Papier, auf Karton montiert 1971: Industrial landscapes, Druck, British Museum, London 1971: Koan-Cuts I, Siebdruck auf Papier, Tate Britain, London 1971: Koan-Cuts II, Siebdruck auf Papier, Tate Britain, London 1971: Koan-Cuts III, Siebdruck auf Papier, Tate Britain, London 1971: Koan-Cuts IV, Siebdruck auf Papier, Tate Britain, London 1971: Koan-Cuts V, Siebdruck auf Papier, Tate Britain, London 1971: Spectrum Fountain, Liverpool 1971: Two of the chimneys of Battersea Power Station, Siebdruck, British Museum, London 1971–72: Sua Memoria 1971: White Koan, Skulptur, bemalter Stahl und Neonbeleuchtung, Warwick Arts Centre 1973: What is the sound of one hand clapping?, Video, British Museum, London 1974: The Power Game, Performance, textbasiertes Glücksspiel und gesellschaftspolitische Farce für das Festival zur chilenischen Befreiung im Royal College of Art, London 1974: Quantum 1, Siebdruck 1974–75: Denslens, Drehbare Säule aus Plexiglas, umwickelt mit Nickeldraht, geprägtes Muster, motorisierte Drehscheibe 1975: See Thru Koan: Even Five 1975: What Is The Sound Of One Hand Clapping?, Film 1976: Line 1 1977: Alpha (Biting Through), Druck, British Museum, London 1977: Beta (Biting Through), Druck, British Museum, London 1977: Delta (Biting Through), Druck, British Museum, London 1977: Epsilon (Biting through), Aquatinta und Papier, British Museum, London