mini|Illustration von Hans Bendel zu Pestalozzis Roman „Lienhard und Gertrud“.Erstes Kapitel: Ein herzguter Mann, der aber doch Weib und Kind höchst unglücklich macht. Lienhard und Gertrud (im Untertitel Ein Buch für das Volk) ist ein Roman von Johann Heinrich Pestalozzi, der von 1781 bis 1787 in vier Bänden erstmals erschienen ist und später mehrfach umgearbeitet wurde. Am Modell des Dorfes Bonnal führt Pestalozzi eine verwahrloste Gesellschaft vor und zeigt auf, wie sie dank dem Einsatz eines humanen Regenten und einzelner verständiger Bewohner zu einer moralischen und wirtschaftlichen Gesundung geführt werden kann. Das Buch war ein durchschlagender Erfolg, mit ihm hat sich Pestalozzi „in die Literaturgeschichte eingeschrieben“.Petra Korte: Pädagogisches Schreiben um 1800. Der Status von Schriftlichkeit, Rhetorik und Poetik bei Johann Heinrich Pestalozzi. Bern 2003, S. 240, mit Verweis auf Gertrude Cepl-Kaufmann und Manfred Windfuhr: Aufklärerische Sozialpädagogik und Sozialpolitik. Zu Pestalozzis Erziehungsroman ‚Lienhard und Gertrud‘. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Georg Jäger, Alberto Martino, Friedrich Sengle (Hrsg.). 2. Band 1977, S. 56–95 Seine „literarische Originalität und literarhistorische Leistung“Petra Korte: Pädagogisches Schreiben um 1800. Der Status von Schriftlichkeit, Rhetorik und Poetik bei Johann Heinrich Pestalozzi. Bern 2003, S. 255 f. besteht darin, die Sprache der Empfindsamkeit im Zusammenhang mit der einfachen Dorfbevölkerung eingesetzt zu haben. Als Alternative zum individuellen Entwicklungsroman schaffte Pestalozzi mit Lienhard und Gertrud „das Paradigma des deutschen Volksromans mit kollektiven Konflikten und utopischen Lösungen.“Manfred Windfuhr im Nachwort zu: Johann Heinrich Pestalozzi: Werke Band 1, Lienhard und Gertrud, nach dem Text der Erstdrucke herausgegeben und kommentiert von Gertrude Cepl-Kaufmann und Manfred Windfuhr. Ex Libris, Zürich 1986, S. 835.
Die späteren, zum Teil stark veränderten Fassungen konnten nicht an den Erfolg der Erstausgabe anknüpfen.
Inhalt (erste Fassung)
Ausgangslage Der Roman spielt in dem fiktiven Dorf Bonnal, in den frühen 80er Jahren des 18. Jahrhunderts, also kurz vor der Französischen Revolution, im Ancien Régime. Das Dorf leidet unter der Korruption des einflussreichen Hummel, der als UntervogtDer Untervogt wird vom Vogt, im vorliegenden Roman direkt vom Landesherrn, eingesetzt. Er hat polizeilich-administrative Aufgaben. „Als Vertrauensmann der Obrigkeit und als wichtigstes lokales Ausführungsorgan hatte er für den Vollzug der obrigkeitl. Mandate zu sorgen.“ (Holenstein, André: "Untervogt". In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 14. Januar 2014. hls-dhs-dss.ch abgerufen am 18. Februar 2021.) (oft bloss als „Vogt“ bezeichnet) amtet und gleichzeitig das einzige Wirtshaus am Ort führt. Ausser einigen wohlhabenden Bauern leben im Dorf auch viele Arme, die keine Chance haben, sich den Machenschaften des intriganten Wirts zu entziehen. Im Schloss, zu dessen Herrschaftsbereich das Dorf gehört, residiert aber seit kurzem ein neuer Landesherr, der junge Junker Carl Arner von Arnheim, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Dorf zu verbessern. Im Dorfpfarrer, der ein aufgeklärter Theologe ist, findet er einen Verbündeten, mit dem er eng zusammenwirkt.
