Diamond Open Access (DOA) ist ein Publikationsmodell, bei dem die Erstveröffentlichung einer wissenschaftlichen Publikation zu Open-Access-Bedingungen erfolgt und weder die Leser noch die Autoren Gebühren für das Lesen bzw. das Veröffentlichen bezahlen müssen. Andere Begriffe für dieses Publikationsmodell sind Platinum Open Access (bisweilen im deutschen Sprachraum auch Platin Open Access) oder Open Access commons. Durch den Zusatz „Diamond“ wird dem Open-Access-Begriff ein Finanzierungsaspekt hinzugefügt, der sowohl bei der allgemeinen Definition von Open Access als auch den beiden klassischen grundsätzlichen Einteilungen in Goldenes Open Access und Grünes Open Access fehlt.
Die Diamond Open Access zugrunde liegenden Publikationsinfrastrukturen befinden sich üblicherweise in akademischer Trägerschaft, sie werden z. B. durch wissenschaftliche Einrichtungen, Fachgesellschaften oder Förderorganisationen finanziert.Bibliotheksdienst: DINI unterzeichnet „Action Plan for Diamond Open Access“: Die Deutsche Initiative für Netzwerkinformation (DINI) unterstützt den „Action Plan for Diamond Open Access“ zur Stärkung von Publikationsinfrastrukturen in akademischer Trägerschaft Bibliotheksdienst, vol. 56, no. 7-8, 2022, S. 434–435. Aus diesem Grund wird dieser Teil der wissenschaftlichen Publikationslandschaft auch als institutionelles PublizierenArbeitsgemeinschaft der Universitätsverlage: Institutionelles Publizieren. Sieben Positionen zur Bedeutung von Universitätsverlagen. Webseite der AG Univerlage, abgerufen am 1. Mai 2025. und beteiligte Infrastrukturen als institutionelle Publikationsdienstleister (Institutional Publishing Service Providers, IPSPDIAMAS: What are IPSPs & why are they important for DIAMAS? Webseite von DIAMAS, abgerufen am 1. Mai 2025.) bezeichnet. Weltweit gibt es etwa 29.000 Diamond-Open-Access-Zeitschriften,Jeroen Bosman, Jan Erik Frantsvåg, Bianca Kramer, Pierre-Carl Langlais und Vanessa Proudman: OA Diamond Journals Study. Part 1: Findings. 2021. Zenodo. von denen etwa 13.500 im Directory of Open Access Journals (DOAJ), dem Verzeichnis für qualitätsgesicherte Open-Access-Zeitschriften, gelistet sind (Stand April 2025).Directory of Open Access Journals. Webseite, abgerufen am 19. April 2025
Seit 2021 unterstützen neue nationale und internationale politische Maßnahmen die Entwicklung nichtkommerzieller oder gemeinschaftsgetragener Formen des Open-Access-Publizierens, wie z. B. die UNESCO-Empfehlung zu Open Science und der „Aktionsplan für Diamond Open Access“, der von der cOAlition S gefördert wird. Diese Maßnahmen sollen zur Dekommodifizierung des wissenschaftlichen Publikationswesens beitragenLeonhard Dobusch und Maximilian Heimstädt: Strukturwandel der wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Konstitution und Konsequenzen des Open-Access-Pfades. In: Martin Seeliger, Sebastian Sevignani (Hrsg.): Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit? Leviathan – Sonderband 37, Nomos, Baden-Baden 2021, S. 425–454. https://doi.org/10.5771/9783748912187-425 und die Handlungsmacht beim wissenschaftlichen Publizieren zurück in die Wissenschaft geben.DINI Nachrichten: Grünes Open Access - Auslaufmodell oder wertvoller als man denkt? Einladung zur ENABLE!. Veranstaltungsankündigung der ENABLE!-Werkstatt am 14. November 2024, abgerufen am 30. Mai 2026. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) greift den weit verbreiteten Begriff Wissenschaftsgeleitetes Publizieren auf und betont die vielversprechenden Möglichkeiten, die durch die Rückbindung des Publizierens an die Wissenschaft entstehen.Deutsche Forschungsgemeinschaft: Die Zeit ist reif - Perspektiven zum Wissenschaftsgeleiteten Publizieren. Youtube-Kanal DFG in action vom 9. Juni 2026, abgerufen am 28. Juni 2026.
