Die Kolumbianische Kunst reicht bis zu 3500 Jahren zurück und umfasst eine große Vielfalt an Stilen und Medien. Heute übt die indigene präkolumbische Kunst wieder einen großen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst auf. Dies gilt sowohl für die Materialien (Keramik, Stein, Gold, Textil) als auch für die verwendete Symbolik. Während der spanischen Kolonialzeit entstand eine überwiegend religiöse Kunst, die europäische mit lokalen Stilen vermischte. Nach einem epigonalen 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden nach 1940 durch die Synthese lokaler Motive und globaler Stilrichtungen eine oft expressive, starkfarbige Malerei und eine Skulpturkunst, die die Symbole kultureller Identität betonen. Viele bekannte kolumbianische Künstler wie auch anonyme Straßenmaler haben sich mit Themen wie Gewalt, Ungleichheit und der Geschichte des Landes auseinandergesetzt.
Zu den bekanntesten modernen Künstlern Kolumbiens zählen Fernando Botero, Enrique Grau und Alejandro Obregón.
Präkolumbische Kunst mini|hochkant|Adler mit Schlange aus vulkanischem Gestein, Höhe 160 cm, Archäologischer Park San Agustín In Kolumbien entstand bereits vor weit über 5000 Jahren fasergehärtete Keramik. Die schamanistische Tumaco-La-Tolita-Kultur, die sich um 1000 v. Chr. an der Pazifikküste entwickelte, brachte anthropomorphe Figuren teil mit indididuellen Zügen sowie Tiergestalten und Mischwesen mit teils grotesken Merkmalen hervor. Ein häufiges Motiv war der Jaguarmensch.F. Gil Towar 2002, S. 25. Die anthropomorphe Keramik der Piartal- und Capulí-Kulturen (ca. 500–1500 n. Chr.) wurde unter anderem bei Begräbnisritualen verwendet. Im Süden des Landes findet sich auch Inka-Keramik mit geometrischen Mustern. mini|hochkant|Keramikfigur von La Tolita, zwischen 1. Jh. v. Chr. und 1. Jh. n. Chr.
Im Landesinnern entwickelte sich an einem bevölkerungsreichen Kreuzungspunkt von Handelswegen etwa seit 500 v. Chr. die San-Agustín-Kultur. Sie brachte in ihrer Blütezeit große Steinkammergräber, monolithische Sarkophage und bis zu fünf Meter hohe Steinskulpturen mit Tier- und Maskendarstellungen von Göttern, Schamanen und Kriegern – teils mit tierischen Attributen – hervor, die sich an Zeremonienorten befanden.San Agustín auf indianer-welt.deF. Gil Towar 2002, S. 26. Die Verehrung von Raubkatzen scheint einer der ältesten Züge dieser Kultur zu sein, bevor sich die Götterwelt in einer theokratischen Gesellschaft differenzierte. Unter den Hunderten von Steinfiguren im Parque Arqueológico de San Agustín befinden sich Jaguarmenschen und Jäger, die sich rituell Tierhäute überwerfen, um die Kraft des Jaguars zu erlangen. Ähnlichkeiten gibt es vor allem mit den peruanischen Funden in Chavín de Huántar.Ferdinand Anton, Frederick J. Dockstader: Das Alte Amerika. München o. J., S. 167.
