mini|Emblem der Muslimbrüder Die Muslimbrüder in Katar () sind der katarische Zweig der Muslimbruderschaft. Sie erlangten ihren Einfluss vor allem durch ihre starke Präsenz in den Bildungsinstitutionen des Landes.Freer: Rentier Islamism: The Influence of the Muslim Brotherhood in the Gulf Monarchies. 2018, S. 45. Aus der Bewegung entstand 1975 eine offizielle Organisation.Freer: Rentier Islamism: The Influence of the Muslim Brotherhood in the Gulf Monarchies. 2018, S. 61. Die Muslimbruderschaft in Katar konnte jedoch nie eine robuste institutionelle Struktur etablieren. Dies hat auch mit dem personalistischen politischen System Katars zu tun, das von der zentralen Machtstellung der herrschenden Āl-Thānī-Familie geprägt wird, die das Land seit dem späten 19. Jahrhundert beherrscht.Freer: Rentier Islamism: The Influence of the Muslim Brotherhood in the Gulf Monarchies. 2018, S. 42.

Die Geschichte der Muslimbruderschaft in Katar lässt sich in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase ist von ägyptischen Anhängern der Bruderschaft geprägt, die Mitte der 1950er Jahre nach Katar kamen, um der Verfolgung durch das Regime des Staatspräsidenten Nasser in Ägypten zu entkommen. Dieser hatte 1954 nach einem Attentatsversuch auf ihn durch ein Mitglied der Muslimbruderschaft die Verfolgung, Inhaftierung und Ausweisung von Muslimbrüdern angeordnet.Victor J. Willi: The Fourth Ordeal. A History of the Muslim Brotherhood in Egypt, 1968–2018. Cambridge University Press, Cambridge 2021. S. 56. Die zweite Phase umfasst die Rückkehr der katarischen Studenten, die während ihres Studiums im Ausland mit der Muslimbruderschaft in Kontakt gekommen waren. Nachdem sie dort ihren akademischen Grad in den 1970er Jahren erhalten hatten, kehrten sie mit dem Ziel nach Katar zurück, einen eigenen, offiziellen Zweig der Muslimbruderschaft im Land zu gründen. Die dritte Phase ist gekennzeichnet durch die Ankunft syrischer Muslimbrüder, die vor der Verfolgung Hafiz al-Assads Anfang der 1980er Jahre aus Syrien nach Katar flohen. Zeitgleich fand 1980 bis 1991ʿِAbdallāh an-Nafīsī: “al-Ḥāla al-islāmīya fī Qaṭar”. In: islamtoday.net, 12. März 2007. eine Art interne Reflexion der katarischen Bruderschaft statt, insbesondere angestoßen durch die jüngere Generation. Da man zu der Auffassung gelangte, dass die Bildung einer Institution mehr Risiken als Vorteile mit sich brachte und sie letztlich überflüssig erschien, mündete dieser Prozess in der formellen Auflösung der Muslimbruderschaft im Jahre 1999.Freer: Rentier Islamism: The Influence of the Muslim Brotherhood in the Gulf Monarchies. 2018, S. 55.ʿĀšūr: “Taǧribat al-Iḫwān al-Muslimīn fī Qaṭar”. 2010, S. 188 und 191f.

Entstehung der Muslimbruderschaft in Katar ab Mitte der 1950er Jahre Die Anstellung von Muslimbrüdern aus Ägypten und Palästina im katarischen Bildungssektor Die ersten Anhänger der Muslimbruderschaft in Katar kamen Anfang der 1950er Jahre nach Katar. Zu diesem Zeitpunkt begann die katarische Regierung unter der Oberherrschaft Großbritanniens, die Ölvorkommen des Landes zu erschließen und das Öl zu exportieren. Mit dem erwirtschafteten Kapital konnten in Katar Infrastruktur und erste Bildungsinstitutionen gebaut werden.Scott J. Weiner: Kinship, State Formation and Governance in the Arab Gulf States. Edinburgh University Press, Edinburgh 2022. S. 92 und 96. Die Muslimbrüder, die unter diesen Umständen nach Katar kamen, waren zum einen häufig Intellektuelle aus Ägypten, die von den Herrschenden in Katar rekrutiert wurden, um in den neu gegründeten Schulen des Landes zu unterrichten.Başkan: The Politics of Islam: The Muslim Brothers and the State in the Arab Gulf. 2022, S. 97f. Zum anderen waren es die Muslimbrüder, die ab dem Jahr 1954 aus Ägypten flohen, um der Verfolgung durch Präsident Gamal Abdel Nasser Mitte der 1950er Jahre zu entgehen.ʿĀšūr: “Taǧribat al-Iḫwān al-Muslimīn fī Qaṭar”. 2010, S. 191f.

