Der sogenannte Red Summer bezeichnet eine Serie gewaltsamer Ausschreitungen gegen Afroamerikaner. Diese ereigneten sich im Jahr 1919 in über drei Dutzend Städten und mehreren ländlichen Regionen der Vereinigten Staaten. Die Bezeichnung geht auf den Bürgerrechtler James Weldon Johnson zurück, der als Vertreter der NAACP landesweite Protestaktionen gegen die rassistisch motivierte Gewalt organisierte.David F. Krugler: 1919, The Year of Racial Violence. Cambridge University Press, 2014, S. 196–198.
Die Unruhen waren eng mit den tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüchen der Nachkriegszeit verknüpft. Die Rückkehr hunderttausender Soldaten, ökonomische Unsicherheit, Konkurrenz um Arbeitsplätze und Wohnraum sowie die demographischen Veränderungen durch die Great Migration führten zu wachsendem Unmut unter weißen Bevölkerungsgruppen. In mehreren Fällen wurden Afroamerikaner zudem als Streikbrecher eingesetzt, was die Spannungen weiter verschärfte.
In den meisten Fällen ging die Gewalt von Weißen aus. Besonders schwer waren die Ausschreitungen in Chicago, Washington, D.C. und im ländlichen Elaine, Arkansas, wo es zu zahlreichen Todesopfern kam. Gleichzeitig formierte sich in mehreren Städten erstmals organisierter Widerstand afroamerikanischer Gemeinden gegen die Übergriffe.
Das Jahr 1919 war von beispielloser Gewalt geprägt. Während der „Red Summer“ den traurigen Höhepunkt der Angriffe auf afroamerikanische Gemeinschaften darstellte und somit den Schwerpunkt der rassistischen Gewalt bildete, ist es wichtig festzuhalten, dass sich Aggressionen und Übergriffe in diesem turbulenten Nachkriegsjahr auch gegen weitere ethnische, politische und soziale Minderheiten richteten.R. K. Murray: Red Scare: A Study in National Hysteria, 1919–1920 (NED-New edition). University of Minnesota Press, 1955;
Die Ereignisse wurden von der zeitgenössischen Presse ausführlich dokumentiert. Teile der Öffentlichkeit und Politik verbanden die Vorfälle mit der wachsenden Angst vor sozialistischen oder anarchistischen Umtrieben im Zuge der bolschewistischen Revolution – eine Wahrnehmung, die zusätzlich zur Eskalation beitrug.
Vorgeschichte
Great Migration Die Great Migration bezeichnet eine bedeutende Binnenwanderungsbewegung in den Vereinigten Staaten, bei der Millionen Afroamerikaner aus dem ländlichen Süden in die Industriezentren des Landes zogen. Dieser Trend setzte bereits um 1900 ein, gewann aber ab 1910 erheblich an Dynamik. Allein zwischen 1910 und 1920 verließen etwa 440.000 Amerikaner den Süden in Richtung der städtischen Ballungsräume.David F. Krugler: 1919, The Year of Racial Violence. Cambridge University Press, 2014, S. 198–200, 204–206.
Gründe für das Verlassen des Südens (Push-Faktoren) mini|300x300px|Vier afroamerikanische Männer wurden in Russellville, Logan County, Kentucky gelyncht. Das Foto wurde bei Sonnenaufgang am 1. August 1908 aufgenommen. Ökonomische Umbrüche spielten eine zentrale Rolle: Durch den technologischen Fortschritt in der Landwirtschaft wurden weniger Arbeitskräfte benötigt, da Maschinen viele Tätigkeiten übernahmen. Gleichzeitig steigerten technische Innovationen und effizientere Anbaumethoden die landwirtschaftlichen Erträge. Dies führte zu einem strukturellen Überangebot auf dem Binnenmarkt, der die steigende Produktion nicht mehr vollständig aufnehmen konnte, zumal das Bevölkerungswachstum nachließ. Die Folge war ein Druck auf die ohnehin niedrigen Löhne der afroamerikanischen Landarbeiter. Verschärft wurde die wirtschaftliche Notlage durch das ausbeuterische System des Sharecropping. Hinzu kamen plötzliche Naturereignisse, welche die Lebensgrundlage unmittelbar bedrohten: 1915 zerstörte der Baumwollkapselkäfer weite Teile der Ernte, und schwere Überschwemmungen im selben Sommer verursachten zusätzliche landwirtschaftliche Schäden.
