mini|Nikolay Sazhin und Frank Stoldt kämpfen um den Titel. mini|Nikolay Sazhin (links) beim Gewinn des Titels in Berlin 2008

Schachboxen ist eine Kampfsportart, bei der die beiden traditionellen Sportarten Schach und Boxen miteinander verbunden werden. Jeweils abwechselnd treten die Kämpfer in Schach- und Boxrunden gegeneinander an. Schachboxen wurde 2003 von dem niederländischen Aktionskünstler Iepe Rubingh (1974–2020) erfunden. Zunächst als Kunstperformance gedacht, entwickelte sich die Idee schnell zum ausgereiften Wettkampfsport.Justus Bender: Königsdisziplin, In: Die Zeit. Nr. 39, 22. September 2005,

Regeln

Ablauf eines Schachboxkampfes Die klassischen Schachboxregeln sehen einen Kampf über elf Runden vor, wobei im Wechsel sechs Runden im Schach und fünf im Boxen bestritten werden. Der Kampf beginnt und endet mit einer Schachrunde. Jede der Runden dauert drei Minuten. Die Zeit für das Schach summiert sich demnach auf 18 Minuten, für jeden Spieler also neun Minuten Bedenkzeit, das entspricht einer Blitzschach-Partie. Nach jeder Schach-Sequenz wird die aktuelle Position digital registriert. Das Boxen summiert sich auf 15 Minuten. Zwischen den Box- und Schachrunden liegen Pausen von in der Regel 60 Sekunden, auch zum An- und Ablegen der Boxhandschuhe. Bei Amateur-Schachboxkämpfen kann es in gewissem Rahmen zu veränderten Runden- und Kampflängen kommen, zum Beispiel bei Jugendturnieren oder Showkämpfen.

Kampfentscheidung Ein Schachboxkampf kann durch folgende Ereignisse vorzeitig entschieden werden: Sieg durch Knockout (in Boxrunden) Sieg durch technischen Knockout (in Boxrunden) Sieg durch Schachmatt (in Schachrunden) Sieg durch Ablaufen der Schachzeit eines Kämpfers (in Schachrunden) Disqualifikation wegen Zeitspiels (in Schach- oder Boxrunden nach mehrmaliger vorheriger Verwarnung) Sieg durch Aufgabe des Gegners (in Schach- oder Boxrunden)

Kann keine vorzeitige Entscheidung von einem der beiden Kämpfer herbeigeführt werden und endet die Schachpartie Remis, so wird der Sieger nach Punkten im Boxen ermittelt. Endet auch der Boxkampf Remis, so gewinnt der Schachboxer, der im Schach mit den schwarzen Figuren gespielt hat. Dieser Fall ist in der Praxis allerdings noch nicht vorgekommen.

Gewichtsklassen Aktuell (Stand August 2025) gelten für die professionellen Schachboxwettkämpfe der Chess Boxing Global folgende Gewichtsklassen:

Männer (ab 17 Jahren) Leichtgewicht: bis 70 kg Mittelgewicht: bis 80 kg Halbschwergewicht: bis 90 kg Schwergewicht: ab 90 kg

Frauen (ab 17 Jahren) Leichtgewicht: bis 55 kg Mittelgewicht: bis 65 kg Halbschwergewicht: bis 75 kg Schwergewicht: ab 75 kg

Bei Amateurwettkämpfen der WCBO werden die Gewichtsklassen in der Regel in 5-Kilogramm-Schritten abgestuft, in Ausnahmefällen werden auch 10-Kilogramm-Schritte toleriert.

Geschichte Der Ursprung der Idee Rubinghs, eine neue Sportart aus den Disziplinen Schach und Boxen zu kreieren, stammt aus dem Comic „Froid Équateur“ des französischen Zeichners Enki Bilal. In dem 1992 erschienenen Werk wird eine Weltmeisterschaft im Schachboxen ausgetragen. Die Comicversion sah allerdings vor, dass die Kontrahenten zunächst einen kompletten Boxkampf gegeneinander auskämpfen und sich anschließend in einer Partie Schach gegenübertreten. Rubingh empfand dieses Prinzip als unpraktisch und entwickelte es weiter, hin zum heutigen Wettkampfsport Schachboxen, bei dem sich Schach und Boxrunden abwechseln und der einem detaillierten Regelwerk folgt.Anna Gauto: Schachboxerfinder Iepe Rubingh im Interview

Eine frühe Form der Kombination von Schach und Boxen wurde Ende der 1970er Jahre in einem Boxclub am Rande Londons beobachtet. Die beiden Gebrüder Robinson machten es sich zur Gewohnheit, nach dem Training in ihrem Boxclub eine Partie Schach gegeneinander zu spielen. Zwischen dem Schachspiel der Gebrüder Robinson und der eigentlichen Sportart Schachboxen kann allerdings kein konkreter Zusammenhang festgestellt werden.Mark Chandler: Chessboxing Gleiches gilt für den Kung-Fu-Film „Mystery of Chessboxing“ (1979) sowie den Song „Da Mystery of Chessboxin'“ (1993) des Wu-Tang Clans.

