mini|Iskandars Armee kämpft gegen die Yādschūdsch, Herat 1495 und Indien 18. Jh. Das Āʾīna-yi Sikandarī (), auch Āʾīna-yi Iskandarī genannt, ist das vierte der fünf langen poetischen Werke, das Amīr Chusrau Dihlavī für seine Chamsa verfasst hat. Er hat dieses Masnawī nach dem Vorbild von Nizāmīs Iskandarnāma gestaltet und im Jahre 1299 in Delhi vollendet. Es ist, ebenso wie Nizāmīs Version, im Grunde ein Fürstenspiegel: Mit der Lebensbeschreibung des Eroberers Alexander verknüpft Amīr Chusrau insgesamt 35 lehrreiche Diskurse. Diese umfassen ethische und philosophische Überlegungen, die durch unterhaltsame Anekdoten anschaulich gemacht werden. Ganz im Einklang mit der literarischen Tradition der AlexandergeschichteCasari in Ashtiany: Persian Narrative Poetry, S. 379. wird Iskandar als idealer Herrscher präsentiert, in dem sich Macht und Wissen vereinen, und der dennoch ein bescheidener Mensch bleibt. Er zeigt nicht nur Mut in der Schlacht, sondern ist auch ein erleuchteter Fürst, der die Wissenschaften fördert und selbst als Entdecker, Forscher und Kulturbringer auftritt.Casari in Ashtiany: Persian Narrative Poetry, S. 492. Amīr Chusrau hat mit seiner neuen Fassung von Nizāmīs Iskandarnāma, wie überhaupt der gesamten Chamsa, eine neue literarische Tradition begründet, die zahlreiche Nachahmer gefunden hat. Es sind mehr als fünfzig Dichter bekannt, die sich an dem Stoff versucht haben. Zu den bekanntesten gehören Dschāmī und Mīr ʿAlī Schīr Nawāʿī.
Titel und Umfang des Werkes Amīr Chusrau hat sein Alexanderbuch, das in der Edition von Mirsayyidov den Titel Āʾīna-yi Iskandarī trägt, in seinem EpilogĀʾīna-yi Iskandarī, Moskau 1977, S. 307, Vers 4365. selbst als Āʾīnahā-yi Sikandar (Die Spiegel Alexanders) bezeichnet.In der Ausgabe von Mirsayyidov steht eigentlich nur Sikand; Mirza, der seinerzeit für den Text auf eine Handschrift aus dem India Office, Ms. 1186, zurückgreifen musste, bestätigt aber an dieser Stelle die Lesung Sikandar. Mirza: Life and Works of Amir Khusrau, S. 200. Innerhalb des Textes erscheint der Name des Protagonisten sowohl als „Sikandar“ als auch als „Iskandar“. In einer Zwischenüberschrift wird auch der Titel Āʾīnahā-yi Iskandarī erwähnt.Āʾīna-yi Iskandarī, Moskau 1977, S. 44. Amīr Chusrau beschreibt, dass chinesische Handwerksmeister den Spiegel an Iskandars Hof gebracht haben, und dieser den Spiegel dann für zwei bedeutsame Erfindungen verwendet hat: Zum einen hat er ihn in einer Weise auf der Spitze eines Turmes positioniert, dass man damit das Meer überblicken konnte, zum anderen hat er sich den Spiegel beim Bau eines gläsernen Tauchbootes zunutze gemacht, das der Dichter ebenfalls als Āʾīna-yi ṣāf-i Iskandarī (pers. „klarer Spiegel Iskandars“)Vers 3785; Hinweis durch Piemontese: Sources of Art, S. 42–43. bezeichnet. Der vom Dichter selbst gewählte Titel spielt also höchstwahrscheinlich auf diese beiden „Spiegel“ an. Die Spiegel Alexanders wurden im Jahre 1299 vollendet. Die Edition von Mirsayyidov umfasst 4416 Doppelverse, obwohl der Autor selbst angibt, dass er 4450 Verse verfasst hat.Piemontese: Sources and Art. S. 33. Damit ist es erheblich kürzer als sein Vorbild von Nizāmī, das weit über 10.000 Distichen besitzt.Casari in Ashtiany: Persian Narrative Poetry, S. 461 und S. 491.