Neben ökonomischen Motiven spielten auch soziale und politische Faktoren im Süden eine zentrale Rolle. Afroamerikaner waren im Süden weitgehend von politischer Teilhabe ausgeschlossen und verfügten über kaum gesellschaftliche Repräsentation. Das durch die Jim Crow-Gesetze geprägte System war stark rassistisch und regulierte das Leben von Afroamerikanern streng. Diskriminierung, Segregation und offener Terror – darunter Lynchmorde, Prügel, Vergewaltigungen und andere öffentliche Demütigungen – sowie die strukturelle ökonomische Entrechtung lieferten mehr als genug Abschreckung, um eine Abwanderungen auszulösen.
Anziehungskraft des Nordens (Pull-Faktoren)
Der Erste Weltkrieg veränderte die internationale Nachfragestruktur und beeinflusste so die US-Produktion: Die ausländische Nachfrage nach Baumwolle und landwirtschaftlichen Geräten ging zurück, während der Export von Rüstungsgüter anstieg. Zeitgleich blieb der Zustrom europäischer Migranten aus. Die Verbindung aus dem Mangel an billigen Arbeitskräften und steigender Nachfrage im Industriesektor, insbesondere ab dem Kriegseintritt der USA in den ersten Weltkrieg, eröffnete afroamerikanischen Arbeitern erstmals den Zugang zu den Industriearbeitsmärkten im Norden. Durch die Abwanderung verloren Orte wie Hattiesburg einen Großteil ihrer billigen afroamerikanischen Arbeitskräfte. Die Arbeitslosigkeit sank während des Krieges von 7,9 auf 1,4 Prozent.
Rassismus Im Rahmen der Great Migration stieg zwischen 1910 und 1920 die afroamerikanische Bevölkerung im Norden deutlich an. In Chicago von rund 44.000 auf etwa 109.458 Personen. Besonders dynamisch verlief diese Entwicklung in den Jahren 1916 bis 1919, in denen die Zahl der afroamerikanischen Einwohner um 86 % zunahm. Der Red Summer war in tiefgreifenden sozialen Spannungen und rassistischen Vorurteilen verwurzelt. Diese entstanden vor allem durch die Notwendigkeit weißer Bevölkerungsgruppen, sich an die demographischen Veränderungen in ihren lokalen Gemeinschaften infolge der zunehmenden Präsenz der Afroamerikaner anzupassen. mini|Bilder einer afroamerikanischen Wohnsiedlung in Chicago, Illinois. Die Great Migration brachte Hoffnung auf Freiheit und Sicherheit. Jedoch trafen viele afroamerikanische Migranten im Norden auf eine Gesellschaft, die ihre rassistischen Vorurteile nur subtiler verbarg. Zahlreiche der dort ansässigen europäischen Einwanderer bewarben sich auf die gleiche Jobs. In Städten wurden Afroamerikaner zunehmend in das urbane Leben eingebunden. Integration bedeutete dabei jedoch keineswegs Gleichstellung im Sinne gesellschaftlicher Teilhabe auf Augenhöhe. Vielmehr handelte es sich um eine Form der begrenzten Teilhabe: Zugang zu Arbeitsmärkten, zu Bildungseinrichtungen und zum öffentlichen Raum war möglich, jedoch häufig innerhalb klarer sozialer und geografischer Grenzen. Im Norden gab es wenig echte Aufnahmebereitschaft. Zwar herrschte Mitgefühl für die Afroamerikaner im Süden, doch direkte Nachbarschaft mit ihnen wollten viele Weiße nicht. Stadtteile wie die „Black Metropolis“ in Chicago zeugen davon. Diese segregierten Wohnviertel litten unter chronischer Überbelegung und mangelnder Infrastruktur. Der zunehmende Zuzug führte zu räumlicher Verdrängung, wodurch Afroamerikaner begannen, in weiße Wohngebiete vorzudringen. Dieser Grenzübertritt destabilisierte bestehende soziale Ordnungen. Weiße machten Schwarze meist für die zunehmende Unsicherheit auf den Straßen verantwortlich.
Die Kriegsjahre waren zudem von häufigen Arbeitskämpfen dominiert. Bei den Streiks wurden durch die Unternehmen häufig afroamerikanische Streikbrecher eingesetzt.Streetcar Strike. Prelinger Archive, 1917; Dies förderte weitere Ressentiments gegenüber der schwarzen Bevölkerung. Erste Symptome waren die Aufstände in East St. Louis, Illinois (1917) und Philadelphia, Pennsylvania (1918).