Anfangsjahre Der erste Schaukampf im Schachboxen fand 2003 in Berlin statt. Im selben Jahr wurde in Amsterdam, in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Boxverband sowie dem niederländischen Schachverband, der erste Weltmeisterschaftskampf unter Flagge der kurz zuvor in Berlin gegründeten World Chess Boxing Organisation (WCBO) ausgetragen. Im Mittelgewicht traten die beiden Niederländer Iepe Rubingh und Jean Louis Veenstra gegeneinander an. Rubingh gewann den Kampf in der 11. Runde durch Ablauf der Schachzeit seines Konkurrenten und trug sich als erster Weltmeister im Schachboxen in die Geschichtsbücher ein. Den Chess Boxing Club Berlin gründete er im darauffolgenden Jahr (2004) als weltweit ersten Schachboxverein. Berlin gilt nicht zuletzt deshalb als Wiege des Schachboxens.WCBO: Pressemitteilung – Battle of the Cities

2005 bis 2008 – Die ersten Meister Am 1. Oktober 2005, zwei Jahre nach dem ersten Weltmeisterschaftskampf, fand in Berlin der erste Europameisterschaftskampf im Schachboxen statt. Tihomir Atanassov Dovramadjiev () bezwang den heutigen Schachboxkommentator Andreas Dihschneider () durch Aufgabe in der siebten Runde (Schach) und krönte sich zum ersten Schachboxeuropameister.Andreas Dilschneider: „Was war da los Herr Dilschneider?“, In: Der Spiegel, 42/2005.

2006 fanden über 800 Zuschauer den Weg ins Gloria-Theater in Köln zum WM-Qualifikationskampf zwischen Zoran Mijatovic () und Frank Stoldt (). Der 37-jährige ehemalige UN-Ausbilder im Kosovo und Afghanistan Frank Stoldt gewann durch Aufgabe seines Konkurrenten im Schach in der siebten Runde.

Nachdem er sich 2006 für den Titelkampf qualifiziert hatte, trat Frank Stoldt () im November 2007 in Berlin gegen den Amerikaner David Depto () im Kampf um den ersten Weltmeistertitel im Halbschwergewicht an. Über 1200 Karten konnten für den bis dato größten Titelkampf im Berliner Tape Club verkauft werden. Diesmal gab es das erste Schachmatt bei einem offiziellen WCBO-Kampf. Frank Stoldt besiegte David Depto am Brett in Runde 7 und untermauerte als erster deutscher Weltmeister die Berliner Vormachtstellung im Schachboxen.Berliner Morgenpost: Frank Stoldt – Weltmeister im Schachboxen

2008 bis 2011 – Die Schachboxfamilie wächst Im April 2008 erfuhr das Schachboxen erste Anerkennung aus dem internationalen Schachverband FIDE: Dessen Präsident Kirsan Ilyumzhinov trat in einem Schachbox-Demonstrationskampf an in Elista.FIDE: Kirsan as a Chessboxer Gleichzeitig wuchs die Schachboxgemeinschaft auf der ganzen Welt immer rasanter. Im Jahr 2008 wurden Schachboxvereine in London und Sibirien gegründet, 2009 entstand mit dem Los Angeles Chessboxing Club der erste Verein in den USA, unmittelbar gefolgt von der Gründung des New York Chessboxing Club im Jahr 2010. Ebenfalls seit 2010 wird im Münchener Boxwerk Schachboxtraining angeboten.

Neben den zunächst europaweit, später weltweit ausgetragenen Weltmeisterschaften der WCBO entwickelte sich um den London Chessboxing Club eine größere Szene, in der regelmäßige Schaukämpfe stattfinden. 2011 kam es zwischen den beiden großen Schachboxhochburgen Berlin und London zum ersten internationalen Clubvergleich, aus dem London mit 2:1 gewonnenen Kämpfen als Sieger hervorging.Arno Nickel: London schlägt Berlin, auf de.chessbase.com

2011 bis heute – Weltweite Ausbreitung und Professionalisierung 2011 machte die WCBO und damit auch die weltweite Schachboxgemeinschaft den bis dato größten Entwicklungssprung mit dem Beitritt der Chessboxing Organisation India und der Ausbreitung auf den Asiatischen Kontinent. Außerdem nahm im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts die Professionalisierung des Schachboxens Formen an. Neben der WCBO, die 2014 zu einem eingetragenen Verein nach deutschem Recht wurde, erfolgte die Gründung der Chess Boxing Global Marketing GmbH (CBGM), welche seit Mai 2013 für die weltweite Ausrichtung aller professionellen Schachboxkämpfe und vor allem für die Ausrichtung der offiziellen Schachbox-Weltmeisterschaften verantwortlich ist.

