Nouvelle Vague (französisch für "Neue Welle") ist ein französischer Film aus dem Jahr 1990, geschrieben und inszeniert von Jean-Luc Godard. Er erzählt die Geschichte des Vagabunden Lennox („Er“, im Original Lui, gespielt von Alain Delon), der von der wohlhabenden Industriellen Elena Torlato-Favrini („Sie“, im Original Elle, gespielt von Domiziana Giordano) aufgenommen wird. Der Film lief 1990 bei den Filmfestspielen von Cannes.
Nouvelle Vague ist als „rätselhaft“ und „vertrackt“ beschrieben worden; was diesen Film „tatsächlich ausmach[e]“, sei „nicht einfach [zu] sagen“, „die passende Sprache dafür“ sei noch gar nicht gefunden.Hanno Möbius: „Nouvelle Vague ist ein rätselhaft erscheinender Film [...] Er besteht aus Handlungsfragmenten, die im Extremfall sogar irreal werden.“ (Text in Augen-Blick 34, s. Literatur, S. 14) – Für Thomas Koebner handelt es sich „bei Nouvelle Vague um eine der raffiniertesten und vertracktesten Produktionen aus dem Spätwerk des Regisseurs.“ (Text in Augen-Blick 34, s. Literatur, S. 20) – Harun Farocki im Gespräch mit Kaja Silverman: „Was den Film tatsächlich ausmacht, läßt sich also gar nicht so einfach sagen. Vielleicht wird es noch fünfzig Jahre dauern, bis wir die passende Sprache dafür gefunden haben.“ (Von Godard sprechen, s. Literatur – deutsche Erstausgabe, S. 226)
Der Film hat eine mythische Anmutung. Die Dialoge und die aus dem Off gesprochenen Kommentare bestehen fast ausnahmslos aus literarischen Zitaten. Die Handlung wird viele Male durch Zwischentitel (weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund) unterbrochen, die überwiegend lateinisch sind (z. B. zu Beginn Incipit lamentatio = „Beginn des Klagelieds“); Ort und Zeit der Handlung sind unbestimmt; das Schlossgelände, auf dem sich alles abspielt, liegt von der Welt abgeschieden; Diener und andere Nebenfiguren erzeugen eine formelle, statische Atmosphäre. Am Ende werden alle Bediensteten entlassen und das Paar fährt gemeinsam zu neuen Abenteuern wie in einem Märchen. Godard, selbst in sehr wohlhabender Familie und zeitweilig in einem ähnlichen Ambiente aufgewachsen, zeigt ein Märchen. Doch er bricht die märchenhafte Struktur gelegentlich mit subversiven Dialogzeilen, die die Basis der Situation zeigen: Die gehobene Lebensweise beruht nur auf dem Geld der reichen Protagonistin.Gemäß Richard Brody: Everything is cinema (s. Literatur, S. 525, dort der Absatz „a mythical place in a mythical time“).
Handlung Contessa Elena Torlato-Favrini ist eine reiche italienische Industrielle, die auf einem weitläufigen Anwesen am Genfer See lebt. In ihrer Gesellschaft befinden sich der Gärtner Jules, dessen Frau Yvonne, ihre Tochter Cécile, der Chauffeur Laurent und die Sekretärin Della Larue (oder Della Street). Zu Beginn des Films unternimmt Elena eine Autofahrt, auf der sie Roger Lennox begegnet, der mit einem Koffer zu Fuß unterwegs war und von einem Lastwagen von der Straße gedrängt wurde. Sie hält an, beugt sich zu dem auf dem Boden Liegenden hinunter und betrachtet den Anhänger an seiner Halskette. Es ist das Anch-Symbol. Lennox hebt langsam seine Hand, und Elena bietet ihm ihre.Zu diesem Bild hört man aus dem Off einen Dialog der Stimmen von Elena und Lennox: „Quelle merveille que de pouvoir donner ce qu’on n’a pas.“ – „Le miracle de nos mains vides.“ – „Dolce miracolo!“ („Wie wunderbar es ist, etwas geben zu können, das man selbst nicht hat.“ – „Das Wunder unserer leeren Hände.“ – „Welch süßes Wunder!“) Es ist dies ein Zitat aus Georges Bernanos‘ Roman Journal d’un Curé de Campagne (Tagebuch eines Landpfarrers) bzw. aus Robert Bressons gleichnamiger Verfilmung.