Für die Machthaber in Katar kamen die Muslimbrüder auch gesellschaftspolitisch gelegen. Denn auf inländische Fachkräfte im Bildungssektor konnte Katar nicht zurückgreifen, da die Bevölkerung in weiten Teilen nicht alphabetisiert war.Başkan: The Politics of Islam: The Muslim Brothers and the State in the Arab Gulf. 2022, S. 83f. Zudem kamen die ägyptischen Muslimbrüder für die Führungselite Katars zu einem günstigen Zeitpunkt, weil sie die Möglichkeit boten, Katar ideologisch von Saudi-Arabien abzugrenzen. Da Katar wie Saudi-Arabien der islamischen Richtung des Wahhabismus folgt, fürchtete man politisch den theologischen und ideologischen Einfluss des größeren Nachbarstaates. Die Muslimbrüder boten mit eigener ideologischer Ausrichtung eine Alternative zu den Inhalten und Auslegungen der saudischen Gelehrten, blieben jedoch in den Bildungsinstitutionen als Teil des Staatsapparats gleichzeitig unter der unmittelbaren Kontrolle der katarischen Regierung.Obaid: The Failure of the Muslim Brotherhood in the Arab World. 2020, S. 114.

Um den Aufbau des Bildungssektors zu organisieren, gründete der damalige Herrscher Katars ʿAlī bin ʿAbdullāh Āl Thānī 1954 einen Bildungsrat, der an der Spitze des ebenfalls neu gegründeten Bildungsministeriums stand. Die Aufgabe des Ministeriums in diesen frühen Jahren war es, die landesweite Ausbreitung der Bildungsinstitutionen voranzutreiben. Qasīm Darwīsch leitete diesen Bildungsrat, ʿAbdullāh bin Turkī as-Subaiʿī assistierte ihm dabei. Beide waren Studenten des wahhabitischen, religiösen Richters Muhammad bin ʿAbd al-ʿAzīz al-Māniʿ gewesen. Beeinflusst durch diesen trieben sie in den folgenden Jahren die Rekrutierung ägyptischer sowie palästinensischer Muslimbrüder nach Katar voran. Muhammad bin ʿAbd al-ʿAzīz al-Māniʿ hatte im Iraq, in Kairo und in Saudi-Arabien studiert und leitete von 1918 bis 1938 eine Schule, an der er ein islamisches Studium für Fortgeschrittene und ein Studium der arabischen Literatur anbot. Er war von 1945 bis 1953 Bildungsdirektor in Katar. Seine Schule war sehr angesehen und brachte mehrere bekannte Persönlichkeiten hervor, die einen hohen Grad an islamischer Bildung hatten. Darwīsch und as-Subaiʿī absolvierten beide diese Schule und kamen durch sie vermutlich erstmals näher mit islamistischer Literatur in Kontakt.Kobaisi: The Development of Education in Qatar, 1950–1977. With an Analysis of Some Educational Problems. 1979, S. 34–36.Freer: Rentier Islamism: The Influence of the Muslim Brotherhood in the Gulf Monarchies. 2018, S. 56.