Die Chess Boxing Organisation India wurde 2011 durch den Kickbox-Funktionär und ehemaligen Indischen Kickbox- und Karatemeister Montu Das gegründet. Dadurch kam die Entwicklung des Schachboxens in Asien in Schwung. Bereits im folgenden Jahr wurde auch in Westasien der erste Schachboxverband gegründet: die Chess Boxing Organisation Iran, ebenfalls von einem Funktionär mit Erfahrung in der Kickboxwelt: Fereydoun Pouya.

Gleichzeitig wurde in der Professionalisierung des Schachboxens ein Meilenstein erreicht: Die Weltmeisterschaftskämpfe 2013 Moskau waren das erste von Chess Boxing Global organisierte und vermarktete Schachboxevent. Mit gleich drei Weltmeisterschaftskämpfen an einem Abend, mehr als 1200 Zuschauern und einem bis dahin nie gesehenen Kampfniveau setzte das erste CBGM-Event neue Maßstäbe in der Geschichte des Schachboxens, allen voran Leonid Chernobaev , der über 15 Jahre Schacherfahrung besitzt und sich in der Boxwelt bereits als Sparringspartner von Marco Huck und mit über 200 Amateurkämpfen profilieren konnte. Er errang den Titel im Halbschwergewicht gegen den Inder Tripathi Shailesh durch technischen Knock Out im Boxen. Sven Rooch sicherte sich den Titel im Mittelgewicht gegen Jonatan Rodriguez Vega durch Aufgabe des Spaniers im Schach und der Schwergewichts Weltmeisterschaftskampf zwischen Nikolay Sazhin und Gianluca Sirci wurde durch Schachmatt zugunsten des Russen Nikolay Sazhin entschieden.Nik Afanasjew: Knockout oder Matt

Sazhin (, Schwergewicht), Chernobaev (, Halbschwergewicht) und Rooch (, Mittelgewicht) gingen damit als erste offizielle Chessboxing Global-Weltmeister in die Geschichte des Schachboxens ein – Sie sind die ersten Profiweltmeister im Schachboxen überhaupt.

Und auch für die Entwicklung zum Breitensport konnten 2013 und Anfang 2014 große Erfolge in der Schachboxwelt erreicht werden. Bei den zweiten und dritten Indischen Meisterschaften, im Sommer 2013 in Salem und im Frühjahr 2014 in Jodhpur, bei denen jeweils rund 245 Kämpfer in unterschiedlichen Alters- und Gewichtsklassen an den Start gingen, so viele wie nie zuvor bei Schachboxevents.Shamik Bag: Chess boxing catching on in India

Seit 2017 findet eine internationale WCBO Weltmeisterschaft im Schachboxen statt. Nach einer zweijährigen Pause bedingt durch Corona wurde die Weltmeisterschaft in Antalya, Türkei im November 2022 wieder ausgetragen.Schachbox-Weltmeisterschaft in Antalya, auf de.chessbase.com Die Weltmeisterschaften fanden 2017 und 2018 in Kalkutta, Indien und 2019 und 2022 in Antalya, Türkei statt.

Im Dezember 2022 fanden in Los Angeles die Mogul Chessboxing Championships statt, bei denen international bekannte Schachspieler wie Lawrence Trent, Dina Belenkaya und Aman Hambleton antraten. Das Event brach den Youtube-Rekord für Live Zuschauer mit zeitweise 320.000 und über 4 Millionen Klicks im Anschluss und stellt so einen Meilenstein für den Trendsport dar.Mogul Chessboxing Championship in Los Angeles, auf en.chessbase.com

Im Jahr 2023 sollte die Weltmeisterschaft in Las Vegas, Nevada stattfinden, doch Organisator Ludwig Ahgren konnte keine Sanktionierung durch die Nevada State Athletic Commission erlangen. Auch seine Anfragen an USA Boxing scheiterten. So sagte er den Event ab, obwohl bereits eine Halle gebucht war. Ende 2023 gab es eine Anfrage, den Event als Kickboxen zu organisieren, was möglich gewesen wäre, da Mixed Martial Arts nicht unter den Amateur Sports Act von 1978 fällt. Aber auch dies sagte ihm nicht zu.

Anforderungen und Training