1. Teil (1781) Lienhard ist Maurer in Bonnal und schuldet dem Wirt eine grössere Summe, die er nicht so schnell zurückzahlen kann. Dadurch fühlt er sich verpflichtet, immer wieder im Wirtshaus einzukehren, womit ein grosser Teil seines Einkommens verlorengeht. Seine Frau Gertrud weiss deshalb oft nicht, wie sie die sieben Kinder durchbringen kann. In ihrer Verzweiflung besucht sie Arner auf dem Schloss und schildert ihm ihre Lage. Der hilft vorerst mit ein wenig Geld aus und verspricht Abhilfe. Lienhard soll den Auftrag erhalten, die Kirche zu renovieren und so mindestens für eine gewisse Zeit ein gesichertes Einkommen erhalten. Auch andere Leute aus dem Dorf, die auf zusätzliche Einnahmen dringend angewiesen sind, sollen bei diesem Unterfangen Arbeit erhalten.
Unter diesen ist der Hübelrudi,Pestalozzi verwendet hier einen der in den ländlichen Gegenden der Schweiz gebräuchlichen Übernamen, oft zusammengesetzt aus einem Flurnamen (oder Beruf etc.) und dem Vornamen. Diese Übernamen haben nichts Abwertendes, sondern dienen nur dazu, Personen eindeutig zu bezeichnen, da oft mehrere Familien im Dorf den gleichen Familiennamen führen und in jeder Familie ein Kind mit einem der gebräuchlichen Vornamen wie Hans oder Jakob, Maria oder Barbara vorkommt. Der „Hübelrudi“ ist also der Rudolf, der auf dem Hügel (schweizerdeutsch: „Hübel“) wohnt. Vgl. dazu Pestalozzi: Sämtliche Werke. 2. Band. Berlin / Leipzig 1927, S. 471, die Anmerkung zu S. 61, Zeile 19 (aus dieser Ausgabe wird im Folgenden nur noch mit römischen Band- und arabischen Seitenzahlen zitiert. Die erste Fassung von Lienhard und Gertrud umfasst die Bände II und III.) der seine wertvolle Wiese vor längerer Zeit an den Vogt verloren hat, weil ein Zeuge einen Meineid geschworen hat. Der Hübelrudi lebt seither in elenden Verhältnissen, seine Frau ist schon früher gestorben, seine Kinder leiden Hunger. Als auch noch die Grossmutter stirbt, kümmert sich Gertrud um die Kinder.
Da die Liste der am Kirchbau Beteiligten nicht den Wünschen des Vogts entspricht, beginnt er sowohl gegen Arner als auch gegen Lienhard zu intrigieren, was aber nur halb gelingt. Als ihn Arner vor die Wahl stellt, entweder das Vogtamt oder die Wirtschaft aufzugeben, ist er so aufgebracht, dass er nachts im Wald einen Markstein verschieben will, um Arner zu schaden. Bei dieser Aktion wird er von einer Licht- und Lärmerscheinung überrascht, glaubt sich vom Teufel verfolgt und flieht entsetzt ins Dorf zurück. Dort kümmert sich der Pfarrer um den Zerrütteten, der so zermürbt ist, dass er seine Intrigen gesteht.
Arner verurteilt den Vogt symbolisch zum Tod, real zur Wiederherstellung des Originalzustandes im Wald und zu 14 Tage Kerker, während denen er dem Pfarrer Rechenschaft ablegen muss darüber, wie es dazu kommen konnte, dass er auf die schiefe Bahn geriet. Der Hübelrudi erhält seine Wiese zurück und dazu, als Geschenk von Arner und zur Wiedergutmachung, eine Kuh.
Die vermeintliche Teufelserscheinung des Vogts hat dem Aberglauben im Dorf wieder Auftrieb gegeben. Arner kämpft dagegen an und geht auf eine Wette ein: Die reichen Bauern hatten nicht glauben können, dass es bei des Vogts Abenteuer mit rechten Dingen zugegangen war und ihr Nutzungsrecht an der Gemeindeweide dagegen gewettet. Arner lässt seinen Angestellten, der nachts durch den Wald wanderte und dem Vogt einen Streich spielte, das Geheimnis lüften. Die Bauern müssen zugeben, dass sie verloren haben.
2. Teil (1783) Der Vogt muss den gelockerten Markstein wieder in Ordnung bringen. Sein Weg in den Wald wird von der Dorfbevölkerung mit Häme verfolgt. Der Pfarrer und Arner treffen Vorsorge, dass nicht auch die symbolische Hängung am folgenden Tag zu einem Spektakel ausartet; vielmehr soll sie für die Dorfbevölkerung eine reinigende Kraft entfalten, was sich durchsetzen lässt, allerdings nur mit grossem Aufwand. Der Vogt tritt nun die 14-tägige Haftstrafe an, wobei er intensiv vom Pfarrer betreut wird. Die ausführlichen Gespräche wecken den Argwohn von vielen Dorfbewohnern, der Vogt würde auch ihre Untaten ausbringen. Es wird deshalb der Versuch unternommen, den Vogt zu bestechen. Der geht aber nicht darauf ein. Da seine Frau im Sterben liegt, darf er für eine Nacht zu ihr nach Hause. Auch sie bereut ihre Verbrechen. Vor ihrem Tod kommen viele der Armen, die unter ihr gelitten haben, zu ihr und bezeugen ihre Vergebung.