Auch auf bundespolitischer Ebene spiegelte sich diese ablehnende Haltung gegenüber Afroamerikanern wider. Unter Präsident Wilson wurden diskriminierende Praktiken nicht nur geduldet, sondern aktiv gefördert. Er führte unter anderem die Rassentrennung im Staatsdienst wieder ein. Gleichzeitig wuchs die Lohnlücke zwischen Schwarzen und Weißen deutlich: von 7 % im Jahr 1913 auf 20 % 1921. Er berief bekennende Segregationisten in sein Kabinett und verteidigte die Trennung der Rassen mit angeblich wissenschaftlichen Argumenten.
Wirtschaftliche Spannungen auf dem Arbeitsmarkt Zwischen 1899 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs nahm die industrielle Produktivität in den Vereinigten Staaten deutlich zu. So stieg die Arbeitsleistung in der verarbeitenden Industrie bis 1914 um rund 69 %, während der Reallohn, also die inflationsbereinigte Kaufkraft der Löhne, nur um etwa 38 % zunahm.Frederick C. Mills: Economic Tendencies in the United States: Aspects of Pre-War and Post-War Development. National Bureau of Economic Research, New York 1932, S. 179–182. Besonders ausgeprägt war dieses Missverhältnis in der Stahl-, Textil- und Lebensmittelindustrie. Aber auch in der Baumwollverarbeitung lagen die Produktivitätszuwächse deutlich über der Entwicklung der Löhne.Mills 1932, S. 180.
Seit 1906 war die US Wirtschaft von struktureller Instabilität und einer unregulierten Überproduktion geprägt. Der Erste Weltkrieg und der damit einhergehende massive Anstieg der Industrieproduktion überdeckten diese fundamentalen Probleme. Dies trieb die Inflation weiter in die Höhe. Dies war ein zentraler Treiber wachsender Unzufriedenheit und führte bereits während des Krieges zu vermehrten Streiks. Mit Kriegsende sank die Industrieproduktion ab. Bspw. liefen in Ohio die meisten Stahl- und Eisenwerke im Mai 1919 nur noch mit etwa 60 % ihrer Kapazität. Ende Januar 1919 ergab eine Erhebung, dass dort bereits 152.000 Männer ohne Arbeit waren. Diese Arbeitslosigkeit konzentrierte sich vor allem auf Ballungsräume, wo Fabriken mit Kriegsaufträgen Tausende entlassen hatten. In Chicago waren bereits im Mai 1919 schätzungsweise 10.000 schwarze Arbeiter arbeitslos. Fleischverpackungsunternehmen gaben zu, Schwarze schneller zu entlassen als Weiße.James Krugler: 1919, The Year of Racial Violence: How African Americans Fought Back. Cambridge University Press, Cambridge 2014, S. 105. Auch im Bergbau wurden tausende von Mitarbeiter entlassen. Die Rückkehr zahlreicher Soldaten, steigende Lebenshaltungskosten und eine zunehmende Konkurrenz um Arbeitsplätze und Wohnraum verstärkten die Spannungen zusätzlich.
Vorfälle mini|Die verkohlte Leiche von Will Brown, nachdem er in Omaha gelyncht, verstümmelt und verbrannt worden war. Zwischen Ende 1918 Ende 1919, verzeichnete die USA zehn große Ausschreitungen. Dazu kamen dutzende kleinere Zusammenstöße und über 100 Lynchmorde. Die folgende Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:
Charleston, South Carolina Vom 10. bis 11. Mai 1919 kam es in Charleston, South Carolina, zu einem schweren Aufstand. Die Gewalt begann nach einer Auseinandersetzung zwischen Matrosen und afroamerikanischen Männern und weitete sich schnell zu einem rassistisch motivierten Mob aus, der durch die Innenstadt zog. Fünf Afroamerikaner wurden getötet, Dutzende verletzt, und zahlreiche Geschäfte wurden geplündert oder zerstört. Die Stadt verhängte das Kriegsrecht. Militär und lokale Behörden stellten die Ordnung wieder her.
Longview, Texas Zwischen dem 10. und 12. Juli 1919 kam es in Longview, Texas, zu einem gewalttätigen Rassenkonflikt, nachdem ein Zeitungsartikel eines afroamerikanischen Lehrers über die Lynchung eines Freundes Spannungen mit der weißen Bevölkerung ausgelöst hatte. Weiße Bürger griffen in der Folge die afroamerikanische Gemeinde an, brannten mehrere Häuser und Geschäfte nieder und verletzten zahlreiche Menschen. Die texanische Nationalgarde wurde eingesetzt, um die Ordnung wiederherzustellen, und der Gouverneur verhängte das Kriegsrecht über die Stadt.
Bisbee, Arizona