Die direkt daran anschließende Szene spielt, ohne dass verdeutlicht wird, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist, in einer Fabrikhalle der Torlato-Favrini Industrias. Alle sind beschäftigt und miteinander im Gespräch, der Generaldirektor und ein Staatssekretär, der Fabrikleiter und die Sekretärin Della, und natürlich die Haupteigentümerin, Elena. Nur Roger Lennox steht wie verloren herum.Den Dialog dieser Szene nutzt Godard für ein Wortspiel mit dem Verb „faire“ (machen): „Mais qu’est-ce que vous faites là?“ („Was machen Sie denn hier?“), fragt der Generaldirektor Lennox, und der antwortet: „Je fais pitié.“ („Ich errege Mitleid.“)
Von nun an sind Elenas Villa und der angrenzende Park am Genfer See Hauptschauplatz des Geschehens. In Lennox hat sie einen willfährigen Liebhaber gefunden, aber schon bald stört sie sich an seiner Passivität und Trägheit. Weitere Personen ihres Gefolges werden eingeführt: Elenas Anwalt Raoul Dorfman und dessen Freundin, sowie Doktor Parker, einer der Kleinaktionäre ihres Unternehmens, und dessen Frau Dorothy, eine junge Schriftstellerin. Die Episoden, in denen diese Figuren in unterschiedlichen Konstellationen präsent sind, werden immer wieder unterbrochen von Auftritten des Dienstpersonals. Eine solcher Episoden spielt in einem noblen Restaurant, und hier ist es eine junge Kellnerin, die sich vor der versammelten Entourage Elenas selbstbewusst zeigt.Die junge Kellnerin beendet die Sequenz, indem sie Schillers Zweizeiler Gewissensskrupel rezitiert. Zurück auf dem eigenen Anwesen beschließt Elena, mit einem Motorboot über den See zu fahren, um ein paar Freunde zu besuchen. Lennox fährt das Boot und hält gehorsam an, als Elena baden möchte, weigert sich jedoch, sie zu begleiten, da er nicht schwimmen könne. Durch ein Missgeschick – oder hat Elena ihn absichtlich hinunter gezogen?, der Film lässt das offen – fällt Lennox ins Wasser, als sie wieder ins Boot steigt. Sie hilft ihm nicht, sieht seinem Ertrinken tatenlos zu.
Schnell wird versucht, Spuren von Lennox‘ Existenz zu beseitigen. Raoul Dorfman hat eine neue Freundin, aber ansonsten geht das Leben in der Villa für eine Weile so weiter wie zuvor. Doch dann taucht ein Mann auf, der genau wie Roger Lennox aussieht, sich jedoch „Richard“ nennt und behauptet, dessen Bruder zu sein. Er weiß von dem Bootsunfall und nutzt dies als Druckmittel, um eine von Elenas Firmen zu übernehmen. Während Roger zuvor passiv und fügsam war, ist Richard nun aktiv und aggressiv. Eine Szene führt zu einem kleinen privaten Flugplatz, wo der zu Geld gekommene Lennox – nach einem klugen Deal – nichts Geringeres als das aus Beirut eingeflogene Gemälde Die nackte Maja in Empfang nimmt. So gerissen dieser Lennox ist, so gefügig ist nun ihrerseits Elena.
Der Machtkampf erreicht seinen Höhepunkt in einer Wiederholung der Bootsszene. Nun ist es Lennox, der beschließt, mit dem Boot hinauszufahren – diesmal ist es ein Ruderboot, und Elena fällt ins Wasser, offenbar unfähig zu schwimmen. Lennox, zunächst ebenso gleichgültig wie sie es war, ergreift schließlich Elenas Hand und rettet sie. Es hat sich ein Gleichgewicht eingestellt, und nachdem Lennox den Verkauf des Anwesens arrangiert hat, wird das Dienstpersonal verabschiedet. Als Elena den Anch-Kettenanhänger an Lennox‘ Hals entdeckt, erkennt sie, dass Richard und Roger identisch sind. Auch Elena und Lennox fahren nun fort, offenbar auf zu weiteren Abenteuern als Gleichberechtigte.So jedenfalls sah es Richard Brody: „Their departure is the end of the film, but it suggests the beginning of an intimate and contemplative adventure“ („Ihr Abschied markiert das Ende des Films, deutet aber gleichzeitig den Beginn eines ebenso intimen wie gedankenvollen Abenteuers an“), schrieb er in Everything is cinema (s. Literatur, S. 526). – Frieda Grafe hingegen war anderer Auffassung: „Man soll also nicht annehmen, dass nach dem Ende des Films die Geschichte zwischen den beiden mit neuerlich sich verkehrenden Vorzeichen weitergeht. Der Mann behält die Oberhand und deshalb ist auch der Film eine richtige Geschichte, eine Erzählung, wie Alain Delons Stimme unterm Vorspann nachdrücklich zu verstehen gibt.“ (Nur das Kino, s. Literatur, S. 133).
