Joseph Spring (geboren am 18. Januar 1927 in Berlin als Josef Sprung; gestorben am 8. Januar 2025 in Melbourne) war ein deutscher Jude. Als Jugendlicher floh er 1942 von Berlin nach Belgien und Frankreich. Beim Übertritt über die Schweizer Grenze im November 1943 lieferten die Schweizer Grenzbehörden den 16-jährigen Flüchtling und seine beiden Cousins der Gestapo aus und denunzierten sie als Juden. Die drei jugendlichen Juden wurden in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Als Überlebender versuchte Joseph Spring, vom Schweizer Bundesgericht bestätigen zu lassen, dass an ihm durch die Auslieferung 1943 an die Gestapo ein Verbrechen begangen worden war. Das Verbrechen wurde vom Bundesgericht nicht anerkannt. Joseph Spring hat den Prozess am 21. Januar 2000 verloren.

Kindheit in Berlin Bei seiner Geburt am 8. Januar 1927 in Berlin hieß Joseph Spring noch Josef Sprung. Er war der Sohn polnischer Juden. Sein Vater Abraham Sprung nannte sich in Deutschland in der Öffentlichkeit Adolf Sprung. Er handelte mit Unterwäsche, die er auf Märkten verkaufte. Er stammte aus dem polnischen Dorf Sieniawa. Josephs Mutter war Czarna Sprung, geborene Weichselbaum. Sie kam aus Rudnik am San. Der Großvater väterlicherseits war Itzchok Eisig Sprung, der dreizehn Kinder hatte. Josephs Großvater mütterlicherseits hieß Salke Weichselbaum. Er war Kaufmann. Kurz vor der Inflation erwarb er eine Mietskaserne am Ostbahnhof in Berlin. Diese Liegenschaft bekam Czarna Weichselbaum als Mitgift. Josephs Eltern heirateten 1925 in ihrer polnischen Heimat. Nachdem sie nach Berlin gezogen waren, mussten sie noch einmal heiraten, weil der Staat ihre vom Rabbiner geschlossene Ehe nicht anerkannte.

Joseph Springs Vater starb am 20. November 1932 in der Berliner Charité. Damals war Joseph fünfeinhalb Jahre alt.S. Keller (2003): Die Rückkehr, S. 9 In dieser Zeit wohnte die Familie an der Lothringerstraße, zog aus Spargründen in eine kleinere Wohnung zuerst an die Alte Schönhauser Straße, dann an die Annastraße. Die Mutter eröffnete in der Nähe des Kurfürstendamms eine kleine Eisdiele, wechselte aber bald an den Michaelkirchplatz. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde im Oktober 1938 der Onkel, Mutters Bruder Leibisch, der sich auf Deutsch Leon nannte, von der Polizei verhaftet und von der deutschen Regierung in einem verschlossenen Zug an die polnische Grenze transportiert. Während die Deutschen alle Juden loswerden wollten, hatte Polen allen ausgewanderten polnischen Juden in Deutschland die Staatsbürgerschaft aberkannt. Deshalb saß Onkel Leibisch an der polnischen Grenze fest. Später kamen noch Briefe mit Fotos aus einem Internierungslager bei Zbaszyn im Niemandsland. Dann vernahm man nichts mehr von ihm. Auch der elfjährige Joseph, seine 40-jährige Mutter und sein zehnjähriger Bruder Heini waren nun staatenlos.S. Keller (2002): Die Rückkehr, S. 9–12

Allmählich wurden die Folgen des Antisemitismus und der Judenverfolgung immer deutlicher: Immer mehr Lehrer verloren ihre Arbeit. Für Juden wurde der Zutritt zum Schwimmbad verboten. Nachdem die kleine Eisdiele der Mutter wiederholt mit Boykottaufrufen verschmiert worden war und ein Posten vor der Tür den freien Zugang behindert hatte, musste die Eisdiele geschlossen werden. Joseph besuchte in dieser Zeit die Jüdische Mittelschule an der Großen Hamburger Straße. Aus Angst ließ die Mutter ihre Söhne illegal und ohne Visa nach Belgien bringen.S. Keller (2003): Die Rückkehr, S. 13–17