Zu den frühen künstlerischen Meisterwerken auf dem Gebiet des heutigen Kolumbiens gehören feine Goldschmiedearbeiten der dörflichen Quimbaya-Kultur im Tal des Río Cauca, die bis zu ihrer Auslöschung durch die Spanier fast 2000 Jahre existierte. Dazu gehörten anthropomorphe Hohlgussskulpturen aus einer weichen Gold-Kupfer-Legierung, dem Tumbaga, das aus bis zu 70 Prozent Kupfer bestand. Teils wurde auch Silber beigemischt.Das Gold der Quimbaya auf tagesspiegel.de, 4. Januar 2019 Nach dem Erhitzen wurde das Kupferoxid an der Oberfläche ganz oder teilweise entfernt, so dass sich zweifarbige Oberflächen ergeben können. Viele dieser Arbeiten waren sehr realistisch und verzichteten auf Dämonisierung oder Abstraktion.Ferdinand Anton, Frederick J. Dockstader: Das alte Amerika. Reihe Kunst im Bild, München o. J., S. 163 Auch die Tairona in der Sierra Nevada de Santa Marta schufen Goldschmiedearbeiten, allerdings mit kurvilinearen Mustern und teils höherem Abstraktionsgrad.F. Gil Towar 2002, S. 34. Die Künstler nutzten dabei verlorene Formen aus Ton, Wachs und Kohlenstaub sowie Oxidationstechniken, um unterschiedliche Oberflächeneffekte zu erzielen. Viele dieser Kunstwerke gingen durch Einschmelzen verloren.Patrick Illinger: Wem gehört der Quimbaya-Schatz? auf sueddeutsche.de, 17. Dezember 2024 mini|200px|Zoomorphe Votivfigur (tunjo) der Muisca im Museo del Oro
Das 1939 gegründete Museo del OroMuseo del oro auf colombia.travel in Bogotá zeigt eine Sammlung von 34.000 Goldartefakten, darunter ein Poporo der Quimbaya, ein abstrakt-minimalistischer Behälter zur Aufbewahrung von Muschelkalk, der beim Kauen von Kokablättern verwendet wurde, ferner den Pez alado, einen eleganten Fliegenden Fisch aus Gold, und das filigrane Goldfloß von Eldorado, ein Kunstwerk der seit etwa 800 n. Chr. blühenden Muisca-Kultur des zentralen Hochlands der östlichen Kordillerenkette. Die Kultur der Muisca ist für zoomorphe goldene, silberne oder Keramikfiguren wie Frösche, Schlangen und Seeschnecken bekannt, welche auf die Handelsbeziehungen zur Karibikküste verweisen und sich deutlich von denen der Quimbaya unterscheiden.
Kolonialkunst Kolumbien gehörte nach der spanischen Eroberung zunächst zum Vizekönigreich Peru. Seine Städte standen im Schatten der Hauptstadt des Vizekönigreichs Lima, über die allein auf dem Seeweg der Zugang zur Pazifikküste möglich war. Die Kirchenarchitektur der Renaissance und die manieristische Andachtsmalerei der Kolonialzeit – vor allem der Karibikküste – spiegeln dennoch früh den Machtanspruch der Katholischen Kirche und der spanischen Kolonialaristokratie, die sich ihre eigenen Kirchen errichteten. Sakrale Kunstwerke wurden zunächst weitgehend aus Spanien importiert, lokale Holzkünstler wurden als Handwerker betrachtet. Bald setzte jedoch eine lokale Kunstproduktion ein. Beispiele sind das Gnadenbild der Jungfrau von Chiquinquirá (1562), das von dem Sevilla geborenen Alonso de Narváez auf von Indios gewebte Baumwolle gemalt wurde, und die Wand- und Deckengemälde in den Kirchen des 16. Jahrhunderts. mini|hochkant|Jungfrau von Chiquinquirá mit den Heiligen Antonius von Padua (rechts) und Andreas In Bogotá entstand um 1560 die Franziskanerkirche San Francisco mit einem reich mit Gold und Mudéjar-Ornamenten geschmückten Presbyterium. Nach einem Erdbeben wurde sie Ende des 18. Jahrhunderts umgestaltet. Zu den bedeutenden Jesuitenklöstern und-kirchen gehört San Pedro Claver in Cartagena. Von 1577 bis 1612 wurde ebenfalls in Cartagena die Kathedrale Santa Catalina de Alejandria errichtet, einer der ältesten Bischofssitze in Amerika.
Die Malerei der kolumbianischen Barock wurde stark von Francisco de Zurbarán und seiner asketischen Strenge beeinflusst. Eine Synthese des spanischen Barock mit indigenen Motiven und Formen erreichte Baltasar de Figueroa der Ältere (1629–1667), der eine Schule begründete. Als wichtigster Maler der kolumbianischen Barock gilt Gregorio Vasquez de Arce y Ceballos (1638–1711), der innovative Lösungen zur Visualisierung schwer verständlicher theologischer Konstrukte fand. So gestaltete er die Trinität als eine Figur mit vier Augen und drei Gesichtern. mini|hochkant|Heilige Dreifaltigkeit von Gregorio Vásquez de Arce y Ceballos. Öl auf Leinwand, 62 × 44 cm Die Herauslösung des Vizekönigreichs Neugranada (1717–1819), das außer Kolumbien auch Venezuela, Ecuador und Panama umfasste, aus dem Vizekönigreich Peru brachte zunächst Cartagena de Indias an der Karibikküste und später dem bis dahin abgelegenen Bogotá im Andenhochland den Hauptstadtstatus. Diese Verlagerung führte zu einem Aufschwung vor allem der Kirchenbautätigkeit. Zugleich zeigten sich in der Kunst erste Einflüsse der Herrschaft der Bourbonen in Spanien sowie der europäischen Aufklärung. Zwischen Spätbarock und Neoklassizismus steht die um 1810 fertiggestellte Catedral primada von Bogotá. Am neuen Hof in Bogotá entstand ein Markt für aristokratische Porträtmalerei mit überwiegend starren und zeremoniellen Formen, zu deren Vertretern unter anderem der Rokoko-Maler Joaquín Gutiérrez (tätig nach 1750) gehörte. Die religiöse Malerei verharrte länger in der konservativen barocken Ikonographie mit ihrem dramatischen Schattenwurf.