Das Vorwort Das Vorwort beginnt mit dem üblichen Lobpreis Gottes und des Propheten. Der Dichter findet ehrende Worte für seinen spirituellen Meister Nizām ad-Dīn Auliyāʾ und noch mehr für ʿAlāʾ ad-Dīn Chaldschī, der den Titel „Zweiter Alexander“ angenommen hatte; ihm ist das Werk gewidmet – wie jedes Buch der Chamsa.Casari in Ashtiany: Persian Narrative Poetry, S. 491–492. Danach äußert sich Amīr Chusrau zu den Vorzügen der Dichtung und der Meisterschaft Nizāmīs, den er allerdings dafür tadelt, Iskandar in den Rang eines Propheten erhoben zu haben,Āʾīna-yi Iskandarī, Moskau 1977, Verse 387, 391–395, 406–411, 1631–1635; Hinweise durch Piemontese: Sources of Art, S. 33. während er doch in Wirklichkeit allein mit der Hilfe Gottes sowie durch „Engel und Wissenschaftler“ wie Platon und Aristoteles zum König und Welteroberer geworden sei.Āʾīna-yi Iskandarī, Moskau 1977, Verse 414–422; Hinweise durch Piemontese: Sources of Art, S. 33. Es folgen zwei Geschichten, Ratschläge an seinen vierjährigen Sohn Rukn ad-Dīn al-Ḥāddschī und eine Klage über den Tod seiner Mutter. Bevor der Hauptteil beginnt, gibt Amīr Chusrau einen sehr kurzen Überblick über die wichtigsten Taten Iskandars, die aus den Erzählungen Firdausīs und Nizāmīs bekannt sind.Casari in Ashtiany: Persian Narrative Poetry, S. 492–493.
Das sāqī-nāma Schon in der Einleitung übernimmt Amīr Chusrau ein vor allem von Nizāmī eingeführtesCasari in Ashtiany: Persian Narrative Poetry, S. 464. Stilmittel: das sāqī-nāma.Āʾīna-yi Iskandarī, Moskau 1977, S. 19. Es handelt sich dabei um Verse, die gewöhnlich mit den Worten „Komm, Schenke“ (biyā sāqī), beginnen. Darin bittet er den Schenken um Wein und Inspiration und denkt über die Kürze des menschlichen Lebens, die Unbeständigkeit des Schicksals, das Lösen von weltlichen Bindungen und ähnliche Themen nach. Diese Verse haben die Funktion, die Übergänge zu neuen Episoden zu kennzeichnen.Paul Losensky: Sāqī-nāma. In: Encyclopædia Iranica. Online edition (erstmals veröffentlicht am 15. Juni 2009). Während Nizāmī im ersten Band seines Alexanderbuches den Schenken anruft, ist es im zweiten Teil ausschließlich der Sänger oder Musikant (pers. muṭrib). Im Āʾīna-yi Sikandarī sind dagegen immer zwei Doppelverse an den Schenken und zwei an den Sänger gerichtet.Āʾīna-yi Iskandarī, Moskau 1977, z. B. S. 19–20; 31; 39; 56.