Flucht / Vertrieben Erste Flucht Die Mutter brachte den zehnjährigen Heini Sprung über die Grenze nach Belgien. Im Februar 1939 folgte Joseph. Ihn brachte seine Tante Cyla Rosenbaum, die den Zwölfjährigen als ihren Sohn ausgab, über die Grenze. In Antwerpen wohnten die beiden Brüder bei Tante Dora Henenberg, einer Schwester von Czarna Sprung, wo sie auf die Mutter warteten. Dora war verheiratet mit Max, der Lederarbeiter von Beruf war. Sie hatten drei Kinder: Dolph, Henri und Sylver. Da die Henenbergs Berlin schon in den zwanziger Jahren verlassen hatten, konnten die Kinder kaum Deutsch. Die Flüchtlinge Heini, den man jetzt auch Henri nannte, und Josef, dessen Vorname nun mit ph geschrieben wurde, konnten sich nur radebrechend auf Jiddisch mit ihnen verständigen. Dolph und Henri Henenberg arbeiteten als Schleifer von Rohdiamanten. Ihr Lohn bestand im Staub, der beim Schleifen von Rohdiamanten entsteht. Im Juni 1939 überquerte Czarna die Grenze und holte ihre Kinder aus der Wohnung der Henenbergs. Sie lebten nun mit ihrer Mutter in einer Einzimmerwohnung. Die belgischen Behörden tolerierten sie. Josef besuchte wieder eine Knabenschule, aber keine jüdische. In Belgien schien es bedeutungslos zu sein, ob man Jude war oder nicht. Hier fühlte sich Josef zum ersten Mal als normaler Mensch.

Bis im Mai 1940, als die Deutschen in Belgien einmarschierten. Als Erster floh der zwanzigjährige Dolph Herenberg nach Paris. Wenig später floh die übrige Familie Herenberg mit ihren Söhnen Sylver und Henri sowie dem Neffen Joseph Sprung über die Grenze. In Arras stockte die Reise. Erst nach Mitternacht gab es eine Zugverbindung nach Amiens. Doch der Zug mit Flüchtlingen aus Belgien und Nordfrankreich entgleiste auf offener Strecke am Samstag, dem 18. Mai 1940 um 16.30 Uhr in der Nähe von Morgny-la-Pommeraye. Es gab 52 Tote und 112 Verletzte. Joseph trug eine Beinverletzung davon. Englische Soldaten und französische Nonnen bargen ihn aus dem zertrümmerten Wagon und transportierten ihn ins Hospice Général von Rouen. Etwas später verlegte man die verletzten Kinder in die Klinik Kerpape bei Lorient in der südlichen Bretagne. Tante Dora erlag ihren Verletzungen drei Tage nach dem Unfall. Die Cousins Henri und Sylver blieben unverletzt, Onkel Max hatte beim Zugunglück sein steifes Bein verloren. Am 28. Mai kapitulierte Belgien. Am 14. Juni fiel Paris.S. Keller (2003): Die Rückkehr, S. 19–26

Im Dezember 1940 konnte Joseph die Klinik Kerpape verlassen. Die Knochen waren verheilt. Doch periodisch musste man das Bein aufstechen, um den darin angesammelten Eiter herauszuleiten. Zuerst wurde er zwecks Rückführung zur Familie in ein Sammellager nach Pairs geschickt. Um die Weihnachtszeit kehrte Joseph nach Belgien zurück. Seine Mutter und Heini wohnten jetzt in Brüssel. Auch Max Henenberg mit seinen zwei Söhnen sowie Lazar Weichselbaum, Mutters Bruder, wohnten hier.S. Keller (2003): Die Rückkehr, S. 29–30 Im Frühsommer 1941 mussten ausländische Juden aufgrund einer Anordnung die Großstädte verlassen. Die staatenlose Czerna Sprung musste sich mit ihren beiden Söhnen nach Eksel in die Provinz Limburg verfügen. Ende 1941 durften die ausländischen Juden in die Städte zurückkehren. Die Sprungs fanden eine Wohnung an der Rue de Mérode in Brüssel. Die Mutter brachte ihre Familie dank Fleischhandel auf dem Schwarzmarkt über die Runden. Im Mai 1942 führten die Deutschen den Judenstern ein. Die Mutter befahl ihren Söhnen, keinen Stern auf ihren Kleidern zu tragen. Inzwischen hatte sich die Nachricht von den Vernichtungslagern der Deutschen in Polen verbreitet. Die Mutter organisierte falsche Papiere.S. Keller (2003): Die Rückkehr, S. 31–35

