mini|Marktflecken Euerdorf in der Zeit um 1845, Lithographie von Franz Leinecker Anton Keil, geboren als Anton Keul, nach der Einbürgerung in Frankreich Antoine Keil (* 17. Oktober 1768 in Euerdorf, Hochstift Würzburg; † nach 1832) war während der sogenannten Franzosenzeit, der Epoche der französischen Herrschaft über große Teile Europas zwischen 1792 und 1815 (Napoleonische Kriege), als Jurist und kaiserlicher Staatsprokurator in französischen Diensten, Professor für Gesetzgebung in Köln und Kriminalist, der durch seine Erfolge im Kampf gegen die links und rechts des Rheins aktiven Räuberbanden Kriminal- und Rechtsgeschichte geschrieben hat. Daneben organisierte und führte er für die französischen Behörden in den eroberten Gebieten die Requirierung von Objekten aus Kunst und Wissenschaft durch, hielt enge Verbindungen zu kölnischen Jakobinerzirkeln und war in Köln darüber hinaus auch als Autor, Verleger und Übersetzer tätig.
Leben mini|Fürstbischof von Würzburg und Bamberg Adam Friedrich von Seinsheim mini|General Jean-Baptiste Jourdan, Befehlshaber der Sambre- und Maas-Armee Anton Keil wurde während der Regierungszeit des Fürstbischofs von Würzburg und Bamberg Adam Friedrich von Seinsheim im zu dieser Zeit noch dem Hochstift Würzburg zugehörigen Marktflecken Euerdorf zehn Monate nach der im Januar 1768 erfolgten Hochzeit als Sohn des Euerdorfer Bauern Johann Domenikus Keul und dessen aus Pfersdorf stammenden Ehefrau Katharina, geb. Markard (Markert) am 17. Oktober 1768 getauft.Pfarrmatrikel Euerdorf, Anno 1768 (01317-S. 66), Pfarrer und Benefactor Ecclesiae Euerdorfensis war Georg Heinrich Ament, der 45 Jahre Pfarrer am Ort war und am 3. Juli 1769 im Alter von 72 Jahren verstarb Der Diakon, Mönch, Jurist und Dichter Joseph Anton Keil (1780–1819), der 1817 mit dem Konkordat ein erstes umfangreiches Gedicht auf den Vertrag zwischen dem bayerischen Staat und der katholischen Kirche verfasste und in seinem Todesjahr 1819 noch sein Gedicht auf die Bayerische Verfassung "De Constitutione Bavariae Carmen" an angesehene Persönlichkeiten dieser Zeit verschickte, war sein jüngerer Bruder.Walter Eykmann (Hrsg.): Joseph Anton Keil: De Constitutione Bavariae Carmen / Gedicht über Bayerns Verfassung 1819, eingeleitet, herausgegeben und erläutert von Walter Eykmann, aus dem Lateinischen übersetzt von Otto und Eva Schönberger, Königshausen & Neumann, Würzburg 2020, ISBN 978-3-8260-6898-0. Anton Keil studierte nach dem Gymnasium in Würzburg an der Universität Würzburg Mathematik sowie beim Benediktiner und Anhänger der Schriften Kants Maternus Reuß (1751–1798) Philosophie und dann eine weitere Zeit Rechtswissenschaft und Politik an der Universität Wien.Hansen 1931, Bd. III, S. 856, Anm. 6. Er hatte eine frankophile aufklärerische Haltung, reiste im Jahr 1789 nach Ausbruch der französischen Revolution nach Paris und blieb auch in der Folgezeit zeitlebens ein glühender Anhänger dieser Bewegung. Er war wenig später zur Zeit der Direktorialherrschaft im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten tätig und wirkte dann als Übersetzer in der Armée de Sambre-et-Meuse, die unter dem französischen General Jean-Baptiste Jourdan 1796 den Rhein überschritt und von der Lahn bis zur Oberpfalz vordrang. Die Truppen erlitten im August 1796 vor Amberg und Anfang September 1796 in der Schlacht von Würzburg durch Erzherzog Karl von Österreich entscheidende Niederlagen und mussten sich unter großen Verlusten nach Düsseldorf zurückziehen.