Der Hübelrudi ist nun materiell gesichert, aber im Haushalt herrscht immer noch Unordnung. Gertrud hilft ihm tatkräftig, für Ordnung zu sorgen, und kümmert sich weiter um seine Kinder.
Arner will die von den reichen Bauern verwettete Gemeindeweide an die Armen verteilen. Die Bauern wehren sich aber dagegen mit dem Argument, sie hätten noch viel Vieh im Stall und dafür zu wenig Heu. Arner veranstaltet eine Versammlung der Gemeinde, die wie ein Gerichtstag wirkt. Er lässt die Verhältnisse genau untersuchen, überführt die Bauern der Lüge und deckt auch Diebstähle auf, die während Jahren begangen wurde. Die moralische Verwahrlosung, unter der das ganze Dorf litt, wird aufgedeckt, die Schuldigen werden bestraft. In einer langen Predigt erzählt der Pfarrer das Leben des alten Vogts, nicht, um ihn blosszustellen, sondern um aufzuzeigen, wie es zu seiner Verwahrlosung kommen konnte; das schlechte Vorbild der Eltern und die Pflichtvergessenheit des früheren Landesherrn spielen dabei eine grosse Rolle. Die Lehre dieser Predigt ist dabei, dass keiner vor einem solchen Schicksal gefeit ist, weil jeder Anlagen zu Hochmut, Geiz und Lieblosigkeit in sich hat.
3. Teil (1785) Arner lässt sich beraten, wie die wirtschaftlichen Verhältnisse der armen Dorfbewohner nachhaltig verbessert werden könnten. Der Baumwollhändler und seine Schwester empfehlen steuerliche Anreize zum Sparen bei den Kindern, die in Heimarbeit Baumwolle spinnen, sowie eine Verbesserung des Schulunterrichts, da der Lehrer nichts taugt.
Zunächst aber wird die Gemeindeweide an die besitzlosen Bewohner verteilt; jeder von ihnen erhält auch einen Obstbaum, den er auf dem Land setzen kann. Dazu erhält jedes arme Kind eine Ziege, wenn es verspricht, sie gut zu pflegen und beim Hüten sich an bestimmt Regeln zu halten. Ausserdem müssen alle, die beim Wirt Schulden haben, öffentlich mit ihm abrechnen. Das ist für viele peinlich, denn nun kommt ans Licht, wer heimlich Wein konsumiert hat oder Haushaltsgegenstände versetzt hat, ohne es den eigenen Familienangehörigen zu sagen.
Die Ankündigung Arners, dass Kinder, die sich bis zum 20. Altersjahr mit Spinnen einen bestimmten Minimalbetrag zusammensparen können, für einen Acker lebenslang von den Steuern befreit sein sollen, wird von vielen begeistert aufgenommen. Die Reichen hingegen sind neidisch und versuchen das Vorhaben zu hintertreiben, was ihnen aber nicht gelingt.
Arner bestimmt Glüphi, einen ehemaligen Leutnant, zum neuen Lehrer. Dieser besucht Gertrud, die in ihrer Stube nicht nur ihre eigenen Kinder, sondern auch die des Hübelrudi unterrichtet, wobei die Kinder gleichzeitig auch an ihrem jeweiligen Spinnrad arbeiten. Auf Wunsch Arners hilft Gertrud Glüphi, den Unterricht in der Dorfschule nach den gleichen Prinzipien aufzubauen: Es geht immer um eine Kombination von theoretischem Wissen und praktischem Können. Und sogar der Pfarrer lässt sich davon inspirieren: Auch im Religionsunterricht soll es nicht um blosses Auswendiglernen dogmatischer Lehrsätze gehen, sondern um die moralische Vorbereitung für die Herausforderungen des täglichen Lebens.
Auch der neuartige Schulunterricht wird im Dorf zunächst beargwöhnt. Doch die Kinder lieben ihren Lehrer und auch die Kritiker müssen mit der Zeit sein Engagement respektieren. Dieses geht so weit, dass er sich auch um Lehrstellen für seine Schüler kümmert.
4. Teil (1787)