Die ersten 100 Jahre der Republik: Akademismus, Neoklassizismus, Historismus Nach der Unabhängigkeit wurde die Tradition der Porträtmalerei von historischen Figuren und Notablen fortgesetzt. Ein repräsentativer Porträtmaler der Republik war Ricardo Acevedo Bernal (1867–1930), der die Gemäldegalerie des Nationalmuseums in Bogotá begründete. Zwar dominierte der Akademismus, doch wurde der Stil des bürgerlichen Porträts und der religiösen Malerei mit der Zeit volkstümlicher, ja primitiver und emotionaler, wofür die religiös inspirierte Malerin Mercedes Delgado Mallarino (1866–1948) steht.
Die sakrale Architektur verlor seit der Unabhängigkeit an Bedeutung und verharrte im Neoklassizismus mit spätbarocken Ornamenten. Das Gleiche galt für öffentliche Denkmäler, mit der die herrschende Oligarchie ihre Heroen und Notablen ehrte. Seit etwa 1875 folgten neugotische Bauten wie die Basilika Unserer Lieben Frau von Lourdes in Bogotá oder die riesige Kathedrale Nuestra Señora del Rosario in Manizales (1927) mit dem mit 106 Metern höchsten Kirchturm Kolumbiens. Die neuromanische Catedral Metropolitana de Medellín (1931) ist der größte Lehmziegelbau der Welt.
Das moderne Kolumbien
1930–1950: Revolutionskunst und Muralismo Seit den 1930er Jahren öffnete sich das Land, das durch den Kaffeeexport reich geworden war, aber zunehmend unter sozialen Spannungen litt, für internationale Einflüsse. Dazu trug eine liberale Regierung bei, die die Modernisierung und Industrialisierung des Landes förderte. Der Indigenismo, der in anderen lateinamerikanischen Ländern eine große Rolle spielt, traf in Kolumbien erst mit längerer Verzögerung ein. Auch sozialistische und nationalistische Strömungen gewannen nach dem Bananenmassaker 1928 an streikenden Arbeitern der United Fruit Company in Kunst und Literatur an Einfluss. Zu der nationalistischen Literatengruppe Los Bachués, die sich vehement vom Angloamerikanismus abgrenzte und verstärkt am Indigenismo und Costumbrismo orientierte, gehörten auch bildende Künstler wie die Bildhauer José Domingo Rodríguez (1895–1968), der durch seine blockhaften Bronzeskulpturen bekannt wurde, und Hena Rodríguez (1915–1997).Granés 2022, S. 217
Großen Einfluss gewann die mexikanische Revolutionskunst, insbesondere der Muralismo. Dieser wurde als massenpädagogisches Instrument von der liberalen Regierung unter Präsident Alfonso López Pumarejo unterstützt. Auch die Architektur erfuhr im Zeichen der Neuen Sachlichkeit einen Aufschwung. Berühmt wurde der Plan für den Campus der Universidad Nacional de Colombia durch den deutschen Emigranten Leopold Rother.
Zur ersten Generation der kolumbianischen Muralistas zählt der Ingenieur, Maler und Bildhauer Pedro Nel Gómez (1899–1984), der den Palacio municipal, die Metrostation San Antonio und die Bergbaufakultät der Universität in Medellín ausmalte und die Escuela de Bellas Artes der Stadt leitete. Politisch anstößig war sein Werk häufig.Granés 2022, S. 217, 219 Der an der Chicago Academy of Fine Arts ausgebildete Schüler von Frank Lloyd Wright und Sohn von Mercedes Delgado Mallarino, Santiago Martínez Delgado (1906–1954), malte seine ersten Wandbilder in den USA. Berühmt wurde er durch das mural über die Gründung der Republik im elliptischen Salon des kolumbianischen Kongressgebäudes. Auch war er als Buchillustrator erfolgreich. mini|Santiago Martínez Delgado: Wandbild Columbian Evolution im Art-déco-Stil, Weltausstellung Chicago 1933