Der Hauptteil mini|Iskandar hält den Chāqān von Chīn mit ausgestreckten Armen in die Höhe, Herat 1495 und 18. Jahrhundert Die sāqī-nāmas stehen immer am Ende eines Abschnitts aus dem Leben Alexanders, danach folgt eine moralische Lehre und zum Abschluss eine illustrative Anekdote. Die Geschichte des Eroberers soll also nicht nur als Chronik dienen, sondern dem Leser mithilfe von Belehrungen und unterhaltsamen Einschüben eine tiefere Weisheit vermitteln. Auf diese Weise wird das Leben Iskandars zum Leitfaden eines Fürstenspiegels, der in 35 lehrhafte Diskurse (goftār, pers. Rede) gegliedert ist.Casari in Ashtiany: Persian Narrative Poetry, S. 492. Nizāmīs Iskandarnāma war ebenfalls als Fürstenspiegel gedacht, vgl. Casari in Ashtiany: Persian Narrative Poetry, S. 464. Amīr Chusrau erwähnt, dass Sikandar in RūmMit Rūm war die gebräuchliche Bezeichnung für das Byzantinische Reich, wurde aber auch verwendet für Rom und das Römische Reich sowie für das Alte Griechenland im Sinne von Alexanders Herkunftsland. Vgl. Franz Babinger: Rūm. In: Martijn Theodoor Houtsma (Hrsg.): Encyclopaedie des Islam, 1. Auflage. Band 3, S. 1268. Brill, Leiden 1913. Rūm. geboren und in Syrien gestorben ist.Zeile 3975; Angabe aus Piemontese: Sources and Art, S. 31. Bei der Lebensbeschreibung konzentriert sich der Dichter auf Episoden, die von seinen Vorgängern entweder übersehen oder kaum erwähnt wurden.Casari in Ashtiany: Persian Narrative Poetry, S. 492.
Der Kampf gegen den Kaiser von China Amīr Chusrau beginnt mit einer Darstellung des Krieges gegen den Kaiser (Chāqān) von China (Chīn). Anstelle friedlicher Verhandlungen, wie seine Vorgänger beschrieben, erzählt der indische Dichter von einem langen Krieg voller Schlachten und Einzelduelle. Einen besonders starken chinesischen Helden namens Kanīfū, der viele Männer getötet hat, nimmt Iskandar selbst mit einem Lasso gefangen. Kanīfū entpuppt sich als schönes Mädchen, das der Feldherr später zur Frau nimmt. Der Krieg gegen das Reich Chīn wird am Ende durch einen Zweikampf zwischen den beiden Herrschern entschieden: Nachdem sie mit Schwertern gegeneinander gekämpft haben, hebt Iskandar den Chāqān aus dem Sattel und hält ihn mit ausgestreckten Armen in die Höhe. Daraufhin bleibt dem chinesischen Kaiser nichts anderes übrig, als seine Niederlage einzugestehen. Iskandar behandelt ihn großmütig und überlässt ihm sein Königreich als Vasallenstaat.Casari in Ashtiany: Persian Narrative Poetry. 2023, S. 492–493. Brend: Perspectives on Persian Painting, S. 19. Der chinesische Kaiser erhält seinen Schatz zurück, den die Sieger erbeutet hatten; eine lange Inventarliste gibt genauestens Auskunft über die erstatteten Beutestücke.Verse 1505–1509; Angabe nach Piemontese: Sources and Art, S. 34.
In diesem Teil schildert der Dichter mit bewegenden Worten, wie die Krieger beider Heere die in den Nachtlagern auf den Tod warten.Verse 819–831. In den Versen 916–946 und 1174–1191 findet Amīr Chusrau eindringliche Worte für die sinnlose Gewalt der Schlacht und die tödlichen Wirkungen verschiedener Waffen. Angaben nach Piemontese: Sources and Art, S. 34.
بر آورد شب چتر عباسیان نگون کرد رایات شماسیان
طلایه برون آمد از هر دوسوی بجاسوسی یکدگر گرم پوی
فرو ماند غوغای لشکرزجوش بگردون شد از پا سبانان خروش
سکندرجهاندار لشکر شکن همه شب چومه بود در انجمن
همی کرد ز احسان اسکندری بمقدار هرکس نوازش گری (...) فرو رفته هر کس زسودای جیش دراندیشه کار فردای خویش
زباد سنان سینه می شد خراش همی زد مژه خواب را دور باش
یکی رخت می بست بهر گریز یکی تیغ و پیکان همی کرد تیز
یکی دامن از عالم افشانده بود یکی در غم جان خود مانده بود (...) بسی مرد و نامرد یابی بجنگ که همسایهٴ موش باشد پلنگ Die Nacht richtete den schwarzen Schirm der Abbasiden auf und stürzte die Banner der Sonnenanbeter hinab.