Begriffsbestimmung Während der Begriff „Platinum Open Access“ seit 2007 in Gebrauch war und unter Open-Access-Aktivisten diskutiert wurde,Thomas D. Wilson: Budapest Open Access Initiative: BOAI Forum ArchiveStevan Harnad: There is no „Platinum“ Road to OA. Posting im American-Scientist-Open-Access-Forum vom 30. Mai 2007, abgerufen am 21. April 2025. wurde „Diamond Open Access“ 2013 erstmals eingeführt.Christian Fuchs und Marisol Sandoval: The Diamond Model of Open Access Publishing: Why Policy Makers, Scholars, Universities, Libraries, Labour Unions and the Publishing World Need to Take Non-Commercial, Non-Profit Open Access Serious. tripleC: Communication, Capitalism & Critique Vol 11 No 2 (2013). https://doi.org/10.31269/triplec.v11i2.502
Alle Definitionen sind sich einig, dass Publizieren in einem Diamond-Open-Access-Medium bedeutet, dass keine Publikationsgebühren erhoben werden, also von den Autoren keine Article processing charges (APC) bzw. Book processing charges (BPC) verlangt werden. Wie die Finanzierung jedoch im Detail aussieht, ob damit grundsätzlich nichtkommerzielles, durch die Wissenschaftler selbst und nicht durch einen kommerziellen Verlag organisiertes Publizieren (wissenschaftsgeleitetes, verlagsunabhängiges Publizieren bzw. scholar-led, scholar-owned, academic-led, community-driven) verstanden wird, wird von verschiedenen Akteuren unterschiedlich definiert.Sarah Dellmann, Xenia van Edig, Jesko Rücknagel und Stefan Schmeja: Facetten eines Missverständnisses: Ein Debattenbeitrag zum Begriff „Diamond Open Access“. O-Bib. Das Offene Bibliotheksjournal, Herausgeber VDB, 2022, 9(3), 1-12. Es sind grob zwei Sichtweisen bestimmbar: Für einige Autoren ist Diamond Open Access eine Teilmenge von Gold Open Access, während andere damit zusätzlich einen oder mehrere der oben genannten Begriffe (wissenschaftsgeleitet, nichtkommerziell, …) verknüpfen.Sarah Dellmann, Xenia van Edig, Jesko Rücknagel und Stefan Schmeja: Facetten eines Missverständnisses: Ein Debattenbeitrag zum Begriff „Diamond Open Access“. O-Bib. Das Offene Bibliotheksjournal, Herausgeber VDB, 2022, 9(3), 1-12.
Von dem Konsortium Servicestelle Diamond Open Access (SeDOA) wurde 2025 folgende Definition veröffentlicht: „In Diamond-Open-Access-Zeitschriften werden qualitätsgeprüfte Beiträge kostenfrei für Autor:innen und Leser:innen unter einer open-access-konformen Lizenz veröffentlicht. Die Zeitschrift bzw. die Titelrechte gehören der wissenschaftlichen Community. Diamond-Open-Access-Zeitschriften dienen der wissenschaftlichen Kommunikation und nicht kommerziellen Zwecken.“ „In Diamond-Open-Access-Büchern werden qualitätsgeprüfte Inhalte kostenfrei für Autor:innen und Leser:innen unter einer open-access-konformen Lizenz veröffentlicht. Die Buch- und Reihentitel gehören der wissenschaftlichen Community. Diamond-Open-Access-Bücher dienen der wissenschaftlichen Kommunikation und nicht kommerziellen Zwecken.“Minimaldefinition der Servicestelle Diamond Open Access (SeDOA), abgerufen am 27. Februar 2026.
Geschichte Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das wissenschaftliche Publizieren überwiegend in akademischer Trägerschaft organisiert, Zeitschriften wurden beispielsweise von Fachgesellschaften oder Universitäten herausgegeben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine Kommerzialisierung ein, als in vielen Forschungsdisziplinen mit steigendem Publikationsaufkommen die Organisation vieler Fachzeitschriften gewinnorientiert agierenden Verlagen überlassen wurde.