Darwīsch ging 1953 mit dem Auftrag der katarischen Regierung, einen Direktor für das Bildungsministerium zu rekrutieren, nach Kairo. Er traf dort auf seinen Freund Muhibb ad-Dīn al-Chatīb, auf dessen Vorschlag er später den neuen Direktor auswählen sollte. Al-Chatīb war zwar kein Mitglied der Muslimbruderschaft, beruflich jedoch eng mit dieser und ihrer Vorgängerorganisation, der Dschamʿīyat asch-schubbān al-muslimīn, verbunden. Außerdem besaß er zum Zeitpunkt des Treffens den die Salafīya-Druckerei, die islamistische Literatur veröffentlichte, und unterhielt eine Buchhandlung mit salafistischer Ausrichtung.Kobaisi: The Development of Education in Qatar, 1950–1977. With an Analysis of Some Educational Problems. 1979, S. 122. Darüber hinaus war er Freund von Hasan al-Bannā und hatte 1933 die erste Zeitschrift der Muslimbruderschaft Ǧarīdat al-Iḫwān al-muslimīn veröffentlicht.Kiki Santing: Imagining the Perfect Society in Muslim Brotherhood Journals. An Analysis of al-Daʽwa and Liwa’ al-Islam. De Gruyter, Berlin/Boston 2020. S. 20. Auf Vorschlag von Muhibb ad-Dīn al-Chatīb stellte Qasīm Darwīsch im Jahr 1954 ʿAbd al-Badīʿ Saqr als Direktor für Bildung in Katar ein. ʿAbd al-Badīʿ Saqr blieb bis 1957 zusammen mit Darwīsch in dieser Position. Saqr war Mitglied der Muslimbruderschaft, Schüler Hasan al-Bannās und zu seiner Zeit in Ägypten als Sympathisant der Muslimbruderschaft im Gefängnis.Başkan: The Politics of Islam: The Muslim Brothers and the State in the Arab Gulf. 2022, S. 98.Obaid: The Failure of the Muslim Brotherhood in the Arab World. 2020, S. 114. Auf sein Geheiß hin erhielten in den nächsten drei Jahren überwiegend Anhänger der Muslimbruderschaft Stellen im Bildungsministerium. Dies festigte ihren Einfluss.Kobaisi: The Development of Education in Qatar, 1950–1977. With an Analysis of Some Educational Problems. 1979, S. 122f.

Die Bildungsinstitutionen Katars folgten im ersten Jahrzehnt nach der Gründung des Ministeriums im Jahre 1954 dem ägyptischen Modell. Lehrer, die zu dieser Zeit nach Katar kamen, waren Hasan al-Maʿāyirdschī, ʿAbd al-Halīm Abū Schuqqa, ʿIzz ad-Dīn Ibrāhīm, Muhammad asch-Schāfiʿī, ʿAbd al-Latīf Makkī, Kamāl Nādschī und ʿAlī Schahāta.Yūsuf al-Qaradāwī: “D. Ḥasan al-Maʿāyirǧī.. raǧul al-ʿilm wa-t-tarbiya wa-l-Qurʾān fī ḏimmat Allāh”. In: al-qaradawi.net, 10. Februar 2008. Auch sie waren mehrheitlich von der Ideologie der Muslimbruderschaft geprägt und somit klar gegen den damaligen ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser sowie den arabischen Nationalismus positioniert. Durch die ihnen gewährten Positionen in Staat und Bildungsinstitutionen Katars konnten sie bedeutenden Einfluss auf das katarische Schulwesen ausüben.Kobaisi: The Development of Education in Qatar, 1950–1977. With an Analysis of Some Educational Problems. 1979, S. 123. Ein Beispiel dafür ist ʿIzz ad-Dīn Ibrāhīm, der 1958 „Assistenzdirektor für Wissen“ wurde und für den Entwurf eines Lehrplans verantwortlich war.Roberts: Qatar and the Muslim Brotherhood: Pragmatism or Preference? 2014, S. 86.

Der Konflikt innerhalb der Āl Thānī Familie Ende der 1950er Jahre Mitte der 1950er Jahre kam es mit dem Aufschwung des arabischen Nationalismus zu einem innenpolitischen Konflikt in der Āl-Thānī-Familie. Als Konsequenz musste der damalige Herrscher Schaich ʿAlī bin ʿAbdullāh Āl Thānī der an Popularität gewinnenden Opposition um seinen Neffen Zugeständnisse machen. Deshalb wurde Saqr 1957 abgesetzt. Er wirkte danach als „kultureller Ratgeber“ für Schaich ʿAlī und wurde Direktor der öffentlichen Bibliothek in Doha, die er 1962 gründete.