hochkant|mini|Der Verstorbene in römischer Toga; Detail der Wandmalerei im Grab des Petosiris, Qārat el-Muzawwaqa, 1. Jahrhundert n. Chr.

Oasis magna („Große Oase“) war im Römischen Reich die Bezeichnung für das Gebiet um die Oasen in den Senken von Charga und Dachla in der Libyschen Wüste. Das Leben in diesem Gebiet ist insbesondere durch die Ausgrabungen in Amhaida (Trimithis) am Westrand der Senke Dachla und in Deir el-Munīra am Nordostrand der Charga-Senke genauer bekannt. Die Hauptstadt der Großen Oase war die im Norden der Charga-Senke an der Kreuzung von Karawanenwegen gelegene Stadt Hibis. Das antike Stadtgebiet ist größtenteils von Palmenhainen bedeckt und daher archäologischen Forschungen schlecht zugänglich.

Die Befunde aus der Großen Oase verbinden sich zu einem vielfältigen Bild des spätantiken Ägypten, da die Bevölkerung in nachrömischer Zeit bis ins 20. Jahrhundert geringer war, Ortschaften aufgegeben und nicht mehr überbaut wurden. Durch die Oasenwirtschaft und die Grenzlage hat die Oasis magna gegenüber dem Niltal aber auch ein eigenes Kolorit.

Name Bereits in altägyptischer Zeit waren die benachbarten Senken von Dachla und Charga eine Verwaltungseinheit, die den Namen Kenemet („südliche Oase“) trug. Sie bestand in griechisch-römischer und byzantinischer Zeit weiter, nun bezeichnet als „Große Oase“:Salima Ikram: The North Kharga Oasis Darb Ain Amur Survey (NKODAAS): Surveying the Tracks between the Two Oases, Cambridge u. a. 2019, S. 135. griechisch , lateinisch Oasis magna oder Oasis maior.

Geschichte

Seit dem Alten Reich waren die Pharaonen vorrangig an der Dachla-Senke interessiert. Je mehr die Oasen aber in die Verwaltung des Reichs integriert wurden, desto mehr wurde der Norden der Charga-Senke aufgewertet, durch den die wichtigsten Verbindungswege von Dachla ins Niltal verliefen.Roger S. Bagnall, Gaëlle Tallet: The Great Oasis: An Administrative Entity from Pharaonic Times to Roman Times, Cambridge u. a. 2019, S. 87 f. Der pharaonische Gouverneurspalast der Dachla-Senke befand sich in ʿAin Asil (Balat); zu unbekannter Zeit erlangte aber der ebenfalls in der Dachla-Senke gelegene Ort Mūṭ (Mothis) größere Bedeutung. Unterdessen wuchs Hibis zum wichtigsten Ort der Charga-Senke heran und wurde schließlich zum Zentralort der gesamten Großen Oase. Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. war Amhaida (Trimithis) immer noch ein Dorf; dieser Ort gewann wohl erst im frühen 3. Jahrhundert den Status einer Polis, den Mothis schon seit Anfang der römischen Herrschaft hatte.Roger S. Bagnall, Gaëlle Tallet: The Great Oasis: An Administrative Entity from Pharaonic Times to Roman Times, Cambridge u. a. 2019, S. 104.

Seit Ulpian galt die „Verbannung in die Oase“ (relegatio in oasin) als spezifisch ägyptische Strafe, die von den Behörden in Alexandria und in der Thebais verhängt werden konnte; kirchliche und byzantinische Schriftsteller erwähnen „die Oase von Hibis“ bis ins 8. Jahrhundert fast ausschließlich als Verbannungsort.Nicoletta De Troia: On the Edge of the Empire at the End of the Late Roman Period: The Khārga Oasis Sites as a Case Study, Berlin / Boston 2020, S. 170 f. Beispielsweise wurde Nestorius, ehemals Bischof von Konstantinopel, nach seiner Absetzung durch das Konzil von Ephesos 435 in die Oase verbannt, wo er 451 oder 453 starb.