Aus beiden Lagern traten die Späher hervor Um einander eifrig auszuspionieren.
Der Lärm des Lagers verstummte, (nur) die Rufe der Wachtposten hallten herauf zum (Nacht-)Himmel.
Sikandar, Weltherrscher, Zerstörer von Armeen, verbrachte die Nacht wie der Mond im Kreis (seiner Soldaten).
Er übte die alexandrinische Großmut und erwies jedem nach seinem Rang Freundlichkeit. (...) Versunken in Sorgen war ein jeder in Gedanken an sein morgiges Tun.
(Der Albtraum) vom Zischen der Speere zerschnitt die Brust (vor Angst), die Lider schlugen, um den Schlaf zu vertreiben.
Der eine packte sein Gepäck zusammen für die Flucht, der andere schärfte Schwert und Speerspitze.
Der eine hatte sich (bereits) von der Welt verabschiedet, der andere blieb in der Sorge um sein Leben (gefangen). (...) Du findest viele Tapfere und viele Feiglinge im Krieg, dort wird der Panther zum Nachbarn der Maus. Bar āward šab čatr-i ʿabbāsiyān nigūn kard rāyāt-i šammāsiyān.
Ṭalāya birūn āmad az har dū sūy ba ǧāsūsī-yi yakdīgar garm-i pūy.
Furo mānad ġauġā-yi laškar zi ǧūš ba gardūn šud az pāsbānān-i ḫuroš.
Sikandar-i ǧahāndār-i laškar-šikan hama šab čū mah būd dar anǧuman.
Hamikard zi ihsān-i Iskandarī ba miqdār-i har kas nawāzaš-garī. (...) Furo rafta harkas zi sūda-yi ǧayš dar andīša-yi kār-i fardā-yi ḫviš.
Zi bād-i sinān sīna mī-šud ḫarāš hamī zad maža ḫvāb-rā dūr-bāš.
Yakī raḫt mībāst baḥr-i gurīz yakī tīġ va paykān hamī kard tīz.
Yakī dāman az ʿālam afšānda būd yakī dar ġam-i ǧān-i ḫvud mānda būd. (...) Basī mard va nāmard yābī ba ǧang ki hamsāya-yi mūš bāšad palang.Āʾīna-yi Iskandarī, Moskau 1977, S. 55–56, Verse 819–823, 825–828, 831.
Die Suche nach dem Lebenswasser Nach seinem Sieg im Osten wendet sich Alexander nach Norden in Richtung Kaspisches Meer. Unterwegs muss er sich mit seiner Armee weiteren Kämpfen stellen, bevor er sich auf der Suche nach dem Wasser des Lebens in das Land der Dunkelheit begibt. Wie schon bei Nizāmī bleibt ihm das Lebenswasser jedoch verwehrt. Der Weg heraus aus dem Land der Finsternis ist von großer Not und bedrohlichem Hunger begleitet. Die Rettung erscheint eines Nachts in Gestalt eines Engels, der Iskandar eine unerschöpfliche Weintraube gibt. Sieben Tage lang wird die Armee mit den wunderbaren Früchten dieser Traube gestärkt. Dann geleiten al-Chidr und Ilyās die Kranken in die Heimat, während sich der Rest der Armee der nächsten Herausforderungen stellt. Casari in Ashtiany: Persian Narrative Poetry. 2023, S. 493. Brend: Perspectives on Persian Painting, S. 19.
Die Mauer gegen die Yādschūdsch