Anton Keil, der zuvor vom Komitee für öffentliche Bildung zwischen Frühjahr 1795 und Sommer 1796 beauftragt wurde eine deutsche Grammatik für die Schulen der Republik zu verfassen und in Paris verblieben war,Bénédicte Savoy, 2003, S. 45 beantragte die französischen Bürgerrechte und trat freiwillig in die Dienste des französischen Staates. Er veröffentlichte 1796 mit Notice sur la philosophie et les ouvrages de M. Kant, professeur de Philosophie à Koenigsberg einen für die französische Kant-Rezeption bedeutsamen Aufsatz über Immanuel Kant und wurde am 11. September 1796 durch den französischen Innenminister Pierre Bénézech (1749–1802) zum Kommissar der französischen Regierung mit dem Auftrag, die Objekte aus Kunst und Wissenschaft in den eroberten Gebieten Deutschlands zu sammeln, ernannt. Bürger Keil ließ sich nach seiner Ernennung von den Klöstern und Stiften in seinem Zuständigkeitsgebiet, das sich nach den Niederlagen und Rückzügen der Revolutionstruppen mittlerweile nur noch auf die Gebiete zwischen Maas, Mosel und Rhein beschränkte, Zusammenstellungen über die vorhandenen Handschriften, Urkunden, Inkunabeln, Bücher etc. anfertigen, traf daraus seine Auswahl für Paris und überführte diese im Auftrag staatlich angeordneten Kunstraubs wie zahlreiche weitere Kunstgegenstände, Reliquien, Kirchenschätze und wertvolle Bibliotheken bis in die Zeit von 1798 aus den besetzten Gebieten in die Sammlungen für das im Aufbau befindliche Musée Napoléon in Paris, das nach dem Ende des Napoleonischen Kaiserreichs 1815 in Louvre umbenannt wurde. Am 12. Oktober 1796 führte er diese Aufträge in Trier, am 25. Oktober in Koblenz, am 29. Oktober in Bonn, am 5. November in Köln und am 17. November 1796 in Aachen durch. Eine von ihm am 2. August 1797 konfiszierte Mumie, bei der es sich um eine um 1650 gefundene unverweste Leiche handelte, die der Heilige Vogt von Sinzig sein sollte, wurde von Sinzig über Köln nach Paris verbracht und im Jardin des Plantes ausgestellt.Die sterblichen Überreste von Johann Wilhelm von Holbach, der bis ins Jahr 1691 jülich-klevischer Amtsvogt in Sinzig war, kamen nach 1815 nach Sinzig zurück und wurden 2017 in der Pfarrkirche St. Peter in Sinzig grabgelegt Die requirierten Bücher, die aus der Sicht von Anton Keil wichtig waren, wurden an die Bibliothèque nationale geleitet, weniger wichtige wurden in Köln „zugunsten der Republik“ durch den Kölner Buchhändler Johann Georg Schmitz (1761–1845) versteigert, der Versteigerungserlös wurde von Anton Keil wiederum für den Ankauf neuer Bücher in deutscher Sprache eingesetzt. Sein selbst gestecktes Ziel war es, die Bibliothèque nationale mit allen guten modernen Bücher zu versorgen, die in Deutschland erschienen waren. Bei den philosophischen Schriften handelte sich vor allem um Schriften von Immanuel Kant, die er nach eigenen Angaben bestens kannte, sowie um Werke von Kantianern, darunter Johann Gottlieb Fichte.
Im März 1798 wurde er während der weiter andauernden französischen Besetzung öffentlicher Anklägerheute: Staatsanwalt des Département de la Roer, wenig später zusätzlich mit der Einführung der französischen Gesetze betraut und übernahm hierzu mit Sondererlaubnis parallel neben der Tätigkeit als Ankläger ab November 1799 die Dienstgeschäfte als Professor de législation an der „Université de Cologne organisé en Ecole centrale“ in Köln, der Zentralschule, die als Nachfolgeeinrichtung der Universität Köln durch die französischen Behörden eingerichtet worden war.