Zwar beschrieb der spätantike Historiker Olympiodoros von Theben „die Oase“ im 5. Jahrhundert noch als Ort paradiesischer Fruchtbarkeit: Dank der von den fleißigen Bewohnern angelegten Tiefbrunnen ernte man dort schneeweißen Weizen und große Mengen an Gerste und Hirse. Archäologische Befunde deuten aber darauf hin, dass die Bevölkerung in den Oasen der Charga-Senke seit dem 5. Jahrhundert immer geringer wurde; die Gründe dafür sind unbekannt. Mangelnde Sicherheit vor Nomadenüberfällen könnte die Bewohner zur Abwanderung veranlasst haben – die Stadt Hibis wurde 373 von Nomaden angegriffen und 450 geplündert. Möglicherweise geriet die komplexe Oasenverwaltung durch diese Überfälle ins Stocken.Nicoletta De Troia: On the Edge of the Empire at the End of the Late Roman Period: The Khārga Oasis Sites as a Case Study, Berlin / Boston 2020, S. 171 f.

Bevölkerung hochkant|mini|Porträtmaske eines Verstorbenen aus einer Nekropole der Charga-Senke (Gips, 2. Jahrhundert n. Chr., University of Pennsylvania Museum of Archaeology and Anthropology)

Anthropologische Untersuchungen von rund 1000 Mumien und Skeletten der Nekropolen von Qaṣr Dusch (Kysis), ʿAin el-Labacha und Deir el-Munīra zeigen, dass die Bevölkerung der Oasen von Charga im Altertum eine Größe von maximal 1,65 m (Männer) und 1,55 m (Frauen) erreichte. Es waren schlanke, meist dolichocephale Menschen mit lockigem Haar, die sich allgemein einem mediterranen Typus zurechnen lassen. Dass sie der antiken Manfalut-Bevölkerungsgruppe ähneln, überrascht im Blick auf die engen Beziehungen zwischen den westlichen Oasen und dem Niltal nicht.Françoise Dunand, Roger Lichtenberg: The Ancient Population of the Kharga Oasis, Cambridge u. a. 2019, S. 39 f.

Pathologische und radiologische Untersuchungen der Mumien und Skelette aus den Nekropolen der Charga-Senke erbrachten Aufschlüsse über den Gesundheitszustand der Oasenbevölkerung im Altertum. Während Frauen häufig bei der Geburt oder im Kindbett starben, erreichte die Sterblichkeit erwachsener Männer in der untersuchten Gruppe das Maximum zwischen 40 und 60 Jahren; es gab aber sowohl Männer als auch Frauen, die über 60 Jahre alt wurden. Auffällig ist die geringe Knochendichte. Harris-Linien deuten auf weit verbreitete Mangelernährung. Arthritis, teilweise begleitet von Skoliose, war sehr häufig. Auch Knochenbrüche, besonders der Unterarme, ließen sich oft feststellen. Weil die Bauern barfuß auf den bewässerten Feldern arbeiteten, war Schistosomiasis in Ägypten bis in jüngste Zeit weit verbreitet. Diese Krankheit wurde auch bei den untersuchten antiken Bestattungen nachgewiesen, ebenso Filariose. Tuberkulose war dagegen selten, und andere Infektionskrankheiten konnten bei den untersuchten Mumien und Skeletten nur in Einzelfällen nachgewiesen werden. Ebenfalls selten war der Nachweis einer Krebserkrankung, was mit dem geringen Lebensalter der Untersuchungsgruppe erklärt wird. Die Zähne der untersuchten Mumien und Skelette waren in schlechtem Zustand, weil Getreideprodukte einen großen Anteil ihrer Ernährung ausmachten und das Mehl mit Sand und Steinabrieb vermischt war.Françoise Dunand, Roger Lichtenberg: The Ancient Population of the Kharga Oasis, Cambridge u. a. 2019, S. 32–39.

In jeder der untersuchten Nekropolen waren einige der dort beigesetzten Männer beschnitten, was in römischer Zeit nur bei Mitgliedern der ägyptischen Priesterschaft gestattet war. Die Mumie eines etwa 50-jährigen Mannes aus ʿAin el-Labacha war darüber hinaus rasiert und kahlköpfig, wie es für Priester der altägyptischen Religion vorgeschrieben war.Françoise Dunand, Roger Lichtenberg: The Ancient Population of the Kharga Oasis, Cambridge u. a. 2019, S. 43.

Verwaltung in römischer Zeit An der Spitze des Gaus Oasis magna stand der vom Präfekten in Alexandria ernannte Strategos. Er beaufsichtigte die Buchführung der Verwaltung. Da es städtische Magistrate in der Provinz Aegyptus erst seit 200/201 gab, war der Gaustratege zunächst auch für die Schlichtung lokaler Konflikte zuständig.Håkon Fiane Teigen: The Manichaean Church at Kellis, Leiden / Boston 2021, S. 38. Damit bestanden Elemente der stark zentralisierten ptolemäischen Verwaltung fort.Alan K. Bowman, Dominic Rathbone: Cities and Administration in Roman Egypt. In: The Journal of Roman Studies, Band 82 (1992), S. 107–127, hier S. 108.