Musik Paolo Conte: Blue Tango David Darling: Far Away Lights, Solo Cello, Clouds, Solo Cello And Voice Gabriella Ferri: A Zaza Paul Giger: Crossing Paul Hindemith: Mathis der Maler (Grablegung), Trauermusik, Mathis der Maler (Versuchung des heiligen Antonius), Sonate für Viola (1937), Sonate für Bratsche allein Op. 25/1 Heinz Holliger: Trema für Violoncello solo Werner Pirchner: Kammer-Symphonie, Sonate vom rauen Leben, Do You Know Emperor Joe, Kleine Messe um „C“ für den lieben Gott Dino Saluzzi: Winter, Transmutation, Andina Arnold Schönberg: Verklärte Nacht Jean Schwartz: Charta Koa Patti Smith: Distant Fingers
Hintergrund Dialoge und Off-Kommentare Die Dialoge und Off-Kommentare des Films bestehen fast ausschließlich aus Zitaten verschiedener literarischer Quellen, etwa von Georges Bataille, Raymond Chandler, Fjodor Dostojewski, William Faulkner, André Gide, Ernest Hemingway, Karl Marx, Arthur Rimbaud, Jean-Jacques Rousseau, Arthur Schnitzler, Mary Shelley und Dante Alighieri.
Als die junge Cécile einmal ihre Mutter fragt: „Aber sind denn die Reichen so viel anders als wir?“, antwortet diese mit den Worten Hemingways in der von F. Scott Fitzgerald erzählten Anekdote: „Ja, sie haben mehr Geld.“Hier zitiert nach Kaja Silverman und Harun Farocki, Von Godard sprechen (s. Literatur, S. 233).
Wenn der Chauffeur Lennox regelmäßig fragt: „Wurden Sie schon einmal von einer toten Biene gebissen?“, so ist dies eine Anspielung auf Howard Hawks’ Haben und Nichthaben mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall.
Auch Godards frühere Filme waren schon voller Zitate und Anspielungen, doch dies ist sein erster Film, in dem sie nahezu ausschließlich verwendet werden – eine Praxis, die er in Filmen wie Film Socialisme und Adieu au Langage fortgeführt hat.
Der Soundtrack Dies ist auch der erste von vielen Filmen, bei dem Godard die Musik für den Soundtrack überwiegend aus dem Katalog von ECM Records nahm, während er in den 80er Jahren vor allem klassische Musik eingesetzt hatte. ECM wiederum hat später den kompletten Soundtrack zum Film von Anfang bis Ende veröffentlicht, einschließlich der Filmmusik, der Dialoge und der Umgebungsgeräusche.
Herkunft einiger Rollennamen Roger/Richard Lennox: Terry Lennox ist eine Figur in Raymond Chandlers Roman The long Good-bye (Der lange Abschied). Elena Torlato-Favrini: Eleanora Torlato-Favrini ist eine Figur in Joseph L. Mankiewicz’ Film The Barefoot Contessa (Die barfüßige Gräfin). Schpountz, der Fabrikdirektor von Torlato-Favrini Industrias: Le Schpountz ist der Titel einer Filmkomödie von Marcel Pagnol. Della Larue/Street: Della Street ist die Sekretärin in den Perry-Mason-Romanen von Erle Stanley Gardner. Dorothy Parker: Name der Schriftstellerin Dorothy Parker (1893–1967).
Die Dreharbeiten Die Dreharbeiten begannen Anfang September 1989Antoine de Baecque: Godard (s. Literatur, S. 692). und dauerten zwei Monate; sie fanden überwiegend in einem Herrenhaus und der es umgebenden Parklandschaft auf der Schweizer Seite des Genfer Sees statt.Richard Brody: Everything is cinema (s. Literatur, S. 524).
Delon, der Hauptdarsteller, war damals schon 55 Jahre alt und hatte, im Gegensatz zu seinem großen Konkurrenten Jean-Paul Belmondo, noch nie zuvor mit den Regisseuren der französischen Nouvelle Vague gedreht. Mit der Rolle in Nouvelle Vague bot sich ihm die Möglichkeit, diese Lücke in seiner Karriere zu schließen, und als ihm Godard 1989 die Hauptrolle anbot, akzeptierte Delon, der von seinen stereotypen Krimirollen gelangweilt war, sofort.Brody 2009 Während der Dreharbeiten stritten Delon und Godard oft, weil Godard häufig die Dialogtexte kurzfristig änderte, was Delon nicht gewohnt war. Der Kameramann William Lubtchansky erinnerte sich später, Godard sei auch gegenüber ihm unerträglich aggressiv gewesen; er arbeitete nie wieder mit ihm.Richard Brody: Everything is cinema (s. Literatur, S. 524–525).
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