Der am 4. November 1798 zum Präsidenten des Kriminalgerichtshofes des Département de la Roer mit Sitz in Köln ernannte Friedrich Georg Pape wurde wegen fehlender Härte in seinen Urteilen sowie massiven Konflikten innerhalb der Kölner Justiz im April 1800 abgesetzt. Nach dieser im Unfrieden abgelaufenen Beendigung seiner Verwendung übersandte er dem französischen Regierungskommissar seine persönlichen Einschätzungen über führende Richter und Inhaber öffentlicher Ämter in den rheinischen Departements und rechnete dabei auch mit dem öffentlichen Ankläger Anton Keil ab. Ein Mann, von dem man glauben würde, dass er Talente hat; ohne Studium und ohne Bildung, ehrgeiziger als Robespierre und wilder als Fouquier-Tinville; Feind der Regierung, Feind seiner Mitbürger, Feind der Menschheit; berüchtigter Informant, grausamer Verleumder, blutrünstiger Beamter; er wird in der Abteilung allgemein gefürchtet und gehasst.Bénédicte Savoy, 2003, S. 45: « Homme auquel l’on croirait des talents ; sans études et sans éducation, plus ambitieux que Robespierre et plus féroce que Fouquier-Tinville ; ennemi du Gouvernement, ennemi de ses concitoyens, ennemi du genre humain ; délateur infâme, calomniateur atroce, fonctionnaire sanguinaire ; il est généralement craint et détesté dans le département. » Diese im Jahr 1800 getätigten schriftlichen Ausführungen des entlassenen und zutiefst gekränkten Georg Friedrich Pape beeinflussten die Sicht der französischen Behörden auf Anton Keil und prägten zahlreiche Historiker in ihren Einschätzungen bis in die heutige Zeit. miniatur|180px|Generalkommissar Jeanbon Baron de Saint-André, zeitgenössischer Kupferstich Gleichwohl die Persönlichkeit von Anton Keil extrem polarisiert bleibt unbestritten, dass er sich nach Übernahme der im Bereich der Strafverfolgung liegenden Aufgaben zu einem der erbittertsten Gegner der zu dieser Zeit links und rechts des Rheins aktiven Räuberbanden entwickelte und, wie Johann Samuel Ersch im Jahr 1821 festhielt, dabei erfolgreich mehrere Räuberbanden vertilgte. In der Zeit um 1800 reisten diese Räuber noch meist zu Pferd und mit leichten Kutschen bis zu 100 km zum Zielobjekt, stießen mit einem Rammbock die Türen ein und plünderten die Bewohner aus, wobei sie sich als französische Marodeure tarnten, französische Kommandos verwendeten und die Marseillaise sangen. Anton Keil ging mit zum Teil völlig neuen Fahndungsmethoden regelrecht auf die Jagd nach diesen Banden und deren Netzwerken. Er legte Ermittlungsakten an, perfektionierte die Fahndung mit Steckbriefen in seinem Zuständigkeitsbereich und baute ein funktionierendes Informantensystem auf. Er wurde vom Generalkommissar Jeanbon St. André mit besonderen Vollmachten für die Bekämpfung der Räuberbanden ausgestattet und verfolgte in Begleitung seines Sekretärs Servaz DiepenbachEr wohnte 1799 in Köln, Perlenpfuhl, Haus-Nr. 25 unermüdlich auch über die damaligen Ländergrenzen hinweg die Banden, wie die Niederländische Bande und die Schinderhannische Bande sowie Räuberchefs wie Carl Heckmann, Abraham Picard, genannt König der Mitternacht und Mathias Weber, genannt Fetzer sowie auch Johannes Bückler, der unter dem Namen Schinderhannes überregional Bekanntheit erlangte.Anton Keil wurde bei seinen Verbrecherjagden vom Kurfürstlich Mainzischen Oberamt in Höchst (Frankfurt) ein Kopfgeld von 16 Reichstalern für jeden gefassten Verbrecher zugesagt Er durchkämmte bei seiner „mission diplomatique“ im Westerwald, Taunus und am Main die Gefängnisse, verglich die Gefangenen mit den Angaben in seinen Ermittlungsakten und Steckbriefen und identifizierte auch unter Einsatz von ihm eigenen Verhörmethoden (meist schaffte er eine positive Atmosphäre und baute schrittweise ein Vertrauensverhältnis auf) zahlreiche Verbrecher dieser Zeit, die zuvor teils unter anderen Identitäten festgesetzt worden waren. mini|Holzschnitt auf einem Druck zur Hinrichtung von Mathias Weber, genannt der Fetzer am 19. Februar 1803, Originalvorlage in der Graphischen Sammlung des Kölnischen Stadtmuseums. (Rheinisches Bildarchiv) Mathias Weber, der Fetzer, der seine eigene Frau erschlagen und im Oktober 1799 den berühmten Überfall auf den Köln-Elberfelder Postwagen verübt hatte, bei dem unter seiner und Johann Müllers (gen. "Müllerhannes") Führung 20 Räuber verschiedener Banden teilnahmen und bei dem sie mehr als 13.000 Reichstaler Beute machten, wurde nach seiner Verhaftung in Frankfurt im Mai 1802 in Bergen von Anton Keil identifiziert, in Mainz an die französischen Behörden übergeben, in einem Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt und in der letzten öffentlichen Hinrichtung in Köln am 19. Februar 1803 vor mehreren Tausend Zuschauern mit der Guillotine auf dem Alter Markt hingerichtet.