Zweite Flucht Die Mutter vertraute den vierzehnjährigen Heini einem kinderlosen, katholischen Ehepaar an. Joseph floh nach Frankreich. Die Mutter tauchte in Brüssel unter. Das katholische Ehepaar sorgte mehrere Monate lang für Heini, der Papiere auf den Namen Henri Deferre bekam und in ein Heim für unterernährte Halbwüchsige, ein Haus der Jeunesse ouvrière chrétienne, gesteckt wurde. Die Heimkinder mussten mehrmals in andere Häuser verlegt oder stundenweise vor Razzien der Polizei im Wald versteckt werden. Schließlich befand sich Henri an einem abgelegenen Ort in den Ardennen. Weder mit seiner Mutter noch mit Joseph hatte er in dieser Zeit Kontakt. Joseph floh zusammen mit seinem Cousin Dolph Henenberg nach Lyon in die unbesetzte Zone und nach einigen Tagen nach Nîmes. Hier mieteten sich Dolph und Joseph für eine oder zwei Wochen ein Zimmer bei einer älteren Dame. Im September 1942 zogen sie nach Montpellier, wo Dolph Verbindungen zur Résistance hatte. Sie mieteten ein Zimmer bei einer protestantischen Frau und deren Mutter. Die beiden verhalfen Joseph zu echten französischen Papieren, die wie die gefälschten Papiere, welche die Mutter organisiert hatte, auf den Namen Joseph Dubois, geboren in Metz, lauteten.S. Keller (2003): Die Rückkehr, S. 34–40 Hier lebte Joseph fast zehn Monate lang.

Bis Ende 1942 stieg die Zahl der Deportierten auf 42'000. Im Juli 1943 warnte Josephs Vermieterin, dass die Polizei nach ihm und Dolph suche. Joseph und Dolph fuhren mit dem nächsten Zug nach Bordeaux, wo damals Maurice Papon Generalsekretär der regionalen Präfektur für die Razzien gegen Juden verantwortlich war, was die beiden Flüchtenden damals nicht wussten. Joseph fand hier eine Arbeitsstelle als Dolmetscher bei einer Baufirma aus der Schweiz. Er übersetzte als Joseph Dubois zwischen den französischen Vorarbeitern und den deutschen Ingenieuren der Nazi-Organisation Todt. Dolph fand ebenfalls eine Arbeitsstelle als Dolmetscher in einer Garage, die für die Besatzer Automobile reparierte. Eines Tages schlug Dolph vor, dass Joseph nach Belgien reisen und Dolphs jüngere Brüder Sylver und Henri Henenberg aus Belgien herausholen solle. Darauf besorgte sich Joseph die nötigen Unterschriften seines Arbeitgebers und der deutschen Bauherrin. Dann reiste Joseph im Herbst 1943 nach Belgien und traf seinen fünfzehnjährigen Bruder Henri, damals unter dem Namen Henri Deferre. Dieser wollte aber nicht nach Frankreich mitkommen. Seine Mutter, die sich im Untergrund versteckt hielt, sah Joseph nur kurz. Doch seine Cousins Sylver und der 21-jährige Henri Henenberg lebten in großer Gefahr. Joseph holte den an Tuberkulose erkrankten Henri aus einer Klinik in der Nähe von Brüssel. Dann fuhr Joseph mit seinen beiden Cousins, die beide gefälschte Papiere von fragwürdiger Qualität hatten, nach Bordeaux, wo Dolph für sie wieder die Verantwortung übernahm.S. Keller (2003): Die Rückkehr, S. 43–52

mini|Blick auf La Cure. Gut zu erkennen ist die Schmalspurbahn (rechts), die von La Cure über den Col de la Givrine nach Nyon am Genfersee führt. mini|Bahnhof La Cure der Schmal­spurbahn Nyon–Saint-Cergue–Morez (NStCM) mini|Gebäude neben der Jugend-herberge Les Rousses (vom rechten Bildrand ange­schnitten) im Weiler Bief de la Chaille in der Nähe vom Grenz­übergang in La Cure. Das Gebäude findet sich schon auf einem Foto, das Joseph Spring 1943 auf seiner Flucht zeigt. mini|Festgenommene Juden im Sammellager Drancy, Aufnahme August 1941 mini|Selektion in Auschwitz mini|An der Selectionsrampe in Auschwitz-Birkenau, 1944 mini|Blick auf die IG-Farbenwerke in Auschwitz III (Monowitz mit dem Buna-Werk)