Wie das gesamte Reich wurde auch die Provinz Aegyptus durch die Verwaltungsreform in der Regierungszeit Diokletians (regierte 284–305) umgestaltet. Die Oasis magna gehörte nun administrativ zur Thebais mit der Hauptstadt Antinoupolis. Sie wurde geteilt in den „Mothitischen Gau“ (= Dachla) mit dem Hauptort Mothis und den „Hibitischen Gau“ (= Charga) mit dem Hauptort Hibis. Der höchste Verwaltungsbeamte war nun der Logistes (curator civilis); der Strategos, umbenannt zum exactor civitatis, war ihm untergeordnet. Die Inhaber beider Ämter stammten aus der lokalen Oberschicht. Trotz der formalen Teilung in zwei Gaue bestand die zentrale Verwaltung der Oasis magna aber de facto weiter.Håkon Fiane Teigen: The Manichaean Church at Kellis, Leiden / Boston 2021, S. 38 f. Aus Papyri des 4. Jahrhunderts geht nämlich hervor, dass ein Logistes für die gesamte Große Oase zuständig war. Jede der drei Städte Hibis, Mothis und Trimithis hatte ihre eigenen Verwaltungsbeamten, vermutlich auch einen Magistrat, und wurde von einem praepositus pagi geleitet – Roger S. Bagnall und Giovanni Ruffini vermuten in diesem Amtsträger „eine Art Mini-Logistes vor Ort.“Roger S. Bagnall, Giovanni R. Ruffini: Civic Life in Fourth-Century Trimithis. Two Ostraka from the 2004 Excavations. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik, Band 149 (2004), S. 143–152, hier S. 151. Wie im ganzen Reich wurden die Mitglieder des Magistrats aus der lokalen Oberschicht benannt. Sie waren in ihrer Amtszeit verantwortlich für die Wahrung des öffentlichen Friedens, die Einziehung von Steuern, die Finanzierung öffentlicher Aufgaben und die Ausrichtung von Festen: ungeliebte Pflichten, denen man sich aber nicht entziehen durfte. Auf der Ebene der Dörfer gab es das relativ attraktive Amt des Bürgermeisters und verschiedene Steuereinzieher. „Dieses System städtischer und ländlicher Beamter, die aus den lokalen Eliten rekrutiert wurden, zielte darauf, eine Verwaltung zu gewährleisten, die relativ wenige Interventionen seitens der römischen Regierung erforderte.“Håkon Fiane Teigen: The Manichaean Church at Kellis, Leiden / Boston 2021, S. 40.

Wasserversorgung und Landwirtschaft mini|Teil des Qanat-Systems von ʿAin Umm el-Dabadib mini|Produkte der Oase, Detail der Wandmalerei im Grab des Petosiris, Qārat el-Muzawwaqa, 1. Jahrhundert n. Chr.

Grundlage der Landwirtschaft in den benachbarten Senken von Charga und Dachla waren artesische Quellen, in denen Grundwasser aus einem großen fossilen Reservoir (Nubischer-Sandstein-Aquifer) an die Oberfläche trat. In Deir el-Munīra lässt sich beispielsweise nachweisen, dass die verfügbare Wassermenge seit der Dritten Zwischenzeit und vermehrt dann in der Ptolemäerzeit durch Abtragen der Quellhügel und Graben zusätzlicher Brunnen aufrechterhalten und vergrößert wurde.Jean-Paul Bravard: Water Resources and Irrigation in Two Oases of the Western Desert of Egypt: Kharga and Dakhla, Cambridge u. a. 2019, S. 24 f. Die Einführung des durch Zugtiere angetriebenen Schöpfwerks (Sakia) ermöglichte es nun, Felder in größerer Entfernung zum Brunnen zu bewässern. Die Anbaufläche vergrößerte sich; dies war die Voraussetzung für das Bevölkerungswachstum in frührömischer Zeit. Reste des damaligen Qanat-Systems blieben in der Charga-Senke erhalten (ʿAin Manawir, ʿAin Umm el-Dabadib, ʿAin el-Labacha).Olaf E. Kaper: The Western Oases, Oxford / New York 2012, S. 718.