Als Reaktion auf ständig steigende Publikationskosten und aufgrund neuer Möglichkeiten durch die Digitalisierung entwickelte sich ab den 1990er Jahren die Open-Access-Bewegung. Es fanden zahlreiche Neugründungen von Open-Access-Zeitschriften und ‑Verlagen statt. Bis 2005 wurde dabei Open Access mit „nichtkommerziell“ gleichgesetzt.Alice Keller: Finanzierungsmodelle für Open-Access-Zeitschriften. Bibliothek Forschung und Praxis, vol. 41, no. 1, 2017, S. 22–35. Dann begann auch im Open-Access-Bereich die Kommerzialisierung durch die Erfindung des hybriden Modells durch Springer Open Choice und zahlreiche Neugründungen von Open-Access-Zeitschriften durch kommerzielle Verlage. Hier fanden in den darauffolgenden Jahrzehnten weitere Preissteigerungen statt, da durch die Verlagerung der Finanzierung von Abonnementmodellen hin zu Author Pays zwar Goldenes Open Access und damit der Zugang zu Forschungsergebnissen für alle verbessert werden konnte, die Organisation der Zeitschriften aber weiterhin bei kommerziellen Verlagen lag, die nun über steigende Publikationsgebühren ihre Gewinne maximieren konnten. Auch stellte sich heraus, dass durch die Einführung von APC falsche Anreize für unseriöse Open-Access-Verlage geschaffen wurden, die durch mangelnde Qualitätssicherung wissenschaftliche Integrität untergraben und dem Wissenschaftssystem als Ganzes schaden (Predatory publishing).
Daher wurden ab den 2010er-Jahren Forderungen lauter, das wissenschaftliche Publizieren insgesamt zurück in die Hände der Wissenschaftler zu geben, um den Kommerzialisierungsaspekt zu vermeiden, der für wissenschaftliche Informationen seit jeher kritisiert wurde. Unter dem Begriff Diamond Open Access werden seitdem Publikationsmodelle verstanden, die Gold Open Access praktizieren, aber auf verschiedene Weise die Kommerzialisierung verlassen. Von der Forschungspolitik wurden diese Bestrebungen international aufgegriffen und unterstützt: 2021 empfahl die UNESCO in ihrer Open-Science-Strategie, wissenschaftsgeleitete und gemeinschaftliche Publikationsmodelle zu fördern.Considering science as a global public good, open science services should be viewed as essential research infrastructures, governed and owned by the community and funded collectively by governments, funders and institutions reflecting the diverse interests and needs of the research community and society. Member States are encouraged to promote non-commercial open science infrastructures and ensure adequate investment in the following:... UNESCO: UNESCO Recommendation on Open Science. S. 23 Die Veröffentlichung der OA Diamond Journals Study war 2021 ein Startpunkt einer Vielzahl an Aktivitäten in Europa, die Diamond Open Access unterstützen.PKP Advancing Open Publishing Infrastructure for Open Research Europe (ORE). Webinar des Public Knowledge Projects vom 23. Januar 2025, Youtube, abgerufen am 1. Mai 2026.
Der Action Plan for Diamond Open Access der cOAlition S wurde im März 2022 veröffentlicht.Plan S: Action Plan for Diamond Open Access. 2. März 2022, Webseite von Plan S, abgerufen am 27. April 2025.Ancion, Z., Borrell-Damián, L., Mounier, P., Rooryck, J., & Saenen, B.: Action Plan for Diamond Open Access. Zenodo.
Die Europäische Union förderte Projekte wie DIAMAS und etablierte im Januar 2025 den European Diamond Capacity Hub (EDCH).OPERAS Editorial Team: European Diamond Capacity Hub Launched to Strengthen Diamond Open Access Publishing in Europe 21. Januar 2025, Webseite von OPERAS, abgerufen am 27. April 2025. In Deutschland fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit 2025 ein Konsortium, das eine Diamond-Open-Access-Servicestelle (SeDOA) aufbaut.open-access.network: DFG schreibt 9 Millionen Euro Fördermittel für Ausbau von non-profit OA-Publikationslandschaft in Deutschland aus. Abgerufen am 27. April 2025.
Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina sprach sich 2025 ebenfalls für die direkte Finanzierung und Evaluierung wissenschaftlicher Publikationen durch die Wissenschaft aus.Diethard Tautz, Angela Holzer, Klaus M. Schmidt, Johannes Buchner, Martin Grötschel und Stephanie Jurburg: Ein neues Verfahren zur direkten Finanzierung und Evaluation wissenschaftlicher Zeitschriften. Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina Diskussion Nr. 38, Halle (Saale) 2025.